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Die Rolle des Islam im Vielvölkerstaat Dagestan

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Zusammenfassung

Der Nordkaukasus, eine sowohl geographische als auch politische Region, gelegen zwischen Schwarzem Meer und Kaspischer See, am Nordhang des Kaukasus-Gebirges. Ähnlich der Landschaft mag man sie für karg, grau und trostlos halten. Ganz im Gegensatz zu dieser Annahme ist der Nordkaukasus jedoch das Pulverfass Russlands. Es ist die Region mit der höchsten Konfliktintensität innerhalb der Föderation.
Zum Föderationskreis Nordkaukasus zählen sieben autonome Gebiete. Neben Karatschai-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien-Alanien, Inguschetien und Tschetschenien, findet sich auch eines der vielfältigsten Länder in diesem Gebiet: Dagestan. Der Föderationskreis umfasst jedoch nicht den kompletten geographischen Nordkaukasus. Dies ist zwar russisches Gebiet, doch ist die Kontrolle im Gebirge immens schwierig und kaum durchführbar.
Seit jeher ist diese Region eine ganz besondere Herausforderung für die russische Föderation. Auch zu Zeiten der Sowjetunion, die sehr prägend auf den Nordkaukasus wirkte, kam es immer wieder zu Konflikten und krisenhaften Ereignissen. Das Land Dagestan nimmt dabei eine ganz besondere Rolle ein. Es ist nicht nur ein Russland in Miniatur – sehr heterogen und vielfältig -, sondern im Gegensatz zu Russland auch sehr vom Islam eingenommen. Dies führt oft zu Auseinandersetzungen mit Moskau, die neben dem Volksislam auch eine steigende Tendenz zu fundamentalistischen Strömungen vermuten. Tatsächlich existieren in Dagestan verschiedenste Richtungen des Islam, unter ihnen auch fundamentalistische Varianten.
Ziel der Hausarbeit soll es sein, diese differenten Strömungen vertiefend zu betrachten und ihre Unterschiede aufzuzeigen, um zu präsentieren, wie sich der Islam in seinen verschiedenen Ausrichtungen im Vielvölkerstaat Dagestan darstellt und welche Auswirkungen dies auf die terroristischen Handlungen der letzten Jahre hat. Ein Blick in die Zukunft soll die Abhandlung beenden und möglicherweise Lösungsvorschläge unterbreiten.

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Vielvölkerstaat Dagestan - ein Porträt

3. Der Islam in seiner Vielfalt
3.1 Islam in Dagestan
3.2 Die Rolle des Islam bei vergangenen nschlägen

4. Fazit - ein Blick in die Zukunft Dagestans

Literaturverzeichnis...

1. Einleitung

Der Nordkaukasus, eine sowohl geographische als auch politische Region, gelegen zwischen Schwarzem Meer und Kaspischer See, am Nordhang des Kaukasus-Gebirges. Ähnlich der Landschaft mag man sie für karg, grau und trostlos halten. Ganz im Gegensatz zu dieser Annahme ist der Nordkaukasus jedoch das Pulverfass Russlands. Es ist die Region mit der höchsten Konfliktintensität innerhalb der Föderation. Zum Föderationskreis Nordkaukasus zählen sieben autonome Gebiete. Neben Karatschai-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien-Alanien, Inguschetien und Tschetschenien, findet sich auch eines der vielfältigsten Länder in diesem Gebiet: Dagestan. Der Föderationskreis umfasst jedoch nicht den kompletten geographischen Nordkaukasus. Dies ist zwar russisches Gebiet, doch ist die Kontrolle im Gebirge immens schwierig und kaum durchführbar.

Seit jeher ist diese Region eine ganz besondere Herausforderung für die russische Föderation. Auch zu Zeiten der Sowjetunion, die sehr prägend auf den Nordkaukasus wirkte, kam es immer wieder zu Konflikten und krisenhaften Ereignissen. Das Land Dagestan nimmt dabei eine ganz besondere Rolle ein. Es ist nicht nur ein Russland in Miniatur - sehr heterogen und vielfältig -, sondern im Gegensatz zu Russland auch sehr vom Islam eingenommen. Dies führt oft zu Auseinandersetzungen mit Moskau, die neben dem Volksislam auch eine steigende Tendenz zu fundamentalistischen Strömungen vermuten. Tatsächlich existieren in Dagestan verschiedenste Richtungen des Islam, unter ihnen auch fundamentalistische Varianten.

Ziel der Hausarbeit soll es sein, diese differenten Strömungen vertiefend zu betrachten und ihre Unterschiede aufzuzeigen, um zu präsentieren, wie sich der Islam in seinen verschiedenen Ausrichtungen im Vielvölkerstaat Dagestan darstellt und welche Auswirkungen dies auf die terroristischen Handlungen der letzten Jahre hat. Ein Blick in die Zukunft soll die Abhandlung beenden und möglicherweise Lösungsvorschläge unterbreiten.

Insbesondere in Dagestan lohnt sich ein Blick auf dieses Thema. Das Land wurde schon frühzeitig islamisiert und beherbergt zahlreiche Ethnien und Kulturen. Das Leben in Dagestan und seine Menschen sind durch den Islam geprägt. Im folgenden Kapitel soll ein Überblick über das Land mit seinen Besonderheiten gegeben werden.

2. Der Vielvölkerstaat Dagestan - ein Porträt

Wie im vorherigen Kapitel bereits beschrieben, ist Dagestan seit dem Zerfall der Sowjetunion eine russische Republik im Föderationskreis Nordkaukasus. Das Land grenzt an Aserbaidschan im Süden, im Westen an Georgien, im Norden an Tschetschenien, Kalmückien und die Region Stawropol, während es im Osten eine lange Küste am Kaspischen Meer besitzt. Seinen Namen ‚Land der Berge‘1 trägt es aus gutem Grund. Im Norden eher flach, gelangt man über das Kaukasusvorland in den gebirgigen Südteil der Republik.

Dagestan ist vor allem aufgrund seiner heterogenen Bevölkerung ein sehr interessantes Land. Insgesamt leben in dieser bergigen Region 2,9 Millionen Menschen auf einer Fläche, die in etwa der Größe der Schweiz entspricht. Diese teilen sich in über 30 Ethnien mit jeweils eigener Sprache und Kultur. Zu den größten Volksgruppen gehören Awaren, Darginer, Kumücken, Nogaer, Laken, Tabassaraner, Lesgier, Russen und andere2. Im dagestanischen Gebiet machten die Russen zu Sowjetzeiten jedoch nur einen Anteil von 2,3 Prozent der Bevölkerung aus3. Mittlerweile ist ihre Zahl im Jahr 2010 auf 3,6 Prozent gestiegen. Präsident der russischen Republik ist Magomedsalam Magomedow. Die Hauptstadt Machatschkala ist an der Küste des Kaspischen Meeres im Osten des Landes gelegen. Weitere wichtige Großstädte sind Derbent, Chassawjurt und Kaspijsk. Dagestan lebt von den Einnahmen aus Erdöl und Erdgas, die nach Transkaukasien und in die südliche Region Russlands geliefert werden. Zudem werden Quecksilber und Eisenerz gefördert. Durch das kaukasische Gebirge ist Landwirtschaft kaum umsetzbar, stattdessen betreiben die Dagestaner Schafzucht4. In den wenigen großen Städten lebt die Kultur des Landes. Dagestan besitzt sechs Nationaltheater, sowie über 12 nationale Zeitungen und Fernsehprogramme. In Machatschkala findet sich gar die größte Moschee Nordkaukasiens5.

Trotz der vielen unterschiedlichen Ethnien, die in Dagestan beheimatet sind, kann man von einer nordkaukasischen Identität sprechen, die sich auch in dieser Region finden lässt. Zu ihr gehören neben guter Nachbarschaft und Gastfreundlichkeit auch die große Wertschätzung von Familie und verwandtschaftlichen Beziehungen. Genauso typisch ist jedoch die strikte Aufteilung der Menschen in Einheimische und Fremde, sowie die Durchführung der Blutrache und das grundsätzliche Misstrauen gegenüber Moskau6. Die Völker Dagestans haben untereinander nie Krieg geführt, denn sie fühlen sich aufgrund einer gemeinsamen Geschichte, ähnliche Lebensweise, durch Verwandtschaften, eine gemeinsame Wertorientierung und durch den Islam verbunden7. Obwohl es nur wenige russische Bürger in Dagestan gibt, ist Russisch die dominierende Sprache innerhalb der Republik. Zu Zeiten der Sowjetunion wurden überall in der Region muttersprachliche Schulen zur Bekämpfung des Analphabetismus eingerichtet. In Dagestan wurden auf diese Weise 12 Sprachen unterrichtet und die Analphabetenrate deutlich gesenkt8.

Bezüglich dagestanischer Politik kann man davon ausgehen, dass diese noch zu großen Teilen an die russische Politik geknüpft ist. So ist das sowjetische Verwaltungssystem noch stark ausgeprägt, wobei auffällt, dass viele Gesetze denen der russischen Föderation widersprechen. So sind auch die demokratischen Entwicklungen stark rückläufig. Es ist beispielsweise nicht erwünscht, dass Vertreter einer Ethnie in einem Wahlkreis einer anderen Ethnie kandidieren. Auch die Behörden des Landes sind nahezu vollständig korrumpiert und haben das Vertrauen ihres Volkes bereits verloren. Subventionen aus Moskau werden oftmals von dagestanischen Spitzenbeamten unterschlagen9. Demzufolge ist es auch nur den Dagestanern möglich, an gesicherten Reichtum und Einfluss zu gelangen, die ein politisches Amt innehaben.

Dass aus all diesen Gegebenheiten Konflikte und Krisen erwachsen können, ist nahezu offensichtlich. Worin aber begründen sich diese Konflikte? Zu welcher Form des Islam bekennt sich die dagestanische Bevölkerung und wie wirkt sich das auf die Entwicklung in: Krech, Hans (Hrsg.), Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, Bd.10, Berlin 2002, S.24. des Landes aus? Einen Überblick über den Islam und seine Strömungen innerhalb Dagestans soll das nächste Kapitel schaffen.

3. Der Islam in seiner Vielfalt

Der Islam hat eine lange Tradition im Land der Berge. Seine Geschichte soll aus diesem Grund kurz angerissen werden, um besser nachvollziehen zu können, warum er eine solch besondere Bedeutung für die Bevölkerung Dagestans hat.

Innerhalb der Islamstudien spricht man von der Theorie der ‚Drei Stufen‘, die die historische Entwicklung des Islam als ein ideologisches System versinnbildlichen soll. Die erste Stufe wird als ‚Qur’anic stage‘ bezeichnet. Die zweite ist als ‚limited pluralism‘ und die dritte als ‚regional stage‘ bekannt10.

Wie bereits erwähnt, ist der Islam seit ungefähr 1350 Jahren ein zentrales Element der dagestanischen Geschichte. Er hat sowohl Politik und die soziale Struktur, als auch Kultur und Psychologie von Dagestan nachhaltig geprägt. Professor Amri Shikhsaidov meint ÄIslam has deeply grown into the Dagestani polity and society and become its main religion, culture and the way of life“11.

Der Islam wurde durch die Araber nach Dagestan gebracht. Im siebten Jahrhundert nach Christus eroberten arabische Truppen das Land. Von Derbent ausgehend, breitete sich der Islam über die bergigen Regionen bis in den Rest des Nordkaukasus aus. Die meisten der Dagestaner nahmen den sunnitischen Islam durch die Islamisierung an12. Im 16.Jahrhundert gerieten die nordkaukasischen Gebiete zunehmend unter persische und osmanische Herrschaft. Ab dem 18.Jahrhundert standen sie dann unter russischer Regentschaft. Der Dagestaner Imam Schamil, führte bis 1859 einen Guerillakrieg gegen die Russen und verwirklichte einen frühen ‚Islamischen Staat‘. Nach dem ersten Weltkrieg übernahmen die Bolschewiken die Macht13. Sie gingen zunächst vorsichtig mit dem Islam in der Region um, um sich die passive Akzeptanz der Bürger des Nordkaukasus zu sichern. Dies trug zur Konsolidierung ihres Regimes bei14. Kurze Zeit später begannen die Sowjets aktiv gegen den Islam in Dagestan vorzugehen. Auf diese Weise wurde der Gelehrten-Islam auf dem Territorium der gesamten Sowjetunion weitgehend zerstört15. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs gewann die relative Toleranz gegenüber dem Islam wieder an Boden, um erneut die Unterstützung der Bevölkerung zu erlangen. Zu dieser Zeit wurde es zwar legal, gläubiger Muslim zu sein, erwünscht war es dennoch nicht. Im Prozess der politischen Liberalisierung unter Gorbatschow kam es zur Phase der islamischen Wiedergeburt. Seit 1990 ist die Glaubensfreiheit in Dagestan gesetzlich verankert16. Über Jahre hinweg hat der sowjetische Einfluss den Glauben in Dagestan stark geprägt. Nichtsdestotrotz hat sich der Islam auch über Zeiten der Unterdrückung in der Bevölkerung gehalten.

3.1 Islam in Dagestan

Um die verschiedenen Strömungen des Islam in Dagestan nachvollziehen zu können, ist zunächst eine Definition desselben notwendig. Der Islam ist eine der großen Offenbarungsreligionen. Der Begriff stammt aus dem Arabischen und bedeutet ‚Unterwerfung‘, die als Unterwerfung unter Gott verstanden wird. Die Offenbarungen Gottes finden sich unverfälscht im Koran17. Als zweite Quelle des islamischen Rechts gilt die Sunna, die eine Sammlung von Aussprüchen und Handlungen Mohammeds und seiner früheren Gefährten darstellt18. Die Anhänger des Islams heißen Muslime bzw. Moslems. Das aus der arabischen Sprache abgeleitete Wort bedeutet ‚derjenige, der sich Gott hingibt‘. Zentral für den Islam ist der Glaube an die Einheit und Einzigkeit Gottes. Zudem bedeutet es das von Herzen kommende Praktizieren religiöser Pflichten. Anhänger des Islam gehen außerdem davon aus, dass ihre Religion die eine und wahre, von der Schöpfung an existierende Menschheitsreligion ist19.

[...]


1 Vgl. Rau, Johannes, Der Dagestan-Konflikt und die Terroranschläge in Moskau 1999. Ein Handbuch, in: Krech, Hans (Hrsg.), Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, Bd.10, Berlin 2002, S.22.

2 Vgl. ebd., S.22.

3 Vgl. Kappeler, Andreas, Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung - Geschichte - Zerfall, München 2001, S. 240.

4 Vgl. Rau, Johannes, Der Dagestan-Konflikt und die Terroranschläge in Moskau 1999. Ein Handbuch, in: Krech, Hans (Hrsg.), Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, Bd.10, Berlin 2002, S.22.

5 Vgl. Rau, Johannes, Der Dagestan-Konflikt und die Terroranschläge in Moskau 1999. Ein Handbuch, 2

6 Vgl. ebd., S.14.

7 Vgl. ebd., S.23.

8 Vgl. Kappeler, Andreas, Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung - Geschichte - Zerfall, München 2001, S. 304.

9 Vgl. Rau, Johannes, Der Dagestan-Konflikt und die Terroranschläge in Moskau 1999. Ein Handbuch, in: Krech, Hans (Hrsg.), Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, Bd.10, Berlin 2002, S.11.

10 Vgl. Yemelianova, Galina, radical islam in the former soviet union, London 2010, S.82.

11 Ebd., S.84.

12 Vgl. ebd., S.84f.

13 Vgl. Stichwort Kaukasus, Elger, Ralf (Hrsg.), Kleines Islam-Lexikon: Geschichte, Alltag, Kultur, 5.aktual. und erweit. Aufl., München 2008, S. 171f.

14 Vgl. Lies, Paul, Ausbreitung und Radikalisierung des islamischen Fundamentalismus in Dagestan, in: Jahn, Egbert [Hrsg.], Studien zu Konflikt und Kooperation im Osten, Bd.17, LIT Verlag, Berlin 2008, S.37.

15 Vgl. ebd., S.37.

16 Vgl. ebd., S.38.

17 Vgl. Stichwort Islam, Elger, Ralf (Hrsg.), Kleines Islam-Lexikon: Geschichte, Alltag, Kultur, 5.aktual. und erweit. Aufl., München 2008, S.146.

18 Vgl. Stichwort Sunna, Tworuschka, Monika, Kleines Lexikon Islam. Christen begegnen Muslimen, Konstanz 1992, S.125f.

19 Vgl. Stichwort Islam, ebd., S.66f.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656914075
ISBN (Buch)
9783656914082
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Politikwissenschaft
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Note
3,0
Schlagworte
rolle islam vielvölkerstaat dagestan

Autor

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Titel: Die Rolle des Islam im Vielvölkerstaat Dagestan