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Was trägt der Konstruktivismus zur Erklärung des Konflikts in Syrien bei?

Studienarbeit 2014 38 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ausblick über die Hausarbeit

2. Der Konstruktivismus
2.1. Was können wir wissen?
2.1.1. Immanuel Kant
2.1.2. Das Konstrukt der gesellschaftlichen Wirklichkeit
2.1.3. Zwischenfazit
2.2. Was sollen wir tun?
2.2.1. Normative Werte der Gesellschaft
2.2.2. Kultur
2.2.3. Kommunikation von Kultur
2.2.4. Zwischenfazit
2.3. Was dürfen wir hoffen?
2.3.1. Kulturelle Globalisierung
2.3.2. Die Homogenisierung
2.3.3. Die Hybridisierung
2.3.4. Zwischenfazit
2.4. Wer ist eigentlich „Wir“?
2.4.1. Das Dilemma des Gemeinschaftsgefühls
2.4.2. Zwischenfazit

3. Der Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen (IB)
3.1. Alexander Wendt
3.2. Frank Schimmelfennig

4. Zusammenfassung des Konstruktivismus
4.1. Hypothesen zur Analyse des Fallbeispiels

5. Analyse des Fallbeispiels - Der Konflikt in Syrien
5.1. Der Typus der - Neuen Kriege -
5.2. Charakterisierung des Konflikts
5.3. Anwendung der Hypothesen
5.3.1. Hypothese 1
5.3.2. Hypothese 2
5.3.3. Hypothese 3

6. Fazit der Hausarbeit

7. Literaturverzeichnis

8. Quellenverzeichnis

1. EINLEITUNG

Tunesien ist ein Land in Nordafrika. Dank des mediterranen Klimas in der Region liegt der Wert für die durchschnittliche Temperatur in Tunesien bereits im Januar bei 10°C. Doch auch für ein Land mit derart mildem Klima wie Tunesien ist der 17. Dezember 2010 ein doch eher frühes Datum für einen Frühlingsanfang. Wie vielleicht bereits zu vermuten war, ist hierbei keineswegs das Datum des meteorologischen oder gar des kalendarischen Frühlingsanfangs gemeint. Es handelt sich um den Tag, an dem der sogenannte Arabische Frühling seinen Anfang nahm, eine Protestwelle, welche in einigen arabischen Staaten wie Tunesien, Ägypten und Libyen binnen kurzer Zeit zur ausgewachsenen Revolution avancierte und die herrschenden Systeme, samt ihrer Despoten zu Fall brachte.1

Syrien wurde offiziell am 15.03.2011 von der Protestbewegung des Arabischen Frühlings erfasst. Der Hauptgrund für das Potential zu einem Bürgerkrieg war in Syrien, ähnlich wie in den vorherigen Schauplätzen des Arabischen Frühlings, der stetig wachsende Unmut und die Machtlosigkeit der Bevölkerung gegenüber dem dort herrschenden korrumpierten Regime. Zum Initialfunken welcher das „Pulverfass-Syrien“ zur Explosion brachte, wurden jedoch 15 Kinder aus Deera, einer kleinen Provinzstadt ca. 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Damaskus. Nachdem sie regimekritische Parolen an eine Mauer geschrieben hatten, wurden sie vom syrischen Geheimdienst verhaftet und mit brutalsten Methoden gefoltert. Die allgemeine Entrüstung und Empörung über die Verhaftung und die Folter dieser Kinder waren der Auslöser für die ersten landesweiten Demonstrationen für ihre Freilassung, sowie gegen das Regime von Bashar al-Assad und seiner Baath Partei, auf welche das Regime wiederholt mit brutaler Härte reagierte. So wurden beispielsweise am 18.03.2011 fünf Menschen bei einer friedlichen Demonstration erschossen. Spätestens nach dieser Tragödie war der Arabische Frühling auch in Syrien ausgebrochen. Im ganzen Land gingen nun die Menschen auf die Straßen und protestierten. Auf die nun überall aus dem Boden schießenden Massenkundgebungen und Demonstrationen der Protestbewegung reagierte das Regime mit immer vehementerem Einsatz von brutaler Gewalt gegen Demonstranten und später sogar mit dem mutmaßlichen Einsatz von Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung. Es war der Beginn einer Teufelsspirale aus Gewalt und Verzweiflung, welche das Land in einen blutigen Bürgerkrieg stürzte, der bis heute andauert und die Menschen in Atem hält. 2

Der „Fall Syrien“ ist für die Untersuchung im Rahmen dieser Hausarbeit deshalb so interessant, weil er im Vergleich zu den anderen Schauplätzen des Arabischen Frühlings einige Besonderheiten aufweist. Zunächst fällt auf, dass die Revolution in Syrien, bisher nur zäh und schleppend voranschreitet. Hinzu kommt, dass eine schnelle Einigung der Vereinten Nationen auf einen militärischen Eingriff in den Konflikt, wie er beispielsweise in Libyen stattgefunden hat, bisher auf sich warten lässt. Zwar hatte man sich Ende September 2013 seitens der UN mit der Verabschiedung der Resolution 2118 auf eine Vernichtung des syrischen Chemiewaffenarsenals geeinigt, der Konflikt ist bisher jedoch noch immer in vollem Gange und wird durch die jüngsten Ereignisse, wie das Erstarken der Organisation „Islamischer Staat“ (IS), erneut weiter angefacht.3

Die Art von Konflikten wie sie im Zuge der Arabischen Revolution und dem speziellen Fallbeispiel Syriens zu beobachten sind, läuten die Ära eines neuen Kriegstypus ein, der das klassische Bild zwischenstaatlicher Kriege, also der militärischen Auseinandersetzung zwischen Nationalstaaten, ablöst. Es sind immer häufiger sogenannte „neue Kriege“, also innerstaatliche, bewaffnete Konflikte, welche unter zwei oder auch mehreren Konfliktparteien, die sich meist aus der Bevölkerung, aufständischen Gruppen (Rebellen) und der Regierung zusammensetzen, ausgefochten werden, welche die Weltöffentlichkeit in den letzten Jahren in Atem halten und die Staatengemeinschaft vor völlig neue Aufgaben stellen. Bei dieser Art von Konflikt, laufen die Grenzen von Freund und Feind oft fließend ineinander.4

Da die meisten klassischen Theorien der Internationalen Beziehungen ihren Schwerpunkt auf der Erklärung von Konflikten zwischen einzelnen Akteuren auf der internationalen Ebene, also meist Nationalstaaten, haben, können sie das Szenario eines innerstaatlichen Konfliktes nur unzureichend erklären. Viel geeigneter hierfür erscheint daher die Theoriefamilie des Konstruktivismus, welche eben nicht nur die Handlungen und Mechanismen von Akteuren und Konflikten auf internationaler Ebene erklärt, sondern sich auch sehr gut als Instrument zur Betrachtung und Beleuchtung von Konflikten auf der innerstaatlichen Ebene eignet und deshalb das theoretische Fundament der weiteren Untersuchung legen wird.

Die Frage, welche zu beantworten das Ziel dieser Hausarbeit sein wird, lautet also wie folgt:

Was trägt der Konstruktivismus zur Erklärung des Konflikts in Syrien bei?

1.1. AUSBLICK ÜBER DIE HAUSARBEIT

Ziel im Rahmen dieser Hausarbeit wird es sein, im ersten Schritt zunächst ein tieferes Verständnis für die dem Konstruktivismus inhärente Denkweise und seinen logischen Rahmen zu vermitteln, welches das Fundament für den zweiten Schritt schaffen soll, in welchem erläutert wird, welche Konsequenzen und Schlüsse sich aus den Aussagen des Konstruktivismus in Bezug auf die Internationalen Beziehungen und das Fallbeispiel ziehen lassen. Im dritten und letzten Schritt der Untersuchung wird aufgezeigt werden, was die aus der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen können. Zuletzt wird die Erkenntnis aus der Analyse in einem kurzen Fazit zusammengefasst erläutert werden.

2. DER KONSTRUKTIVISMUS

In diesem ersten Kapitel wird nun zunächst der Konstruktivismus selbst, also ohne spezifischen Bezug auf die Internationalen Beziehungen, Gegenstand der Betrachtung sein. Da der Konstruktivismus keine genuine Theorie der Internationalen Beziehungen, sondern eine interdisziplinäre Epistemologie ist, muss man, um ihn adäquat und detailliert auf ein bestimmtes Forschungsgebiet oder ein Fallbeispiel anwenden zu können, im Vorfeld zunächst erklären, was die Essenz und Struktur des konstruktivistischen Denkens ausmacht.

Obgleich die Erkenntnisabsicht der hier formulierten Forschungsfrage keineswegs von philosophischer Natur ist, kommt eine qualitative Erläuterung des Konstruktivismus nicht ohne einen Ausflug in die Philosophie aus, da seine Genealogie ihren Ursprung in der abendländischen Philosophie hat.

Der Konstruktivismus bezeichnet eine Strömung, welche sich im Anschluss an die Schule keines geringeren, als des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) entwickelte.5 Mit der Transzendentalphilosophie in seiner, im Jahre 1781 veröffentlichen „Kritik der reinen Vernunft“ legte Kant den Grundstein für das konstruktivistische Denken. Er stellt die Fähigkeit des Menschen in Frage, durch metaphysisches Denken zu reiner Erkenntnis zu gelangen, welche ein korrektes Abbild der objektiven Wirklichkeit darstellen würde. Die sogenannte Metaphysik, welche Kant in seinem Werk kritisiert, ist eine Grunddisziplin der Philosophie. Durch Aristoteles als „Erste Philosophie“ und eigenständige Disziplin begründet, beschäftigt sich die Metaphysik mit den Großfragen der Philosophie, wie etwa der Frage nach einem Sinn hinter allen Dingen, oder nach den Grundprinzipien der Wirklichkeit und des Seins. 6

Der Konstruktivismus lässt sich in zwei Hauptströme teilen, einen epistemologischen, d.h. erkenntnistheoretischen, und einen ontologischem, d.h. die Wirklichkeit betreffenden Konstruktivismus, welche beide jeweils unterschiedliche Aussagen über die Beschaffenheit und Existenz der physischen- oder gesellschaftlichen und damit menschlichen Wirklichkeit treffen. Während der epistemologische Strom die Behauptung der Existenz einer physischen Wirklichkeit durchaus zulässt und lediglich das menschliche Wissen von selbiger, sowie unser Wissen über die gesellschaftliche Wirklichkeit als Konstruktion ansieht, behauptet der ontologische Strom, die Existenz einer physischen Wirklichkeit sei bereits selbst eine Konstruktion.7

In Anlehnung an Immanuel Kant wird sich das folgende Kapitel über den Konstruktivismus an den 3 kantschen Fragen „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“ orientieren. Wie bei Kant, sollen die drei Fragen, welche diese Hausarbeit dem Konstruktivismus stellt, gemeinsam ebenfalls eine mögliche Antwort auf die vierte Frage „Was ist der Mensch?“ geben.

2.1. WAS KÖNNEN WIR WISSEN?

Die erste Frage, welcher wir uns widmen, ist die Fragen nach dem Wissen selbst. Die Frage nach der Validität menschlichen Wissens von der Wirklichkeit und der eigentlichen Existenz einer solchen omnipräsenten, universalgültigen Wirklichkeit, lässt sich als die Quintessenz des konstruktivistischen Denkens bezeichnen.

2.1.1. IMMANUEL KANT

Laut Immanuel Kant ist das menschliche Vermögen zur Erkenntnis der Wirklichkeit durch die Beschaffenheit seiner Sinneswahrnehmung, d.h. die Art und Weise, wie er die Wirklichkeit durch Sinneseindrücke erfährt, entscheidend vordeterminiert und somit lediglich von subjektivem Charakter. Die menschliche Erkenntnis der Wirklichkeit basiert auf dessen Verständnis der Prinzipien „Zeit“ und „Raum“, welche wir jedoch lediglich subjektiv in die Wirklichkeit hineindenken, sie also nicht objektiv in ihr existieren.8

Um diese Prämisse besser nachvollziehen zu können, ist es wichtig Kants Denken zu verstehen.

Da wir laut Kant die Wirklichkeit allein empirisch, d.h. durch Sinneserfahrung, erkennen können, ist unsere Art der Wissensgenerierung von ihr auch lediglich „Anschauung“, d.h. unsere Vorstellung von ihr. Dinge, die wir durch empirische Anschauung im Raum wahrnehmen, nennt er „Erscheinungen“. Die Art, wie wir Unterschiede der Erscheinungen, mittels ihres Verhältnisses zueinander wahrnehmen, nennt er die „Form der Erscheinungen“.9

Die Beschaffenheit von Erscheinungen wird von uns mit bestimmten Eigenschaften belegt. Hierbei galt bis dato die allgemeine Unterscheidung zwischen den „sekundären“, d.h. subjektiven, und den „primären“, d.h. objektiven Eigenschaften der Dinge. Die sekundären Eigenschaften sind all jene, welche den Erscheinungen der Dinge vermittelst der Anschauung durch die Sinneswahrnehmung zukommen, den Dingen also nicht an sich zu kommen. Zu ihnen zählen etwa der Geschmack, Farbe oder Wärme. Als primäre Eigenschaften, welche den Dingen selbst zukämen, bezeichnete man Ausdehnung, Form und Masse der Dinge.10

Kants Behauptung, Raum und Zeit wären ebenfalls subjektive Eigenschaften, welche der Mensch lediglich in die Welt hinein denkt, waren im Kontext des damaligen philosophischen und wissenschaftlichen Kanons extrem kontrovers und revolutionär. Sie führt zu der Konklusion, dass unser Wissen von der Wirklichkeit eine bloße Konstruktion ist. Sie negiert jedoch keineswegs die Existenz einer objektiven Wirklichkeit, sondern lediglich das Vermögen der menschlichen Erkenntnis eben jene zu erfassen.11

[...]


1 Vgl. (Rosiny, 2011, p. 1)

2 Vgl. (Wieland, 2014) und (Asseburg, 2013)

3 Vgl. (Steinberg, 2014) und (Wieland, 2014)

4 Vgl. (Schimmelfennig, 2008, pp. 193-ff)

5 Vgl. (F.A. Brockhaus GmbH, 2009, p. 215)

6 Vgl. (F.A. Brockhaus GmbH, 2009, pp. 201-204) und (F.A. Brockhaus GmbH, 2009, pp. 268-270)

7 Vgl. (Collin, 2008, pp. 23-ff)

8 Vgl. (Kant, 2011, pp. 81-ff)

9 Vgl. (Kant, 2011, pp. 79-81)

10 Vgl. (Collin, 2008, pp. 12-ff)

11 Vgl. (Collin, 2008, pp. 12-14)

Details

Seiten
38
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656914600
ISBN (Buch)
9783656914617
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293821
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Konstruktivismus Syrien Konflikt; Syrienkonflikt; Arabischer Frühling Sozialkonstruktivismus

Autor

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