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Aggression in der Gottesbeziehung

Examensarbeit 2004 79 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Aggression?
2.1 Definition von Aggression
2.2 Modelle zur Entstehung von Aggression
2.2.1 Trieb- und instinkttheoretisches Erklärungsmodell
2.2.1.1 Der Aggressionstrieb bei FREUD
2.2.1.2 Der Aggressionstrieb bei LORENZ
2.2.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese
2.2.3 Lerntheoretische Ansätze
2.2.4 „Multikausaler“ Ansatz
2.3 Differenzierung des Begriffs der Aggression
2.3.1 Arten von Aggression
2.3.2 Formen von Aggression
2.4 Abgrenzung der Begriffe: Ärger, Wut, Zorn, Hass und Gewalt ..
2.4.1 Ärger
2.4.2 Wut
2.4.3 Zorn
2.4.4 Hass
2.4.5 Gewalt

3 Die entwicklungs- und gesundheitspsychologische Bedeutung von Aggression und Ärger-Emotionen
3.1 Entwicklungspsychologische Bedeutung von Aggression und Ärger-Emotionen
3.2 Unterdrückte affektive Aggression und Ärger-Emotionen

4 Theologische Deutung von Aggression
4.1 Aggression im christlichen Gottesbild
4.2 Aggression im christlichen Menschenbild

5 Bedeutung von Aggression und Ärger-Emotionen in der Gottesbeziehung
5.1 Gottesbeziehung: Gott als DU
5.2 Bestimmung und Definition aggressiven Verhaltens in der Gottesbeziehung
5.3 Die Anklage Gottes als praktische Umsetzung einer individuellen, direkten, verbalen affektiven Aggression in der Gottesbeziehung am Beispiel der modernen jüdischen Ijob-Dichtung „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“

6 Schlussbemerkung

7 Literatur

1 Einleitung

Aggression in der Gottesbeziehung? Wenn überhaupt, wird das nur Gott zugestanden. Aber dem Menschen? Für die meisten Christen undenkbar!

Dies ist keineswegs verwunderlich, denn „[i]n der traditionellen theologischen Anthropologie geschieht die Auseinandersetzung mit den Phänomenen von Ärger und Aggression im Abschnitt ‚Vom Bösen’.“1 Mit dieser Feststellung KLESSMANNs ist die Bewertung von Aggression in christlichen Kreisen bereits vorskizziert. Dem Ideal der christlichen Vollkommenheit im Sinne von Sanftmut, Liebe und Freundlichkeit widersprechend, wird Aggression als von sich aus schlecht und destruktiv verurteilt. Aggressive Impulse und Gefühle werden mit der Begründung des christlichen Liebesgebotes tabuisiert und sollen unterdrückt, verdrängt und überwunden werden.2

Für die meisten gläubigen Menschen ist es dann natürlich unvorstellbar bzw. nur schuldhaft erlebbar, Gott gegenüber Gefühle wie Ärger, Wut und Zorn zu empfinden oder diese gar aggressiv zum Ausdruck zu bringen.3 Aggression in der Gottesbeziehung4 ist für sie gleichbedeutend mit Zerstörung dieser Beziehung.

Trotzdem wird mit der vorliegenden Arbeit, der Versuch gewagt, zu behaupten, dass Aggression in der Gottesbeziehung nicht unbedingt Zerstörung der Beziehung bedeutet, sondern Intensivierung - und manchmal auch den einzigen Weg, die Beziehung gerade nicht zu zerstören.

Zielsetzung dieser Arbeit ist es somit, darzustellen, welche positive Bedeutung Aggression in der Gottesbeziehung - im Sinne einer Aggression gegenüber Gott - zukommen kann. Ausgangspunkt der aggressiven Auseinandersetzung mit Gott soll allerdings - in Abhebung von anderen Arbeiten mit ähnlicher Thematik - nicht ein krankmachendes, dämonisches Gottesbild5 sein, sondern Ohnmachts- und Krisenerfahrungen im Leben gläubiger Menschen.

Dass in der vorliegenden Arbeit die destruktiven Folgen von Aggression nur ansatzweise erwähnt werden, scheint dadurch gerechtfertigt, dass diese sowohl im Christentum als auch in der psychologischen Literatur in der Regel im Vordergrund stehen, während positive Aspekte meist unbeachtet bleiben. Zudem würde durch diese zusätzliche Diskussion der Rahmen der Arbeit bei weitem überstiegen werden.

Kapitel 2 beschäftigt sich zunächst näher mit dem Begriff der Aggression, um eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die weiteren Ausführungen zu schaffen. Nach einer Definition von Aggression werden verschiedene Theorien zur Entstehung von aggressivem Verhalten vorgestellt und eine weitere Ausdifferenzierung der Aggression hinsichtlich Aggressionsformen und -arten vorgenommen. Anhand von Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der medizinischen Forschung soll dann in Kapitel 3 die entwicklungs- und lebensnotwendige Funktion von affektiver Aggression und Ärger-Emotionen verdeutlicht werden. Dabei wird insbesondere auf die Entwicklung von Autonomie, Identität und Ich- Stärke eingegangen sowie auf psychosomatische Erkrankungen infolge von Aggressionsunterdrückung. Danach erfolgt dann der Schritt auf die theologische Ebene, wobei in Kapitel 4 zunächst das Phänomen der Aggression hinsichtlich des christlichen Gottes- und Menschenbilds diskutiert und interpretiert wird. In Kapitel 5 wird dann die Frage aufgeworfen, ob Aggression und Ärger-Emotionen angesichts unvermeidlicher Ohnmachts- und Krisenerfahrungen im Leben nicht auch in der Gottesbeziehung Platz haben müssen. Aufbauend auf einem dialogisch-partnerschaftlichen Verständnis von Gottesbeziehung erfolgt dann in Anlehnung an die Begriffsdifferenzierung aggressiven Verhaltens eine Definition dessen, was unter Aggression in der Gottesbeziehung verstanden wird. Im Anschluss daran soll am Beispiel einer modernen jüdischen Iiob-Dichtung herausgearbeitet werden, welche bedeutende lebensnotwendige und beziehungsstiftende Funktion dem Prozess der aggressiven Auseinandersetzung mit Gott in extremer Leiderfahrung zukommt. Den Abschluss der Arbeit bilden ein kurzes Resümee und weiterführende Gedanken bezüglich dem eschatologischen Aspekt von Aggression in der Gottesbeziehung.

2 Was ist Aggression?

Ziel dieses Kapitels ist es, eine Verständigungsbasis hinsichtlich des Phänomens der Aggression für die vorliegende Arbeit zu schaffen. Dies ist insbesondere deswegen wichtig, da Aggression ein aus der Umgangssprache entnommener Begriff ist, dessen Bedeutungsgehalt vielschichtig, unscharf und zum Teil auch inkonsistent ist.

2.1 Definition von Aggression

Im umgangssprachlichen Gebrauch können für die Begriffe „Aggression“ und „aggressiv“ eine Vielzahl von Bedeutungen unterschieden werden. „So denken manche Menschen nur an gewalttätiges, zumindest massives Verhalten wie körperliche und verbale Angriffe, Sachbeschädigungen und dergleichen, während andere auch subtilere Formen wie Mißachtung oder mangelnde Hilfeleistung mit einbeziehen. [...] für manche Menschen [mag] zur Aggression eine affektive Erregung wie Wut und Ärger gehören, während anderen das Verhalten in diesem Fall weniger aggressiv erscheint als bei kühler Planung“6. Wieder andere verstehen selbst offensives, energisches und tatkräftiges Handeln als aggressives Verhalten. Meist wird das Wort „Aggression“ jedoch mit Begriffen wie Ärger, Feindseligkeit, Streit, Hass, Zorn, Gewalt, Krieg oder Terror verbunden.

Auch in der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff der Aggression sehr unterschiedlich und vielfältig verwendet. Zunächst lassen sich enge und weite Definitionen unterscheiden7. Der weite Definitionsbegriff geht von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs „Aggression“ aus, die sich von dem lateinischen Wort aggredi ableitet, was soviel bedeutet wie „herangehen“, „sich nähern“, „auf jemanden zugehen“, „angreifen“ (im Sinne von berühren oder anpacken).8 So betrachtet ist Aggression zunächst ein an sich wertfreier, neutraler Begriff und meint „ein emotional initiiertes, aktives Verhalten, das gerichtet oder ungerichtet sein kann“9. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch nicht ohne Aggression gedacht werden kann, da diese „[a]ls naturale Antriebskraft [...] zur Grundausstattung des Menschen [gehört]. Sie bedarf zwar der Steuerung, ist aber zugleich für seine humane Entfaltung unentbehrlich“10. Aggression beinhaltet demnach auch einen lebensfördernden Aspekt und hat die konstruktive, lebensnotwendige Funktion, menschliche Handlungen zu initiieren. Allerdings wird ihr (möglicher) destruktiver, dissozialer Charakter dabei nicht verneint.

Ob dieses im ursprünglichen Sinne verstandene aktive „Auf-jemanden Zugehen“ in positiver oder negativer Absicht erfolgt, ob oder mit welchen Gefühlen (Ärger, Wut, Hass, Angst, Liebe, Sympathie, etc.) dies verbunden ist und welche Motivation zu Grunde liegt, ist nicht von vornherein klar.11 „Es kann [...] die positive Absicht dahinter stehen, die eigene Kraft und Macht einzusetzen, um Kontakt (wieder-)herzustellen, eine Verletzung auszudrücken [...] oder sich von einem Übergriff zu distanzieren. Es kann [aber auch] die Absicht damit verbunden sein, den anderen zu schädigen, zu verletzen, zu quälen, vielleicht sogar zu vernichten. Aggression ist dann Ausdruck des Wunsches, die eigene Kraft rücksichtslos einzusetzen und auszuspielen, vielleicht gerade, weil die eigene Ohnmacht so groß ist“12.

Letztlich wird bei dieser Definition aber jede Form von Aktivität mit Aggressivität gleichgesetzt. Solch ein Sprachgebrauch ist meines Erachtens wenig sinnvoll, wenn nicht sogar irreführend.13 „Tatkraft und Destruktion werden in einen Topf geworfen; und egal wie man sich verhält, man ist praktisch immer aggressiv“14.

Im Gegensatz dazu versucht die enge Definition Aggression von anderen Verhaltensweisen klar abzugrenzen und durch relativ wenige Merkmale einzugrenzen. Dabei werden übereinstimmend drei Merkmale angesprochen, wenn sie auch teils kontrovers diskutiert werden15: (1) (versuchte) Schädigung, (2) Intention bzw. Gerichtetheit und (3) Unverhältnismäßigkeit bzw. Normabweichung.

NOLTING16 und BERKOWITZ17 vertreten die Ansicht, dass soziale Normen oder moralische Bewertung des Verhaltens nicht in der Definition berücksichtigt werden sollten, da sonst eine kulturübergreifende, ahistorische und objektive Definition von Aggression unmöglich werde. ULICH zieht daraus die Konsequenz, dass Definitionsmerkmale von Aggression deswegen als „Leerstellen“ betrachtet werden, „die je nach Fragestellung und betrachtetem Wirklichkeitsausschnitt jeweils neu auszufüllen sind“18. Im Hinblick auf das Thema der Arbeit können die Leerstellen dabei wie folgt ausgefüllt werden:

Für die Begriffe Schädigung und Intention kann auf die Definition von FÜRNTRATT zurückgegriffen werden. „Unter ‚aggressiven Verhaltensweisen’ werden hier solche verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet Schaden zufügen, sie schwächen oder in Angst versetzen“19.

Da es um Aggression in der Gottesbeziehung geht, impliziert dies, dass es sich um normverletzendes (bezüglich gesellschaftlicher, insbesondere christlicher Normen) aggressives Verhalten handelt.

2.2 Modelle zur Entstehung von Aggression

Was ist Aggression und wie hängt sie mit der Natur des Menschen zusammen? „Ist sie ihm als ursprünglicher Trieb angeboren? Stellt sie eine notwendige Reaktion auf bestimmte Erfahrungen dar? Oder handelt es sich um erlernte Reaktionen, die der Mensch auch wieder ‚entlernen’ kann [...]?“20.

Im folgenden Abschnitt soll eine Übersicht über die wichtigsten und bekanntesten Erklärungsansätze zu Ursachen und Bedingungen aggressiven Verhaltens gegeben werden. Dabei wird jedoch im Hinblick auf den Umfang der Arbeit auf eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aggressionstheorien verzichtet.21

2.2.1 Trieb- und instinkttheoretisches Erklärungsmodell

Ein Trieb bzw. ein Instinkt ist ein dem Menschen angeborenes, körperlich oder auch psychisch begründetes Bedürfnis, das auf Abreaktion drängt und anschließend wieder neu entsteht. Unter Aggressionstrieb wird jener Trieb verstanden, der zu aggressiven Handlungen führt bzw. sich in aggressiven Handlungen äußert.

2.2.1.1 Der Aggressionstrieb bei FREUD

FREUD22 hat im Laufe seiner Theoriebildung unterschiedliche Vorstellungen zur Aggression entwickelt. Ursprünglich fasste er Aggression als spezielle Ausdrucksform des Sexualtriebs auf. Später begriff er sie als eine Reaktion auf Versagen und die daraus resultierenden Unlustempfindungen23. Schließlich vertrat er eine dualistische Trieblehre. Neben dem Sexualtrieb nahm er einen eigenständigen Aggressionstrieb (= Todestrieb) an, dessen Ziel die Herbeiführung eines spannungslosen Zustandes, das heißt des Todes, ist. Da aber eine unmittelbare Befriedigung dieses Todestriebs die Selbstvernichtung des Menschen bedeuten würde, richtet der Mensch diesen nach außen auf ein anderes Objekt (Mensch, Tier, Gegenstand, Körperteil u. a.). Die Aggression wird also von innen nach außen verschoben.

2.2.1.2 Der Aggressionstrieb bei LORENZ

In der Einleitung zu seinem Buch „Das sogenannte Böse“ schreibt LORENZ: „Das Buch handelt von Aggression, d. h. von dem auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch“24.

LORENZ25 definiert Aggressionsverhalten auch beim Menschen als echten Instinkt mit endogener Antriebssteuerung, der zwangsläufig auftritt und nicht situativ veränderbar ist. Seine Energie kumuliert sich im Lauf der Zeit immer wieder und muss deswegen jeweils neu entladen werden. Aggressionen werden aber nicht zu jedem Zeitpunkt geäußert, in dem die nötige Energie zu Verfügung steht. Es ist erst ein bestimmter Reiz nötig, um die Instinkthandlung auszulösen. Fehlen angemessene Auslösereize, kann sich die angestaute aggressive Triebenergie auch spontan entladen (Dampfkesseltheorie). Im Gegensatz zum Tierreich, in dem die Aggression eine lebenserhaltende, positive Funktion (Territorialverteidigung, sexuelle Rivalität, Rangordnungsstreben) besitzt, ist die Aggression beim Menschen aufgrund der fehlenden Tötungshemmung und mangelnder Gelegenheit, Aggression auf harmlose Weise abzureagieren, gefährlich. Daher muss nach Sublimationsmöglichkeiten gesucht werden - LORENZ betrachtet den Sport als eine der wichtigsten (Katharsis-Hypothese26 ).27

2.2.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese

Während die trieb- und instinkttheoretischen Erklärungsmodelle Aggression überwiegend als spontan begreifen, besagt die Frustrationstheorie, dass aggressives Verhalten auf aggressiven Impulsen beruht, die durch sogenannte Frustrationen entstehen. Das heißt, Aggression, im Sinne eines Verhaltens, „das von einer Absicht zur Schädigung einer anderen Person oder eines Ersatzobjektes geleitet wird“28, wird als Reaktion bzw. Folge von Frustration aufgefasst. „Unter Frustration wird ein Zustand verstanden, der eintritt, wenn eine Zielreaktion eine Interferenz erleidet“29.

DOLLARD et al. waren der Ansicht, dass „das Auftreten von aggressivem Verhalten [...] immer die Existenz einer Frustration voraus[setzt], und umgekehrt [...] die Existenz einer Frustration immer zu irgendeiner Form von Aggression [führt]“30. Dieses Kernaxiom wird durch eine Reihe von Zusatzannahmen erweitert:

- Die Tendenz, auf eine Frustration hin mit Aggression zu reagieren, ist abhängig von der Stärke der gestörten Aktivität, von der Stärke der Störung und von der Anzahl der Frustrationen.
- Die Erwartung einer Bestrafung (im weitesten Sinne) hemmt die Aggression. Die Stärke der Hemmung ist von der Größe der antizipierten Strafe abhängig. Häufige Hemmungen können allerdings zur Selbstaggression führen.
- Die Aggression richtet sich am stärksten gegen den Frustrierenden.
- Das Ausführen einer Aggression reduziert die Aggressionsbereitschaft (Katharsis-Hypothese).

In der Weiterentwicklung der Frustrations-Aggressions-Hypothese wurde dann aber die Umkehrung des Kernaxioms, also die Aussage, dass Frustration stets zu einer Aggression führt, modifiziert und auch andere Konsequenzen (z. B. Rückzug, Resignation, Selbstbetäubung, konstruktive Problemlösung u. a.) in Betracht gezogen. Frustrationen führen demnach zu einer Reihe verschiedener Reaktionen, von denen eine die Anregung zu einer aggressiven Handlung sein kann31.

Offen bleibt allerdings in diesem Konzept, ob die Bereitschaft, gegebenenfalls auf eine Frustration mit Aggression zu reagieren, angeboren oder erlernt ist.

2.2.3 Lerntheoretische Ansätze

Vertreter dieser Theorie32 gehen davon aus, dass aggressives Verhalten, wie soziales Verhalten generell, überwiegend auf Lernvorgängen beruht. Das bedeutet, dass die soziale Umwelt und deren Bedingungen Verhaltensweisen hervorbringen und verändern können. Dabei gibt es keine angeborenen Aggressions-Reaktions-Formen, Aggressions- Auslöser oder -Antriebe.

Hinsichtlich des Mechanismus, nach dem dieser Lernprozess geschieht, gibt es zwei Auffassungen: Das Lernen am Erfolg und das Imitationslernen bzw. das Lernen am Modell.

Das Konzept Lernen am Erfolg „geht davon aus, daß die Frage, ob ein [aggressives] Verhalten in Zukunft wieder ausgeführt wird oder nicht, überwiegend von den positiven und/oder negativen Folgen für den Handelnden abhängt“33. Dies bedeutet also, dass ein bestimmtes Verhalten immer als gelernte Reaktion auf die auslösenden und bekräftigenden Merkmale einer Situation auftritt.

Das Konzept Imitationslernen bzw. Lernen am Modell geht davon aus, „daß das Verhalten des Modells als Reiz dient, um zwischen diesem und dem Beobachter eine große Ähnlichkeit zu bewirken“34. Eine bestimmte Verhaltensweise (z. B. aggressives Verhalten) wird also erworben und verstärkt, indem man (erfolgreiches) aggressives Verhalten bei anderen beobachtet. „Ob ein Modell nachgeahmt wird, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab:

- sozialer Status des Modells
- Alter und Geschlecht in bezug zur Ähnlichkeit mit dem Nachahmenden
- Folgen des Modellverhaltens [...]
- Wert, den das Modellverhalten für das Erreichen der eigenen Ziele besitzt
- Kompetenz, die dem Modell zugebilligt wird [...]
- äußere Merkmale des Modells (Kleidung, Aussehen usw.)
- persönliche Beziehung zum Modell (Vorbild)“35.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Gegenüberstellung der klassischen Aggressionstheorien (modifiziert nach K ORNADT 1982, S. 65).

2.2.4 „Multikausaler“ Ansatz

In Folge der kritischen Auseinandersetzung mit den „klassischen“ Aggressions-Theorien und der „Einsicht, dass die Grundpositionen in ihrer ursprünglichen Form nicht aufrechterhalten werden können und der Ergänzung, Differenzierung oder Modifikation bedürfen“36, rücken in der Aggressionsforschung immer mehr pluralistische37, biosoziale38, motivationspsychologische bzw. kognitiv-handlungstheoretische39 sowie sozial-konstruktionistische40 Ansätze zur Erklärung der Ursachen und Bedingungen aggressiven Verhaltens in den Vordergrund.

Übereinstimmend versuchen diese jüngeren Ansätze drei Aspekte der Entstehung von Aggression miteinander zu verbinden, wenn auch die Gewichtung der Einzelaspekte teils unterschiedlich ausfällt: einen biologisch-physiologischen Aspekt, einen psychologisch-kognitiven Aspekt und einen soziokulturellen-lerntheoretischen Aspekt. Gesicherte Erkenntnisse einzelner Ansätze aus Biologie, Ethologie, Physiologie, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Politologie, Kulturanthropologie u. a. werden in einem plurikausalen Modell zusammengefasst, „um dem breiten Spektrum aggressiven Verhaltens gerecht zu werden“41.

Diesen Ansätzen folgend lässt sich Aggression nicht auf eine einzige Ursache zurückführen, sondern ist ein Konstrukt unterschiedlicher interner und externer Faktoren. Aggressives Verhalten entsteht dann innerhalb eines kognitiven und emotionalen Prozesssystems, welches in der individuellen Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Aggressionssituation angeregt wird. Nicht jedes Aggressionsphänomen beruht dabei auf denselben auslösenden Faktoren. Aus einem solchen Verständnis heraus erscheint eine Differenzierung der verschiedenen Aggressionsphänomene sinnvoll.

2.3 Differenzierung des Begriffs der Aggression

Da, wie in den bisherigen Ausführungen schon angeklungen ist, Aggression nicht als einheitliches Verhaltens- oder Motivsystem aufgefasst werden kann, ist es notwendig, diesen Begriff weiter zu differenzieren. Dies kann zum einen hinsichtlich der psychologischen Dynamik und Motivation aggressiven Verhaltens (Aggressionsarten) geschehen, zum anderen hinsichtlich der konkreten Erscheinungsformen (Aggressionsformen).

2.3.1 Arten von Aggression

Am häufigsten findet sich eine Differenzierung zwischen instrumenteller Aggression, die auf das Erreichen nicht-aggressiver Ziele (z. B. materieller Gewinn, Leistungsverbesserung) gerichtet ist, und einem affektiven Typ von Aggression42 , dessen Ziel die Schädigung einer Person oder eines Objekts ist.

Ausgehend von BERKOWITZ43 und NOLTING44 kann man schließlich drei Arten aggressiven Verhaltens unterscheiden:

- Emotionale, affektive bzw. Ä rger-Aggression, die explizit die Schädigung einer anderen Person oder eines Objekts zum Ziel hat, von emotionaler Erregung (insbesondere Wut- und Ärgergefühlen) begleitet wird und als Reaktion auf reale oder vermeintliche Provokationen (z. B. Kränkung, Zurückweisung) auftritt.45
- Instrumentelle Aggression, die primär das Erreichen nicht- aggressiver Ziele (Affekt) bezweckt und Aggression als „Mittel zum Zweck“ einsetzt. Die Schädigung einer Person wird nicht explizit angestrebt, aber implizit in Kauf genommen. Kennzeichen ist auch das Fehlen von Emotionen wie Wut und Ärger.
- Spontane Aggression, deren Ziel - analog zur emotionalen Aggression - die Schädigung des Opfers ist, aber keine Reaktion auf eine vorausgegangene Provokation darstellt. Aggressive Auseinandersetzungen werden gesucht oder sogar gezielt initiiert.

Aggressionsmotivation ist sowohl das Lustempfinden durch aggressives Verhalten und dessen Folgen für das Opfer, als auch der Nervenkitzel und der Reiz am Risiko, den aggressive

Handlungen versprechen. Insofern ähnelt die spontane Aggression der instrumentellen Aggression, doch richtet sie sich nicht auf nicht- aggressive Ziele, sondern unmittelbar auf das Lustempfinden und den Nervenkitzel bei der Ausführung einer aggressiven Handlung. Natürlich sind diese Arten als Idealtypen zu verstehen. „Es gibt sie zwar auch in reiner Form [...], doch faktisch kommen häufig Mischformen und Verquickungen vor. Insofern dient die Einteilung als Hilfe zur Analyse einer vielleicht recht komplexen Aggressions-Motivation. Solche Analysen sind meistens notwendig, um das Verhalten zu verstehen. Denn die sichtbare Erscheinungsform [...] besagt recht wenig über die Art der Motivation“46.

2.3.2 Formen von Aggression

Aggressionen unterscheiden sich aber nicht nur in der Art ihrer Motivation bzw. ihres Antriebs, sondern auch in ihrer äußeren Erscheinungsform.

Betrachtet man die Verhaltensebene von Aggression, so kann man in Anlehnung an NOLTING47 zunächst drei Typen von Erscheinungsformen unterscheiden: körperliche, verbale und nonverbale Aggression.

- Körperliche Aggression: Handlungen, bei denen eine Person (oder ein Objekt) physisch angegriffen wird (z. B. Schlagen, Prügeln, Stoßen u. a.).
- Verbale Aggression: Verbale Handlung, bei der eine Person auf der psychischen und emotionalen Ebene angegriffen und herabgesetzt wird (z. B. Verleumden, Lächerlichmachen, Beleidigen, Bedrohen, Beschimpfen, Sarkasmus u. a.).
- Nonverbale bzw. symbolische Aggression: Mimisch-gestische Symbolhandlungen, wie z. B. Zunge herausstrecken, Drohen mit der Faust u. a. Eine weitere Unterteilung kann in direkte und indirekte Aggression vorgenommen werden48.
- Direkte Aggression: Der Aggressor ist erkennbar und verleiht seiner Aggression körperlich, verbal oder nonverbal Ausdruck.
- Indirekte Aggression: Der Aggressor ist (zunächst) nicht erkennbar (z. B. Verbreitung von negativen Gerüchten, heimliche Beschädigung von Besitzgegenständen u. a.)

Häufig wird auch noch eine Unterscheidung zwischen individueller und kollektiver bzw. Gruppen-Aggression getroffen49.

- Individuelle Aggression: Aggressives Verhalten eines einzelnen Menschen.

[...]


1 KLESSMANN 1992, S. 85.

2 Vgl. dazu im Überblick die bei KLESSMANN vorgestellten und ausgewerteten Studien über Aggressionsvermeidung in der Kirche (1992, S. 94-138).

3 als Vgl. FRIELINGSDORF 1999, S. 150-159. FRIELINGSDORF wertet die Erfahrung von mehr 700 Personen aus, die sich mit Gott bzw. ihrer Gottesbeziehung bewusst auseinandergesetzt haben. „Besonders in Übungen, wo die Auseinandersetzung mit Gott über den Körper ausgedrückt werden sollte, z. B. ‚Gott die Faust zeigen’, wurde deutlich, dass die TeilnehmerInnen erst gar nicht Fäuste gegen Gott ballen konnten [...]. Auf die Frage nach ihrem Widerstand antworteten sie: ‚Ich erlebe die Faust gegen Gott als Todsünde’ oder ‚Ich habe Angst, dass Gottes Strafe mich wie ein Blitz treffen wird’“ (FRIELINGSDORF 1999, S. 151).

4 Hier und im Folgenden ist damit, wenn nicht explizit vermerkt, die Aggression des Menschen Gott gegenüber gemeint.

5 Vgl. z. B. FRIELINGSDORF (1999, S. 148-174), der Aggression in der Gottesbeziehung insofern als beziehungsstiftend auffasst, als dass sie ermöglicht, sich von krankmachenden, dämonischen Gottesbildern zu lösen und zu einem positiven Gottesbild zu kommen.

6 NOLTING 1993b, S. 19.

7 Vgl. NOLTING 1993b, S. 22-26; BERKOWITZ 1993, S. 4f.

8 Vgl. u. a. FRIELINGSDORF 1999, S. 13; HACKER 1985, S. 38; KLESSMANN 1992, S. 27f.; SEIFERT 1979, S. 76.

9 FRIELINGSDORF 1999, S. 13.

10 KORFF 1993, Sp. 232.

11 Vgl. FRIELINGSDORF 1999, S. 13f.; KLESSMANN 1992, S. 27.

12 KLESSMANN 1992, S. 27.

13 Diese Feststellung dient insbesondere auch zur Abgrenzung gegenüber FRIELINGSDORF 1999 und KLESSMANN 1992, welche für die weite Definition von Aggression plädieren.

14 NOLTING 1993a, S. 10.

15 Vgl. NOLTING 1993b; BERKOWITZ 1993; PILZ/TREBELS 1976, DOLLARD et al. 1939.

16 NOLTING 1993b.

17 BERKOWITZ 1993.

18 ULICH 1997, S. 20.

19 FÜRNTRATT 1974, S. 283.

20 DANN 1972, S. 9.

21 Eine umfassende kritische Auseinandersetzung mit den vorgestellten Aggressionstheorien findet sich z. B. bei KORNADT 1982.

22 Vgl. zu den folgenden Ausführungen KORNADT 1982, S. 25.

23 Diese Auffassung FREUDs hat die Frustrations-Aggressions-Hypothese (vgl. 2.2.2) nachhaltig beeinflusst.

24 LORENZ 1963, S. IV.

25 LORENZ 1963.

26 Die Katharsis-Hypothese „besagt, daß nach Ausführung einer aggressiven Handlung der Anreiz für weitere Aggressionen erheblich vermindert sei, die Wahrscheinlichkeit weiterer Aggressionen bis auf den Nullpunkt sinken könne“ (PILZ/TREBELS 1976, S. 30). Obwohl die allgemeine Katharsis-Hypothese stark umstritten ist und inzwischen eher abgelehnt wird (vgl. u. a. KORNADT 1982, S. 247-255), konnte KORNADT zeigen, dass bei ärgerinduzierter Aggression (emotionale, affektive bzw. Ärger-Aggression) tatsächlich eine Abreaktion der Spannung zu erkennen ist („Desaktivierung“). Die aggressive Handlung kann selbstausgeführt, aber auch stellvertretend durch andere ausgeführt werden, wenn nur das intendierte Handlungsziel (z. B. Bestrafung) erreicht wird (vgl. KORNADT 1981).

27 Vgl. LORENZ 1963, S. 388.

28 PILZ/TREBELS 1976, S. 20.

29 DOLLARD et al. 1939, S. 19.

30 DOLLARD et al. 1939, S. 9.

31 Vgl. KORNADT 1982, S. 26f.

32 U. a. BANDURA 1979.

33 PILZ/TREBELS 1976, S. 25.

34 BELSCHNER 1971, S. 79.

35 PILZ/TREBELS 1976, S. 27.

36 KORNADT 1982, S. 55.

37 Vgl. z. B. PILZ/TREBELS 1976.

38 Vgl. z. B. BERKOWITZ 1993.

39 Vgl. z. B. GABLER 2002; 1976.

40 Vgl. z. B. AVERILL 1982.

41 PILZ/SCHILLING/VOIGT 1974, S. 84.

42 BERKOWITZ 1993, S. 11: „emotional aggression“; FESHBACH 1964, S. 258: „hostile aggression“; NOLTING 1993b, S. 117: „Ärger-Aggression“.

43 Vgl. BERKOWITZ 1993, S. 11f.

44 Vgl. NOLTING 1993b, S. 116-133.

45 Hier bieten sich dann zur Erklärung vor allem solche Theorien an, die der FrustrationsAggressions-Hypothese nahe stehen.

46 NOLTING 1993b, S. 119-121.

47 NOLTING 1993b, S. 27f.

48 Vgl. BUSS 1961, S. 8.

49 Vgl. u. a. BIERHOFF/WAGNER 1998b, S. 18-20; NOLTING 1993b, S. 155-161.

Details

Seiten
79
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638309462
ISBN (Buch)
9783640862917
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29445
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Fakultät für Katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Aggression Gottesbeziehung

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