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Physikalische und wahrnehmbare Eigenschaften des Schattens als Ansatzspunkt zur Deutung "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

A. Einführung

B. Textanalyse
I. Der Schatten: Eigenschaften auf physikalischer Ebene 4 und Wahrnehmungsebene
II. Der Schatten Peter Schlemihls
1. Die Besonderheiten der ‚Schlagschattenlehre‘ Chamissos
2. Die Suche nach der Bedeutung des Schattens
III. Produktion von Realitäts- und Fiktionalitätseffekten

C. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

A. Einführung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist der Text „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso, der im August/September 1813 entstanden ist und 1814 veröffentlicht wurde.

Das Motiv der Schattenlosigkeit, über dessen Bedeutung viel gerätselt worden ist, taucht hier erstmals als Leitmotiv einer Dichtung auf. Eine umfangreiche Darstellung des Motivs vom verlorenen Schatten im Allgemeinen und seiner Ausprägung bei Chamisso im Besonderen, hat Gero von Wilpert[1] vorgelegt. Hier findet sich eine ausführliche Untersuchung zu möglichen Quellen und Vorbildern in Volksglauben und Volksdichtung und in der Literatur, die Chamisso inspiriert haben könnten.

Der Text hat seit seinem Erscheinen viele literarische und literarkritische Rezeptionen hervorgerufen, die sich mit dem Schattenmotiv und dessen Bedeutung auseinandersetzen. Die einzelnen Interpretationen kommen in bezug auf die Bedeutung der Schattenlosigkeit zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, die für sich stehend jeweils ihre Berechtigung haben.

Eine Auflistung und Auswertung der bisherigen Deutungen kann und soll nicht Zielsetzung dieser Untersuchung sein. Vielmehr wird der Frage nachzugehen sein, warum es möglich ist, den Text so mannigfaltig auszulegen.

Die Textanalyse setzt ein mit dem Versuch, dem Phänomen Schatten auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene näher zu kommen. In einem zweiten Schritt soll untersucht werden, welche der erarbeiteten Merkmale des Schattens in der Erzählung beibehalten, welche verändert oder weggelassen werden. Inwiefern die im „Peter Schlemihl“ ausgeprägten Eigenschaften des Schattens einen Beitrag zum Verstehen des Textes leisten können, wird sich im dritten Kapitel, das sich mit der Bedeutung des Schattens auseinandersetzt, zeigen. Im letzten Kapitel gilt es, darzustellen, worin die Schwierigkeit begründet liegt, die Erzählung auf eine bestimmte literarische Gattung festzulegen. In diesem Zusammenhang wird die Frage aufgeworfen, wie es dem Text gelingt, Realitäts- bzw. Fiktionalitätseffekte zu produzieren.

B. Textanalyse

I. Der Schatten: Eigenschaften auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene

Ein nicht leuchtender Körper kann nur teilweise von einem leuchtenden Körper erhellt werden. Der lichtlose Raum, welcher auf der Seite des nicht beleuchteten Teiles liegt, ist das, was man Schatten nennt. Schatten bezeichnet also im eigentlichen Sinne einen körperlichen Raum, dessen Gestalt zugleich von der Gestalt des leuchtenden Körpers, von der des beleuchteten und von ihrer gegenseitigen Stellung gegeneinander abhängt.

Der auf einer hinter dem schattenwerfenden Körper befindlichen Fläche aufgefangene Schatten ist daher nichts anderes als der Durchschnitt dieser Fläche mit dem körperlichen Raum, den wir vorher mit dem Namen Schatten bezeichneten.[2]

Mit dieser Schattendefinition des Physikers Haüy antwortet Adelbert von Chamisso in der Vorrede zu der im Jahre 1838 erschienenen neuen französischen Übersetzung der „wundersamen Geschichte des Peter Schlemihl“ auf die Frage nach der Bedeutung des Schattens, die nach der Veröffentlichung der Erzählung von allen Seiten an ihn heran getragen wurde. Der Schatten wird hier als körperlicher Raum, im Französischen ‚le solide‘, was wörtlich mit ‚das Solide‘ zu übersetzen ist, bezeichnet. Im Anschluss an diese trockene physikalische Beschreibung des Schattenphänomens greift Chamisso diese Bezeichnung auf und setzt den Schattenverlust Schlemihls mit dem Verlust des Soliden gleich. “Mein unbesonnener Freund hat sich nach dem Gelde gelüsten lassen, dessen Wert er kannte, und nicht an das Solide gedacht“[3]. Auf die ironische Intention dieser physikalischen Bestimmung ist vielfach hingewiesen worden. Der Schatten, als sich ständig veränderndes, flüchtiges und schwer greifbares Phänomen, lässt gerade diese Analogiebildung nicht zu. Dennoch haben sich viele Interpreten nicht davon abhalten lassen, dieses Deutungsangebot des Autors zu nutzen und weiter auszufüllen.[4]

Die Frage nach dem Wert, den es für den Schatten einzusetzen gilt, soll in dieser Arbeit zunächst einmal zurück treten hinter der Darstellung der Eigenschaften des Schattens auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene und der Frage, in wieweit diese im „Peter Schlemihl“ eine Brechung erfahren. Wichtig ist hierbei vorab die klare Unterscheidung zwischen Eigenschatten und Schlagschatten. Der erste bezeichnet den Schatten, der neben dem Schlaglicht auf dem angestrahlten Objekt selbst erscheint. Letzterer denjenigen Schatten, den ein Gegenstand auf die ihn umgebenden Körper oder Flächen projiziert. Von eben diesem Schlagschatten, bzw. dessen Abwesenheit, ist in „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“ die Rede. Die Urschrift des „Schlemihl“ trägt den später gestrichenen, wissenschaftlich anmutenden Untertitel „Als Beitrag zur Lehre des Schlagschattens“[5]. Welche physikalische Definition steht hinter der Bezeichnung Schlagschatten? Rolf Günther Renner gibt folgende Bestimmung:

[...] ein Schlagschatten [entsteht], wenn ein opaker Körper von einer Lichtquelle bestrahlt

wird, die größer als er selbst ist. Der so entstehende tiefe Kernschatten und der ihn umgebende Halbschatten bilden zusammen den Schlagschatten. Weil dessen Größe und die Relation zwischen Kern– und Halbschatten von der Größe der Lichtquelle wie des bestrahlten Objekts und zugleich von ihrer Entfernung zueinander abhängig sind, also veränderliche Größen darstellen, ist die physikalische Bestimmung des Schlagschattens Ergebnis einer willkürlichen geometrischen Projektion. Sie entsteht, wenn man den Schattenkegel durch eine senkrecht zu seiner Achse gehaltene Ebene durchschneidet; je näher diese Ebene an den bestrahlten Körper herangerückt wird, desto schärfer ist die Kontur des Schlagschattens.[6]

Sowohl aus dem von Chamisso verwendeten Zitat als auch aus der Beschreibung Renners geht hervor, dass das Vorhandensein eines Schlagschattens eine Lichtquelle und einen schattenwerfenden Körper voraussetzt.

Die Größe des Körpers, der den Schatten wirft, ist geometrisch bestimmbar. Größe und Form des Schattens, den dieser Körper wirft und mit dem er fest verbunden ist, ist jedoch abhängig von oben genannten Variablen wie die Größe des Körpers, die der Lichtquelle, deren Stellung zueinander etc. Ein Körper kann demnach eine unendliche Menge unterschiedlicher Schattenprojektionen haben. Neben dieses Merkmal der Variabilität oder auch Veränderlichkeit des Schattens treten die Eigenschaften Zweidimensionalität, Immaterialität und Farb- und Strukturlosigkeit. Schatten entsteht nur durch Anwesenheit von Licht, ist selbst jedoch durch Abwesenheit von Licht definiert.

In unserer alltäglichen Wahrnehmung der uns umgebenden Dinge erscheinen Schatten als Diskontinuität der Beleuchtung, und selten sind es die Schatten selbst, die unsere Aufmerksamkeit in Form bewusst gerichteter Wahrnehmung erlangen.[7] Gleichwohl ermöglichen es uns erst die Eigenschatten der Gegenstände, diese in ihrer Dreidimensionalität zu erfassen, und mit dem Wissen um die vorhandene Referenz des Schlagschattens auf ein anwesendes Objekt konstruieren wir Welt.

II. Der Schatten Peter Schlemihls

1. Die Besonderheiten der ‚Schlagschattenlehre‘ Chamissos

Von den physikalischen und die Wahrnehmung betreffenden Eigenschaften des Schattens ausgehend, sollen nun die Merkmale des Schlagschattens Schlemihls näher ins Blickfeld genommen werden.

In eine Herausgeberfiktion gebettet, erzählt der Protagonist Peter Schlemihl aus der Perspektive eines rückblickenden Ichs seine eigene Lebensgeschichte, die mit dem Verkauf seines Schattens einsetzt und im folgenden die daraus resultierenden Geschehnisse um seine Person in chronologischer Abfolge entwickelt.

Das Schattenmotiv kann in dieser Erzählung als Leitmotiv bezeichnet werden, da das Niederschreiben der Lebensgeschichte überhaupt erst aus dem Schattenverlust heraus motiviert wird und alle folgenden Ereignisse direkt mit diesem in Verbindung stehen. Da die Eigenschaften des Schattens erst im Handlungsverlauf zu Tage treten, liegt es nahe, beide parallel darzustellen.

Schlemihl, jung und mittellos, kommt mit einem Empfehlungsschreiben in das Haus des reichen Herrn John und hofft, dass dieser seinen „bescheidenen Hoffnungen förderlich“[8] sein könne. Dort wird er Zeuge einiger wundersamer Begebenheiten, die in Verbindung mit einem grauen Mann stehen, welcher die anwesende Gesellschaft, die sich darüber jedoch gar nicht verwundert zeigt, mit allem von ihr Gewünschten versorgt, indem er es kurzerhand aus seiner Rocktasche hervorzieht. Schlemihl wird nun, bei dem Versuch, sich aus der ihm unheimlich gewordenen Gesellschaft zu stehlen, von eben diesem Mann im grauen Rock verfolgt und zu einem Tauschhandel „einer ganz absonderlichen Sorte“ (26) überredet. Er tauscht seinen Schlagschatten gegen ein ‚Fortunati Glückssäckel‘, eine Quelle nie versiegenden Reichtums, ein. Die Tatsache, dass der Schatten Gegenstand einer geschäftlichen Transaktion werden kann, liegt in seiner jetzt offenbar werdenden Körperlichkeit begründet. Schlemihl sieht nämlich den ‚Grauen‘ seinen Schatten „leise von dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten, und zuletzt einstecken“ (28). Die oben erwähnte physikalische Eigenschaft der Immaterialität des Schattens wird hier aufgehoben, indem er als materieller, greifbarer Gegenstand, den man wie ein Tuch oder eine Folie zusammenrollen und falten kann, in Erscheinung tritt. Zudem lässt er sich, ebenfalls im Widerspruch zu den Naturgesetzen, von dem Körper, der ihn wirft, ohne weiteres abtrennen. An die Materialität des Schatten sind konsequenterweise eine Reihe weiterer Eigenschaften gebunden. Schlemihl hat recht handfeste Erklärungen für seine Schattenlosigkeit parat, die zwar dem Leser absurd erscheinen müssen, in der fiktiven Welt der Erzählung jedoch ihre Berechtigung haben. Schlemihl, der in die Tochter des Forstmeisters verliebt ist, antwortet diesem auf die Frage, wie er seinen Schatten verloren habe, folgendermaßen: „Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen Schatten, dass er ein großes Loch darein riß – ich habe ihn nur zum Ausbessern gegeben [...]“ (65). Der Forstmeister entgegnet ihm hierauf, dass er sich um einen Schatten umtun möge und, falls es ihm nicht gelänge, binnen drei Tagen mit einem „wohlangepaßten“ (66) Schatten vor ihm zu erscheinen, sei seine Tochter die Frau eines andern. Verlust und Wiedererstehen des Schattens erscheinen dem Förster im Bereich des Möglichen zu liegen, dennoch wird die Abwesenheit des Schattens von ihm und allen anderen Figuren als Mangel empfunden. Kurz nachdem der Schatten in den Besitz des ‚Grauen‘ übergegangen ist, macht Schlemihl die schmerzhafte Erfahrung, dass seine Umwelt auf seinen nicht vorhandenen Schlagschatten reagiert. Von allen Seiten werden teils empörte, teils mitleidige Stimmen laut, die ihn auf seinen Mangel aufmerksam machen. Dazu gehören Ausrufe wie: “Sehe sich der Herr doch vor, Sie haben Ihren Schatten verloren.“ oder „Jesus Maria! Der arme Mensch hat keinen Schatten!“ (29). Im Gegensatz zu einer normal gerichteten Wahrnehmung, in der die Schatten nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sondern vielmehr als unwichtige Begleiterscheinungen mit erfasst werden, haben wir es hier geradezu mit einer Schatten beobachtenden Gesellschaft zu tun. Der Abwesenheit des Schatten wird so große Bedeutung beigemessen, dass sie Schlemihls Stigmatisierung und gesellschaftliche Isolierung bewirkt. Gleichwohl bleibt der genaue Tauschwert des Schattens für den Leser und auch für Schlemihl unbestimmbar.[9] Er selbst betrachtet den Schatten als das, was er nun mal ist: „[...] nichts als ein Schatten, man könne auch ohne ihn fertig werden, und es wäre nicht der Mühe wert, solchen Lärm davon zu erheben.“ (65)

Warum es unmöglich ist, den Schatten auf ein bestimmtes Signifikat festzulegen und, dass gerade dieser Unbestimmtheit für das Textverständnis eine wichtige Rolle zukommt, wird im folgenden Kapitel dargelegt.

Als Schlemihl erkennen muss, dass die Umwelt auf seine Schattenlosigkeit mit Entsetzen, Ächtung und Erschrecken reagiert und in ihm die Ahnung aufsteigt, dass „um so viel das Gold auf Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so viel der Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde“ (30), setzt er alles daran, diesen Mangel zu beheben. Ein sofortiges Rückgängig machen des Tauschhandels ist ausgeschlossen, da der ‚Graue‘ „spurlos, wie ein Schatten verschwunden“ (39) ist und sich erst wieder über Jahr und Tag angemeldet hat. Der Versuch, sich von einem Maler einen falschen Schlagschatten malen zu lassen, scheitert an den wieder in Kraft tretenden Naturgesetzen. Das Merkmal der Beweglichkeit und Veränderlichkeit verhindert die Substitution des Schattens durch ein gemaltes Bild, das anderen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, so dass Schlemihl es „bei der leisesten Bewegung wieder verlieren müßte.“ (41) Mit der Hilfe Bendels, seines Dieners und einzigen Vertrauten, versucht er, seine Schattenlosigkeit vor der Umwelt zu verbergen, was ihm eine Zeit lang, dank seines Reichtums, der Vermeidung von Sonnenlicht, der „sinnreichen Erleuchtung“ (51) der Räumlichkeiten und der Gewissenhaftigkeit Bendels, der ihn mit seinem eigenen Schatten in gefährlichen Situationen deckt, auch gelingt. Anstatt von einem „Beitrag zur Lehre des Schlagschattens“ könnte man hier eher von einer Lehre zur Vermeidung von Schlagschatten sprechen.[10] Durch Verrat fliegt seine Tarnung auf, ohne Schatten bleibt ihm die Aussicht auf ein bürgerliches Leben, mit der geliebten Mina an seiner Seite, verwehrt. Die Möglichkeit, Mina vor dem Schurken Rascal zu retten, nimmt er nicht wahr. Er schlägt das Angebot des ‚Grauen‘ zu einem weiteren Tauschhandel, diesmal Schatten gegen Seele, aus, bzw. entzieht sich diesem in letzter Sekunde durch eine Ohnmacht. Die Versuche des ‚Grauen‘, Schlemihl zu dem zweiten Tauschgeschäft zu überreden, fruchten nicht. Durch das Ausbreiten des Schattens Schlemihls „auf der Sonnenseite zu seinen Füßen“ (70), so dass der ‚Graue‘ plötzlich zwei Schatten hat, die seinen Bewegungen gehorchen, soll ihm das Geschäft schmackhaft gemacht werden. Dass diese Handhabungsmöglichkeiten des Schattens im absoluten Widerspruch zu den Naturgesetzen stehen, ist offenbar. Der eingetauschte Schatten untersteht zwar der absoluten Befehlsgewalt seines neuen, „gesetzmäßigen Eigentümer[s]“ (93), was sich an dem missglückten Versuch Schlemihls, mit dem geliehenen Schatten zu fliehen, zeigt, aber er passt seine Form nicht der des ‚Grauen‘ an. Er ist weiterhin eindeutig als Schatten Schlemihls zu identifizieren. Deutlich wird dies durch die Aussage, dass er für Bendel als Schlemihls Schatten „nicht zu verkennen“ (71) sei.

Erst als Schlemihl, entsetzt über den Anblick der bleichen Gestalt des Thomas John, die der ‚Graue‘ aus seiner Tasche zieht, „den klingenden Säckel“ (98) in den Abgrund wirft, verschwindet der Mann im grauen Rock. Die ihm durch einen Zufall in die Hände gekommenen Siebenmeilenstiefel betrachtet Schlemihl, der „durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen“ (106), als Zeichen dafür, „zum Ersatz an die Natur“ (106) gewiesen zu sein und beginnt ein Leben als Naturforscher.

Welche Besonderheiten sind in der ‚Schlagschattenlehre‘ Adelbert von Chamissos zusammenfassend zu verzeichnen, und welchen Zweck erfüllen sie? Die gezielte Aufmerksamkeit für den Schlagschatten stellt eine Abweichung von einer normal gerichteten Wahrnehmung, in der die Objekte und nicht deren Schatten im Blickpunkt stehen, dar. Diese gebrochene Eigenschaft auf der Wahrnehmungsebene motiviert den Handlungsfortgang. Die physikalischen Gesetze werden durch den „Dingcharakter des Schattens als einer vom Individuum unabhängigen und ablösbaren Sache“[11] aufgehoben. Die Außerkraftsetzung der physikalischen Eigenschaft der Immaterialität lässt das Tauschgeschäft in dieser Form überhaupt erst möglich werden.

Beibehalten wird, wie aus der Malerepisode ersichtlich, das Merkmal der Veränderlichkeit; der Schatten ist den Bewegungen seines Trägers unterworfen. Außerdem erhalten bleibt der Abbildcharakter des Schattens, da die Merkmale seines einstigen Trägers Schlemihl weiterhin an ihm ablesbar sind. Variabilität und Abbildfunktion des Schattens sind es, die dazu beitragen, den im folgenden Kapitel dargelegten Deutungsansatz zu stützen.

2. Die Suche nach der Bedeutung des Schattens

Die Tatsache, dass der Schatten die Form des Objekts, das ihn wirft, wiedergeben und somit als Abbild desselben bezeichnet werden kann, bildet die Grundlage einer von Plinius dem Älteren überlieferten Ursprungslegende über die Erfindung der Zeichenkunst.[12] Das Nachzeichnen der Kontur des Schlagschattens eines Menschen an der Wand, also der erste Schattenriss, sei der Ursprung der Malerei gewesen. Die Rekonstruktion der Dreidimensionalität aus eben diesem zweidimensionalen Schattenriss der Ursprung der Plastik. Interessanterweise stellt in diesem Modell die Liebe den Zentralimpuls für die Kreativität dar. Der Vater füllt die Umrisslinien des Schattens, die seine Tochter von ihrem Geliebten, der in die Fremde ging, an der Wand zog, mit darauf gedrücktem Ton aus. Der Schattenriss und die aus ihm entstandene Plastik sind hier Substitut für Abwesendes, übernehmen eine Stellvertreter- oder Zeichenfunktion. Daher lässt sich dieses Modell auch als Repräsentations- oder Gestaltmodell bezeichnen.

Auch wenn im zu behandelnden Text der umgekehrte Fall vorliegt, nämlich Abwesenheit des Schattens und Anwesenheit des Körpers, steht Schlemihls verlorener Schatten als Zeichen oder Signifikant für etwas Abwesendes, für einen Teil von ihm, von dem er sich getrennt fühlt und dessen Anwesenheit er sehnlichst herbeiwünscht.

Welche Bedeutung hat der Schatten, worauf bezieht er sich? Diese Frage ist es, die die Erzählung vorantreibt, und der Versuch der Herstellung von Referenz steht im Mittelpunkt jeder Interpretation der „wundersamen Geschichte“. Was aber, wenn es die eine Bedeutung des Schattens gar nicht gibt, sondern die Unbestimmbarkeit selbst das eigentliche Thema des Textes ist? Dieser Erklärungsansatz stützt sich hauptsächlich auf die Veröffentlichung von Alice A. Kuzniar, die den Schatten Schlemihls zum verschobenen Signifikanten erklärt, „der sich dauernd jeglichem Signifikat entzieht“[13].

Der Unmöglichkeit der Festlegung auf eine bestimmte Bedeutung entspricht auf physikalischer Ebene die Unmöglichkeit einer eindeutigen, nicht willkürlichen Bestimmung des Schlagschattens. Vergleichbar mit einem opaken Körper, der eine unendliche Zahl von Projektionen erzeugen kann, macht der Text sehr viele

Deutungsangebote, verweigert sich aber, auf ein Signifikat festgelegt zu werden. Dies erklärt auch die große Anzahl voneinander abweichender Deutungen, die der Text seit seinem Erscheinen hervorgerufen hat. Neben dem biographisch orientierten Interpretationsansatz, hat sich vor allem die „Deutung des Schattensymbols innerhalb eines sozialen Rahmens“[14] herauskristallisiert.

Gero von Wilpert macht darauf aufmerksam, dass Werte wie Ehre, Vaterland, bürgerliche Solidität oder eigene Identität, die für den Schatten eingesetzt werden, den Werthaltungen der jeweiligen Gesellschaft, der der Interpret angehört, entsprechen.[15] Er selbst führt die Reihe fort, indem er den Schatten zum „Symbol für alle Scheinwerte der bürgerlichen Gesellschaft“[16] erklärt.

Die Möglichkeit den Text so mannigfaltig auszulegen, lässt darauf schließen, dass es hier gerade um eine Thematisierung der Problematik der Auslegung, um eine Reflexion über Symbolisierung und Möglichkeiten der Darstellung geht.

Eine Oppositionsbildung in Bezug auf Verluste und Zugewinne, die sich für Schlemihl durch den Tausch ergeben, lässt den Wert des Schatten tatsächlich abschätzbar erscheinen. Ohne Schatten sind auf der Habenseite Reichtum, Rollenvielfalt, (scheinbarer) Ruhm, Anerkennung und rhetorische Gewandtheit zu verzeichnen. Schlemihl bemerkt zum letzten, von der Forschung weniger beachteten Punkt: „Wenn ich redete, hörte man zu, und ich wußte selbst nicht, wie ich zu der Kunst gekommen war, das Gespräch so leicht zu führen und zu beherrschen.“ (44) Auf der Sollseite steht die gesellschaftliche Isolierung dem Kontakt und der Zugehörigkeit, die ein Leben mit Schatten, aber ohne Geld, zu versprechen scheint, gegenüber. Geld versus Schatten, scheinbare Anerkennung versus Liebe, Reichtum versus Armut, Stigmatisierung versus Integration, Entwurzelung versus Sesshaftigkeit stellen nur eine kleine Auswahl der Gegensatzpaare dar, die sich in der Gegenüberstellung eines Lebens ohne bzw. mit Schatten finden lassen. Die Abwesenheit des Schattens hat ganz offensichtlich vielfältige Auswirkungen, ein festes Signifikat für den Schatten ist jedoch nicht zu gewinnen; der Sinn gleitet. Das Nichtvorhandensein einer eindeutigen Referenz rührt daher, dass der Schatten „keinen absoluten Wert an sich, sondern nur Wert innerhalb einer relativen Ökonomie einer Signfikantenkette“[17] besitzt. Der Wert des Schattens bestimmt sich allein über die Stellung, die er in Bezug zu anderen Signifikanten einnimmt. Er wird in Relation zu anderen Zeichen des Wunderbaren, wie beispielsweise Alraunwurzel, Wechselpfennige, Raubtaler und Galgenmännlein, gesetzt, die neben dem Glückssäckel als mögliche Tauschobjekte fungieren. Dass sie dennoch nicht absolut gleichzusetzen sind, bemerkt der ‚Graue‘ zweideutig: „ [...] für diesen unschätzbaren Schatten halt‘ ich den höchsten Preis zu gering.“ (26) Auch die von Schlemihl aufgestellte Vergleichskette, „dass, um so viel das Gold auf Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so viel der Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde“ (30) ist trügerisch, da die einzelnen Elemente nur auf sich selbst verweisen und sich somit einer eindeutigen Wertzuweisung entziehen. Genau wie Schlemihl kann der Leser nicht eindeutig sagen, was die einzelnen Zeichen bedeuten, „sondern nur, dass sie kontextuell und differentiell aufeinander bezogen sind.“[18]

Der Schatten steht am Anfang einer Tauschkette, die über das Glückssäckel und die Siebenmeilenstiefel zur Forscherexistenz führt. Das Begehren nach dem, was bei dem Tausch abhanden gekommen ist, wird nicht erfüllt, sondern nur durch Anderes ersetzt. Auch die Erforschung und Systematisierung der Natur, die am Ende der Kette von Verschiebungen steht, kann den Kreis nicht schließen, da sie „bloßes Fragment zu bleiben verdammt ist.“ (109)

Die Suche Schlemihls nach dem Schatten, seine wenig zielgerichtete Wanderung durch die Zeit, findet ihre Entsprechung in der hermeneutischen Prozedur, der Suche nach dem Sinn bei der Lektüre des Textes.

Im achten Kapitel kommt es im Rahmen der Selbstdarstellung des ‚Grauen‘ zu einer Reflexion über Grenzen des Verstehensprozesses. Hier bezeichnet er sich selbst zum ersten Mal als Teufel, der jedoch „nicht so schwarz [sei], als man ihn malt.“ (92) Er tritt als beredter Metaphysiker auf, der vorgibt, „das Wort aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei“ (90), eben das Wort, das es dem Leser ermöglichen würde, den Text zu verstehen. Schlemihl, der sich zur „philosophischen Spekulation keineswegs berufen“ (90) fühlt, merkt bald, dass er es mit einem bloßen Rhetoriker, einem Redekünstler, zu tun hat, der mit großem Talent ein fest gefügtes Gebäude aufzuführen [schien], das in sich selbst begründet sich emportrug, und wie durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt‘ ich ganz in ihm, was ich eben darin hätte suchen wollen, und so ward es mir zu einem bloßen Kunstwerk, dessen zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem Auge allein zur Ergötzung diente; (90)

Ebenso wenig, wie der Teufel den Schlüssel zur absoluten Erkenntnis besitzt und aus diesem Grunde nicht mehr als ein „bloßes Kunstwerk“ schaffen kann, kann der Leser erwarten, „mehr als das ‚bloße‘, unendliche Spiel der Signifikanten in Chamissos Fiktion zu entdecken.“[19]

III. Produktion von Realitäts- und Fiktionalitätseffekten

Die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Gattung der „wundersamen Geschichte des Peter Schlemihl“ hat zu Bezeichnungen wie Novellen – Märchen[20] oder phantastische Novelle[21] geführt.

Diese Bezeichnungen verweisen auf die Schwierigkeit, den Text auf eine bestimmte literarische Gattung festzulegen. Sie rührt hauptsächlich aus dem Nebeneinander von Sagen- und Märchenmotiven, wie beispielsweise Fortunati Glücksäckel, das Tellertuch von Rolands Knappen, die Tarnkappe und natürlich das Motiv der Schattenlosigkeit, und einer realitätsgetreuen Darstellung der Außenwelt. Aber im Unterschied zu einer phantastischen Erzählung, in der Irreales in die alltägliche, geordnete Welt einbricht und Angst oder Unbehagen auslöst[22], werden Märchenmotive und Schattenlosigkeit auf der Ebene der fiktiven Figurenwelt des „Peter Schlemihl“ nicht als irreal oder übernatürlich empfunden. Die Figuren der realistisch gezeichneten bürgerlichen Welt, in der Schlemihl sich bewegt, reagieren auf seine Schattenlosigkeit eher mit Entrüstung als mit Verwunderung oder Angst: „Ordentliche Leute pflegten ihren Schatten mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne gingen.“ (30)

Im Märchen wirkt, im Gegensatz zur phantastischen Erzählung, das Wunderbare selbstverständlich. Die Tatsache, dass die wunderbaren Märchenmotive im „Schlemihl“ in eine realistisch gezeichnete Außenwelt hinein gesetzt sind und teilweise sogar durch die Einbettung in rationalistische Erklärungen den Anschein von Realität zu erwecken suchen, macht deutlich, dass es sich nicht um ein Märchen handelt. Als Beispiel für diese realistische Rahmung sei die Folgerichtigkeit, mit der die Erzählung die Eigenschaften des Schattens entwickelt, genannt. Sie gipfelt in der Vogelnest – Episode: „Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich erklärbar. Der Mann mußte das unsichtbare Vogelnest, welches den der es hält, nicht aber seinen Schatten, unsichtbar macht, erst getragen und jetzt weggeworfen haben.“ (76) Auch die Märchengabe der Siebenmeilenstiefel verliert viel von ihrem Wunderbaren, wenn Schlemihl Pantoffeln als Hemmschuhe benutzt, und, wenn die Stiefel eingesetzt werden, um der Erforschung und Systematisierung der Natur zu dienen. Die Reisen Schlemihls durch die Kontinente sind geographisch nachvollziehbar. Die konkrete Nennung und Beschreibung der einzelnen Länder und Erdteile, die er durchwandert, lässt seine märchenhafte Art sich fortzubewegen, in den Hintergrund treten.

Die nähere Bestimmung der Geschichte als „wundersam“ im Titel ist somit eher im Sinne von selten oder außergewöhnlich zu verstehen und nicht im Sinne von wunderbar oder übernatürlich.[23]

Der Schattenverlust, als seltenes, außergewöhnliches und nie gehörtes Ereignis ist es, der die Geschichte in die Nähe der Novelle rückt. Goethe entwickelt in den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“[24] eine immanente Poetik der Novelle. Die Konzentration auf nur eine Begebenheit, die neu und außergewöhnlich sein soll, und der Wahrheitsanspruch kristallisieren sich als zentrale Forderungen an die Gattung heraus.

Obwohl wichtige Elemente der Novelle vorhanden sind, ist die eindeutige Klassifizierung als Novelle nicht möglich. Die Schattenlosigkeit, als Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, und die Märchenmotive, die den Text durchsetzen, stehen dem novellistischen Wahrheitsideal entgegen. Der fehlende Bezug zur „magischen Realität einer Märchenwelt“[25] verhindert wiederum die Charakterisierung als Märchen. Die eindeutige Festlegung auf nur eine Gattung ist aufgrund der Verschränkung von Realität und Märchenhaftem nicht möglich.

Der Text versucht mit verschiedenen Mitteln die märchenhaften Elemente, insbesondere die Schattenlosigkeit, glaubhaft wirken zu lassen und das Wunderbare zu relativieren. Auf fiktiver Ebene durch den realistischen Rahmen der bürgerlichen Welt, in welchem sich die Handlung abspielt, und, wie oben dargelegt, dadurch, dass das Wunderbare von den Figuren nicht als solches wahrgenommen wird.

Die Herausgeberfiktion, die den Anschein weckt, außerhalb der eigentlichen Geschichte zu stehen, ist ein weiteres Mittel zur Schaffung von Authentizität und Wirklichkeitsnähe. Der Lebensgeschichte Schlemihls sind Briefwechsel zwischen Chamisso, Eduard Hitzig und Fouqué vorangestellt, in denen Chamisso sich als Freund Schlemihls ausgibt und auch die Bekanntschaft desselben mit Eduard Hitzig erwähnt. Weiter schreibt er, seien ihm von Schlemihl Blätter überreicht worden, die eine Beichte Schlemihls enthalten. Die Veröffentlichung der Geschichte lehne er jedoch ab, da es ihm „unangenehm [...] sein würde, wenn etwa die Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf [s][...]eine Freundschaft und Redlichkeit an [s][...]einer Brust abgelegt, in einem Dichterwerk an den Pranger geheftet würde [...]“ (10). Im folgenden Brief von Fouqué an Hitzig, gibt dieser ihm zu verstehen, dass es ihm nicht gelingen werde, das Geheimnis zu hüten und er darum die ganze Geschichte gleich drucken lassen werde. Zu dem Spiel mit der Herausgeberfiktion gehört, dass Schlemihl, als fiktiver Urheber seiner eigenen Geschichte, sich im Text mehrmals in persönlicher Ansprache an den Autor Chamisso wendet. Dies stützt die authentische Verankerung der Geschichte. Mit dem von Chamisso verwendeten Zitat aus dem Physikbuch, das zu Beginn dieser Arbeit angeführt wurde, liegt eine Referenz auf die Naturwissenschaften vor, die ebenfalls der Beglaubigung der Geschehnisse um Schlemihl dient.

Die bisher angeführten Beispiele verdeutlichen, dass der Text versucht Wirklichkeitseffekte auf fiktionaler Ebene herzustellen, d. h. er versucht, die Lebensgeschichte Schlemihls so authentisch wie möglich wirken zu lassen, indem er auf die Wirklichkeit referiert.

In Bezug auf die literaturgeschichtliche Verortung des Textes, erweist sich der systemtheoretische Ansatz zur Klassifizierung literarischer Epochen von Gerhard Plumpe[26] als hilfreich. Er stellt heraus, dass es in der Literatur seit Anfang des 19. Jh., im Zuge ihrer Ausdifferenzierung aus ihrer alteuropäischen Funktionseinheit mit wissenschaftlichen, moralischen, politischen und religiösen Bestimmungen[27], zwei große Strömungen gibt. Auf der einen Seite steht Literatur, die die Kunst als Referent hat und ein Ästhetizismusprogramm vertritt, auf der anderen Seite Literatur, die die Wirklichkeit als Referent hat.

Bei der Erstgenannten handelt es sich um selbstreferentielle, sich selbst beobachtende Literatur, die über die Bedingungen ihrer Möglichkeiten reflektiert. Mit dieser Selbstreferenz geht eine Tendenz zur Selbstinszenierung einher, die häufig zur Illusionsbrechung führt. Außerdem besitzt diese Literatur ein „Bewußtsein von ihrer Selbstreproduktion oder ‚Autopoiesis‘“[28]. D. h. sie ist sich bewusst, ihre Reproduktion aus eigenen Ressourcen zu realisieren. Dichtung reflektiert immer auf Dichtung, Texte stehen im Dialog mit anderen Texten.

„Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ vertritt aufgrund der Bezugnahme auf die Wirklichkeit und der fehlenden Selbstreferenz auf fiktionaler Ebene das Realismusprogramm des 19 Jhs. Der Text versucht die Illusion zu erzeugen, dass sich die Geschehnisse in der Realität genauso abgespielt haben.

Auf metafiktionaler Ebene aber ist der Text insofern selbstreferentiell, als er, wie im vorhergehenden Kapitel dargestellt, die Bedingungen der Möglichkeiten ihn selbst zu verstehen reflektiert. Der Text bietet die Möglichkeit, die Suche Schlemihls nach seinem Schatten, als Spiegel der Suche des Lesers nach der Bedeutung des Textes auszulegen. Legt man diese Lesart zugrunde, nimmt er eindeutig auf sich selbst Bezug, da er die Möglichkeiten literarischer Kommunikation thematisiert.

C. Schlussbetrachtung

Von der von Chamisso zitierten Schattendefinition aus einem Physiklehrbuch und dem später weggelassenen Untertitel, der die „Wundersame Geschichte des Peter Schlemihl“ als einen „Beitrag zur Lehre des Schlagschattens“ betitelt, angeregt, stellt die Arbeit Grundmerkmale des Schlagschattens heraus. Die erarbeiteten Merkmale bilden die Vergleichsgrundlage bei der Untersuchung der Eigenschaften des Schattens in der Erzählung. Es gelingt, die Besonderheiten der Ausprägung des Schattenphänomens und deren Funktion im Text heraus zu arbeiten. Der Abbildcharakter des Schlagschattens lässt, im Rückschluss auf das Gestaltmodell des Plinius, dem Schatten eine Zeichenfunktion zuweisen. Der Schatten kann im „Peter Schlemihl“ als Zeichen für etwas Abwesendes gelesen werden, dessen genauer Wert jedoch nicht eindeutig bestimmbar ist. Die Unbestimmbarkeit als eigentliches Thema der Erzählung zu deuten, wird u. a. durch die dem Schatten innewohnende Eigenschaft der Variabilität untermauert.

Im letzten Kapitel steht der Text zunächst im Zusammenhang mit der Frage nach der literarischen Gattung, die ihm zugeschrieben werden kann, im Blickfeld. Die Erzählung wird im Hinblick auf Grundcharakteristika des Märchens, der Novelle und der phantastischen Erzählung geprüft. Es zeigt sich, dass das Nebeneinander von einer realistisch gezeichneten Außenwelt und märchenhaften Elementen eine eindeutige Festlegung auf nur eine Gattung verhindert. Die Erkenntnis, dass der Text die Lebensgeschichte Schlemihls und damit auch das Motiv der Schattenlosigkeit authentisch zu verankern sucht und die Wirklichkeit zum Bezugsrahmen macht, rechtfertigt es, ihm im Sinne des systemtheoretischen Ansatzes Gerhard Plumpes ein realistisches Schreibprogramm zuzuweisen.

Literaturverzeichnis

A. Quellen

Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Tübingen 1979.

Goethe, Johann Wolfgang: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Stuttgart: Reclam 1999.

Mann, Thomas: Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band IX. Reden und Aufsätze. Oldenburg 1960, S. 35-57.

Plinius: Naturgeschichte. Buch XXXV, V, 15 und XLIII, 151.

Sydow, Max (Hrsg.): Chamissos Werke. Dritter Teil. Berlin.

B. Darstellungen

Brüggemann, Heinz: Peter Schlemihls wundersame Geschichte der Wahr- nehmung. Über Adelbert von Chamissos literarische Analyse visueller Modernität. – In: Bild und Schrift in der Romantik. Hrsg. von Gerhard Neumann und Günter Oesterle. Würzburg 1999, S. 143-188.

Freund, Winfried: Adelbert von Chamisso „Peter Schlemihl“, Geld und Geist: ein bürgerlicher Bewußtseinsspiegel; Entstehung, Struktur, Rezeption, Didaktik. Paderborn 1980.

Kuzniar, Alice A.: „Spurlos... verschwunden“: „Peter Schlemihl“ und sein Schatten als der verschobene Signifikant. – In: Aurora 45, 1985, S. 189-204.

Plumpe, Gerhard: Epochen moderner Literatur. Ein systemtheoretischer Entwurf. Opladen 1995.

Renner, Rolf Günter: Schrift der Natur und Zeichen des Selbst. Peter Schlemihls wundersame Geschichte im Zusammenhang von Chamissos Texten. – In: DVjs 65, 1991, S.653-673.

Wiese, Benno von: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. 1956, S. 97-116.

Wilpert, Gero von: Der verlorene Schatten: Varianten eines literarischen Motivs. Stuttgart 1978.

[...]


[1] Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten. Varianten eines literarischen Motivs. Stuttgart 1978.

[2] Zit. nach Max Sydow (Hrsg.): Chamissos Werke. Dritter Teil. Berlin, S.150 – 151.

[3] Vgl.: Ebd.: S. 151.

[4] Vgl. insb.: Thomas Mann: Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band IX. Reden und Aufsätze. Oldenburg 1960, S. 56: „Der Schatten ist im ‚Peter Schlemihl‘ zum Symbol aller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeit geworden.“

[5] Zit. nach Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten: Varianten eines literarischen Motivs, S. 43.

[6] R. G. Renner: Schrift der Natur und Zeichen des Selbst. Peter Schlemihls wundersame Ge-

schichte im Zusammenhang mit Chamissos Texten. In: DVjs 65, 1991, S. 655.

[7] Vgl.: Heinz Brüggemann: Peter Schlemihls wundersame Geschichte der Wahrnehmung.

Würzburg 1999, S. 163.

[8] Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Tübingen 1979, S. 17. Zitat-

belege nach dieser Ausgabe mit Seitenangabe künftig im Text.

[9] Vgl.: Alice A. Kuzniar: „Spurlos... verschwunden“: „Peter Schlemihl“ und sein Schatten als der

verschobene Signifikant. - In: Aurora 45. 1985, S.192.

[10] Vgl.: Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten: Varianten eines literarischen Motivs, S. 46.

[11] Ebd.: S. 44.

[12] Plinius: Naturgeschichte (Buch XXXV, V, 15 und XLIII, 151)

[13] Alice A. Kuzniar: „Spurlos...verschwunden“..., S. 194.

[14] Ebd.: S. 193.

[15] Vgl.: Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten: Varianten eines literarischen Motivs, S. 32.

[16] Ebd.: S. 40.

[17] Kuzniar: S. 195.

[18] Ebd.: S. 197.

[19] Ebd.: S. 197.

[20] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. 1956, S. 98.

[21] Vgl.: Thomas Mann. Reden und Aufsätze. 1960, S.48.

[22] Vgl.: Winfried Freund: Adelbert von Chamisso. Peter Schlemihl. Geld und Geist. Ein bürgerlicher Bewußtseinsspiegel...1980, S.51.

[23] Vgl.: T. Mann: Reden und Aufsätze, S. 48.

[24] J. W. Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Stuttgart: Reclam 1999.

[25] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka, S. 104.

[26] Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. Ein systemtheoretischer Entwurf. Opladen 1995.

[27] Vgl.: Ebd.: S. 78.

[28] Ebd.: S. 91.

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (Buch)
9783656562382
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29540
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Note
sehr gut
Schlagworte
Physikalische Eigenschaften Schattens Ansatzspunkt Deutung Peter Schlemihls Geschichte Licht Schatten Konstruktion Bedeutung Texten Jahrhundert

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Titel: Physikalische und wahrnehmbare Eigenschaften des Schattens als Ansatzspunkt zur Deutung "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte"