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Die Belastung und Beanspruchung des Pflegepersonals eines auf Beatmungspflege und Pflege bei Demenz spezialisierten ambulanten Pflegedienstes

Eine empirische Studie

Wissenschaftliche Studie 2013 84 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ausgangslage, Fragen, Methode, Ziele
1.1 Vorstellung des untersuchten Betriebs
1.2 Fragestellung
1.3 Zur Auswahl der Fragebögen
1.4 Ziele der empirischen Studie

2 Theoretische Grundlage: Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept
2.1 Geschichte des Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts
2.2 Klärung der Begriffe „Belastung“, „Beanspruchung“ und „subjektive Leistungsvoraussetzung“
2.3 Begriffsbeziehungen
2.4 Kritik am Belastungs-Beanspruchungs-Konzept und Entgegnungen dazu
2.5 Alternativen zum Belastungs-Beanspruchungs-Konzept
2.6 Irreführendes im Abschlussbericht
2.7 Resümee

3 Beschreibung der Messinstrumente
3.1 Fragebogen zur Belastung
3.2 Fragebogen zur Beanspruchung

4 Durchführung der Studie
4.1 Genehmigungsverfahren
4.2 Versand und Verteilung der Fragebögen

5. Auswertung
5.1 Umgang mit Lücken
5.2 Umgang mit Stereotypie und Widersprüchen

6 Darstellung und Diskussion der Ergebnisse
6.1 Qualitative Arbeitsbelastung
6.2 Quantitative Arbeitsbelastung
6.3 Arbeitsorganisation
6.4 Soziales Arbeitsumfeld
6.5 Außerberufliche Situation
6.6 Gesamtauswertung der Belastungsfragebögen
6.7 Beanspruchung

7 Empfehlungen zur Reduktion von Belastung und Beanspruchung
7.1 Reduktion qualitativer Überlastung
7.2 Reduktion quantitativer Überlastung
7.3 Verbesserung der Arbeitsorganisation
7.4 Verbesserung des sozialen Arbeitsumfeldes
7.5 Verbesserung der außerberuflichen Situation und Reduktion der Beanspruchung

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1

Tabelle 2

Tabelle 3

Tabelle 4

Tabelle 5

Tabelle 6

Tabelle 7

Tabelle 8

Tabelle 9

Tabelle 10

Tabelle 11

Tabelle 12

Tabelle 13

Tabelle 14

Tabelle 15

Tabelle 16

Tabelle 17

Tabelle 18

Tabelle 19

Tabelle 20

Tabelle 21

Tabelle 22

Tabelle 23

Tabelle 24

Tabelle 25

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1

Abbildung 2

Abbildung 3

Abbildung 4

Abbildung 5

Abbildung 6

Abbildung 7

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Ausgangslage, Fragen, Methode, Ziele

Der Autor war vom 1. Januar bis zum 31. Juli 2013 bei der „Mucho ruido y pocas nueces GmbH & Co. KG“ (im Folgenden kurz als „Mucho ruido y pocas nueces“ bezeichnet), einem auf Heimbeatmung spezialisierten ambulanten Pflegedienst, als Altenpfleger angestellt. Dabei wurde er auch zweimal im Mutterunternehmen von Mucho ruido y pocas nueces, dem Amethyst Pflegedienst GmbH & Co. KG (im Folgenden kurz „Amethyst Pflegedienst“ genannt), eingesetzt. Vom 1. August 2013 bis zum 26. August 2013 war der Autor beim Amethyst Pflegedienst beschäftigt, bei der er die im Folgenden dargestellte Fragestellung entwickelte und daraufhin eine Studie zur Belastung und Beanspruchung in diesem Betrieb durchführte.

1.1 Vorstellung des untersuchten Betriebs

Der in Berlin-Kaulsdorf ansässige „Amethyst Pflegedienst“ ist ein ambulanter Pflegedienst und versorgt Patienten in insgesamt vier Wohngemeinschaften; darüber hinaus ist der Amethyst Pflegedienst für die Pflege einiger Patienten in der häuslichen Umgebung zuständig. In drei der vier Wohngemeinschaften werden beatmungspflichtige Patienten und beatmungsentwöhnte Patienten, die jedoch noch tracheostomiert sind, rund um die Uhr versorgt. In einer weiteren Wohngemeinschaft werden demenziell Erkrankte betreut und gepflegt.

Die Geschäftsleitung, Pflegedienstleitung und Verwaltung des Amethyst Pflegedienstes sind im Juli 2013 von einem Wohnhaus in der Masseltoffstr. 59 (Hinterhaus) nach Alte-Schweden-Str. 23 in 12621 Berlin umgezogen. Die Beatmungs-WGs 1 und 2 sind in der Masseltoffstr. 59 (Vorderhaus/Ärztehaus) untergebracht. Die Beatmungs-WG 3 befindet sich in der Josephstr. 36, die ebenfalls in Kaulsdorf gelegen ist. Die Demenz-WG befindet sich in der Langobarden Allee 80 im Ortsteil Marzahn des Berliner Bezirks Marzahn-Hellersdorf.

Laut MDK-Transparenzbericht vom 23. Mai 2013 versorgte der Amethyst Pflegedienst zu diesem Zeitpunkt 35 Kunden, also 6 Patienten weniger als bei der vorherigen MDK-Prüfung am 20. August 2012. Im August 2013 wurden in WG 1 acht Patienten, in WG 2 neun Patienten und in WG 3 zwei Patienten pflegerisch versorgt.

Da beim Amethyst Pflegedienst sowohl Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen, Fachkrankenpfleger/-innen für Anästhesie und Intensivpflege sowie Operations-/Endoskopiedienst, Altenpfleger/-innen und Pflegehelfer/-innen beschäftigt sind, wird der Einfachheit halber im Folgenden pauschal von den „Pflegenden“ die Rede sein. Die Tab. 1 zeigt, wie viele Pflegende ungefähr in den einzelnen Wohngemeinschaften zum Zeitpunkt der Studie beschäftigt waren. Quelle für diese Zahlen sind im Fall von WG 2, WG 3 und der Demenz-WG Telefonate mit den diensthabenden Pflegenden am 9. August 2013; ergänzt wurden diese Zahlen durch eigene Dienstplansichtung in der Beatmungs-WG 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1

Anzahl der Pflegenden in den vier vom Amethyst Pflegedienst betreuten Wohngemeinschaften

Die Angaben sind daher so vage, da Amethyst mit einer großen Menge an geringfügig Beschäftigten arbeitet, die aber nicht jeden Monat zum Einsatz kommen. Im Fall von WG 2 erwähnte die Teamleitung eine Langzeitkranke, die nicht mitgezählt wurde.

Laut Informationen der Website des Amethyst Pflegedienstes wurde „2007 der Grundstein zur Gründung des Amethyst-Pflegedienst gelegt“. Aktenkundig wurde der Amethyst Pflegedienst allerdings erst am 18. Februar 2010, als die Amethyst Beteiligungs GmbH neu in das Handelsregister Abteilung A eingetragen wurde (Bundesanzeiger 2013a). Einen Monat später, also am 18. März 2010, wurde die Amethyst Pflegedienst GmbH & Co. KG in das Handelsregister Abteilung B eingetragen (Bundesanzeiger 2013b).

In den Beatmungs-WGs wird im Zwei-Schicht-System gearbeitet. Der Tagdienst dauert von 7:00 Uhr bis 19:30; der Nachtdienst von 19:00 bis 7:30. Die Nettoarbeitszeit beträgt nach Abzug einer Pause von 45 Minuten 11,75 Stunden. Das Schichtsystem ist vorwärts rotierend, d.h. auf zwei Tagdienste folgen zwei Nachtdienste und darauf folgen dreieinhalb freie Tage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

MDK-Prüfung des Amethyst Pflegedienstes von 2012

Während der Amethyst Pflegedienst bei der MDK-Prüfung 2012 noch mit einer glatten „1“ abgeschlossen hatte (siehe Abb. 1), so erhielt er bei der MDK-Prüfung 2013 nur noch die Note 1,5 (gut) und lag damit unter dem Landesdurchschnitt von 1,3 (sehr gut). Der folgenden Abb. 2 können die Noten der einzelnen Qualitätsbereiche entnommen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

MDK-Prüfung des Amethyst Pflegedienstes von 2013 [1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2

Vergleich der MDK-Prüfungen vom 2012 und dem 2013

Das Gesamtergebnis der MDK-Prüfung von 2013 wurde vor allem wegen mittelmäßig bis schlechter Ergebnisse bei folgenden Kriterien gesenkt:

- Die Pflegebedürftigen bzw. ihre Angehörigen wurden nicht bei erkennbaren Ernährungsdefiziten des zu Pflegenden informiert (Note 5.0);
- Die Lagerung zur Vermeidung von Druckgeschwüren verlief offenbar nicht optimal (Note 2,9);
- Die Medikamentengabe entsprach nicht vollends der ärztlichen Verordnung (Note 3,4);
- Die Injektionen wurden nicht gänzlich nachvollziehbar durchgeführt oder dokumentiert oder bei Komplikationen wurde der Arzt nicht informiert (Note 2,9);
- Bei behandlungspflegerischem Bedarf war eine aktive Kommunikation mit dem Arzt nicht nachvollziehbar (Note 5,0)(vgl. MDK 2013).

Als Reaktion auf die Ergebnisverschlechterung zum Vorjahr strich nach Angaben einer Mitarbeiterin die Geschäftsleitung sämtlichen Pflegenden zwei Monate lang die „Pflegezulage“ von ihrem Gehalt.

1.2 Fragestellung

Schlechtere MDK-Bewertung, weniger Gehalt, mehr Leistungsdruck: Insofern liegt es nahe, die Arbeitsbedingungen in ihrer Auswirkung auf die Pflegenden zu untersuchen und herauszuarbeiten, inwieweit die Pflegenden des Amethyst Pflegedienstes psychischen Belastungen und Beanspruchungen ausgesetzt sind. Das ist vor allem vor dem Hintergrund des Ergebnisses einer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Auftrag gegebenen Studie interessant, bei der sich herausgestellt hat, dass die Arbeitszufriedenheit in der ambulanten Pflege signifikant höher als in allen anderen Vergleichsgruppen ist. Zu den Vergleichsgruppen zählten nicht nur die Gruppe der in der stationäre Altenpflege und die Gruppe der in der stationären Krankenpflege Beschäftigten, sondern verschiedene andere Branchen (vgl. Gregersen et al. 2010: 113).

Im Vergleich zur stationären Altenpflege ist in den Beatmungs-WGs die geringere Anzahl der versorgten Patienten auffällig. Während in der stationären Altenpflege es nicht unüblich ist, dass ein Pflegender oder eine Pflegende 10 - 12 Bewohner/-innen im Frühdienst grundpflegerisch versorgt, so ist der Pflegende in der Beatmungspflege höchstens für drei Patienten zuständig. Quelle für diese Zahlen sind die persönlichen Erfahrungen des Autors. Doch wegen des hohen „technischen“ Anteils der Pflege, der Bedienung und Wartung vieler verschiedener Beatmungsmaschinen, der häufigen Alarme der Beatmungsgeräte, der Multimorbidität und Hinfälligkeit der Patienten und wegen Defiziten in der Arbeitsorganisation und Teamkooperation erschien es unklar, ob trotz der körperlich weniger anstrengenden und weniger hektischen Arbeit nicht doch für die Pflegenden eine psychisch hohe Belastung und vielleicht sogar Beanspruchung vorhanden ist. So war das Thema für die vorliegende Arbeit gefunden, die psychische Belastung und Beanspruchung von Pflegenden in einer auf Beatmungspflege spezialisierten Einrichtung zu untersuchen.

Eine zusätzliche Belastungsquelle könnte sein, dass im Laufe des Sommers 2013 das Personal in der Beatmungs-WG 1 im Tag- und im Nachtdienst von jeweils 4 auf 3 Personen reduziert wurde.

Bezogen auf diese undurchsichtige Situation zur Belastung und Beanspruchung der beim Amethyst Pflegedienst beschäftigten Pflegenden ergibt sich die folgende Fragestellung: Inwieweit sind die beim Amethyst Pflegedienst beschäftigten Pflegenden Belastungen ausgesetzt und wie verteilt sich die Belastung auf die einzelnen Belastungsquellen? Darüberhinaus stellt sich die Frage, wie sich die Belastung auf die Pflegenden in Form von Beanspruchung auswirkt.

1.3 Zur Auswahl der Fragebögen

Für diese Studie wurde auf valide und reliable Fragebögen zurückgegriffen, die sich bereits in anderen Studien bewährt haben, weil die Studierenden des Studiengangs Pflegemanagement nicht in die Tiefen empirischer Forschung und Statistik vordringen und es daher problematisch wäre, wenn die Studierenden eigene Fragebögen entwickeln würden.

Durch eine Bachelorarbeit wurde der Autor auf die Toolbox der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit einer Auflistung von Fragebögen zur psychischen Belastung von Arbeitnehmern aufmerksam (vgl. Arnold, Merz 2011: 14). Der Autor wählte aus dieser Auflistung (vgl. BAuA) die von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) entwickelten Fragebögen zur Belastung und Beanspruchung des Pflegepersonals aus, da sie sich im Gegensatz zu allgemeiner formulierten Fragebögen ganz spezifisch auf die Situation der Pflegenden beziehen. Aber darüberhinaus berücksichtigen die Fragebögen auch die Spezifika der unterschiedlichen Bereiche der Pflege, denn die Fragebögen liegen inzwischen in vier verschiedenen Varianten für die folgenden Bereiche der Pflege vor:

- ambulante Pflege;
- stationäre Krankenpflege;
- stationäre Altenpflege;
- stationäre Behindertenhilfe (vgl. Kersten, Meyer 2013: 16 – 48).

In Anhang 2 findet sich eine Gegenüberstellung der vier Belastungsfragebögen und in Anhang 3 ein Vergleich der vier Beanspruchungsfragebögen. Übereinstimmungen und Differenzen zwischen den verschiedenen Varianten der Fragebögen sind in den beiden Tabellen ablesbar. Nun stellte sich die Frage, welche Fragebögen sich für eine Studie beim Amethyst Pflegedienst am besten eignen. Für den Fragebogen für die ambulante Pflege sprach, dass der Amethyst Pflegedienst formalrechtlich und „abrechnungstechnisch“ Leistungen der ambulanten Pflege erbringt. Beleg hierfür ist, dass der Amethyst Pflegedienst in der Auflistung ambulanter Pflegeeinrichtungen mit Versorgungsvertrag nach SGB XI auf dem „offiziellen Hauptstadtportal“ berlin.de am 19. November 2013 aufgeführt wird (vgl. BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG 2013). Gegen diesen Fragebogen sprach aber, dass die Arbeit beim Amethyst Pflegedienst von Organisation und Ablauf eher den Charakter von stationärer Krankenpflege hat, weil alle Patienten ähnlich wie auf einer Station eines Krankenhauses untergebracht sind, ein mehrköpfiges Team sich die Arbeit flexibel aufteilt, sich die Mitarbeiter/-innen gegenseitig unterstützen können und rund um die Uhr Personal anwesend ist. Die Fragebögen für die ambulante Pflege richten sich jedoch an Pflegende, die in der klassischen ambulanten Pflege alleine unterwegs sind und mit einem Fahrrad oder Auto zu den Patienten fahren, um jene zu Hause zu versorgen. Beispiel: Die Aussage „In schwierigen Situationen fehlt mir die (direkte menschliche) Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen“ bezieht sich ganz konkret auf die Situation des einzeln agierenden ambulanten Pflegers, der vor Ort eben keinen anderen hat, den er um Hilfe fragen kann. Auch das Item „Durch unvorhergesehene Ereignisse im Straßenverkehr (z. B. Parkplatzsuche, Stau) gerate ich häufig unter Zeitdruck“ richtet sich offensichtlich an jene Pflegende, die in der häuslichen Pflege unterwegs sind. Daher würde der Fragebogen für die stationäre Krankenpflege bei Amethyst mehr Sinn ergeben. Doch da der Einsatz eines Fragebogens, auf dem unten „stationäre Krankenpflege“ verzeichnet steht, möglicherweise zu Irritationen bei den Befragten geführt hätte, die in ihrem Selbstverständnis Leistungen der ambulanten Pflege erbringen, wurden also doch die Fragebögen für die ambulante Pflege eingesetzt.

Die Fragebögen zur Belastung und Beanspruchung sind kurz und erstrecken sich über jeweils zwei Seiten. Die Fragebögen enthalten jeweils 22 Fragen, die vom Befragten schnell beantwortet werden können. So ist die Hemmschwelle, die Fragebögen auszufüllen, gering.

1.4 Ziele der empirischen Studie

Es geht in dieser Studie nicht alleine darum, das Ausmaß von Belastung und Beanspruchung bei den Pflegenden des Amethyst Pflegedienstes zu ermitteln, sondern ein konstruktives Ziel dieser Studie ist es, die Ergebnisse zu diskutieren und aus dieser Diskussion Empfehlungen für den Pflegedienst abzuleiten, um möglicherweise vorhandene negative Belastungen und Beanspruchungen zu reduzieren, die Pflegenden in ihrer Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft gezielt zu fördern und gesundheitliche Beeinträchtigungen für die Pflegenden präventiv zu vermeiden. Denn entlastete und wenig beanspruchte Arbeitnehmer/-innen kommen lieber zur Arbeit, sind motivierter und erbringen auch bessere Leistungen. Da in Berlin der Beatmungs-Sektor boomt und viele Unternehmen wie der Amethyst Pflegedienst sich auf Beatmungspflege spezialisiert haben, sind die Empfehlungen sicherlich auch für andere ambulante Pflegedienste im Beatmungssektor relevant.

2 Theoretische Grundlage: Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept

Das „Belastungs-Beanspruchungs-Konzept“ liegt den vom BGW entwickelten Fragebögen zu Grunde. Im Kapitel 2.1 wird die Geschichte der Entwicklung des „Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts“ geschildert; deutsche Arbeitswissenschaftler leiteten es von einer US-Studie und von eigenen Studien ab (Rohmert, Rutenfranz 1975: 23). Dabei bezogen sich die Untersuchungen zunächst auf Fabrikarbeiter/-innen und wurden erst später auf andere Berufsgruppen wie Lehrer oder Pflegende ausgeweitet. Im Kapitel 2.2 werden die Begriffe „Belastung“, „Beanspruchung“ und „subjektive Leistungsvoraussetzungen“ hergeleitet und definiert; hier ist Sorgfalt geboten, da ein typischer Irrtum bezüglich des Konzeptes in der Verwechslung von Fachtermini mit Worten aus der Alltagssprache begründet liegt. Im Kapitel 2.3 wird die Dynamik in der Beziehung der drei in Kapitel 2.2 definierten Begriffe beschrieben. Dem Belastungs-Beanspruchungs-Konzept steht eine ganze Reihe von Alternativkonzepten gegenüber (Oesterreich 2001), wie im Kapitel 2.4 dargelegt wird. Das „Belastungs-Beanspruchungs-Konzept“ ist sehr verbreitet, wurde aber auch häufig kritisiert und daraufhin modifiziert und weiter entwickelt. Das Kapitel 2.5 gibt in geraffter Form Überblick über die Kritik am Belastungs-Beanspruchungs-Konzept und referiert die Entgegnungen zu dieser Kritik. Im Kapitel 2.6 wird auf Irreführendes im Abschlussbericht zur Evaluation der Fragebögen zur BGW miab hingewiesen. Sattel hat in seinem Abschlussbericht anstatt des Belastungs-Beanspruchungs-Konzeptes von Rohmert und Rutenfranz das Konzept Anforderung/Belastung von Leitner aufgegriffen, aber modifiziert; die Unterschiede zwischen Sattlers und Leitners Konzept werden dargestellt. Schlussendlich hat sich Sattel in seiner Darstellung aber geirrt. So liegt das Resümee in Kapitel 2.7 nahe, dass das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept für ein Anliegen dieser Art am besten geeignet ist.

2.1 Geschichte des Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts

Die US-amerikanische Arbeitswissenschaftler McCormick et al. führten 1969 eine Studie durch, bei der sie gemäß dem „conventional S-O-R (stimulus-organism-response) paradigm“ (McCormick et al. 1969: 1) Arbeitnehmer/-innen bei der Arbeit beobachteten, wie sie Informationen aufnahmen, verarbeiteten und Arbeitstätigkeiten folgen ließen. Die englischen Begriffe „stimulus“, „organism“ und „response“ kann man mit „Reiz“, „Organismus“ bzw. „intervenierende psychische Variable“ und „Reaktion“ übersetzen (Balderjahn, Scholderer 2007: 5f.). Als Reize gelten auch das Arbeitsumfeld und andere Eigenschaften der Arbeit, die von McCormick et al. ebenfalls analysiert wurden (vgl. McCormick 1969: 1). Dabei interessierten die Forscher/-innen weniger der technische Teil der Arbeit, sondern die Auswirkungen der Tätigkeit auf das menschliche Verhalten der Arbeitspersonen (vgl. McCormick 1969: 1).

Das S-O-R-Paradigma stellt eine Weiterentwicklung des S-R-Paradigmas dar (vgl. Balderjahn, Schelderer 2007: 6). Das S-R-Paradigma war eine Entwicklung der Behavioristen, die auf dem Standpunkt standen, dass psychische Faktoren des Menschen wie Gefühle und Motive weder beobachtbar, noch messbar seien und daher bei Studien unberücksichtigt bleiben sollen (vgl. Balderjahn, Schelderer 2007: 5). Um aber individuell unterschiedliches Verhalten auf gleiche Reize erklären zu können, fügte der Neo-Behaviorismus in das S-R-Paradigma die „intervenierende psychische Variable“ bzw. den „Organismus“ ein (vgl. Balderjahn, Schelderer 2007: 6). Dabei griff der Neo-Behaviorismus auch auf Begriffe der Bewusstseinspsychologie wie z. B. Antrieb zurück und entwickelte hypothetische Konstrukta zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Reizen und Reaktionen (vgl. Arnold 1980: 1451).

Als nun in der BRD zur Zeit der sozialliberalen Koalition im Jahre 1975 Rohmert, Rutenfranz und weitere Arbeitswissenschaftler vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales den Auftrag erhielten, die „Belastung und Beanspruchung an unterschiedlichen industriellen Arbeitsplätzen“ (Rohmert, Rutenfranz 1975: 19) zu ermitteln und schwere und leichte Arbeit zu definieren, bezogen sie sich auf die von McCormick et al. in „Tätigkeits-, Aufgaben- und Anforderungsanalysen gefundene Arbeitsschwierigkeit bzw. Arbeitsschwere“ (Rohmert, Rutenfranz 1975: 23) und leiteten davon das „Belastungs-Beanspruchungs-Konzept“ ab. Dabei entspricht die Belastung dem Reiz, während die Beanspruchung die Reaktion des Organismus darstellt. Hintergrund der Studie von Rohmert und Rutenfranz war, dass Frauen in der Industrie ungerechterweise niedrigere Gehälter als Männer erhielten, da die Arbeitgeber sie oft in die „Leichtlohngruppen“ klassifizierten; da die Arbeit der Frauen körperlich nicht so anstrengend sei, müsse sie auch niedriger entlohnt werden, argumentierten die Arbeitgeber[2]. Das Belastungs- und Beanspruchungs-Konzept wurde in den nächsten Jahrzehnten als Grundlage für weitere Studien verwandt, diskutiert und erweitert.

2.2 Klärung der Begriffe „Belastung“, „Beanspruchung“ und „subjektive Leistungsvoraussetzung“

Etymologisch betrachtet leitet sich das Substantiv „Last“ vom westgermanischen Substantiv „Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten“ ab, was so viel wie „Ladung“ bedeutet (Dudenredaktion 2007: 471). Dieses Wort ist die Substantivbildung zum Verb „laden“ und seiner Vorläufer und Varianten, die auf die baltoslawische Wurzel „*klā-“ für „hinbreiten, aufschichten“ zurückgehen (Dudenredaktion 2007: 465). Die negative Konnotation erhielt das Wort „Last“ erst durch die übertragene Verwendung wie in der Floskel „einem zur Last fallen“ oder im Kaufmännischen, wo die „Last“ die noch offenstehenden Rechnungen bezeichnet (vgl. Dudenredaktion 2007: 471). Dies gilt auch für die Ableitungen von dem Wort „Last“ wie „belasten“ oder „Belastung“ in der Formulierung „Belastung von Angeklagten durch Zeugenaussagen“ (Rohmert 1984: 193). Diese historisch entwickelte negative Nebenbedeutung des Wortes „Belastung“ in der Alltagssprache erschwert es vielen, den Fachterminus „Belastung“ neutral aufzufassen. Dabei hat das Deutsche Institut für Normung psychische Belastung allgemeinverbindlich als „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken“ definiert (DIN EN ISO 10075-1:2000: 87). Diese Definition ist deshalb neutral, da nicht nur Einflüsse von der Arbeitsperson bewältigt werden können, sondern auf die Arbeitsperson auch förderliche Einflüsse psychisch einwirken, die sie beispielsweise erfreuen und/oder anspornen (z. B. ein zunehmend autonomer Patient, die Heilung einer komplizierten Wunde).

Im ursprünglichen Sinne hatten Rohmert und Rutenfranz aber nicht nur die psychische Belastung, sondern auch die Belastung mit physiologischer Auswirkung im Blick (Oesterreich 2001: 162). Belastung wird demnach definiert als „die Gesamtheit aller auf den Menschen einwirkenden Faktoren der Arbeit und der Arbeitsumgebung“ (Martin 2003: 16). Die Belastung setzt sich aus den verschiedenen Teilbelastungen zusammen und hängt von Höhe und Dauer des Einwirkens der Belastungsquellen ab. Beispielsweise liegt eine Belastung dann nicht vor, wenn sie nur sehr kurz einwirkt und der Arbeitnehmer sie noch gut zu bewältigen weiß. Martin führt hier das Beispiel eines 40 kg schweren Zementsackes an, den kurz anzuheben für die meisten kein Problem darstelle; wenn man ihn aber länger tragen müsse, würde es zu einer Überlastung[3] der Arbeitsperson kommen (vgl. Martin 2003: 16). Der in der vorliegenden Studie verwandte Fragebogen untersucht indes nur die psychische Belastung. „Mit dem Fragebogen zur Erfassung der psychischen Belastung lassen sich schwierige, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen (...) identifizieren, bevor sie zu negativen gesundheitlichen Beanspruchungen führen.“ (Kersten, Meyer 2013: 17)

Die Beanspruchung wurde ebenfalls vom Deutschen Institut für Normung definiert: „Die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien.“ (DIN EN ISO 10075-1:2000: 87). Ob überhaupt eine Beanspruchung vorliegt und wenn ja, in welchem Ausmaß, hängt nicht nur von Art und Dauer der Belastung, sondern von den individuellen Eigenschaften des Arbeitnehmers ab. Ältere Arbeitnehmer in der Pflege werden die morgendliche Grundversorgungsrunde in einem Altenheim als deutlich anstrengender wahrnehmen als jüngere Arbeitnehmer. Beanspruchung entsteht also erst dann, wenn die individuellen Eigenschaften die Belastung nicht mehr kompensieren können. Die individuellen Eigenschaften sind gleichzusetzen mit den „subjektiven Leistungsvoraussetzungen“. Die Abb. 3 zeigt eine Übersicht der subjektiven Leistungsvoraussetzungen, die von einem Forscherteam der DDR erarbeitet wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3

Subjektive Leistungsvoraussetzungen für die Arbeit (Kulka 1980: 111)

2.3 Begriffsbeziehungen

Die Bedeutung des Belastungs-Beanspruchungs-Konzept wird erst deutlich, wenn man die drei Begriffe „Belastung“, „Beanspruchung“ und „subjektive Leistungsvoraussetzungen“ bzw. „individuelle Eigenschaften“ zueinander in Beziehung setzt. Dabei ist der Begriff „Belastung“ neutral, d. h., dass eine Belastung sich auf den Arbeitnehmer nicht an und für sich negativ auswirkt. Die subjektiven Leistungsvoraussetzungen können den Arbeitnehmer dazu bringen, die Belastungen zu verkraften. Erst wenn die Belastungen die subjektiven Leistungsvoraussetzungen übersteigen, entsteht die Beanspruchung.

Abb. 4 stellt das Verhältnis von Belastung, Beanspruchung und den „subjektiven Leistungsvoraussetzungen“ dar. Die Grafik zeigt eine Waage, die auf der einen Seite von einem Gewicht, das die Belastung darstellt, runtergezogen wird. Auf der anderen Seite ist eine Feder, die für die persönlichen Eigenschaften der Arbeitsperson steht. Der Zeiger der Waage gibt den Grad der Beanspruchung an, der niedrig ist, wenn die Feder weit nach unten geht und das Gewicht weit hoch zieht; der Grad der Beanspruchung ist aber um so höher, desto schwächer die Feder ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4

Modell zur Erklärung der Beziehungen zwischen Belastung und Beanspruchung (Laurig 1990: 37)

An den subjektiven Leistungsvoraussetzungen setzen die späteren Empfehlungen an (siehe Kapitel 7 dieser Arbeit). Der Arbeitnehmer soll also darin gefördert werden, seine Leistungsfähigkeit zu steigern und die Leistungsbereitschaft zu erhöhen. Andererseits muss er vor Überlastung geschützt werden. Die subjektiven Leistungsvoraussetzungen sind das Gegengewicht zur Belastung; befinden sich die subjektiven Leitungsvoraussetzungen und die Belastung in einem ausgeglichenen Zustand, dann hat die Beanspruchung ein erträgliches Ausmaß.

Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell wurde um den Prozess der Rückkopplung erweitert (vgl. Martin 2003: 17). Wenn die Beanspruchung nämlich nicht so hoch oder so niedrig ist, wie von der Arbeitsperson eingeschätzt wurde, dann passt die Arbeitsperson ihre Eigenschaften an die tatsächliche Beanspruchung an. Wenn eine Arbeitsperson sich beispielsweise mit voller Kraft an eine Aufgabe heranbegibt, die dann doch nicht so schwer ist, wie angenommen, dann reduziert sie den Kraftaufwand (vgl. Martin 2003: 17). Langfristig treten bei einer Arbeitsperson Trainings- und Lerneffekte ein, da die Beanspruchung dazu führt, dass die Arbeitsperson ihre Leistungsfähigkeit erhöht. Eine Möglichkeit, seine Leistungsfähigkeit zu erhöhen, ist zum Beispiel sportliches Training oder Fort- und Weiterbildung. Aber auch die Routine und die Arbeitseinteilung fördert die Belastbarkeit der Arbeitsperson. Die Folge ist, dass die Arbeitsperson seine Leistungsfähigkeit immer mehr der Belastung anpasst und damit die Beanspruchung sinkt.

2.4 Kritik am Belastungs-Beanspruchungs-Konzept und Entgegnungen dazu

Dem Belastungs-Beanspruchungs-Konzept wird vorgeworfen, dass es vom ingenieurwissenschaftlichen und arbeitsmedizinischen Bereich auf den sozialwissenschaftlichen Bereich erweitert worden ist, jedoch die Begriffe, die im ingenieurwissenschaftlichen Bereich noch einen Sinn ergeben, sich im sozialwissenschaftlichen Bereich als nicht geeignet erweisen (vgl. Oesterreich 2001: 163). Denn der Begriff der Belastung, der im Rahmen ingenieurwissenschaftlicher Forschungen neutral verwendet wird, wird in der Arbeitspsychologie, bei der es lediglich um psychische, aber nicht um physikalische Belastungen geht, analog zum Alltagsverständnis des Wortes „Belastung“, negativ aufgefasst (vgl. Oesterreich 2001: 163). Dem ist entgegenzuhalten, dass Fachtermini oftmals anders als in der Alltagssprache definiert werden; Fachleute tun daher gut daran, sich auf eine bestimmte Definition eines Begriffes zu einigen, um Verwechslungen zu vermeiden, und zwar auch über die Grenzen ihrer eigenen Disziplin hinweg. Hier ist die Formulierung der DIN-Norm ausschlaggebend und dort werden die Begriffe „Belastung“ und „Beanspruchung“ nun mal eben neutral definiert (vgl. DIN EN ISO 10075-1:2000: 89). Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept ist die Grundlage der sozialwissenschaftlich angelegten BGW miab und hat sich somit in zahlreichen Anwendungen bewährt. Damit ist also bewiesen, dass sich das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept auch für den sozialwissenschaftlichen Bereich eignet.

Es wird kritisiert, dass das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept den Aspekt der Gesundheit vernachlässige und nicht darstelle, welche „nicht-unmittelbaren und langfristigen gesundheitlichen und psychischen Folgen“ (Büssing 2008: 7) die Belastung habe. Dem wird entgegengehalten, dass Gesundheit nicht alleine von Belastung und Beanspruchung abhänge (vgl. Kirchner 2001: 171). Beispielsweise können auch Unfälle zu einer Beeinträchtigung oder Schädigung der Gesundheit führen; ebenso werden langfristige Auswirkungen von Belastungen auf den Gesundheitszustand der Arbeitsperson, wie z. B. bei „Krebserkrankungen auf Grund von entsprechender Stoffeinwirkung“ (Kirchner 2001: 171), nicht durch den Beanspruchungsbegriff abgedeckt (vgl. Kirchner 2001: 171). Weil aber zwischen Gesundheit und Belastung/Beanspruchung weder ein notwendiger, noch ein hinreichender Zusammenhang besteht, wäre es gut, dem Vorschlag von Kirchner zu folgen und Gesundheit lieber als „eigenständiges Kriterium zur Beurteilung der Arbeit“ (Kirchner 2001: 171) heranzuziehen.

Außerdem wird am Belastungs-Beanspruchungs-Konzept kritisiert, dass es sich ausschließlich mit der Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Belastung und Beanspruchung befasse, aber die aktive Auseinandersetzung von Personen mit ihrer Arbeitsumwelt nicht berücksichtige (vgl. Büssing et al. 2008: 8). Büssing und seine Mitstreiter haben wohl übersehen, dass Rohmert sein Belastungs-Beanspruchungs-Konzept zu einem „integrierten Belastungs-Beanspruchungs-Konzept“ längst erweitert hat (vgl. Rohmert 1984: 199) und es um die Begriffe der Handlungsregulation, des Handlungsspielraums und der Rückkopplung ergänzt hat. Die Handlungsregulation erfolgt, in dem die Arbeitsperson ihre Handlungsspielräume nutzt und nach einer Rückkopplung entweder sich der Arbeitsbelastung anpasst oder die belastenden Faktoren verändert (vgl. Rohmert 1984: 199).

2.5 Alternativen zum Belastungs-Beanspruchungs-Konzept

Nicht nur, dass die Kritik am Belastungs-Beanspruchungs-Konzept nicht wirklich überzeugt und durchweg widerlegt werden kann, so greifen auch die alternativen Konzepte, die zwar vereinzelt ihre Vorzüge haben, im Ganzen zu kurz. Mit dem Belastungs-Beanspruchungs-Konzept konkurrierende Konzepte sind z. B. die folgenden:

- Demand/Control-Modell;
- Vollständige Tätigkeit;
- Das transaktionale Stressmodell;
- Anforderung/Belastung.

Im Folgenden wird dargelegt, warum diese Konzepte sich für eine Studie, die die psychischen Arbeitsbedingungen in einem Pflegebetrieb und ihre Auswirkungen auf die Pflegenden darstellen will, nicht eignen.

Demand/Control-Modell

Als „demands“ werden die negative Aspekte der Arbeitstätigkeit wie Zeitdruck und konfligierende Arbeitsanforderungen bezeichnet, die auch zu negativen Auswirkungen bei der Arbeitsperson führen (vgl. Oesterreich 2001: 164). Büssing übersetzt „psychological demands“ mit „psychologischen Belastungen“ (Büssing 2008: 10). Demgegenüber steht der Begriff „control“, der die Aspekte der Arbeitstätigkeit mit positiven Folgen bezeichnet (vgl. Oesterreich 2001: 164). Die Dimension „control“ wird auch als „decision latitude“ bezeichnet und mit „Entscheidungsspielraum“ übersetzt (Büssing 2008: 10) Diese beiden Aspekte „control“ und „demand“ sind bei unterschiedlichen Tätigkeiten verschieden stark ausgeprägt, so dass sich verschiedene Kombinationen von „control“ und „demand“ ergeben. Wenn aber die Belastungen den Entscheidungsspielraum übersteigen, drohen gesundheitliche Gefahren. Optimal scheint es zu sein, einen hochbelastenden Job mit einem sehr hohen Entscheidungsspielraum zu haben. Dass aber ein hoher Entscheidungsspielraum nicht von allen Menschen als positiv empfunden wird, da sie gerne auch mal etwas nicht entscheiden wollen (vgl. Nachreiner 2001: 176), wird hier genauso wenig reflektiert wie der Umstand, dass Belastungen ausschließlich als negativ aufgefasst werden, obwohl sie sich doch selbst bei fehlendem oder geringem Entscheidungsspielraum in Form von Anregung, Herausforderung und Motivation positiv auswirken können. Insofern ist das Demand/Control-Modell viel zu starr und zu wenig ausdifferenziert und kann somit der Komplexität des Arbeitslebens nicht gerecht werden.

Vollständige Tätigkeit

Die Hauptthese des Konzepts der vollständigen Tätigkeit ist, dass eine Tätigkeit umso gesundheitsförderlicher und positiver für die Persönlichkeitsentwicklung ist, desto vollständiger sie ist (vgl. Oesterreich 2001: 165). Dabei wird zwischen sequentieller und hierarchischer Vollständigkeit unterschieden. Sequentiell vollständig ist eine Tätigkeit, wenn aufeinanderfolgende Arbeitsgänge von ein und derselben Person ausgeführt werden; hierarchisch vollständig ist eine Tätigkeit, wenn die Arbeitsperson die Arbeit von verschiedenen Ebenen der psychischen Regulation aus steuert (vgl. Büssing et al. 2001: 14). Dieses Konzept eignet sich für eine Studie im Untersuchungsfeld der ambulanten Pflege nicht, da von vorneherein klar ist, dass aufgrund von Arbeitsteilung und einer hierarchischen Personalstruktur die Arbeit in der Pflege weder sequentiell, noch hierarchisch vollständig ist, da z. B. die Pflegeplanung von den BezugsPflegenden formuliert wird, die Arbeit selbst wieder von anderen durchgeführt wird und das Controlling oft in den Händen der Pflegedienstleitungen oder der Qualitätsbeauftragten liegt. Um den Charakter der Pflegearbeit zu erfassen, muss man also noch andere Kriterien als das Kriterium der Vollständigkeit zur Hand haben, um Unterschiede zwischen den verschiedenen Arbeitspersonen und zwischen den unterschiedlichen Betrieben herauszuarbeiten.

Transaktionales Stressmodell

Gemäß dem transaktionalen Stressmodell schätzt die Person im ersten Bewertungsschritt zunächst ein, ob eine Situation bedeutungslos, positiv oder stressreich ist (vgl. Wirsing 2000: 347). Im zweiten Bewertungsschritt ermittelt die Person, ob er mit seinen Ressourcen die Situation meistern kann (vgl. Wirsing 2000: 347). Sind ausreichende Ressourcen vorhanden, so entsteht der Eu-Stress, also der herausfordernde „gute Stress“; wenn aber die Ressourcen nicht ausreichen, entsteht der Dis-Stress, also der „schlechte Stress“, der die Person belastet (vgl. Wirsing 200: 347). Nach dem Bewältigungsverhalten wird die Situation neu bewertet. Dieses Modell reduziert die Arbeitstätigkeit auf die bewusste Auseinandersetzung des Arbeitenden mit seiner Tätigkeit, lässt aber unberücksichtigt, dass nicht alle Reize bewusst wahrgenommen werden oder Gegenstand mentaler Reflektion sind. Dieses Modell geht also zu sehr von einem aktiv handelnden Arbeitnehmer aus, der die Reize immer in irgendeiner Weise manipulieren kann oder sich zu ihnen aktiv verhalten kann, wobei doch sehr viele Arbeitnehmer/-innen den Arbeitsbedingungen einfach nur ausgesetzt sind und sich höchstens notdürftig damit arrangieren.

Das Konzept Anforderung/Belastung

Beim Anforderungs-Belastungs-Konzept wird zwischen positiven psychischen Anforderungen und negativen psychischen Belastungen unterschieden (vgl. Oesterreich 2001: 165f.). Die psychischen Anforderungen sind die Arbeitsbedingungen, die selbstständiges Planen und Entscheiden fördern und die Arbeitsperson dazu führen, sich selber zu optimieren (vgl. Büssing et al. 2008: 12). Die psychischen Belastungen behindern die Handlungsausführung und führen zu Zusatzaufwand (vgl. Oesterreich 2001: 165). Der entscheidende Punkt dieses Modells ist die Entkopplung der Belastung von der Arbeitstätigkeit, denn die Belastungen können auch von Faktoren außerhalb der Arbeitstätigkeit abhängen und in den allgemeiner aufgefassten Arbeitsbedingungen begründet liegen (vgl. Büssing et al. 2008: 13). Auch hier ist der Belastungsbegriff wieder negativ besetzt; dabei werden die Auswirkungen der Arbeitstätigkeit selbst ganz ausgeblendet. Dieses Modell eignet sich also auch nicht dazu, Arbeit vollständig und umfassend abzubilden.

2.6 Irreführendes im Abschlussbericht

Laut dem Abschlussbericht zur „Entwicklung und Evaluation des Instruments zur Gefährdungsermittlung in der ambulanten Kranken- und Altenpflege“ von Heribert Sattel (2013a) liegt der BGW miab das Anforderungs-/Belastungskonzept zu Grunde, da Sattel nicht nur die Begriffe „Anforderung“ und „Belastung“ verwendet (siehe Abb. 5), sondern sich dabei auch auf Konrad Leitner bezieht (vgl. Sattel 2013a: 11), einem Vertreter der Berliner Schule zur Handlungsregulationstheorie, für die die Begriffe „Anforderung“ und „Belastung“ zentral sind. Sattel definiert als „Anforderungen“ die für die „jeweilige Tätigkeit typischen Merkmale, die den allgemeinen Kategorien Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation und soziales Klima zugeordnet werden“ (Sattel 2013a: 10). Belastungen hingegen entstehen laut Sattel, „wenn die beruflichen Anforderungen (...) mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht angemessen bewältigt werden können“ (Sattel 2013a: 10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5

Der BGW miab zu Grunde liegendes Konzept (Sattel 2013: 11)

Sattel fasst Anforderungen und Belastungen nicht unabhängig auf, so wie es im Originalkonzept von Leitner vorgesehen war (vgl. Leitner 1993: 98). Gemäß Leitner sind „Anforderungen und Belastungen unabhängige Aspekte von Arbeitsbedingungen“ (Leitner 1993: 98). Belastungen sind entsprechend Leitner „Behinderungen des Arbeitshandelns“ (Leitner 1993: 99), die in ihrer Kumulation zu „deutlichen Befindensbeeinträchtigungen“ führen können (Leitner 1993: 106). Demgegenüber werden Anforderungen als positive Aspekte der Arbeitsbedingungen angesehen, weil „solche Erfordernisse an die psychische Regulation des Arbeitenden es ermöglichen, Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten anzuwenden und zu erweitern“ (Leitner 1993: 99). Eine „Arbeitsaufgabe kann also theoretisch gleichzeitig positive (hohe Anforderungen an selbständiges Entscheiden) und negative Aspekte (hohe psychische Belastungen) aufweisen“ (Leitner 1993: 100). Sattel hingegen definiert Anforderungen sowie Rohmert und Rutenfranz die Belastung in ihrem Belastungs-Beanspruchungs-Konzept definieren, nämlich als objektive Arbeitsbedingungen; die Belastungen gemäß Sattel hingegen entsprechen den Beanspruchungen im Belastungs-Beanspruchungs-Konzept (vgl. Rohmert, Rutenfranz 1975: 24f.). Sattel bezieht sich explizit auf das Konzept von Leitner, benutzt jedoch den Begriff der „Beanspruchung“, den Leitner 1993 gar nicht verwendet. Dabei unterscheidet Sattel zwischen Beanspruchungsreaktionen und Beanspruchungsfolgen, wobei die genannten Beispiele darauf hindeuten, dass die Beanspruchungsreaktionen akut und kurzfristig, die Beanspruchungsfolgen aber langfristig eintreten und sich chronifizieren können. Sattel schreibt in einer Email an den Autoren vom 14. November 2013 zur begrifflichen Unschärfe: „Wenn es im Zusammenhang mit der Berichtlegung zu einer unpräzisen Verwendung der Begrifflichkeiten gekommen ist, bitte ich das zu entschuldigen.“ (Sattel 2013b, siehe Anhang 1) Sattel arbeitet seit längerem nicht mehr inhaltlich in diesem Bereich und hat offensichtlich Schwierigkeiten, sich an die Details zu erinnern. Daher sagte auch Maren Kersten von der BGW zum Autor im Telefonat am selben Tag, dass die Grundlage für die BGW miab nicht das Anforderungs-Belastungs-Konzept von Konrad Leitner, sondern das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept von Rohmert und Rutenfranz sei, wenn auch in modifizierter Form. Laut eben genannter Email von Sattel baut die BGW miab auf der Studie zu „Arbeits-Bedingungen und -Belastungen des Altenpflegepersonals“ (ABBA-Studie) von Andreas Zimber und Siegried Weyerer auf. Bei dieser Studie wurden Beschäftigte in der stationären Altenpflege Ende der 90er Jahre in Mannheim zu Arbeitsbedingungen und Arbeitszufriedenheit befragt. Bei Zimber und Weyerer findet sich dann auch eine Klärung des Begriffs der Beanspruchung, denn sie definieren ihn im Sinne des Beanspruchungs-Belastungs-Konzepts.

[...]


[1] Auf der Website des Amethyst Pflegedienstes konnte am 19. November 2013 immer noch der Transparenz-Bericht von 2012 abgerufen werden (vgl. MDK 2012), obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits auf diversen Websites, z.B. dem „Pflegelotsen“, der aktuellere MDK-Transparenzbericht von 2013 zum Download bereit stand (vgl. MDK 2013).

[2] Bei der Studie von Rohmert und Rutenfranz konnte nachgewiesen werden, dass in manchen Branchen die Frauen schlechter verdienten, obwohl sie die gleich schwere Arbeit wie die Männer erledigten (vgl. Rohmert, Rutenfranz 1975: 244).

[3] Mit „Arbeitsüberlastung“ ist hier die negative Belastung zu verstehen, da der Begriff „Belastung“ an sich neutral aufgefasst wird.

Details

Seiten
84
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668024847
ISBN (Buch)
9783668024854
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295551
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule – Gesundheit und Pflege
Note
1,0
Schlagworte
belastung beanspruchung pflegepersonals beatmungspflege pflege demenz pflegedienstes eine studie

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Titel: Die Belastung und 
Beanspruchung des Pflegepersonals eines auf Beatmungspflege und Pflege bei Demenz 
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