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Revolution der Geschlechterverhältnisse? Diderots "Nachtrag zur Reise Bougainvilles"

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Denis Diderot

Die Modelle
Inhalt des Textes
Der Entwurf der Tahitier
Das System in Frankreich
Gegenüberstellung der Modelle

Tahiti als traumhafte Insel des Glücks
Ein Paradies für beide Geschlechter?

Literaturverzeichnis

Denis Diderot

Viele der Werke Denis Diderots wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht. So auch der Nachtrag zu Bougainvilles Reise, den Diderot bereits 1771 in einer ersten Version fertig gestellt hatte. Er überarbeitete sein Werk mindestens zweimal. Zuerst bereits 1773 und dann noch einmal 1780, also nur vier Jahre bevor er starb.[1] Veröffentlicht wurde der Nachtrag jedoch erst 1796 zwölf Jahre nach seinem Tod in Frankreich. Da seine Werke so radikale Gedanken der Aufklärung vertraten, musste er immer in Angst vor der Kirche und den weltlichen Machthabern leben. Er wurde im Jahr 1746 sogar inhaftiert.[2]

Auch in seinem Nachtrag fanden sich Ansichten, die dafür sorgten, dass ihr er den Text zurückhielt.

Der Nachtrag ist ein philosophischer Dialog über die Gesellschaft im Allgemeinen und das Verhältnis der Geschlechter im Speziellen. Hierzu werden die Gepflogenheiten in der französischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts und die einer utopischen auf Tahiti gegenübergestellt. Auch in der vorliegenden Arbeit soll dies geschehen. Zuerst wird dazu der Inhalt des Textes wiedergegeben, bevor die beiden Modelle einzeln untersucht und dann gegenübergestellt werden können. Die Frage, die es in dieser Arbeit zu beantworten gilt, ist die, ob Diderot in seiner Utopie wirklich die Verhältnisse der beiden Geschlechter zueinander revolutioniert oder nicht. Welche konkreten Veränderungen sind für die Frauen in seiner tahitischen Gesellschaft zu erkennen und wie müssen diese bewertet werden?

Die Modelle

Diderot lässt den Leser seines Nachtrags darüber im Unklaren, ob es sich um einen Tatsachenbericht oder eine Fiktion handelt. Heute ist nicht mehr zu klären, welche Informationen der Autor tatsächlich den Berichten und Erzählungen über Tahiti entnommen hat und welche Fakten seiner Fantasie entsprangen. Sicher ist jedoch, dass das Modell, das er in seinem philosophischen Dialog aufbaut, auf Berichten über die Insel basiert.

Inhalt des Textes

Der Text beginnt mit einem Dialog zwischen den beiden Männern A und B. Sie sprechen über den Autoren Bougainville, dessen Buch B gerade liest. Sie erörtern die Reise, von der das Buch handelt und deren Gefahren. Besonders interessant seien die Menschen, die der Seefahrer getroffen habe. Der Reisende habe die Insel Tahiti besucht und sei dort auf eine völlig andere Gesellschaftsform gestoßen. Von seiner Reise habe er den Tahitier Aotourou mitgebracht, der jedoch schnell wieder in seine Heimat zurückgekehrt sei, weil er die Sitten und Gebräuche der Europäer nicht verstanden habe. Nach dem ersten Teil des Gesprächs lesen die beiden zwei Abschnitte aus dem Reisebericht Bougainvilles und unterhalten sich darüber.

Über die Verhältnisse auf der Insel erfährt der Leser erst durch den zweiten Teil Die Abschiedsworte des alten Mannes. Der alte Tahitier verurteilt in der Rede an sein Volk das Auftreten der Europäer scharf. Für ihre fehlerhaften Handlungen macht er die Sitten, Gebräuche und Gesetzte in Europa verantwortlich. Er bringt dem tahitischen Volk mit Sorge zum Ausdruck, dass die Europäer wiederkommen und die Kultur auf Tahiti daraufhin untergehen werde. In seiner an Bougainville gerichteten Rede beschuldigt er diesen, den Raub der ganzen Insel beschlossen zu haben. Er begründet seinen Verdacht mit einer Tafel, die die Reisenden aufgestellt hätten, um ihre Besitzansprüche zu verdeutlichen. Gleichzeitig hätten die Europäer jeden anderen Raub hart bestraft. So erschoss Bougainville einen seiner Gastgeber, weil dieser ihm „Schlangeneier“[3] stahl. Der Alte sieht das grundsätzliche Problem zwischen den beiden Parteien darin, dass die Tahitier keine Unterscheidung in mein und dein machen würden, die Europäer jedoch sehr darauf beharrten. Durch das geplante Überstülpen der europäischen Kultur auf die Tahitis würden alle seine Bewohner in ein Unglück gestürzt werden. Jetzt seien die Tahitier glückliche, friedliche Menschen, die keine Eifersucht, keinen Neid und keine Missgunst kennen würden. Den Tahitiern gehe es so gut, dass er mit seinen über neunzig Jahren noch gesund genug sei, einen jungen Europäer ohne große Schwierigkeiten sportlich schlagen zu können. Dieser Zustand der allgemeinen Zufriedenheit sei jedoch sofort beendet, wenn die Europäer mit ihrem Vorhaben weitermachen würden. Durch das Einführen des Begriffes Besitz würde Zwietracht unter dem sonst relativ friedlichen Volk gesät werden. Der alte Mann schließt mit dem Wunsch, dass die Seefahrer auf ihrer Rückreise umkommen mögen.

Genauere Informationen über das tahitische Gesellschaftsmodell erhält man durch Teil drei Gespräch zwischen dem Schiffsprediger und Orou. Der junge Priester unterhält sich mit seinem Gastgeber über die unterschiedlichen Auffassungen und Gebräuche in ihren beiden Heimatkulturen. Sowohl der Prediger als auch Orou sind an der Kultur des anderen interessiert und wollen die Hintergründe ihres Handelns und ihrer Vorstellungen verstehen. Interessanterweise kommen beide zu dem Schluss, dass das Modell der Tahitier reicher an Vorzügen sei.

Im vierten Teil setzen A und B ihr Gespräch fort und besprechen die durch ihre Lektüre gewonnenen Erkenntnisse. Vor allem die Aussage Orous, dass die Zivil- und Religionsgesetze den Naturgesetzen widersprechen würden, beschäftigt die beiden. Sie versuchen zu bewerten, welche der europäischen Wertvorstellungen mit den Naturgesetzen zu vereinbaren seien, welche Institutionen der zivilen Gesellschaft überhaupt noch der Natur entsprechen würden.

Das utopische Modell der Tahitier soll im Folgenden erläutert werden, bevor es der Realität im Frankreich des 18. Jahrhunderts gegenübergestellt werden kann.

Der Entwurf der Tahitier

Das Leben eines jungen Tahitiers beginnt im Kreise seines gesamten Volkes. Eine Familie besteht nach ihrer festen Vorstellung aus den Menschen, die gemeinsam in einer Hütte leben. Das Neugeborene wächst im Normalfall bei mindestens einem seiner Elternteile auf.

Die tahitischen Junge tragen ab einem bestimmten Alter eine lange Tunika und darüber um die Lenden eine kleine Kette. Die Mädchen tragen einen weißen Schleier. Diese symbolische Kleidung zeigt den anderen an, dass sie noch nicht geschlechtsreif sondern Kinder sind. Während ihrer Kindheit ist es „eine Sünde“[4], den Schleier oder die Kette abzulegen. Erst die Eltern und die anderen Stammesangehörigen entscheiden darüber, wann es zu einem Initiationsritus kommt.

Der Junge muss, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden, zwei bis drei Jahre über die Pubertät hinaus sein. Seine Kraft und Zeichen der Männlichkeit, also Bart- und Schamhaarwuchs und die Ejakulation während des Schlafes, sind voll entwickelt. Als Referenzwert wird das Alter von 22 Jahren genannt. Der Samen wird von den anderen Stammesangehörigen geprüft, denn seine Eigenschaften müssen sie zufriedenstellen. Erfüllt ein junger Mann all diese Anforderungen, dann entscheidet sein Vater, die Kette zu lösen. Außerdem wird dem Jungen der Nagel des rechten Mittelfingers beschnitten.

Ein Mädchen, das in die sexuell aktive Gesellschaft eintreten will, muss körperlich und geistig reif sein. Außerdem ist wichtig, dass es Lust auf Geschlechtsverkehr hat. Sie sollte „Begehren empfinden, einflößen und mit Nutzen befriedigen“[5]. Einem Mädchen, das also seine sexuelle Reife erreicht hat, wird der weiße Schleier abgenommen. Es hat nun das Recht, sich vor den anderen mit freiem Gesicht und entblößten Brüsten zu zeigen. Mit ihrem freiherzigen Auftreten darf sie Männer verführen.

Ist ein junger Mann nun von seiner Kette und eine junge Frau von ihrem weißen Schleier befreit, wird ein Fest für sie gefeiert. Bei den Jungen wird das Fest von den Mädchen ausgerichtet. Die Frau, die der Jüngling selbst wählt, zeigt sich ihm vollkommen nackt. Er erlebt mit ihr dann den ersten Geschlechtsverkehr. Bei den Mädchen ist es ähnlich. Ihr Fest wird von den Jungen ausgerichtet. Es gibt einen Tag mit Zweikämpfen, an deren Ende auch sie sich einen Mann auswählt, der sie entjungfert.

Die Eltern raten ihren Kindern zuvor, wen sie für einen geeigneten Partner halten, doch die Wahl selbst ist frei. Die Mädchen haben nach der Feier die Möglichkeit ins Haus ihrer Eltern zurückzukehren oder sie folgen dem Mann, den sie sich ausgesucht haben, in seine Behausung.

Der Eintritt in die Welt der Erwachsenen ist damit vollzogen. Die jungen Menschen haben die Möglichkeit sich einen Partner zu suchen, mit dem sie zusammen leben wollen. Es gibt jedoch keine Ehe im westlichen Verständnis des Wortes. Ein Paar lebt so lange beieinander, wie es will. Die einzige Regel ist, dass es mindestens einen Monat zusammenbleiben muss. Danach kann jeder seiner Wege gehen oder die beiden bleiben einen weiteren Monat beieinander. Kinder, die aus diesen Ehen entstehen, bleiben je zu gleichen Teilen bei jedem Elternteil. Bei vier Kindern würde also der Vater zwei behalten und die Mutter ebenfalls. Viele Kinder zu haben, gilt als erstrebenswert, da es die Familie reich macht.

Grundsätzlich gibt es keine Vorstellung von Besitztümern. Alles gehört allen. Das, was jeder mit seiner Arbeit erwirtschaftet, kann er behalten. Ein Sechstel seiner Erträge gibt er jedoch an die Alten und die Kinder ab. So ist sichergestellt, dass die alten und jungen Menschen versorgt sind. Eine Familie, die viele Kinder oder viele Greise hat, erhält also besonders viel von allen Gütern, die die Gemeinschaft erwirtschaftet. Ein weiterer Vorteil ist, dass eine Familie mit vielen Kindern auch viele Arbeitskräfte hat, was wichtig für das Land ist.

Eine Frau ist umso begehrter, je mehr gesunde Kinder sie hat. Die Fruchtbarkeit einer Frau ist sogar wichtiger als ihre eigene Schönheit. „Eine Tahitierin sagte eines Tages verächtlich zu einer anderen Frau des Landes: ‚Du bist schön, aber du gebierst häßliche Kinder; ich bin häßlich, aber ich gebäre schöne Kinder, und mich bevorzugen die Männer.“[6] Für die Männer gilt allerdings nicht dasselbe. Jeder Tahitier hat die Möglichkeit, sich einem potenziellen Geschlechtspartner zu verweigern. Deshalb haben unattraktive Männer schlechtere Chancen, als unattraktive Frauen.

Die Tahitier haben alle die freie Wahl der Geschlechtspartner. Sie werden zu häufigem Sex ermuntert. Dieser soll jedoch nur vollzogen werden, wenn daraus auch ein Kind entstehen kann. Während der Zeit der weiblichen Blutungen muss die betreffende Frau einen grauen Schleier tragen und darf keinen Geschlechtsverkehr haben. Ebenso dürfen Frauen, die unfruchtbar sind, keinen Sex haben. Sie tragen einen schwarzen Schleier. Diese Regel gilt sowohl für Frauen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr gebärfähig sind, als auch für solche, die keine Kinder bekommen können.

Grundsätzlich gibt nur es ein Vergehen bei den Tahitiern: Sex bei Unfruchtbarkeit. Die verschiedenfarbigen Schleier und die Ketten der Jünglinge sind einzig zu dem Zweck, damit die Männer und Frauen nur zu fruchtbaren Zeiten miteinander kopulieren. Eine juristische Strafe bei einem Verstoß gibt es jedoch nicht. Die betreffenden Personen werden schlicht getadelt.

Durch das Modell der freien Liebe und Sexualität kommt es auch zu Inzest-Fällen. So ist es nicht verboten, dass eines der Elternteile mit einem seiner Kinder schläft oder Geschwister miteinander. Auch so etwas wie Ehebruch kennen die Tahitier nicht. Da nach jedem Monat eine Verbindung gelöst werden kann, kommt es auch selten zu einem Seitensprung. Entsteht allerdings ein Kind mit einer ungeklärten Vaterschaft, so gilt derjenige als Vater, den die Mutter auswählt. Er sorgt für das Kind, das der Mutter, aufgrund der doppelten männlichen Ansprüche, weggenommen wird. Diese Frau gilt als liederlich.

Eine junge, tahitische Frau hat also ein Interesse daran, möglichst viele gesunde Kinder zu gebären, die einen guten Vater haben. Sie wird dadurch begehrenswerter für andere Männer. Kinder, die vor einer Ehe entstehen, nimmt die Mutter mit in ihre neue Verbindung. Eine Frau mit einer großen Kinderzahl wird also von vielen Männern für eine Ehe ins Auge gefasst, weil sie ihm durch ihre Kinder Reichtum bringt.

[...]


[1] Vgl. Pasco, Allan: Revolutionary Love in Eighteenth- and Early Nineteenth-Century France. Cornwall 2009, S. 105.

[2] Vgl. Friedentahl, Richard: Diderot. Ein biographisches Porträt. München 1984, S. 157.

[3] Diderot, Denis: Nachtrag zur Reise Bougainvilles. Oder Dialog zwischen A und B über die Misslichkeit, gewisse körperliche Vorgänge mit moralischen Ideen zu belasten, die sie nicht tragen. In: Denis Diderot. Das erzählerische Werk. Hrsg. von Martin Fontius. Band 4. Berlin 1984, S. 291.

[4] Diderot: Nachtrag, S. 309.

[5] Diderot: Nachtrag, S. 309.

[6] Diderot: Nachtrag, S. 311.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656937975
ISBN (Buch)
9783656937982
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295608
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neue deutsche Literatur und Medien
Note
1,3
Schlagworte
haiti frankreich diderot frauenbewegung emanzipation philosophie philosophischer dialog

Autor

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