Lade Inhalt...

Werturteilsdiskussion und Positivismusstreit. Wissenschaft und Werturteile

Seminararbeit 2013 15 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Der Werturteilsstreit
2.1 Die historischen Hintergründe
2.1.1 Max Webers Werdegang
2.1.2 Die Lehre in Universitäten zurzeit von Weber
2.1. 3 Methodenstreit
2.2 Beginn des Werturteilstreits
2.3 Das Wissenschaftsverständnis von Max Weber
2.3.1 Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnisse
2.3.2 Der Sinn der Wertfreiheit in den soziologischen und ökonomischen Wissenschaften
2.3.3 Wissenschaft als Beruf
2.4 Sprangers Gegengutachten
2.5 Leo Strauss über Tatsachen und Werte

3.Der Positivismusstreit
3.1 Poppers Ausführungen zur Werturteilsfreiheit
3.2 Adornos Kritik an der Werturteilsfreiheit
3.3 Habermas Äußerungen zu der Werturteilsfreiheit
3.4 Hans Alberts „Theorie und Praxis“

4.Werturteile in der heutigen Wissenschaft
4.1 Werturteilen in den Erziehungswissenschaften
4.2 Werturteile in wissenschaftlichen Arbeiten

5. Fazit

1.Einleitung

Seit geraumer Zeit besteht über Sinn und Zweck von Wissenschaft Unstimmigkeit. Besonders im Bereich der Politik-, Sozial-, und Kulturwissenschaften führte diese Problematik zu einer wissenschaftlichen Debatte, die durch Max Webers bekanntes Postulat der Werturteilsfreiheit ausgelöst wurde. Im Mittelpunkt dieser Diskussion stand die Frage, ob eine Wissenschaft frei von Werturteilen sein sollte oder ob wissenschaftliche Aussagen durch Werturteile gestützt werden könnten. (vgl. Ehlen, Haeffner, Ricken 2010, S.150)

In den 1960er Jahren kam die Frage im Positivismusstreit erneut auf. Ausgelöst durch Beiträge von Karl Popper und Theodor Adorno folgten weitere Schlagabtausche und die Diskussion zog sich in weitere Kreise. (vgl. Keuth,1989, S.93)

Die Problematik der Werturteilsfreiheit ist jedoch auch in der Gegenwart noch nicht geklärt. Oftmals werden von der Wissenschaft Antworten auf aktuelle Probleme wie zum Beispiel Arbeitsbedingungen oder Armut erwartet. Diese Vermengung von Fakten mit Wertungen wurde von Max Weber abgelehnt.

Der erste Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit dem Werturteilsstreit. Nach einem kurzen Einblick in die historischen Hintergründe des Streits, werden die wichtigsten Aussagen von Max Weber, dem Initiator der Debatte, zusammengefasst und die entsprechenden kritischen Reaktionen dargelegt werden. Der nächste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Positivismusstreit und den Kernaussagen der verschiedenen Teilnehmer. Der letzte Teil der Arbeit soll aufzeigen, inwieweit die Werturteilsfreiheit in einzelnen Wissenschaften in der Gegenwart umgesetzt wird.

2. Der Werturteilsstreit

2.1 Die historischen Hintergründe

Max Webers Anschauung von Objektivität und Wertefreiheit war sehr grundlegend und bedeutend für die Sozialwissenschaften und auch für die Wissenschaft im Allgemeinen. Um ein Verständnis für die Beweggründe von Weber zu entwickeln, soll in diesem Abschnitt auf die historischen Gegebenheiten eingegangen werden. Dabei folgt zuerst ein kurzer Einblick in Webers Werdegang. Anschließend wird näher auf das universitäre Umfeld, in dem Weber sich befand, sowie den vorangegangen Methodenstreit eingegangen. (vgl. Raiser 2007, S. 86)

2.1.1 Max Webers Werdegang

Weber wurde 1864 als Sohn eines Nationalliberalisten geboren und war wie sein Vater ebenfalls politisch interessiert. Er setzte sich zum einen für einen starken deutschen Nationalstaat, aber auch für eine Reform des Monarchismus in Richtung einer parlamentarischen Demokratie ein. Ebenso engagiert war Max Weber für soziale Reformen.

1882 begann er ein Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Nationalökonomie und schloss dieses 1886 ab. Anschließend promovierte und habilitierte Weber über Themen der Rechtsgeschichte. 1893 wurde Weber zum Professor an der Universität Freiburg und lehrte dort Nationalökonomie und Finanzwissenschaft. 1896 wechselte Weber an die Universität Heidelberg, wo er jedoch sein Amt wegen Krankheit schon 1898 beendete. Von diesem Zeitpunkt widmete er sich wissenschaftlichen Studien und Veröffentlichungen, die ihn zu einem weltbekannten Wissenschaftler machten. Neben Themen der Wirtschaftslogik und Ethik, wie dem Werturteilsproblem, beschäftigte sich Weber mit Studien aus den Bereichen Soziologie und Geschichte. Im ersten Weltkrieg übernahm Weber die Leitung eines Lazaretts und war einer der wenigen Wissenschaftler die den Waffenstillstand des 1. Weltkriegs vom 9. November 1918 mit aushandelten. 1919 wirkte Weber als Mitglied einer linksliberalen demokratischen Partei maßgeblich an der Ausarbeitung der erstmals demokratischen (Weimarer) Verfassung mit und starb im folgenden Jahr unerwartet an einer Grippe im Alter von 56 Jahren. (vgl. Raiser 2007, S. 86f)

2.1.2 Die Lehre in Universitäten zurzeit von Weber

Als Weber Ende des 19. Jahrhunderts seine Stelle als Professor in der Universität Freiburg antrat, war das Hochschulsystem und die Lehre in den Hochschulen deutlich anders als zur heutigen Zeit. Es war üblich, dass Professoren lehrten, die bestimmte politische Ansichten vertraten und diese Wertungen auch unverkennbar in Ihren Vorlesung deutlich machten. Diese Einstellung der Professoren und das universitäre System im Allgemeinen waren Beweggründe für Webers Aufforderungen zur Trennung der Wissenschaft von Werturteilen. Sein Postulat richtete sich gegen alle sogenannten „Kathederpropheten“. (vgl. Hennis 1996, S. 127)

Einer dieser „Kathederpropheten“ war Heinrich von Treitschke. Treitschke war ebenfalls Professor an der Uni in Freiburg und bekennender Antisemit. Diese politische Einstellung vertrat er auch in seiner Lehre.

Doch nicht nur sehr extreme Einstellungen riefen die Aufmerksamkeit von Max Weber hervor. Vor allem der sogenannte Kathedersozialist Gustav Schmoller hatte Weber zu seiner Forderung nach einer Werturteilsfreiheit angeregt. Schmoller teilte ebenfalls seine Weltanschauungen in der Lehre mit und plädierte dabei für eine staatliche Sozialpolitik (vgl. Drehsen 2009, S.48f). Das Verhalten von Schmoller oder Treitschke war jedoch ein Abbild dessen, wie sich die Wissenschaftler zu dieser Zeit sahen. Der Wissenschaftsbetrieb sollte nicht nur Fähigkeiten und Kenntnisse vermitteln, sondern diese mit Normen und Handlungsanweisungen kombinieren. Vor diesem Hintergrund wurde Webers Postulat teilweise sogar als eine Gesellschaftskritik angesehen. (vgl. Lenk 2000, S. 992)

Besonders im Hinblick auf die Politik sollten die Universitäten ein öffentliches Gewissen darstellen, das aufzeigt, welche politische Meinung für richtig anerkannt werden sollte. Weber sah jedoch die Aufgabe der Hochschule lediglich in einer Fachschulung von Tatsachen, auf die eine eigene Wertung durch die Studenten folgen könnte (vgl. Käsler 1979, S.189). Die oben beschriebene Situation, in der Weber sich befand zeigt, warum er das Postulat formulierte und diese Einstellung immer wieder verteidigte.

2.1. 3 Methodenstreit

Ebenfalls bedeutsam war für Weber der sogenannte Methodenstreit. Dieser spielte sich 1880 zwischen Carl Menger und Gustav Schmoller ab und handelte von der Methodik der Nationalokönomie. Der Methodenstreit beschäftigte sich mit der Rolle der Theorie in der Volkswirtschaft. Schmoller plädierte für ein induktives Vorgehen. Er wollte Gesetze und Theorien auf Basis der Sammlung von wirtschaftlichen Daten entwickeln. Menger hingegen war der Auffassung, dass für die Sammlung von Daten bereits eine Theorie bestehen müsse und vertrat somit ein deduktives Vorgehen. Als Randthema entstand in diesem Streit auch die Werturteilsproblematik. (vgl. Söllner 2001, S. 276)

2.2 Beginn des Werturteilstreits

Nachdem im Jahr 1909 Eugen v. Philippovich, ein Kollege Webers, im Verein für Socialpolitik[1] über die „Produktivität der Volkswirtschaft“ referierte, brach durch Webers Reaktion auf diesen Vortrag der sogenannte Werturteilsstreit aus.

„Der Grund, weshalb ich so außerordentlich scharf bei jeder Gelegenheit, mit einer gewissen Pedanterie meinetwegen, mich wende gegen Verquickung des Seinsollens mit dem Seienden, ist nicht der, dass ich die Frage des Sollens unterschätze sondern gerade umgekehrt: weil ich es nicht ertragen kann, wenn Probleme von weltbewegender Bedeutung, von größter Ideeller Tragweite, in gewissem Sinne höchste Probleme, die eine Menschenbrust bewegen können, hier in eine technisch-ökonomische ‚Produktivitätsfrage’ verwandelt und zu einem Gegenstand der Diskussion einer Fachdisziplin, wie es die Nationalökonomie ist, gemacht werden.“ (Weber 1988, S. 419)

Weber betont hier deutlich, dass der Vortrag von Philippovich für ihn keine wissenschaftliche Basis hat. Er wünscht sich eine Trennung von Wertungen und fachlichen Angaben. Die Vermischung des „Seinsollens“, also der persönlichen Wünschen und Wertungen, mit dem „Seienden“, den Fakten, ist für ihn nicht mehr zu ertragen. Seine Stellungnahme wurde später im „Wertfreiheitsaufsatz“ veröffentlicht. Weber findet jedoch zu diesem Zeitpunkt wenige Mitverfechter, bis auf Sombart, die seine Position teilen. Sombart äußerte sich ebenfalls zu den Ausführungen von Phillippovich. Er leitet seinen Vortrag mit der Frage ein, ob Wissenschaftler sich zur Frage stellen sollten, ob etwas ist oder wie etwas sein sollte. Er beantwortet diese Frage anschließend selbst, indem er ausführte, dass Ethik in der allgemeinen Welt eine zwar Rolle spiele und auch sollte, aber in der Volkswirtschaftslehre nicht vorkommen sollte. Denn so lange Werturteile in der Wissenschaft kommuniziert würden, sei keine objektive Diskussion über Themen der Wissenschaft möglich und ebenso kein wissenschaftlicher Nachweis. (vgl. Müller 2007, S.191f).

Weber geriet durch seinen Standpunkt in die Rolle eines Außenseiters und zog sich deshalb sowohl aus dem Verein für Socialpolitik als auch aus der Gesellschaft für Soziologie, die er mit gegründet hatte, zurück (vgl. Müller 2007, S.191).

2.3 Das Wissenschaftsverständnis von Max Weber

Im Folgenden soll Webers Verständnis der Wissenschaft, das er im Werturteilsstreit vertrat, betrachtet werden. Dazu werden Max Webers bekannteste Aufsätze: „Der Objektivitätsaufsatz“, „Der Wertfreiheitsaufsatz“ und „Wissenschaft als Beruf“, die er im Verlauf des Streits veröffentlichte, genauer beleuchtet.

2.3.1 Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnisse

1904 übernahm Weber zusammen mit Werner Sombart und Edgar Jaffé die Redaktion der Zeitschrift „Archiv für Sozialpolitik und Sozialwissenschaft.“ In der ersten Veröffentlichung mit der neuen Redaktion wollte Weber aufgrund der Neuausrichtung des Magazins darstellen, was unter Sozialwissenschaft zu verstehen sein sollte. Dies tat er in seinem sogenannten „Objektivitätsaufsatz“.

Weber wollte, dass sich die Sozialwissenschaft zu einer „Wirklichkeitswissenschaft“ entwickelt und stellte in seinem Aufsatz dar, wie dies erreicht werden könne. Die in seinem Titel genannte „Objektivität“ versteht Weber dabei als das Gegenteil vorherrschender Methodik zu seiner Zeit: nämlich der Ableitung von Thesen aus einer vorherrschenden Lehrmeinung. Weber grenzt die Methodik der Sozialwissenschaften von der der Naturwissenschaften ab und begründet dies damit, dass bei den Sozialwissenschaften geistige Vorgänge eine Rolle spielten, deren Verstehen komplett anders funktioniere als das Verstehen von Prozessen in den Naturwissenschaften.

Somit ist nach Weber das deduktive Ableiten von Hypothesen aus sozialen „Naturgesetzen“ nicht möglich. Er entwickelt dazu eine andere Methodik. Weber schlägt vor, dass man sich ideale Abbilder von Dingen der Wirklichkeit in Gedanken vorstellen solle, um eine These oder Theorie zu erschaffen. Diese Typenbildung wird heutzutage oftmals als Verfahren zur Analyse von qualitativen Daten verwendet. (vgl. Strübing 2004, S. 43f)

2.3.2 Der Sinn der Wertfreiheit in den soziologischen und ökonomischen Wissenschaften

Ihren Höhepunkt fand die Werturteilsdiskussion im Jahre 1914 während einer Sitzung des Hauptausschusses des Vereins für Socialpolitik. Weber brachte hier die endgültige Position zur Frage der Werturteilsfreiheit hervor.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656944478
ISBN (Buch)
9783656944485
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295810
Note
1,7
Schlagworte
Max Weber Karl Popper Positivismus Werturteilsfreiheit Leo Strauss Werturteilsstreit Spranger Popper Adorno Habermas Hans ALbert Werturteile in der Wissenschaft Werturteilen in den Erziehungswissenschaften Werturteile in wissenschaftlichen Arbeiten

Teilen

Zurück

Titel: Werturteilsdiskussion und Positivismusstreit. Wissenschaft und Werturteile