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Verwaltungscontrolling in der Systematik des New Public Managements

Sozioökonomische Betrachtungen zur Operationalisierung von Prozessen in Verwaltungsorganisationen

Studienarbeit 2014 27 Seiten

BWL - Controlling

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Fragestellung, Begriffe und Methoden der Arbeit
1.1 Zur Fragestellung und Methodik dieser Arbeit
1.2 New Public Management und Operationalisierung- Zu den Begriffen
1.3 Verwaltungscontrolling als notwendiger Bestandteil des NPM
1.4 Warum eine sozioökonomische Betrachtung?

2 Von gegenwärtigen Problemen des NPM hin zu erweiterten Controllingverständnissen
2.1 Die Kritik am Modell des NPM und mögliche Zusammenhänge mit dem Verwaltungscontrolling
2.2 Probleme der Operationalisierung- Hard facts gegen soft facts
2.3 Verschiedene Controllingverständnisse- Vom rechnungswesenorientierten Controlling bis zum reflexionsorientierten Controlling
2.4 Einsatzmöglichkeiten von Methoden der qualitativen Sozialforschung im Verwaltungscontrolling

3 Fazit: Der Controller als innerorganisationaler Sozialforscher

1 Einleitung: Fragestellung, Begriffe und Methoden der Arbeit

1.1 Zur Fragestellung und Methodik dieser Arbeit

Die folgende Arbeit beschäftigt sich im Kern mit der Frage, wie Verwaltungen sensibler für soziale und gesellschaftspolitische Zusammenhänge sowohl innerhalb der Verwaltung, als auch im Außenverhältnis werden können. Die Betrachtung konzentriert sich darauf vor allem darauf, wie ein Verwaltungscontrolling beschaffen sein muss, um hierzu in einem positiven Sinne beitragen zu können. Zur sozialen Realität gehören allerdings nicht nur in Zahlen, Daten und Fakten darstellbare Zusammenhänge, sondern auch Stimmungen, organisationskulturelle Besonderheiten, persönliche Beziehungen und zahlreiche andere subtile Interdependenzen von Faktoren, die in einer rein an wirtschaftlichen Kennzahlen orientierten Betrachtungsweise leicht aus der Betrachtung fallen können. Soziale Zusammenhänge scheinen jedenfalls nicht bis ins Letzte in operationalisierter Form darstellbar zu sein.

Ziel dieser Arbeit ist, Ideen und praktische Vorschläge dahingehend zu entwickeln, wie ein Verwaltungscontrolling sogenannte „soft facts“ besser berücksichtigen kann. Hierbei soll Verwaltungscontrolling aber nicht für sich isoliert, sondern vielmehr als Teil eines Ganzen, nämlich des Konzeptes des New Public Managements (NPM) betrachtet werden.

Die Arbeit nähert sich der Fragestellung daher von der Seite allgemeiner und kritischer Betrachtungen zum NPM und insbesondere dessen Kundenbegriff. Hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf die sozialethische Komponente dieses Kundenbegriffes gerichtet werden.

Es wird von der Annahme ausgegangen, dass die Berücksichtigung dieser sozialethischen Komponente des Kundenbegriffes unverzichtbar für den Erfolg moderner Verwaltungsorganisationen ist.

1.2 New Public Management und Operationalisierung- Zu den Begriffen

Das NPM ist kein einheitliches Modell, sondern vielmehr ein Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Reformelementen und Reformtrends.1 Sein Gegenstand ist die Ablösung einer überwiegend von Normen geprägten Steuerung durch ein Verwaltungsmanagement.2

Charakteristisch für das NPM sind folgende Merkmale:

1. Stärkere Markt- und Wettbewerbsorientierung
2. Ziel- und ergebnisorientierte Steuerung (Outcome- und Outputorientierung)
3. Dezentrale Grundstrukturen
4. Orientierung am Unternehmensmodell und Wandlung von der Binnenorientierung3

Eine Ziel- und ergebnisorientierte Steuerung im Sinne eines Verwaltungsmanagements macht eine Mess- und Vergleichbarkeit sowohl im Bereich des Aufwands, als auch der Ergebnisse erforderlich.

Der Begriff der Operationalisierung meint die Präzisierung und Standardisierung von Zielen, Mitteln, sowie Ziel-Mittel-Zusammenhängen für die praktische Verwendung.4 Operationalisierbarkeit ist die Möglichkeit, Erscheinungsgrößen der Realität, sofern sie eindeutig und widerspruchsfrei definiert sind, als Variable in mathematischen Operationen zu verwenden.5

1.3 Verwaltungscontrolling als notwendiger Bestandteil des NPM

Das Konzept des NPM beinhaltet, die einstmals zentralistische Inputsteuerung, -kontrolle und –prüfung in ein System dezentraler Outputausrichtung der Controlling- und Revisionsinstanzen übergehen zu lassen.6 NPM soll die Führungsverantwortung der Verwaltungsmanager stärken und versucht deren Handlungs- und Entscheidungsspielräume zu vergrößern, ohne dabei die demokratische Kontrolle aufzugeben.7

Hierzu sollen die detaillierten (line itemised) Budgets durch Globalbudgets abgelöst werden. Die hierbei entstehende Steuerungslücke soll durch den Aufbau eines modernen Controllings, welches auch Leistungs- und Wirkungsdaten einbezieht, kompensiert werden.8 Das NPM weist also der Verwaltung im Rahmen der ihrer Budgets einen flexibleren Handlungsspielraum zu, welcher nur dann in rational begründbarer Weise genutzt werden kann, wenn entsprechende handlungsleitende Informationen zur Verfügung stehen. Diese handlungsleitenden Informationen bereitzustellen, könnte man als Kernaufgabe des Controllings bezeichnen.

Aus gutem Grund beschreiben Isabella Proeller und Kuno Schedler daher das Verwaltungscontrolling als ein unverzichtbares Element im NPM und seine erfolgreiche Etablierung als für den Erfolg des gesamten Reformmodells unerlässlich.9

1.4 Warum eine sozioökonomische Betrachtung?

Sozioökonomie versucht, wirtschaftliches Handeln, sowie die wirtschaftlichen Kerninstitutionen und Strukturen nicht allein unter dem Gesichtspunkt von ökonomischen Faktoren und Effizienz zu betrachten, sondern vielmehr auch die gesellschaftliche Bedingtheit wirtschaftlichen Handelns zu analysieren und das Wechselspiel von Wirtschaft und Gesellschaft in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken.10

Ein Charakteristikum der Sozioökonomie ist, dass diese sowohl das Handlungsmodell des „Homo Oeconomicus“, als auch das Modell des „Homo Sociologicus“ als nicht hinreichend ansieht, wirtschaftliches Handeln von Menschen realitätsgetreu zu erklären und stattdessen komplexere Handlungsmodelle zur Erklärung wirtschaftlicher Sachverhalte einsetzen möchte.11

Der Homo Oeconomicus ist eine Modellvorstellung der Wirtschaftstheorie, die sich auf einen idealen, ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten denkenden und handelnden Menschen bezieht, der sich rational im Sinne eines Strebens nach größtmöglichem eigenem Nutzen verhält.12 Das von Ralf Dahrendorf entwickelte Modell des Homo Sociologicus erklärt menschliches Handeln hingegen anhand des Menschen als Trägers sozialer Rollen.13

Die sozioökonomische Perspektive erscheint bezogen auf eine die Verwaltung betreffende Arbeit besonders reizvoll, da Verwaltung in einem Spannungsfeld ökonomischer Notwendigkeiten einerseits und gesellschaftspolitischer Verantwortung andererseits steht.

Die grundlegende Aufgabe der öffentlichen Verwaltung ist daher auch nicht die Erzielung von Gewinn. Vielmehr ist die Verwaltung Teil der exekutiven Gewalt der in erster Linie die Ausführung der Gesetze anvertraut ist.14 Man könnte die Verwaltung somit als eine Schnittstelle zwischen den Gesetzen als Ergebnis politischer Willensbildung und der sozialen Realität der Bürger und Institutionen in ihrem Wirkungsbereich charakterisieren.

Die Arbeit beginnt mit einer Betrachtung allgemein soziologischer Kritikpunkte am Konzept des NPM und versucht dann, diese auf das Verwaltungscontrolling zu beziehen.

2 Von gegenwärtigen Problemen des NPM hin zu erweiterten Controllingverständnissen

2.1 Die Kritik am Modell des NPM und mögliche Zusammenhänge mit dem Verwaltungscontrolling

Der Soziologe Alessandro Pelizzari unterzieht in seinem Werk „Die Ökonomisierung des Politischen“ das NPM einer scharfen Kritik.

Bereits das von Sébastien Guex verfasste Vorwort charakterisiert NPM als „breit angelegten Prozess der Reorganisation der Staatssphäre, […] der seit dem Ende der siebziger Jahre von der alles überrollenden neoliberalen Welle eingeleitet und weltweit durchgesetzt wurde.“15

Zudem schaffe NPM einen speziellen Sprachjargon, der in der neoliberal umgestalteten Verwaltung dem „Schutz nach außen“ und der „Zusammengehörigkeit nach innen“ diene.16 Es werde also eine Form von Herrschaftssprache gebildet und kultiviert.

Diese entziehe sich der Verständlichkeit durch jene, die von den neoliberalen Maßnahmen betroffen seien und gebe gleichzeitig den Akteuren des NPM, den Beratern, Promotern aber auch den Praktikern und Bürokraten das Gefühl sich von der Masse abzuheben und dabei eine besondere Gemeinschaft zu bilden, die durch „ein spezifisches, an der Speerspitze der Moderne angesiedeltes Wissen“ geeint sei.17

Durch diese Sprache würden „hochkomplizierte Konstruktionsmodelle, die ohne jeden sozio-historischen Gehalt sind, vervielfacht und das Soziale und Politische unter einem technischen Blickwinkel verschleiert, kurz: es verdinglicht.“18

Zudem kritisiert Pelizzari, dass im Rahmen des NPM die kaufkräftige Nachfrage gegenüber den Rechtsansprüchen privilegiert werde.19 Nicht alle Bürgerinnen und Bürger würden je den Status von umworbenen „Kundinnen“ und „Kunden“ erreichen, so beispielsweise nicht die Entmündigten, die Strafgefangenen und die Einwanderer ohne gültige Papiere.20 Er wirft damit dem Kundenbegriff des NPM vor, zu sozialer Ausgrenzung beizutragen.

Pelizzari nimmt außerdem an, dass das NPM auf eine Anhebung der Unternehmensrendite und eine Öffnung neuer Investitionsfelder abziele und damit den Klasseninteressen der Kapitaleigner diene.21 Hierbei nimmt er Bezug auf die Privatisierung öffentlicher Dienste.22

Dieser Kritik lässt sich jedoch entgegenhalten, dass das NPM keine vollständig neue Verwaltung geschaffen hat, sondern vielmehr ein Konzept ist, um die bereits bestehende öffentliche Verwaltung zu reformieren.

Die Bewegung des NPM speist sich ja gerade aus der Erkenntnis, dass das bisherige (Webersche) Bürokratiemodell anhand einer zunehmend dynamischen Umwelt an seine Grenzen stößt.23

Unterstellt man, die von Pelizzari geäußerten Problematiken, nämlich Schaffung einer unverständlichen Herrschaftssprache, Verdinglichung sozialer Sachverhalte und Bevorzugung bestimmter Klassen träfen auf das NPM zu, so stellt sich die Frage, ob diese Kritikpunkte auf das klassische Bürokratiemodell nicht in gleichem, wenn nicht stärkerem Maße zutreffen.

Dass das bisherige Bürokratiemodell eine Vielzahl, teils absurd erscheinender, Floskeln und Begriffe hervorgebracht hat, ist gewissermaßen eine Binsenwahrheit. Die Unverständlichkeit der Behördensprache ist Gegenstand beständiger öffentlicher Kritik, sowie zahlloser Witze und Parodien.

Bereits im Jahre 1892 verfasste der Geheime Justizrat Karl Bruns ein Nachschlagewerk mit dem Titel „Die Amtssprache. Verdeutschung der hauptsächlichsten im Verkehre der Gerichts- und Verwaltungsbehörden sowie in der Rechts- und Staatswissenschaft gebrauchten Fremdwörter“.24 Das Problem, welches Pelizzari als spezifisch für das NPM charakterisiert, ist also weitaus älter als das Konzept des NPM selbst.

Zwar ist gewiss zutreffend, dass das NPM neue, sowie aus der privaten Wirtschaft entlehnte, Begriffe in die Verwaltungen eingebracht hat, aber es erscheint fraglich, ob diese Einführung neuer Begriffe eine neue Herrschaftssprache geschaffen oder nicht viel mehr nur eine bereits bestehende Herrschaftssprache modifiziert hat. Eine eingehendere Diskussion dieser Fragestellung würde allerdings zu sehr vom Thema dieser Arbeit wegführen. Allerdings muss angemerkt werden, dass die im NPM vertretene Idee des Bürgers als Kunden impliziert, dass im Kontakt der Verwaltung mit den Bürgern eine verständliche Sprache benutzt werden sollte, selbst wenn innerhalb der Verwaltung weiterhin komplizierte rechtliche und wirtschaftswissenschaftliche Terminologien zur Anwendung kommen.

Die Kritik Pelizzaris am Kundenbegriff des NPM, nämlich dass dieser die kaufkräftige Nachfrage bevorzuge, übersieht, dass im Rahmen des NPM der Begriff „Kunde“ in einer weitergefassten Form definiert ist. Dieser bezieht sich eben nicht nur auf den zahlungskräftigen Nachfrager einer Dienstleistung.

Bei Kuno Schedler und Isabella Proeller findet sich beispielsweise folgende Definition des Kundenbegriffes im Sinne des NPM: „Kunde bzw. Kundin einer Verwaltungseinheit ist, wer von ihr individuell Leistungen abnimmt oder wer durch eigene Aktivität die Wirkung der Leistungen verbessert.“25 Kunde im Sinne des NPM kann demnach also auch ein Abnehmer einer Leistung sein, der weder für die Leistung bezahlt, noch theoretisch zahlungskräftig genug ist, um für die Leistung zu bezahlen (z.B. Sozialleistungsempfänger).

Der Begriff „Kunde“ ist als Metapher für die Öffnung der Verwaltung für die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger zu sehen.26

Für einen solchen Kundenbegriff lässt sich durchaus eine ethisch-moralische und eine demokratische Legitimation erkennen, die jenseits aller ökonomischen Überlegungen liegt.

Bereits Immanuel Kant beschrieb es als grundlegendes moralisches Prinzip, die Menschheit auch in Gestalt des einzelnen Menschen selbst, niemals bloß als Mittel, sondern stets zugleich als Zweck zu betrachten.27 Dieser Leitsatz ist auch als Zweckformel des kategorischen Imperativs bekannt28 und kann, bezogen auf diese Arbeit, auch als noch heute gültiger Anspruch an ein ethisches Verwaltungsverständnis gesehen werden.

Man kann hierzu zwar einwenden, dass der Kundenbegriff in der Privatwirtschaft letztlich nicht auf den Kunden als Subjekt, sondern vielmehr auf den Kunden als Mittel zur Erreichung von Profitzielen gerichtet ist. Aber, wie bereits dargestellt, unterscheidet sich der Kundenbegriff des NPM vom privatwirtschaftlichen Kundenbegriff dadurch, dass er eben nicht nur den zahlungskräftigen und profitversprechenden Kunden meint.

Die Auffassung des Bürgers als Kunde dient auch der demokratischen Legitimation der Verwaltung, indem sie anerkennt, dass in demokratisch verfassten Staaten die Bürgerinnen und Bürger indirekt die Auftraggeber der staatlichen Leistung sind.29 Der Kundenbegriff des NPM soll zudem nicht den Begriff des Bürgers ersetzen, sondern ergänzen.30 Geradezu typisch für das Modell des NPM ist, dass es den Bürger weit mehr als bisher in die Verwaltungsabläufe einbeziehen will.31

Edwin Czerwick et al. stellen hierzu fest, dass Demokratisierung und Kundenorientierung sich nicht gegenseitig ausschließen, wenn die Bürger immer auch in ihrer „Staatsbürger-Rolle“ und damit als politische Subjekte wahrgenommen und akzeptiert würden.32 Allerdings geht der Kundenbegriff in einigen Punkten weiter als der des Bürgers, da er unabhängig von Nationalität, Alter und Geschlecht ist.33 Somit können entgegen der Auffassung von Alessandro Pelizzari auch Personen ohne Pass, Entmündigte und Strafgefangene Kunden der Verwaltung im Sinne des NPM sein. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass eine entsprechende gesetzliche Grundlage dafür besteht. Die Schaffung einer solchen Grundlage obliegt aber nicht der Verwaltung als Exekutive, sondern vielmehr der Legislativen. Es kann daher in Frage gestellt werden, ob die Gründe für Defizite in der Inklusion sozial ausgegrenzter Personenkreise nicht eher in einer insuffizienten Gesetzeslage zu suchen sind, als im Konzept des NPM.

Vor dem Hintergrund, dass das NPM den Bürger als Auftraggeber der staatlichen Leistungen sieht, könnte man durchaus konstatieren, das NPM beinhalte einen Demokratisierungsauftrag an die öffentliche Verwaltung. Fraglich ist allerdings, ob das NPM tatsächlich zu einer Demokratisierung der Verwaltung in Deutschland beigetragen hat.

Demokratisierung soll hier im Sinne eines materiell-emanzipatorischen Verständnisses aufgefasst werden, welches als Weltanschauung zu verstehen ist und darüber hinaus die Demokratisierung aller Lebensbereiche umfasst.34

Diese lässt sich charakterisieren durch Möglichkeit direkt-demokratischer Beteiligung der Bürger, demokratische Strukturen innerhalb der politischen Institutionen, Vitalisierung zivilgesellschaftlicher Diskurse, Verstärkung der Elemente der politischen Demokratie und Ausbau von Beteiligungsrechten in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten, die bisher nicht zur Disposition demokratischer Abstimmung standen.35

Katrin Möltgen und Wolfgang Pippke kommen zu der Bewertung, dass das NPM eine Demokratisierungswirkung in Bezug auf die Mitarbeiter der Verwaltungen gehabt habe.36 Diese hätten aufgrund der Dezentralisierung von Fach- und Ressourcenverantwortung an Entscheidungs- und Handlungsspielräumen gewonnen.37 Allerdings hätte der Wegfall von Verwaltungsebenen und Hierarchien auch die individuellen Aufstiegs- und Gestaltungsmöglichkeiten einiger Mitarbeiter begrenzt und damit auch zu Motivationsverlusten geführt.38

In Bezug auf die Demokratisierung in Richtung der Bürger hingegen, beurteilen sie die Ergebnisse bisheriger Umsetzungsversuche als ernüchternd.39 Es hätten sich keine wesentlichen Veränderungen im Rollenverständnis und an der Schnittstelle von Politik und Verwaltung ergeben.40 Zwar könnten die Bürger durchaus in ihrer Rolle als Kunden von der Reform profitieren, aber die Möglichkeiten demokratischer Mitwirkung und Gestaltung hätten sich nicht verbessert.41

In Bezug auf das Verwaltungscontrolling halten Möltgen und Pippke fest, dass dieses häufig neue Formen der Bürokratisierung geschaffen habe.42 Ebenfalls sei es durch die Ausgliederung von Verwaltungseinheiten und Dezentralisierung teils zur Verschärfung von Steuerungsdefiziten gekommen.43

Die Aufgabe des Verwaltungscontrollings läge aber eigentlich genau in dem Abbau derartiger Steuerungsdefizite (s. Abschnitt 1.2). Wenn dies in der Praxis oftmals nicht der Fall ist, so liegt es nahe, die bisherigen Prinzipien und Methoden des Verwaltungscontrollings kritisch zu betrachten.

Auch Lothar Hans von der Hochschule Fulda kommt zu dem Ergebnis, dass der Stand der Einführung von Verwaltungscontrolling unbefriedigend sei, bezieht dies allerdings mehr auf Implementierungsprobleme, als auf Grundsatzprobleme in der Methodik des Verwaltungscontrollings.44 Angesichts der Tatsache, dass das NPM und damit auch das Verwaltungscontrolling inzwischen keine gänzlich neuen Konzepte sind, erscheint aber die Frage angebracht, ob bestehenden Implementierungsproblemen nicht viel mehr strukturelle Probleme in der Konzeption zu Grunde liegen.

Auch wenn Pelizzaris Kritik am Konzept des NPM gewiss in vielen Punkten zurückgewiesen werden kann, erscheinen zumindest seine Befürchtungen, das NPM könne zu einer Verdinglichung und zu einem technischen Blickwinkel auf soziale und politische Zusammenhänge führen, plausibel.

Eine Verdinglichung kann dort angenommen werden, wo Subjekte und anderes Nichtdingliche in eine dingliche Sichtweise oder Behandlung überführt werden.45 NPM strebt langfristig eine wirkungsorientierte Verwaltungsführung an, da die staatliche Aufgabe erst dann erfüllt als erfüllt angesehen werden kann, wenn die erwünschte Wirkung eingetreten ist.46 Die erwünschten Wirkungen staatlichen Handels sind hierbei nicht nur der ökonomischen, sondern oft auch der sozialen und politischen Sphäre zuzuordnen.

Eine wirkungsorientierte Steuerung ist aber erst möglich, wenn die Wirkungen und die Prozesse, die die Wirkungen erzielen messbar gemacht werden.47

Dies könnte durchaus einen technischen, beziehungsweise technisierenden, Blickwinkel auf soziale und politische Zusammenhänge fördern und ist daher nicht ganz unproblematisch zu sehen. Die Beschreibung sozialer Zusammenhänge in quantitativen Kategorien wirft eine Reihe von Fragen auf. In Abschnitt 2.2 soll diese Problematik daher näher thematisiert werden.

2.2 Probleme der Operationalisierung- Hard facts gegen soft facts

Aufgabe des Controllings ist das Überprüfen betrieblicher Ziele und ihrer Umsetzung.48 Es koordiniert die Informationsversorgung und –verwendung und leistet so einen Beitrag zur Steuerung und Kontrolle des Leistungsprozesses einer Organisation.49 Thorsten Franz spricht hier von einer „Rationalisierung durch Information“.50 Controlling strebt also einen rationalen Erkenntnisgewinn über die Realität innerhalb einer Organisation an.

Aktuellere Sichtweisen des betrieblichen Controllings zielen hierbei nicht nur auf Gewinnung von Informationen über die ökonomische Realität ab, sondern streben einen Gesamtüberblick an, um damit die Rationalität von Führungsentscheidungen zu sichern.51 Auf die verschiedenen Verständnisse von Controlling wird im nächsten Abschnitt noch ausführlicher eingegangen.

Es dürfte aber kaum zu bestreiten sein, dass eine rationale Entscheidungsfindung in einer Organisation kaum unter ausschließlicher Betrachtung ökonomischer Faktoren und Ausklammerung der sozialen Realität zu bewerkstelligen sein dürfte.

Die Verwaltung ist in ein politisches, soziales und ökonomisches Umfeld eingebettet.52

So kann beispielsweise die Zufriedenheit der Mitarbeiter und Kunden entscheidender Faktor für den Unternehmenserfolg sein, während diese Zufriedenheit (oder Unzufriedenheit) wieder dadurch beeinflusst werden kann, welche ökonomischen Ressourcen zur Befriedigung von Bedürfnissen vorhanden sind. Wenn Mitarbeiter einer Verwaltung zum Beispiel, aufgrund mangelnder Ressourcen, in Unterbesetzung in einem baufälligen Gebäude mit veralteter Büroausstattung arbeiten müssen, so kann sich dies negativ auf ihre Zufriedenheit und damit auch ihre Kundenorientierung auswirken. Ein Controlling, welches vor einem solchen Hintergrund nur die Einsparung von Kosten für Sanierungen und Büromaterial im Blickfeld hätte, könnte damit kaum zu einer rationalen Entscheidungsfindung der Verwaltungsführung beitragen.

[...]


1 Vgl. Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: New Public Management (NPM), online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/54721/new-public-management-npm-v10.html [04.08.2014]

2 Ebd.

3 Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: New Public Management (NPM), online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/54721/new-public-management-npm-v10.html [04.08.2014]

4 Vgl. Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Operationalisierung, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/13562/operationalisierung-v7.html [04.08.2014]

5 Vgl. Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Operationalisierbarkeit, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/10958/operationalisierbarkeit-v8.html [04.08.2014]

6 Vgl. Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 99

7 Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 177

8 Ebd.

9 Hans, Lothar: Zur Konzeption eines Verwaltungscontrollings- Discussion Papers in Business and Economics, 2011, S. 35

10 Vgl. Springer Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Sozioökonomie, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/611744017/soziooekonomie-v1.html [05.08.2014]

11 Ebd.

12 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Homo Oeconomicus, online im Internet: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19635/homo-oeconomicus [19.10.2014]

13 Vgl. Kopp, Johannes/ Schäfers, Bernhard: Grundbegriffe der Soziologie, 2010, S. 244

14 Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Exekutive, online im Internet: https://www.bundestag.de/service/glossar/E/exekutive/245414 [05.08.2014]

15 Guex, Sébastien: Über Jargon und Finanzsoziologie, Vorwort in: Pelizzari, Alessandro: Die Ökonomisierung des Politischen, 2001, S. 9

16 Guex, Sébastien: Über Jargon und Finanzsoziologie, Vorwort in: Pelizzari, Alessandro: Die Ökonomisierung des Politischen, 2001,S. 10

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Pelizzari, Alessandro: Die Ökonomisierung des Politischen, 2001, S. 19

20 Ebd.

21 Ebd,. S. 29

22 Ebd.

23 Vgl. Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 18

24 Vgl. Sechi, Silvia: Verständlichkeit und Höflichkeit in der deutschen Verwaltungssprache der Gegenwart, 2003, S. 11

25 Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 74

26 Ebd. 71

27 Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft, 2013 [Nachdr.], S. 130

28 Vgl. Beisbart, Claus: Einführung in die praktische Philosophie, online im Internet: http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/prac/ki.pdf [24.08.2014]

29 Vgl. Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 72

30 Ebd.

31 Sechi, Silvia: Verständlichkeit und Höflichkeit in der deutschen Verwaltungssprache der Gegenwart, 2003, S. 48

32 Vgl. Czerwick, Edwin et al.: Demokratische Verwaltung im demokratischen Staat, erschienen in Czerwick, Edwin [Hrsg.]: Die öffentliche Verwaltung in der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, 2009, S. 263

33 Vgl. Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 72

34 Vgl. Möltgen, Katrin/ Pippke, Wolfgang: New Public Management und Demokratisierung erschienen in Czerwick, Edwin [Hrsg.]: Die öffentliche Verwaltung in der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, 2009, S. 201

35 Ebd.

36 Ebd., S. 222

37 Ebd.

38 Ebd.

39 Ebd. S. 223

40 Ebd.

41 Vgl. Möltgen, Katrin/ Pippke, Wolfgang: New Public Management und Demokratisierung erschienen in Czerwick, Edwin [Hrsg.]: Die öffentliche Verwaltung in der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, 2009, S. 223

42 Ebd., S. 217

43 Ebd.

44 Vgl. Hans, Lothar: Zur Konzeption eines Verwaltungscontrollings- Discussion Papers in Business and Economics, 2011, S. 37 ff.

45 Vgl. Blinne, Jens/ Seubold, Günter: UTB- Handwörterbuch Philosophie- Verdinglichung, online im Internet: http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?txgbwbphilosophiemain[entry]=927&txgbwbphilosophiemain[action]=show&txgbwbphilosophiemain[controller]=Lexicon&cHash=070e0ffe4a9df230f28174a549d05c7e [17.08.2014]

46 Vgl. Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 77 f.

47 Ebd., S. 80

48 Vgl. Franz, Thorsten: Einführung in die Verwaltungswissenschaft, 2013, S. 410

49 Ebd.

50 Ebd.

51 Vgl. Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Controlling, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/399/controlling-v7.html [26.08.2014]

52 Vgl. Schedler, Kuno/ Proeller, Isabella: New Public Management, 2011, S. 25

Details

Seiten
27
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656937890
ISBN (Buch)
9783656937906
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295841
Institution / Hochschule
Universität Kassel – UNIKIMS die Management School der Uni Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Operationalisierung Soft facts Hard facts Kundenbegriff New Public Management NPM Verwaltungswissenschaft Verwaltungscontrolling Sozioökonomie Verwaltung Controlling Sozialethik Ethik

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