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Ethisches Investment an der Börse - eine Dokumentenanalyse

Hausarbeit 2003 32 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Gibt es Moral an der Börse, die Idee einer zukunftsfähigen Marktwirtschaft

2. Einführung in die Grundlagen, Marktdaten und Trends
2.1 Grundidee des Ethischen Investments
2.2 Die Idee der Nachhaltigkeit
2.3 Stimmung in Deutschland
2.4 Marktentwicklung in Deutschland im internationalen Vergleich

3. Praxisrelevante Grundlagen zum ethischen Investment
3.1 Das magische Viereck der Kapitalanlage
3.2 Rolle der Anleger und Finanzintermediäre
3.3 Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden
3.4 Screeningansätze im ethischen Investment
3.5 Grenzen des ethischen Investments

4. Die führenden Indizes
4.1 Dow Jones Sustainability Group Indexes
4.2 FTSE4Good Global Index
4.3 Naturaktienindex

5. Analyse des Informationsmaterials der BASF AG und der Bayer AG
5.1 Transparenz und proaktives Verhalten
5.2 Übersichtlichkeit der Informationen für den Investor
5.3 Thema Mitarbeiter als Beispiel eines „Sozialkriteriums“
5.4 Thema Naturschutz als Beispiel eines „Ökologiekriteriums“
5.5 Spezielle eigene Ethik-Tools der Unternehmen
5.6 Aufnahme in anerkannte Indizes und Organisationen
5.7 Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Frage nach der Glaubwürdigkeit der Informationen und die Verantwortung des Investors

LITERATURVERZEICHNIS

1. Gibt es Moral an der Börse, die Idee einer zukunftsfähigen Marktwirtschaft

Der Ökonom mag ethisches Investment zunächst mit Zurückhaltung sehen: Alle, die zu bestimmten Zeiten die Universitätsbank gedrückt haben, wissen, dass nach dem alten Lehrsatz von Adam Smith gerade das eigennützige Verhalten der Individuen, welches von einer unsichtbaren Hand geleitet wird, zum Wohle aller führt[1]. Mit dieser Begründung wird immer noch von der Mehrzahl der Marktakteure, also Investoren, Finanzdienstleister und Broker bestritten, dass es an der Börse, dem wahrscheinlich vollkommensten Markt in einer Volkswirtschaft, Moral überhaupt geben kann, „don`t mix morals and money“[2] ; denn hier entscheidet nur Angebot und Nachfrage den Preis. Dennoch ist nach Meinung vieler Branchenkenner gerade die Implementierung von Ethik in den Börsenhandel ein neuer, ernst zu nehmender Trend an den Finanzmärkten und in gewisser Weise vielleicht sogar die Zukunft einer funktionierenden Marktwirtschaft. Ethisches Investment ist sicherlich noch eine Nische in Deutschland, weniger als ein Prozent werden zur Zeit nach ethischen Gesichtspunkten angelegt, ein weltweites Wachstumspotential von 30 bis 40% pro Jahr[3] wird aber für realistisch gehalten. Zukunftsweisend ist diese Entwicklung deswegen, weil die Schlagworte „Börse“ und „Ethik“ auf den ersten Blick nicht miteinander vereinbar scheinen, aber bei genauerem Hinsehen ergibt sich ein völlig gegensätzliches Bild. Gesellschaften und damit Wirtschaftssysteme, monetäre Strukturen, Börsen und Supermärkte entstehen nicht aus dem Nichts, all dies besitzt seinen Ursprung in sozialen Prozessen von Menschen und ist auf ihn ausgerichtet[4]. Aus der Bewusstwerdung dieser Tatsache in einer modernen industrialisierten Wohlstandsgesellschaft, zu denen auch Deutschland gehört, wächst der Unmut über die negativen Auswüchse und Mißstände in den modernen Marktwirtschaften. Einige Schlagworte für diese Entwicklung sind schnell gefunden, etwa Massenent-lassungen, die immer weiter auseinander klaffende Wohlstandsschere, Globalisie-rung und Ausbeutung von Mensch und Natur. Deswegen ist es an der Zeit die anthropozentrische Vision von Walter Eucken wieder aufzugreifen und die Versorgung des Menschen, jetzt und in der Zukunft, damit ein menschenwürdiges Leben, zurück in den Mittelpunkt des Interesses von Wirtschaft und Gesellschaft zu stellen[5]. Diese Vision von einem „zukunftsfähigen Kapitalismus“, durch selbstverant-wortliches Handeln, versucht der Bereich des ethischen Investments aufzugreifen und Unternehmen für die Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft zu belohnen oder aber für ökologisches und soziales Missmanagement zu sanktionieren.

Aus diesen Gründen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Thema des ethischen Investments, wobei dieser Begriff als Synonym für sozial-ökologische Geldanlage in Form von Aktien oder Fonds verstanden wird. Als erstes werden dazu Grundlagen vermittelt, etwa, die Idee des ethischen Investments und welche Ziele sie verfolgt. In einem zweiten Teil werden, für diese Arbeit als Basis dienende praxisrelevante Grundlagen, beispielsweise Screeningansätze zum Portfolio-management, besprochen, um dann führende „ethische Indizes“ vorstellen zu können. Den vierten Hauptpunkt bildet hierauf eine kurze skizzenhafte Analyse des Informationsmaterials der BASF AG und der Bayer AG, das ich auf Anfrage von den Investorrelations- bzw. Sustainable Development Abteilungen erhalten habe. Dabei sollen die Dokumente hinsichtlich Transparenz, Übersichtlichkeit, Ökologie und Soziales näher untersucht werden. Diese Analyse kann natürlich nicht annähernd so ausführlich sein, wie dies eigentlich als Grundlage für aktives ethisches Investment notwendig ist. Es wird lediglich der Versuch unternommen, das Verständnis für die Arbeitsweise im Bereich ethisches Investment zu fördern. Abschließend wird kurz auf die Frage nach der Glaubhaftigkeit der Informationen eingegangen, um damit auf die Verantwortung des Investors hinweisen zu können.

2. Einführung in die Grundlagen, Marktdaten und Trends

2.1 Grundidee des Ethischen Investments

Investitionen sind grundsätzlich mit bestimmten Zielen verbunden, es wird durch die Vergabe von Eigen- und Fremdkapital versucht, bestimmte Interessen zu verwirk-lichen. Dabei gibt es unterschiedliche Motive, der Wunsch nach Rendite, Sicherheit für materiellen Wohlstand oder aber Ansehen und Einfluss, um nur einige aufzu-zählen. Diese Allokationsfunktion des Finanzmarktes, der direkten und indirekten Einflussnahme, gemeint ist Kredit- und Eigenkapitalvergabe einerseits und Meinungsbildung durch Medien und Ratings andererseits, macht sich das ethische Investment bzw. der Marktteilnehmer zu Nutze, um das unternehmerische Handeln, im Sinne des „Relationship Investment“[6] mit zu gestalten. „Angesichts der ökonomischen Macht von zunehmend global operierenden Unternehmen bildeten sich gesellschaftliche Werte und Erwartungen und Rechenschaftspflichten der Unternehmen zu einem Kerntreiber für die Durchsetzung der Nachhaltigkeit (z.B. durch ethisches Investment) auf Unternehmensebene heraus[7] In der Praxis besteht über die theoretischen Grundlagen „moralischen Handelns“ relative Einigkeit. „Dabei wird vorausgesetzt, dass man Unternehmen auch aus ethischer Sicht bewerten kann, weil sie gewisse, mehr oder weniger große Handlungsspielräume innerhalb des gegebenen Wirtschaftssystems haben und zu Recht als „moralische Akteure“ verstanden werden können[8]. Im Allgemeinen wird von dem verständigungs-orientierten Handeln, bei der Bewertung von Unternehmen, also dem Stakeholder-ansatz, ausgegangen. Der Grundgedanke dabei lautet: „Eine Handlung kann dann als legitim angesehen werden, wenn niemand in seinen moralischen Rechten in unzumutbarer Weise eingeschränkt wird“[9]. Dieses nachhaltige Handeln wird im Idealfall im Dialog mit allen Betroffenen, also nach Habermas`schem diskurs-ethischem Prinzip[10] festgestellt. Natürlich wird sofort klar, dass dies weder finanziell noch logisch leistbar ist, denn die Kosten mit allen Betroffenen einen Dialog zu führen, würde sowohl jeden finanziellen als auch jeden zeitlichen Rahmen sprengen. Zudem sind bestimmte Stakeholder gar nicht in der Lage, ihre Interessen vorzu-bringen, da sie zur Gruppe der stimmlosen Anspruchsgruppen[11] zu zählen sind, etwa zukünftige Generationen, Kinder, die Natur oder fremde unabhängige Kulturen, wie Naturvölker der Aboriginies in Australien. Für den Bereich des ethischen Investments gilt es, zu prüfen in wie weit das zu finanzierende Unternehmen bereit ist, diesen Legitimationsprozess zu beachten und versucht diesen in die Unternehmensstrategie und Entscheidungen mit einzubeziehen. Ob ein Unternehmen im Marktalltag nun eine ethisch lohnende Finanzanlage darstellt wird von verschiedensten Seiten unterschiedlich beantwortet. Dieser Bewertungsprozess ist gerade in der Praxis unter Fachleuten umstritten, als Beweis dienen hier die mehr als 60, in Deutschland zugelassenen, ethisch-ökologischen Publikumsfonds[12].

2.2 Die Idee der Nachhaltigkeit

Belegt wird dies ebenso durch die verschiedensten Nachhaltigkeitskonzepte.

Kaum ein Begriff ist zurzeit in der umweltpolitischen Diskussion so im Umlauf, wie der der „Nachhaltigkeit“, kaum ein anderer gleichzeitig so umstritten – vor allem wegen seiner terminologischen Unschärfe[13]. Als Kern kann man aber festhalten, dass nachhaltiges Wirtschaften auf die intra- als auch intertemporale Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen abzielt. Jedoch divergieren die Vorstellungen über das „nachhaltig zu Erhaltende[14] enorm. Deswegen ist es unbedingt notwendig die zwei wichtigsten Konzepte einander gegenüberzustellen. Das Konzept der „starken Nachhaltigkeit“ hat die Erhaltung des Naturkapitals zum Ziel, da das Naturkapital einen nicht substituierbaren, und damit entsprechend der Wirtschaftstheorien zu maximierenden, „Nutzen“ aufweist. Außerdem nimmt die Zerstörung des Naturkapitals immer weiter zu und hat bereits ein Maß überschritten, das die Ressourcenverfügbarkeit des Faktors „Natur“ erheblich einschränkt. Auf Grund von Marktmechanismen - hohe Nachfrage und geringes Angebot - steigt der Preis des Faktors und Investitionen in die Natur werden rentabel[15].

Das Gegenkonzept geht von der unbegrenzten Substituierbarkeit von Naturkapital durch Sachkapital aus. „In diesem Konzept kommt es nur darauf an, dass der Durchschnittsnutzen bzw. die durchschnittliche Wohlfahrt von Menschen erhalten wird“[16]. Eine Kunstwelt ohne jegliche Natur ist vorstellbar, solange der Nutzen durch das substituierende Sachkapital maximiert wird. Interessant ist auch die Tatsache, dass für die meisten Anhänger dieses anthropozentrischen Konzeptes zukünftiger Schaden bzw. Nutzen auf die Gegenwart diskontierbar scheint und damit mit jetzigem Nutzen abwägbar wäre[17].

Eine tiefgreifendere Analyse dieser Thematik ist leider im Rahmen dieser Arbeit nicht leistbar, eine Abwägung der beiden Konzepte muss deshalb dem Leser selbst vorbehalten bleiben. In der Praxis wird jedoch dieser Konflikt beiseite gedrängt und das „Drei-Säulen-Modell“ verwandt, das Ökologie, Ökonomie und Soziales auf eine Ebene gleichberechtigt nebeneinander stellt[18]. Durch diese „Praktikerformel“ kann es jedoch wegen der Gleichrangigkeit der Dimensionen zu konfligierenden Zielen kommen, ein Ausgleich ist dann mit dem Mittel der Abwägung, dem Diskurs, zu suchen. Ob ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet unterliegt demnach der Sicht-weise des Investors und seinem Verständnis. Die Frage die sich nun stellt ist, in wie weit sich die potentiellen Investoren überhaupt mit dieser Thematik beschäftigen bzw. mit dem Nachhaltigkeitsgedanken im Bereich Geldanlage in Berührung kommen.

2.3 Stimmung in Deutschland

Nach einer repräsentativen Umfrage des imug Instituts[19] in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Marketing und Konsum (muk) an der Universität in Hannover im Jahr 2001 wurden 1024 Haushalte zum Thema ethische Geldanlagen befragt. Dabei ergab sich, dass erst 34% der Befragten überhaupt von diesem Thema gehört haben. In diesem Drittel der Befragten wurde dann ermittelt, wie man denn die Attraktivität dieser Geldanlagen einschätze, wobei 44% sozial-ökologische Investmentfonds als attraktiv oder sehr attraktiv einschätzten. Interessant ist die Tatsache, dass Frauen dies zu ca. 65% befürworteten und somit anscheinend eine höhere Affinität für ethische Gesichtspunkte besitzen. Als Nischenprodukt wurde nur ca. 3,1% der Befragten ein ethischer Fond überhaupt angeboten und ca. 0,7% gaben an in einen dieser Fonds zu investieren. Auf die Frage wieso man nicht in diese speziellen Fonds investiere, gaben 42% der Befragten an, dass es schwierig ist zuverlässige Informationen zu diesem Thema zu erhalten, knapp 37% wußten nicht wo man solche Fonds erhält, 23% gaben an, ihnen sei das Risiko zu hoch und 14,5% bezweifelten, damit zur Verbesserung der Umwelt und Gesellschaft beitragen zu können.

2.4 Marktentwicklung in Deutschland im internationalen Vergleich

Betrachtet man den Markt in Deutschland[20], zeigt sich sofort das immense Potential dieses Wachstumsmarktes. Im Vergleich des Jahrs 1999 mit dem Jahr 2001 ergibt sich ein eindeutiges Bild. Entgegen der allgemeinen Tendenz der Stagnation und der Börsenflaute, Stichwort Technologieblase, stieg das Volumen der ethisch-ökologischen Publikumsfonds von etwa 500 Mio. Euro auf ungefähr 2,5 Mrd. Euro, das entspricht einem Wachstum von ca. 500% in 3 Jahren (vgl. Abb1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland, mit ca. 0,6% am Publikumsfondsvolumen dennoch eher im Mittelfeld, Schweden hatte im Jahr 2001 bei „Socially Responsible Investing“ (SRI)-Publikumsfonds einen Marktanteil von 1,7%, England, das in Europa als Vorreiter in diesem Bereich gilt, besaß ein SRI-Publikumsfonds Volumen von 6,18 Mrd. Euro im Jahr 2001/02, in den USA lag das Volumen bei 14 Mrd. $. Bei den SRI-Fonds für institutionelle Anleger ist die Differenz noch viel größer. Während in den USA ca. 1870 Mrd. $ in SRI-Fonds investiert waren, dies entspricht 14,4% des gesamten Investitionsvolumens, waren hingegen in Deutschland mit ca. 3,5 Mrd. Euro 0,7%, in gesamt Europa 31,5 Mrd. Euro und damit ca. 0,9% des Gesamtvolumens, ein vergleichsweise sehr geringer Teil, angelegt.

Für den Weltmarkt wird bis 2005 ein Wachstum von derzeit ca. 33 Mrd. $ auf ca. 150 Mrd. $ erwartet[21].

3. Praxisrelevante Grundlagen zum ethischen Investment

3.1 Das magische Viereck der Kapitalanlage

Werden in herkömmlichen Geldanlagen drei Faktoren berücksichtigt also Risiko, Liquidität und Rendite, wurde das herkömmliche „Dreieck“, von vielen Investoren und Finanzdienstleistern um den Faktor Nachhaltigkeit oder Ethik erweitert[22]. Durch entsprechende Gesetzgebung in verschiedenen Ländern, wie Deutschland, Belgien, Frankreich, Australien und Großbritannien wurde die Aufnahme von ökologisch-sozialen Kriterien noch zusätzlich gefördert. Beispielsweise wurden Treuhänder von Pensionsfonds verpflichtet, darüber zu informieren, ob und wie der Pensionsfonds ethische, soziale und ökologische Belange bei der Verwendung der eingezahlten Beträge berücksichtigt, darzulegen[23]. Diese Entwicklung, hin zum „magischen Viereck der Kapitalanalyse, belegen auch die Unterschriften von mehr als 160 Banken unter das „Statement by Financial Institutions on the Environment and Sustainable Development“, das 1992 von 30 Finanzinstituten begründet wurde. Darin stimmen die Banken zu, dass Sustainable Development ein fundamentaler Aspekt von solider und vernünftiger Unternehmensführung darstellt[24]. Folglich ist dieser Aspekt auch bei Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen. Dies erschwert wiederum die Komplexität des Anlageselektionsvorganges.

3.2 Rolle der Anleger und Finanzintermediäre

Wie oben schon angesprochen wurde, stellen die Pensionskassen einen wichtigen Faktor im Bereich Investment dar, so verwalten amerikanische Pensionskassen etwa 38 Billionen US $, dies entspricht ca. 65% des US-BIP[25]. Im Allgemeinen ist fest-zuhalten, dass institutionelle Anleger, also Pensionskassen, Kirchen, Stiftungen, u.a., die wichtigsten Akteure und die treibende Kraft am Markt für ethische Investments sind. Dies wird belegt durch die großen Investitionsvolumen (vgl. 1.4) als auch durch das Selbstverständnis von Stiftungen und Kirchen. Schließlich basieren diese auf einem festen Wertekatalog und verfolgen oftmals allgemeinnützige Zwecke. Zudem orientieren sich beispielsweise gesetzliche Pensionskassen hin zum ethischen Investment (vgl. 2.1). Bei dem eigentlichen Prozess der Investition stellt der Finanz-dienstleister die Schnittstelle zwischen Investor einerseits und Unternehmen andererseits dar. Sie erstellen Ratings oder Beurteilungen im Auftrag ihrer Kunden über bestimmte Unternehmen und legen Fonds auf, um über die öffentliche Meinung und die Steuerung von Finanzströmen die Firmenpolitik zu beeinflussen. Sie bieten also Investoren, mit fehlendem Marktüberblick, die entsprechenden Hilfsmittel, um ihren eigenen Wünschen entsprechend die optimalste Investitionsentscheidung zu treffen.

3.3 Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden

Als Beispiel für eine externe Bewertung möchte ich deshalb den Frankfurt-Hohenheimer-Leitfaden[26] (FHL) etwas genauer vorstellen. „Das Forschungsprojekt trat (1993) mit der Vorstellung an, eine methodengestützte kriteriologische Grundlage für ein“ ethisches „Rating zu entwickeln und damit den bestehenden, überwiegend praxisorientierten Ansätzen ein theoretisches Fundament anzubieten[27]. Der FHL ist als möglichst umfassender Kriterienkatalog, auf Grundlage der Wertbaumanalyse, um die Tätigkeiten von Unternehmen zu bewerten, entwickelt worden. Auf die Methode der Wertbaumanalyse kann im Rahmen dieser Arbeit nicht tiefgreifender eingegangen werden. Aus pragmatischen Gründen wurde dieses Verfahren bei Erstellung des FHL jedoch abgekürzt, wobei eine relativ kleine Gruppe den gesamten Wertbaum erstellte. Der Leitfaden stellt den Anspruch auf logische Konsistenz und Vollständigkeit[28]. Auf Grund des hohen Maßes an Differenzierung der Hauptkriterien Natur-, Sozial- und Kulturverträglichkeit muss es unweigerlich zu Überschneidungen kommen, was an sich keinen Hinderungsgrund für die Anwendung darstellt. Interes-sant ist die Tatsache, dass im FHL die Kulturverträglichkeit als zentrale Dimension, über der Natur- und Sozialverträglichkeit erscheint, wobei dieses Kriterium im Bereich Sustainable Development selten zur Sprache kommt. Die Begründung hierfür findet sich im Verständnis von „Kultur“ der Autoren des FHL. Kultur ist demnach die maßgebliche Ordnung und das Selbstverständnis einer Gesellschaft und bestimmt „die Fähigkeit einer Gesellschaft, auf soziale und ökologische Krisen angemessen zu reagieren[29]. Das Naturkriterium des Leitfadens unternimmt den Versuch den Umgang des Unternehmens mit den Lebewesen, Umweltinstitutionen, -informationen, -technologien, Energie, Transport, Emissionen u.a. festzustellen. Die Sozialverträglichkeit dagegen befasst sich mit der Berücksichtigung von Interessen externer und interner Anspruchsgruppen, mit der Unternehmensorganisation, der Produktpalette und mit dem Gesamtsystem „Unternehmen“[30]. Die Idee dahinter ist „Bioüberlebenssicherheit für alle Menschen oder – (...) – darum, Menschwerdung in Gemeinschaft im Mitsein mit der Mitwelt für alle Menschen in Gegenwart und Zukunft zu sichern[31] bzw. ein erweitertes Nachhaltigkeitskonzept (vgl. 1.2). Das hohe Maß an Differenzierung lässt den FHL als äußerst komplex und wenig handhabbar erscheinen. Dagegen ist anzuführen, dass viele der Kriterien auf ein bestimmtes zu beurteilendes Unternehmen gar nicht zutreffen und oftmals legen Anleger bei der Beurteilung der Kriterien unterschiedliche Maßstäbe an, was zur „Ausblendung“ verschiedener Unterkriterien führt und damit die Handhabung erheblich erleichtert[32]. Des Weiteren bedeutet eine Reduktion der Kriterien auf ein geringes Maß eine erhebliche Einschränkung für den Investor bzw. seine Bewertungsmaßstäbe.

[...]


[1] von Rosen (2002), 12

[2] Lowry (1991), 19

[3] von Rosen (2002), 11

[4] Hoffmann (2002), 51

[5] vgl. Eucken, 240

[6] vgl. Boatright (1999), 114-119

[7] Barkhaus (2001), 413

[8] Enderle (1993), 227

[9] Waxenberger (1999), 292

[10] vgl. Habermas (1983), 103

[11] vgl. Waxenberger (1999), 296f; Ulrich (1998), 443

[12] vgl. Imug (2002), 24-29

[13] Hey, Schleicher-Tappesser (1998)

[14] Theobald (2001)

[15] vgl. Daly 1999

[16] Döring, Ott (2001), 321

[17] vgl. Döring, Ott (2001), 320-325

[18] vgl. BMU (1997), 9; Hüther, Wiggering (1999), 74; Enquete-Komission 1998, 32

[19] vgl. imug-muk (2001), 11-17

[20] vgl. Stremlau (2002), 26f; Franck (2002), 6-10

[21] vgl. Bundesverband der Verbraucherinitiative (2002), 1

[22] vgl. imug (2003), 11

[23] vgl. imug (2002), 8f; VAG (2002), §115Abs.4 VAG

[24] vgl. Stigson (2001), 168

[25] vgl. Franck (2002), 12

[26] vgl. Hoffmann, Ott, Scherhorn (1997)

[27] vgl. Hoffmann, Reisch, Scherhorn (1998), 4

[28] vgl. Hoffmann, Ott, Scherhorn (1997), 225-236

[29] Hoffmann, Reisch, Scherhorn (1998), 4

[30] vgl. Hoffmann, Ott, Scherhorn (1997), 9-106

[31] Hoffmann (2002), 60

[32] vgl. Hoffmann, Ott, Scherhorn (1997), 236f

Details

Seiten
32
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638310819
ISBN (Buch)
9783640385331
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29612
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Ethisches Investment Börse Dokumentenanalyse Ethische Probleme Management

Autor

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