Lade Inhalt...

Zum triuwe-Begriff in Hartmanns Erec. Das Spiel von triuwe und untriuwe

Seminararbeit 2009 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung des Begriffs triuwe

3. Das Spiel von triuwe und untriuwe in Hartmanns ‚Erec’
3.1. Enite und Erec – triuwe / untriuwe in der Ehe
3.2. Der erste Graf und Enite – triuwe in der untriuwe
3.3. Enites Klagerede (V. 5774 – 6109)

4. Schluss - Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang: Verse und Kontext in denen triuwe im ‚Erec’ vorkommt

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll der Begriff triuwe im Erec Hartmanns von Aue[1] semantisch untersucht und das Spiel von triuwe und untriuwe im Werk erläutert werden. Ein weiterer Schritt wird die Untersuchung sein, welche das Ziel verfolgt, aufzudecken wieso triuwe und untriuwe in diesem Werk nicht ohne einander existieren können. Dem Hauptteil, in welchem die Thesen untersucht und belegt werden, geht ein Einführungskapitel voran, in welchem wichtiges Hintergrundwissen aufgebaut wird, indem die Begriffe triuwe und untriuwe übersetzt und die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten erklärt werden.

Der Erec von Hartmann von Aue wurde um etwa 1180 nach der französischen Vorlage von Chrétien de Troyes erstem Artusroman Erec et Enide geschaffen. Da keine „Referenzen auf historische Ereignisse“[2] existieren, ist eine genaue „zeitliche Verortung“ (Scholz / Held (2004), S. 571) von Hartmanns Erec nicht möglich.

Was jedoch bekannt ist, ist dass er der erste Artusroman in Deutschland war. Hartmann hatte mit dem Modell Chrétiens auch die Gattung übernommen; es ist aber nicht eine schlichte Übersetzung sondern „eine interpretierend neu gestaltete [Adaption].“ (Scholz / Held (2004).

2. Erläuterung des Begriffs triuwe

Das mittelhochdeutsche feminine Substantiv triuwe (nhd. „Treue“) kommt vom althochdeutschen triuwa (altsächsisch: treuwa; gotisch: triggwa) und „geht zurück auf gemeingerm. * trewwo / trūwō „Vertrag, Versprechen“.“[3]

Es könnte aber auch „ein Zusammenhang mit dem indogermanischen Wort für „Baum, Holz“ (germ. *trewa-) [bestehen], so dass als Grundbedeutung etwa „fest wie Holz“ anzunehmen wäre.“[4]

Der Große Lexer übersetzt triuwe mit „ Wohlmeinenheit, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Treue (überh. Das sittliche Pflichtverhältnis zwischen allerhand einander Zugehörigen SSP. 3,78), gegebenes Wort, Gelübde, Versprechen, [Beteuerung].“[5]

Mit bruoderlîcher triuwe konnte man sein Wohlwollen und seine Barmherzigkeit ausdrücken, und auch seine Zuverlässigkeit beweisen, indem man Trost und Hilfe anbietet. Dies geschieht aber nicht nur unter Brüdern, sondern auch unter Freunden, Ehepartnern, Rittern und zwischen Lehnsherr und Vasall.

Triuwe konnte man im Minnedienst beweisen indem man nur einer einzigen Frau die beständige Minne schwor.

Triuwe gehörte mit der stæte („Beständigkeit, Festigkeit“), der mâze („Mass, Beherrschung“) und dem muot („Gesinnung, Mut“) zu den wichtigsten und herausragendsten Tugenden des Mittelalters und war „an den höfischen Ehrenkodex gekoppelt“ (Ehrismann (1985), S. 213) „Sie stand für Ethik des Individuums, „bestimmte den sittlich denkenden Menschen“ (Ehrismann (1985), S. 212) und stand deshalb auch für dieses selbst, repräsentativ zu verdeutlichen in der Formel dâ für ist mîn triwe pfant („dafür ist meine Treue Pfand“, z.B. Wolfram: ‚Parzival’ 212/13 […]).“ (Ehrismann (1985), S. 212)

„Die durch die triuwe gestiftete Identität bestand in der Verlässlichkeit (stæte) der Person in Bezug auf ihren Charakter sowie die von ihr eingegangenen Bindungen und Verpflichtungen.“ (Ehrismann (1985), S. 213) So bricht Enite „das ihr von Erec auferlegte Schweigegebot, um diesen zu retten; sie begründet: ich tetez durch mîne triuwe (Hartmann: ‚Erec’ 3262; vgl. 3414f.)“

„Das Versprechen der triuwe impliziert „Zuverlässigkeit, Wahrheit, Aufrichtigkeit, Vertrauen, Zuversicht“ und „Hilfe“.“ (Weddige (2007), S. 129)

„Die Antipoden der triuwe waren untriuwe („Treulosigkeit, Betrug“, [Verletzung von Bindungen]), haz (Hass) und nît („Hass, Neid, Missgunst, Feindseligkeit“).“ (Weddige (2007), S. 129)

3. Das Spiel von triuwe und untriuwe in Hartmanns ‚Erec’

In Hartmanns Erec herrscht in vielen Szenen ein gewisses Spiel zwischen triuwe und untriuwe, welche in diesem Kapitel näher untersucht werden.

Sobald in einer Szene die Rede von triuwe ist, kann man von der anderen Seite auch untriuwe entdecken, auch wenn es nicht explizit geschrieben steht. Ich finde es wichtig zu untersuchen, wieso triuwe und untriuwe in diesem Werk nicht ohne einander existieren können, ob Hartmann dieses Spiel so vorgesehen hat und falls dies möglich wäre, weshalb er dies getan hat.

3.1. Enite und Erec – triuwe / untriuwe in der Ehe

Wie bereits im vorigen Kapitel erklärt, sollte triuwe, in Form von Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit auch in der Ehe präsent sein. Doch in der verligen -Szene in Karnant, beginnt Erec daran zu zweifeln, dass Enite die richtigen Vorstellungen von ihren Pflichten und der Treue hat.

In dieser Szene könnte man sich das von Erec erteilte Redeverbot als eine Art Test oder Training für Enites triuwe zu ihm erklären, denn er sah in Enites Versuch den Tadel der Hofleute zu verheimlichen, offensichtlich einen Treuebruch […].[6]

Erec hat sich kurz nach der Hochzeit und dem darauf folgenden Turnier mit Enite „verlegen“, und die Hofleute beklagen die Vernachlässigung der Ritterlichkeit und der Freude und geben Enite die Schuld daran, dass der Hof verfallen und Erec in Schande geraten ist. Enite, die diese Vorwürfe mitbekommen hat, seufzt und klagt leise vor sich hin, als sie dachte, dass Erec noch schläft. Doch Erec, der nur in einem leichten Halbschlaf war, fordert sie auf, ihm ihre Sorgen mitzuteilen, doch Enite streitet zuerst ab überhaupt etwas gesagt zu haben. Erec besteht jedoch darauf, es zu erfahren und Enite teilt es ihm schliesslich mit.

„[Sie] hat [somit] ihre triuwe – Verpflichtung verkannt, sie hätte den Tadel des Hofes rechtzeitig und unaufgefordert weiterleiten müssen. […] Ein Handeln, dass nicht auf das Wohl des je anderen ausgerichtet ist […] höhlt das Gegenseitigkeitsethos der Ehe aus, ja bricht die Ehe.“ (Quast, S. 166)

Erec ist darauf nicht nur vom Geschwätz am Hof entsetzt, sondern auch von Enites Versuch es zu Verschweigen; er merkte, dass er sofort etwas gegen den Verlust seiner Ehre am Hof und etwas gegen die untriuwe von Enites Seite unternehmen muss. Erec beschliesst sofort mit Enite auf aventiure auszureiten; er lässt im Eiltempo alles für die Reise herrichten, befiehlt Enite ihr schönstes Kleid anzuziehen, vorauszureiten und, unter Androhung des Todes, kein Wort zu sagen. Nacheinander treffen die beiden zuerst auf drei, dann fünf Räuber, und jedes Mal warnt Enite Erec vor der Gefahr, da sie Erec, ihren geliebten Ehemann, nicht verlieren will.

Nachdem dem Sieg Erecs über die Räuber wird Enite zur Rede gestellt, da sie ihr Versprechen zu Schweigen, gebrochen hat. Wie im vorangehenden Kapitel schon erwähnt, kann es sich bei triuwe auch um ein Versprechen oder ein Gelübde handeln und im Falle eines Bruchs des Versprechens, handelt es sich um untriuwe; dies wäre also schon der zweite Fall von Enites untriuwe / Treulosigkeit. Doch es wird, wie später auch in einigen anderen Szenen, immer wieder mit beiden Begriffen, triuwe und untriuwe, in Hartmanns Erec gespielt.

Es heißt im Text: „si sprach: „herre, hæte ichz niht getân durch iuwers lîbes gewarheit, ich enhætez iu nie geseit. ich tetez durch mîne triuwe.“ ( V. 3259 – 3262, ATB 39 (2006))

Demnach sieht Enite in ihrer Tat einen Beweis ihrer triuwe und Liebe zu Erec, will sich damit auch für den Bruch ihres Redeverbots rechtfertigen und bittet ihn um Vergebung. Erec will dies aber nicht einsehen und bestraft sie, indem er ihr aufträgt, von nun an die erbeuteten Pferde der Räuber zu versorgen. Normalerweise durfte triuwehulde bzw. genâde erwarten“ (Ehrismann (1985), S. 214), doch in diesem Kontext geht dies nicht auf, denn die triuwe wird von Erec nicht anerkannt. Insgeheim verfolgt Erec aber (noch unbewusst) einen Plan, nämlich Enite beizubringen treu zu sein und er sieht nun erste Erfolge, verschärft jedoch die Strafe, um zu sehen ob Enite sich auch jetzt wagt das Redeverbot zu brechen um ihn anzusprechen oder zu warnen.

Man kann also darauf schliessen, dass auch untriuwe, auch wenn sie nicht explizit in den besagten Szenen gefunden wird, eine grosse Rolle spielt. Denn in Hartmanns Erec durchlaufen die zwei Protagonisten Erec und Enite zwei wichtige Entwicklungen – Erec lernt ein rechtmässiger Herrscher und Ritter zu werden und Enite eine getriuwe vrouwe (V. 3943, ATB 39 (2006)), die auch ihre Stimme zu benutzen lernt.[7] Um sich also ein Bild von triuwe zu machen, muss man auch wissen was untriuwe ist.

3.2. Der erste Graf und Enite – triuwe in der untriuwe

Auch in der folgenden Szene spielt Hartmann von Aue mit dem triuwe - und untriuwe -Begriff. Nach der Räuber - Aventüre führt ein Knappe das ermüdete Ehepaar an den Hof eines guten und gerechten Grafen, welcher durch Enites Schönheit in Liebe zu ihr entbrennt. Er wird durch Frau Minne jedoch auf den falschen Weg geleitet:

„Nû begunde den grâven riuwen,/ und gedâhte wider sînen triuwen,/ daz er die vrouwen verliez,/ daz er im si niht nehmen hiez./ manecvalt wart sîn gedanc,/ als in der vrouwen schœne twanc,/ wie er si möhte gewinnen./ Untriuwe riet sînen sinnen,/ daz er dar sô kæme,/ daz er si im benæme./ […] der muot was im von Minne komen,/ wande wir haben vernomen,/ von dem grâven mære,/ daz er benamen wære / beide biderbe unde guot, / an sînen triuwen wol behuot / unz an die selben stunt./ dô tete im untriuwe kunt / diu kreftige Minne / und benam im rehte sinne.“ (V. 3668 – 3693, ATB 39 (2006))

Man schließt daraus, dass die Minne eine so enorme Kraft ausübt, dass sie auch den getriuwesten Mann zur untriuwe bewegen kann.

„Genau wie Erec beim Eintreten der Krise des verligens hat auch der Graf die ihn vorher auszeichnenden Tugenden (biderbe unde guot) verloren: zu beachten ist die Parallelität der Tempusrahmung Vorher – Jetzt (dort ê – nû, hier unz). Die Ähnlichkeit zwischen der jetzigen Haltung des Grafen und der früheren des Helden [Erec] wird dadurch nahegelegt; für jeden von beiden führt die von Enite ausgehende Faszination dazu, „to blind him to his sense of values“.“ (Scholz/Held (2004), S.780) „Die Reflexionen über die Liebe und die Betonung der untriuwe hat Hartmann seiner Vorlage hinzugefügt; dort ist es Enides Schönheit, die das Verlangen des Grafen hervorruft; statt der Minne tritt hier die Frau als causa amoris auf.“ (Scholz/Held (2004), S. 778-779)

[...]


[1] Erec von Hartmann von Aue. Mit einem Abdruck der neuen Wolfenbütteler und Zwettler Erec - Fragmente. Herausgegeben von Albert Leitzmann, fortgeführt von Ludwig Wolff. 7. Auflage besorgt von Kurt Gärtner, ATB 39, Tübingen 2006.

[2] Hartmann von Aue, Erec. Herausgegeben von Manfred Günter Scholz, übersetzt von Susanne Held, Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 20, Frankfurt am Main 2004, S. 571.

[3] Weddige, Hilkert: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 7., durchgesehene Auflage. Verlag C.H. Beck, München 2007, S. 129.

[4] Ehrismann, Otfrid: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. München, 1985, S. 211.

[5] http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/lexer/wbgui?lemid=LA00001.

[6] Quast, Bruno: Getriuwiu Wandelunge. Ehe und Minne in Hartmanns ‚Erec’, Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 122 (1993), S. 166

[7] Vgl. Wandhoff, Haiko: Gefährliche Blicke und rettende Stimmen. Eine audiovisuelle Choreographie von Minne und Ehe in Hartmanns ‚Erec’. In ‚Aufführung’ und ‚Schrift’ in Mittelalter und früher Neuzeit, Hrsg. J.-D. Müller, S. 170-189. Stuttgart/Weimar: Metzler, 1996.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656940470
ISBN (Buch)
9783656940487
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296164
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
bestanden
Schlagworte
Hartmann von Aue Erec triuwe untriuwe Mediävistik Deutsche Literatur Mittelalter Versepos Seminararbeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zum triuwe-Begriff in Hartmanns Erec. Das Spiel von triuwe und untriuwe