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„Die Sterne“. Bandgeschichte, Einflüsse und Sprache

Akademische Arbeit 2007 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Die Sterne
1.1 Einführung
1.2 Bandgeschichte
1.3 Einflüsse
1.3.1 Musikalische und lyrische Einflüsse
1.3.2 Zitieren und Spilkers Selbstlegitimation des Ideenraubs
1.4 Die Sprache
1.5 Text und Textproduktion bei Spilker
1.5.1 Einführung
1.5.2 Pluralität der Ebenen versus Unmittelbarkeit
1.5.3 Strukturelle Brechungen
1.6 Die Verschränkung von Text und Musik
1.7 Inhalte
1.7.1 Einführung zu den Inhalten
1.7.2 Das Subjekt und sein Innenraum
1.7.3 Die Bewegung von Innen nach Außen
1.7.4 Desillusionierung und die Kritik an der politischen Gesellschaft

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Die Sterne

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Band "Die Sterne", deren Geschichte sowie mit musikalischen und lyrischen Einflüssen, die sich auf die Musikgruppe auswirken.

Desweiteren soll auf Besonderheiten der Sprache,des Textgebrauches und der Inhalte der Band eingegangen werden.

1.1 Einführung

Christoph: Wir haben zum Beispiele ein ganz anderes Publikum als Tocotronic, die haben, jetzt mal gemein gesagt, eher so 18jährige in Slacker-Tradition.

Frank : Liegt vielleicht daran, dass unser Konzept etwas komplizierter ist, es ist erst mal schwieriger zu verstehen, was das Typische an den Sternen ist, wenn man die Zitate nicht kennt.“ [1]

So grenzen die beiden Sterne-Gründungsmitglieder Christoph Leich und Frank Spilker ihre Band von Tocotronic ab. Das verschiedenartige Konzept umschließt dabei nahezu alle Komponenten des Musikmachens: musikalischer Stil, Textstil, Vortrag und Songstrukturen. Man könnte meinen, dass es lediglich die Einordnung in die Hamburger Schule ist, die bei Gruppen miteinander verbindet - die Herkunft ist es, wie gesehen, nicht. Was aber stellt dann die Verbindung her? Schließlich werden die beiden Bands fast immer mit der Dritten im Bunde – Blumfeld – in einem Atemzug genannt, wenn es darum geht die deutsche Gitarrenpopszene der 1990er zu beschreiben.

„DIE STERNE-Anhören [ist] wie wenn man sich in einen Raum stellt, der vibriert vor leicht zurückgehaltener Nostalgie und einer Schwermut, die eigentlich auch immer ihre Leichtigkeit hat, nur dass man die Komponente an Leichtigkeit bei den STERNEN verdammt schwer zu fassen kriegt.“ [2]

Nostalgie und Schwermut als erste Merkmale werden durch die Erfahrung der Gegenwart erzeugt, die eine Gegenwart ist, der man oft kopfschüttelnd, ja nahezu verzweifelnd, gegenübersteht. Doch sind beide nur die Basis, von der aus Die Sterne, oder besser: der Kopf der Band Frank Spilker, agieren. Man ‚suhlt’ sich nicht in Melancholie, sondern zeigt auf, artikuliert und klagt an. Mal im Stile einer politischen Agitation die Massen ansprechend, wie Ton Steine Scherben in den 70ern, mal vom Alltag des Subjektes aus. Der intellektuelle Anspruch gebiert sich im Textstil des „sensibel-introvertierten Sprachmathematikers“[3] Spilker, der sich stets zwischen Eindeutigkeit und Verschleierung hin- und herbewegt. Dabei reicht die Themenspanne vom Existenziellen (Essen) bis hin zu Postmaterialistischem (Antiglobalisierungsbewegung). Realisiert wird sie durch ausgeprägtes Zitieren, das sich der Texter kurzerhand selber legitimiert.

Musikalisch trägt man weniger den Größen des Rockgeschäftes Rechnung, sondern findet Anhaltspunkte im Funk der 70er und dem Hip Hop der 90er. Für beide charakteristisch ist die nahe Bindung des Textes an Rhythmus und Melodie, die sich auch bei Die Sterne in einer Verschränkung von Textmetrik und Groove wieder findet. So kann es passieren, dass Funktionen der einen Konstituente in den Bereich der anderen übersiedeln und Text zur Musik und Musik zum Text wird.

1.2 Bandgeschichte

Gründer und Kopf der Sterne ist der aus dem ostwestfälischen Bad Salzuflen stammende Frank Spilker. Dort betrieb er mit anderen Musikern wie Jochen Distelmeyer, Bernadette Hengst und Achim Knorr das von Frank Werner gegründete Kassettenlabel fast weltweit.

„Es geht um den subversiven intelligenten Popsong. Und Frank gelingt das schon damals, Mitte der 80er, unter dem Namen ‚Die Sterne’ bzw. später ‚Sterne, die’ mit Stücken wie ‚Ein verregneter Sommer’ auch ganz gut.“ [4]

Schon früh begann Spilker also Musik zu machen und Mitstreiter zu suchen. Diese fand er zu Beginn der neunziger Jahre in den ebenfalls aus Bad Salzuflen stammenden Keyboarder Frank Will und dem Bassisten Thomas Wenzel. Letzter war zu dieser Zeit Mitglied bei Jochen Distelmeyers Bienenjäger, ging später nach Hamburg und wurde als Julius Block Mitglied bei Die Goldenen Zitronen. Außerdem spielte er noch in der Countryformation Calamity Jane, der Gruppe Naked Navy und bei Die Stars. Momentan ist er hin und wieder als Sänger bei Cow tätig. Außerdem stieß der Schlagzeuger der 1991 aufgelösten Band Kolossale Jugend, Christoph Leich, dazu.

Will und Wenzel bilden die musikalische Seele der Band und ein Gegengewicht zur Kopflastigkeit der Denkerachse Spilker/Leich. Während sich Sänger und Schlagzeuger häufig in theoretischen Auseinandersetzungen versteigen, bilden die restlichen zwei das intuitive Element und den technischen Rückhalt für die eher mittelmäßigen Instrumentalisten Frank Spilker und Christoph Leich. Spilker zum Thema Profi-Dilettantismus:

„Grundsätzlich: Was ich mache, ist dilettantisch. Die Professionalisierung kommt durch die Wiederholung. Unsere Instrumente zu spielen, das haben wir nie gelernt.“ [5]

Nachdem man sich gefunden hatte, beschlossen die vier, Frank Spilkers alten Bandnamen „Die Sterne“ zu übernehmen. Damit war der Boden für „ein neues Kapitel in der deutschsprachigen Rockmusik“[6] bereitet und die Gruppe begann über die musikalische Ausrichtung nachzudenken.

(...) Hip Hop ist gut, aber anstatt sich ewig mit dem Klären der Rechte für Samples herumzuschlagen, ist es doch viel einfacher, Lieblingspassagen von Stücken selbst zu spielen und sie mit deutschsprachigen Texten zu überdachen. Die Grundidee der Rockband „Die Sterne“ ist geboren.“ [7]

1992 nehmen sie die erste Single „Fickt das System“ auf und 1993 und 1994 folgen die ersten beiden Alben „Wichtig“ und „In Echt“. Bis heute hat die Band sechs weitere Alben aufgenommen. Neben vielen anderen Tourneen spielten sie auf Einladung des Goethe-Instituts in Kanada, den USA und Mexiko. Die einzelnen Musiker arbeiteten an diversen Filmmusiken und probierten sich mit der Zeit, mittlerweile 15 Jahre, in diversen Stilexperimenten.

2002 ergab sich eine Umformierung der Bandbesetzung. Keyboarder Frank Will verließ Die Sterne, um sich stärker seiner Tätigkeit als Landschafts- und Gartenbauarchitekt widmen zu können. Zunächst ein kleiner Schock für die restlichen Mitglieder, diente der Weggang von Will in der Folge als eine Art Selbstfindungskurs für die Band. Das E-Piano war ein wesentlicher Bestandteil des Klanges und das sollte auch so bleiben. Man entschied sich den „talentierten Tastenwizard“[8] Richard von der Schulenburg aufzunehmen. Von der Schulenburg war bis dahin als Solokünstler unter dem Projektnamen Top Banana Trio mit Coversongs von Supertramp, ABBA sowie AC/DC aufgetreten. „Irgendwann war Thomas mal bei einer dieser Veranstaltungen von mir und hat gesehen, dass ich Orgel spielen kann“[9], erinnert er sich. Nach der Abstimmung mit dem Neuzugang und der dadurch erneuerten Ausrichtung der Band, begann man sofort „Irres Licht“ aufzunehmen.

1.3 Einflüsse

1.3.1 Musikalische und lyrische Einflüsse

Als Spilker und Leich sich trafen, waren beide bereits durch einen Punkhintergrund geprägt worden. Gitarrenrock war in den 1980ern nahezu vollkommen in der Schublade verschwunden und man suchte nach etwas Neuem. 1992 galt der Independent-Rock zwar nicht als tot, die Musikszene war sich aber einig, dass er als ästhetisches Modell ausgedient hatte – Alternativen waren gefragt. Dass auf der Suche nach ihnen scheinbare Grenzen überschritten wurden, war für Spilker etwas völlig Natürliches.

„Ich habe aber in meinem Hörverhalten nie eine Grenze gezogen und mich irgendwie als Rockhörer definiert, (…) [10]

Aus dieser Einstellung heraus war es dann auch möglich, interessantere Sachen anzunehmen und es entstand die Idee einer Zusammenführung mit die Absicht über den Punkansatz zur schwarzen Musik zu finden. Der gerade aus dem Rap im Entstehen begriffene amerikanische Hip Hop war ein Element davon. Maßgeblich beteiligt an dessen Popularisierung waren Musiker wie LL Cool J oder Gruppen wie N.W.A., Public Enemy und De La Soul. Als Vorgänger in enger Verbindung dazu finden sich auch Funk- und Soul-Größen wie Sly Stone oder Parliament, die auf Die Sterne zu Beginn der 1990er wirkten. Aus diesen Stilen destillierte die Band einzelne Elemente und bauten sie vor dem bereits erwähnten Punkhintergrund zusammen. Stark vom Groove des Funk ausgehend, wurde der Rhythmus zum strukturweisenden Element und unter dem Einfluss des Hip Hop nahm sich Spilker beim Texten der Collagetechnik an.

Aber auch am Krautrock[11] der 1970er und dem politischen Protestrock jener Zeit fand die Band Gefallen. Besonderes Augenmerk lag hierbei auf der Berliner Gruppe Ton Steine Scherben um den Sänger Rio Reiser, der Spilker beeindruckte und auf seine Art zu texten Einfluss nahm. Reiser hatte in Sachen Urbarmachung deutscher Texte mit eindeutiger politischer Belegung Pionierarbeit geleistet.

„Den SCHERBEN-Sänger bewundere ich deshalb, weil man bei ihm immer weiß, wo er steht. Auch wenn seine Parolenhaftigkeit heute so natürlich nicht mehr möglich ist.“ [12]

Eine leise Referenz an Reiser, die ‚Scherben’ und deren Unmittelbarkeit gibt Spilker in der ersten Single „Fickt das System“, die in der Tradition von Schlachtrufen der politischen Aufbruchstimmung zu Beginn der 70er Jahre steht.

Die 1980er wirkten mit der Neuen Deutschen Welle auf die gesamte Szene ein, jedoch widersetzte man sich dem gängigen Trend der Post-NDW-Zeit, deutsch zu denken, aber englisch zu schreiben. Spätere Einflüsse bildeten Beck und Tortoise, was sich im Eindringen von elektronischen Elementen zum Beispiel auf dem Album ‚Wo ist hier’ von 1999 manifestiert, aber nicht tiefer in den Kanon des Bandwerkes einging. Die Abwendung vom Indie-Rock („Ich weiß noch, keiner wollt ihn haben, diesen Rockbandscheiß (…). Wir hatten Lieder dagegen. Und argumentative Gesten.“[13] ; „Und stell mir vor, dass es das alles nicht gibt, diesen doofen Rock.“[14] ) und die Hinwendung zu den Strukturen des Soul, Funk und Hip Hop waren für Spilker und die Band nicht durch einen Bruch charakterisiert, sondern bedeuteten für sie die Fortsetzung einer Entwicklung, die schon früher begonnen hatte. Das musikalische Schöpfen aus einem 70er-Fundus sowie die textliche Inspiration der frühen 90er erzeugten dann in einer symbiotischen Verquickung mit dem Zeitgeist des ausgehenden Jahrtausends den typischen Sterne-Stil.

1.3.2 Zitieren und Spilkers Selbstlegitimation des Ideenraubs

Einflüsse sind für Spilker eine wichtige Basis für das Produzieren von Musik. Sie ermöglichen den Mitgliedern einer Band miteinander zu arbeiten und sind als Hilfsmittel für die Bildung eines musikalischen Selbstverständnisses unerlässlich. Dabei ist es für die Sterne nicht reminiszent, nostalgisch oder rückwärts gewand, sondern geradezu wichtig, diese Einflüsse aufzunehmen und zu betonen.

„Einflüsse sind eine gute Art, als Band zu kommunizieren. Das Zitieren ist selbstverständlich geworden (…) . Einflüsse sind in dem Moment da, wenn man drüber redet. Da geht dann das ganze Referenzsystem los. Ein wichtiges Fundament unserer Bandarbeit.“ [15]

Das Ganze will Spilker als Ablehnung des Authentischen verstanden wissen, das zugunsten des Interessanten ausgespart wird[16]. Dabei ist es ihm wichtig, dass die interessante Idee, die verarbeitet wird, gut ist. Es kommt weniger darauf an, dass es die eigene ist[17]. Er postuliert damit, dass der Klau guter Ideen zur kreativen Weiterverarbeitung durchaus zulässig und gutzuheißen sei und hat keine Probleme damit, das auch vorzuführen. Das Authentische abzulehnen heißt auch, sich selber nicht so wichtig zu nehmen und darauf zu bestehen, Quelle origineller Einfälle zu sein. Spilker als Texter nimmt sich hier selber etwas zurück, um der guten Idee Raum zu lassen. Denn erst dann kann sie adäquat beziehungsweise besser wahrgenommen werden. Dabei sieht er sich in einer Übermittlerrolle, die wie in einer Menschenkette ‚den Wassereimer’ weiterreicht. In Bezug auf „Die Interessanten“ vom 97er-Album ‚Von allen Gedanken schätz ich doch am meisten die Interessanten’ bemerkt er:

„Das Stück ist eine Aufforderung, nicht immer nach Authentizität zu schreien. Wir bestehen nicht drauf, dass alles aus unserem Bauch kommt, sondern sehen uns in einer Transmitterfunktion. Die Musik stammt von irgendwoher, auch wenn es nicht soweit durchdacht ist, dass man alle Ursprünge kennt.“ [18]

Im Liedtext werden die beiden Bereiche - eigene originäre Inspiration und das Annehmen einer fremden Idee - dann metaphorisch umgeformt:

„Die Tür ist auf, die Wohnung leer,

ich glaub mein Leben gibt nichts her. (…)

Wenn ich noch ne gute Lüge hätte,

würd ich mich nicht länger quälen. (…)

Ein Koffer auf der Parkbank (…)

Und innen glitzert es schon (…)

Den hab ich eben erst geklaut (…)

Aufgrund der bandtypischen Verzahnung von Text und Musik und der geradezu förderlichen Eigenschaften des Zitierens, erstreckt dieses sich bei den Sternen demnach sowohl auf die Musik, als auch auf die Texte. Dabei muss man aber bemerken, dass Spilker eher versucht das Aufnehmen von Aussagen abstrakt zu halten; außerdem ist die Vorbedingung, die zum Zitieren führt, nicht unbedingt eine bewusste.

„Output ist meistens nicht möglich ohne einen entsprechenden Input, wobei ich da nicht konkret sagen kann, dass ich nach Art des Samplings verfahre und einzelne Sätze von bestimmten Autoren nehme.“ [19]

Wie schon bei von Lowtzow gibt es ein Reservoir, dass durch Erfahrung (Lesen, Musikhören, usw.) angefüllt wird und aus dem man dann in Hinblick auf die Textproduktion schöpft. Und auch wenn Spilker betont, dass das Zitieren bei ihm nicht mit der Samplingmethode[20] vergleichbar ist, so finden sich doch Eins-zu-Eins-Übernahmen in den Texten. In „Risikobiographie“ vom Album ‚Posen’ heißt es am Ende „Allein – machen sie dich ein“, was ganz explizit auf den gleichnamigen Titel vom Ton Steine Scherben -Album ‚Keine Macht für niemand’ hinweist und noch mal die Einflüsse und darüber hinaus auch die politischen Ansprüche der Band deutlich macht. In „Zum Totschlagen zu schön“ vom Album ‚In Echt’ erinnert die letzte Textzeile „waiting for you to justify my love“ an den 90er-Jahre-Hit „Justify my love“ von Madonna.

Auch was das Zitieren von Musik angeht, zeigt sich, dass dies bei den Sternen kein bewusster Akt der Auswahl von Elementen anderer Musikstücke ist. Gitarrenriffs oder Themen werden nicht zielgerichtet exzerpiert und reintegriert. Das Auftauchen dieser Ideen ist ein unbestimmtes Moment, welches unter Umständen das Originalstück sogar im Dunkeln belässt.

„Es kommt oft beim Improvisieren vor, dass man auf ein bekanntes Riff stößt und daran hängen bleibt. Traditionsgemäß wird dann bei uns nicht versucht, das zu vertuschen, sondern erst recht betont.“ [21]

Diese Betonung steht im Dienste der guten Idee, die noch einmal in das Bewusstsein zurückgeholt wird und erneut wirken soll. Beispielhaft dafür steht der Song „Was hat dich bloß so ruiniert“ vom Album ‚Posen’. Die Komposition beruht auf dem Hit „House of the rising sun“ von The Animals. Von Beginn an ertönt das Originalthema und stellt den Bezug zum Inhalt, dem Verfall durch Dekadenz, her. Dadurch gewinnt das Lied sofort eine Basis, von der aus es verstanden werden kann und nicht erklärt werden muss beziehungsweise Fehlinterpretationen zu einem gewissen Grad auszuschließen vermag.

1.4 Die Sprache

Deutsch zu schreiben und zu singen war für Frank Spilker durchaus kein Automatismus. Früher, wenn auch selten, auf Englisch zu singen, machte ihm einerseits klar, dass er in seiner Muttersprache bessere Texte schreiben könne. Auf der anderen Seite bestärkte aber auch die eigene Rezeption von Musik und musikalischer Lyrik diese Entscheidung:

(…) es hat mich auch genervt, wenn Leute schlechte englische Texte geschrieben haben.“ [22]

Die Herausforderung, angreifbarer zu sein, weil man in Hörerkreisen alles versteht, hat Spilker so nie wahrgenommen. Lediglich die Angreifbarkeit durch das Einnehmen einer Position kann er bestätigen und darüber hinaus sogar vertreten.

„Aber es ist doch gut, angreifbar zu sein. Ich sage doch lieber etwas Falsches, als wenn ich gar nichts sage.“ [23]

Im Grunde genommen ist es aber die Verständlichkeit, die für ihn den Unterschied zwischen deutschsprachigen und zum Beispiel englischen Texten ausmacht. Denn die Entscheidung, in welcher Sprache getextet werden soll, hängt stark vom Vermarktungsrahmen und angestrebten Wirkungskreis einer Band ab. Spilker betont, dass es in Deutschland schwierig ist, breitenwirksam als muttersprachliche Band wahrgenommen zu werden, was kommerzielle und ökonomische Gründe hat[24]. So würden zum Beispiel Radiostationen eher englische Lieder spielen, weil dem Hörer damit kein anstrengendes inhaltliches Zuhören aufgezwungen würde. Während man bei deutschen Texten automatisch genauer hinhört, nimmt man englischsprachige Songs nur nebenbei wahr und schaltet nicht um oder ab, was wiederum Werbekunden anzieht. Aufgrund dieser Kenntnisse könne man dann als Musiker die Entscheidung treffen, deutsch oder englisch zu schreiben und somit ist für Spilker der Unterschied lediglich ein technischer und kein inhaltlicher.

Die Kritik, dass die deutsche Sprache aufgrund ihrer zahlreichen p, t und k viel schwieriger auf einen Melodiebogen zu bringen sei, weist Spilker als Hippie-Argument aus den 70ern zurück. Ihm falle es nicht wirklich schwer diese sprachimmanente Härte während des Singens zu artikulieren. Außerdem haben seine persönlichen Vorbilder, Bands wie DAF oder Fehlfarben, das Harte in der Sprache ganz im Gegensatz dazu gerade betont.[25]

[...]


[1] Neubacher; 1995

[2] Bonz; 1994

[3] Jürgens, Tim; Die Sterne - Starlight Express; in: Intro Nr. 34, April 1996; S. 9

[4] Bandinfo; auf: www.diesterne.de (Stand: 13.05.2007)

[5] Krüger, Sascha; Von allen Dilettanten…; in: Visions Nr. 157; April 2006

[6] Bandinfo

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] Brandt; 2002

[10] Visions, 56, Mai 1997

[11] Bezeichnung für ein Konglomerat aus Deutschland stammender Rockbands, die auch international bekannt waren und erfolg hatten. Aufgrund der deutschen Herkunft, die besonders im englischsprachigen Ausland mit der Eigenschaft des Krautverzehrs konnotiert ist, wurden die Strömung sowie der Stil der Bands als Krautrock bezeichnet. Bekannteste Vertreter waren die Gruppen Amon Düül II aus Herrsching sowie die Kölner Formation Can.

[12] Jürgens; 1996

[13] „Tourtagebuch“

[14] „Rockmühle“

[15] Krüger; 2006

[16] vgl. Brandt, Alexandra; Rockbandscheiß Part IV; in Visions Nr. 58; Juli 1997; S. 29

[17] ebd.

[18] Jürgens; Mai 1997; S. 20

[19] Brandt; 1997; S. 30

[20] Sample (engl.: die Probe); Beim Sampling in der Musik wird eine kurze Sequenz (z.B.: ein Motiv oder ein Vers) aus ihrem ursprünglichen Kontext (einem Musikstück) herausgetrennt und unverändert in einen neuen Kontext (eine Neukomposition) eingebettet. Auf die Spitze getrieben wird diese Methode von der australischen Band ‚The Avalanches’, deren Songs grundsätzlich nur aus Samples bestehen. Dabei bilden die Samples für sich gegenseitig einen neuen Kontext und die Frage nach der Definition von Neukomposition rückt in den Fokus der Betrachtung.

[21] Brandt; 2002 ; S. 83

[22] Viets, 2004, S. 260

[23] ebd.

[24] vgl. ebd.

[25] vgl. ebd.; S. 261

Details

Seiten
29
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656941620
ISBN (Buch)
9783668143128
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296388
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
Schlagworte
sterne bandgeschichte einflüsse sprache

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Titel: „Die Sterne“. Bandgeschichte, Einflüsse und Sprache