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Wallfahrten als Ausdruck der Volksfrömmigkeit. Walldürn und die Wallfahrt der Eichsfelder

von Sylvia Montag (Autor)

Examensarbeit 2002 100 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

I. Wallfahrten als Ausdruck der Volksfrömmigkeit
1. Der Begriff Wallfahrt
2. Ursprung und Sinn einer Wallfahrt
3. Wallfahrten in anderen Religionen
3.1. Wallfahrten im Judentum
3.2. Wallfahrten im Islam
3.3. Wallfahrten im Buddhismus
3.4. Wallfahrten im Hinduismus
4. Wallfahrten im Christentum
4.1. Geschichte der christlichen Wallfahrt
4.2. Unterschiedliche Wallfahrtsstätten

II. Walldürn und die Wallfahrt der Eichsfelder
1. Ursprung der Walldürn - Wallfahrt
1.1. Das Blutwunder von Walldürn
1.2. Schriftliche Quellen über das Blutwunder
1.3. Das Wunderkorporale und der Blutaltar
2. Entwicklung Walldürns zu einem berühmten Wallfahrtsort
2.1. Wallfahrtsbeginn
2.2. Erneuerung der Wallfahrt und deren weitere Ausbreitung
3. Walldürn und die Eichsfelder
3.1. Geschichtlicher Rückblick auf die Zeit des 30-jährigen Krieges
3.2. Entstehung der Walldürn - Wallfahrt auf dem Eichsfeld
3.3. Die Entwicklung der Eichsfelder - Walldürn - Wallfahrt von den Anfängen bis zur „Wende“ 1989
3.4. Die Eichsfelder - Walldürn - Wallfahrt nach der „Wende“ 1989 .

III. Oral History - die empirische Dimension der
Wallfahrt
Schluss
Anhang - Fragebögen Interviews
Abbildungsverzeichnis
Erklärung

Literaturverzeichnis

Anhalt, Andreas. Der Wallfahrtsort Etzelsbach im Eichsfeld. Ein Beitrag zur Wallfahrtsgeschichte im Bistum Erfurt. Duderstadt 1998.

Assion, Peter (Hrsg.). 650 Jahre Wallfahrt Walldürn. Karlsruhe 1980. Brückner, Wolfgang. Wallfahrt und Kirche Walldürn. o.O., o.J.

Brückner, Wolfgang. Die Verehrung des Heiligen Blutes in Walldürn.

Volkskundlich - soziologische Untersuchungen zum Strukturwandel barocken Wallfahrtens. Aschaffenburg 1958.

Chronik der Wallfahrt zum Heiligen Blut nach Walldürn ab 1990.

Domarus, Max. Walldürner Wallfahrt in sechs Jahrhunderten. Wiesentheid 1952. Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim 21989.

eichsfeld. Monatszeitschrift des Eichsfeldes. Heft 11. November 1996. 40. Jahrgang. Duderstadt. S. 429 - 431.

Hansen, Susanne (Hrsg.). Die deutschen Wallfahrtsorte. Ein Kunst und Kulturführer zu über 1000 Gnadenstätten. Augsburg 1990.

Heilig - Blut - Buch. Pilgerbuch der Wallfahrer aus dem Eichsfeld, Fuldaer Land und Unterfranken nach Walldürn. o.O. 21987.

Höfling, Hubertus. Zum Blut des Herren wallen wir. Die Heilig - Blut - Wallfahrt der Fuldaer, Eichsfelder, Unterfranken und Baunataler nach Walldürn. Fulda 1993.

Höfling, Hubertus. Auf historischen Pfaden zum heiligen Blut nach Walldürn. Impressionen einer Wallfahrt auf den Spuren einer vergangenen Zeit. o.O., o.J.

Kolb, Karl. Vom Heiligen Blut. Eine Bilddokumentation der Wallfahrt und Verehrung. Würzburg 1980.

König, Alfons. Chronik von Küllstedt bis 1978.

König, August. Chronik. Der Wallfahrtsort Wallduern. Als Anziehungspunkt der Verehrer des Heiligen Blutes aus dem Eichsfelde und dem Fuldaer - Lande in der Zeit von 1683 - 1933.

Kuhne, Alexander. Wallfahrtsstätten im Erzbistum Paderborn. Paderborn 1984. Lexikon der Theologie und Kirche. 32000.

Mielenbrink, Egon. Beten mit den Füßen. Über Geschichte, Frömmigkeit und Praxis von Wallfahrten. Kevelaer, Düsseldorf 1993.

Wallfahrtsland Eichsfeld. Heiligenstadt o.J.

Einleitung

Das Thema meiner Examensarbeit stand für mich persönlich schon vor über einem Jahr fest. Es war klar, dass ich mich mit der Walldürn - Wallfahrt näher beschäftigen wollte. Und zwar speziell mit der Fußwallfahrt der Eichsfelder zum Gnadenort Walldürn. Auf Grund der Verbundenheit zu meinem Heimatort Küllstedt, hatte ich gewisse Vorkenntnisse über diese Wallfahrt und wollte mehr darüber erfahren. Doch nur allein über die Walldürn - Wallfahrt der Eichsfelder zu berichten, reichte mir nicht aus.

Zunächst will ich das Thema Wallfahrten allgemein ansprechen und näher beleuchten. Wichtig hierbei ist, eine Definition, eine Begriffsklärung für das Wort Wallfahrt zu finden, ebenso den Ursprung und Sinn der Wallfahrt zu analysieren. Seit jeher begeben sich die Menschen auf den Weg zu Kult- und Gnadenstätten, um Heilige, Reliquien oder Bilder zu verehren. Auch in anderen Religionen ist die Wallfahrt von Anfang an Ausdruck des Glaubens. Der Überblick über die Wallfahrten im Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus soll dies deutlich machen. Es ist mir wichtig, auf die Entwicklung und Geschichte der Wallfahrt im Christentum näher einzugehen, ebenso auf die verschiedenen im Laufe des Christentums entstandenen Wallfahrtsarten. Beschränken werde ich mich hierbei auf die Marienwallfahrtsstätten, die Wallfahrtsorte der Heiligen und die Blutwallfahrten als ein Beispiel der Christuswallfahrten.

672 Jahre sind seit dem Blutwunder von Walldürn 1330 vergangen. Die Legende des Blutwunders, die Analyse der verschiedenen schriftlichen Quellen über das Blutwunder sowie die Beschreibung des Wunderkorporals und des Blutaltars, sind wichtige Themen im ersten Teil des zweiten Kapitels. Der Wallfahrtsbeginn sowie die Erneuerung der Walldürn - Wallfahrt und die weitere Ausbreitung sollen erläutert werden. Der Hauptteil dieses zweiten Kapitels umfasst die Eichsfelder - Walldürn - Wallfahrt. Die Frage, warum die Eichsfelder in das weit entfernte Walldürn pilgern, werde ich eingehend beantworten. Ebenso ausführlich werde ich die geschichtliche Entwicklung der Eichsfelder - Walldürn - Wallfahrt erläutern. Das Auf und Ab in der Geschichte der Wallfahrt, die Kriege, Hungersnöte, Krankheiten und Verbote mit denen unsere Vorfahren zu kämpfen hatten, werden deutlich geschildert. Eingebunden in diesen geschichtlichen Rückblick sind die Pilgerwege von Küllstedt nach Fulda sowie von Fulda nach Walldürn. Der letzte Teil dieses Kapitels umfasst die Entwicklung der Eichsfelder - Walldürn - Wallfahrt nach der „Wende“ 1989.

Im dritten Kapitel werde ich mich mit der Auswertung durchgeführter Interviews zur Walldürn - Wallfahrt auseinandersetzen. Bei der Analyse der Fragebögen sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf die Beweggründe, Erfahrungen und Erlebnisse der befragten Wallfahrer deutlich gemacht werden.

I. Wallfahrten als Ausdruck der Volksfrömmigkeit

Im ersten Kapitel werde ich mich mit der Wallfahrt allgemein auseinandersetzen. Zuerst soll eine Begriffsdefinition für das Wort Wallfahrt gefunden werden. Im Anschluss erfolgt eine Analyse über den Ursprung und Sinn einer Wallfahrt. Ein Überblick über die Entwicklung der Wallfahrten in den anderen vier Weltreligionen Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus ist im dritten Teil dieses Kapitels zu finden. Die Wallfahrten im Christentum, die geschichtliche Entwicklung sowie die verschiedenen Wallfahrtsstätten, mit Schwerpunkt auf die Marienwallfahrtsorte, die Wallfahrtsorte der Heiligen und die Blutwallfahrten als ein Beispiel der Christuswallfahrten, sind am Schluss des ersten Kapitels von Bedeutung.

1. Der Begriff Wallfahrt

Auf die Frage „Was bedeutet Wallfahrt?“ antwortete mir meine Mutter spontan „Beten mit den Füßen“. Doch was bedeutet Wallfahrt noch? Der Duden beschreibt den Begriff Wallfahrt als eine „aus verschiedenen religiösen Motiven ... unternommene Fahrt, Wanderung zu einem Wallfahrtsort, einer heiligen Stätte.“1 Wallfahrt bedeutet aber auch, „...eine mit besonderen Mühen unternommene, intensive Form des Bittgebetes.“2 Für diese unternommenen Fahrten und Wallfahrten zu bestimmten Orten und heiligen Stätten gibt es im deutschen Sprachgebrauch zwei Wörter: pilgern und wallfahren. Beide Begriffe werden in der heutigen Umgangssprache ausgetauscht, sie werden als gleich bedeutend verwendet, doch ihre ursprünglichen Bedeutungen sind verschieden. Pilgern lässt sich auf das lateinische Verbum ‚perigere’ zurückführen, was soviel wie ‚jenseits des eigenen Ackers in der Fremde sein’ bedeutet. Das Wort wallfahren hingegen lässt sich auf den deutschen Begriff ‚wallen’ zurückführen und bedeutet ‚reisen’ und ‚wandern’. Als Wallfahrer werden die Menschen bezeichnet, die für eine gewisse Zeit ihre Heimat und ihren Alltag verlassen, um eine heilige Stätte aufzusuchen, dort zu beten und anschließend wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Anders ist es bei den Pilgern. Sie suchen eine heiligen Stätte, vielleicht das Grab eines Märtyrers auf und bleiben dort bis zu ihrem Tod um sich ebenfalls an diesem Ort begraben zu lassen. Die Begriffe Wallfahrt und Pilgerreise werden heute anders definiert. Als Wallfahrt bezeichnet man heutzutage den Besuch einer Stätte in der näheren Umgebung oder einen Ort den man zu Fuß erreichen kann. Alle Wallfahrten die zu weit entfernten Orten im Ausland führen und nur mit Hilfe von Bus, Bahn und Flugzeug erreicht werden können, bezeichnet man heute als Pilgerreise.3 Vom Ursprung her gesehen stimmen diese beiden Begriffsdefinitionen so nicht. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es die Menschen auch heute noch zu Wallfahrtsstätten zieht „... um als äußeres Zeichen einer traditionellen Volksfrömmigkeit Gottes Heilsschaffen und sein Erlösungswerk in Christus in den Mittelpunkt der Anbetung zu stellen, gemeinsam zu beten und zu feiern, Gemeinschaft zu erleben und Gelegenheit zur Besinnung zu haben.“4 Diese Tradition des Wallfahrens findet man u.a. besonders im Eichsfeld mit den zahlreichen Wallfahrtskirchen. Die Ursachen und Bedeutung dieser eichsfeldischen Tradition begründet der Erfurter Bischof Dr. Joachim Wanke wie folgt: „Auf Wallfahrt gehen ist Ausdruck für das Selbstverständnis katholischer Frömmigkeit. Über den konkreten Wallfahrtsanlass hinaus kommt in der Bereitschaft, sich auf einen Wallfahrtsweg zu begeben, auch eine Grundhaltung unseres Glaubens zum Ausdruck: Hier in dieser Welt sind wir unterwegs. Das Ziel unseres Lebens liegt vor uns, ‚der neue Himmel, die neue Erde’... Aufbrechen aus dem Alltagsleben, sich auf den Weg begeben, im heiligen Bild, das fromme Hände gestaltet haben, das Vorausbild der Ewigkeit schauen - das erinnert eindrücklich an die Grundaufgabe der Christen in dieser Welt: ‚beweglich’ zu bleiben, sich nicht in den erfahrbaren Wirklichkeiten des Irdischen festzusetzen, sondern sich auszurichten auf das ewige Ziel des Menschenlebens, die Gemeinschaft mit Gott und den Heiligen.“5 Ich denke, dass sich diese Ursachen- und Bedeutungsdefinition des Bischofs Wanke nicht nur auf die Wallfahrten im Eichsfeld beziehen lässt, sondern für alle Wallfahrten als allgemeingültig angesehen werden kann.

2. Ursprung und Sinn einer Wallfahrt

Der Ursprung der Wallfahrt liegt im Dunkeln, aber es gibt in den zahlreichen Religionen damals wie heute Orte, die von den Menschen immer wieder aufgesucht werden und an denen sie sich dem göttlichen Wesen sehr nahe glauben. Ob es sich dabei um heilige Haine, Quellen und Berge oder Tempel, Säulen und Götterbilder handelt, spielt keine Rolle, denn die Menschen besuchen diese religiösen Zentren mit dem Ziel, „...in der Bewegung des Pilgerns die Hinwendung zu den dort verehrten Gottheiten, Religionsstiftern oder ‚Heiligen’ zu vollziehen, deren gnadenvolle oder fürbittende Nähe zu erfahren und durch Gebete, Gelöbnisse, Opfergaben, Waschungen und Berührungen Hilfe zu erlangen oder religiöse Verdienste zu erwerben.“6 Den Ursprung der Wallfahrt finden wir bereits in vorchristlicher Zeit in der griechischen Antike und dem Judentum, sodass man durchaus behaupten kann, dass „die Wallfahrt...zu den ursprünglichsten religiösen Äußerungen des Menschen.“7 gehört. Für die Christen spielen die Wallfahrten in der griechischen Antike und dem Judentum eine bedeutende Rolle, denn sie haben bei ihren Wallfahrten auf die älteren Formen zurückgegriffen. Die Griechen haben den gesamten heidnisch - vorchristlichen Raum um das Mittelmeer religiös geprägt, indem sie Tempel errichteten und eine große Anzahl von Kultorten besaßen, in denen sie sich dem göttlichen Wesen ganz nahe glaubten. Diese Kultorte wurden aufgesucht, um die Götter durch Gebete und Opfergaben milde zu stimmen und um deren Beistand in Notsituationen zu erlangen. Die Menschen kamen in Hungersnöten und Kriegsgefahren, bei Seuchen und Naturkatastrophen sowie mit ihren persönlichen Anliegen zu diesen Orten um Zuflucht zu suchen. Die drei größten Wallfahrtsorte zu dieser Zeit waren Epidaurus, Delphi und Ephesus. In Epidaurus wurde das Hauptheiligtum des griechischen Heilsgottes Asklepios verehrt. Nach Epidaurus brachte man, wie heute nach Lourdes alle Kranken, die von dem Gott durch einen Traum in einem Heilsschlaf Genesung erhofften. Die Menschen kamen von überall her zu diesem Ort, auch wenn sie dafür Wochen oder gar Monate unterwegs waren. Das Heiligtum des Gottes Apollo in Delphi, im Landesinneren von Griechenland, war eine andere bedeutende Stätte zu dieser Zeit. An diesem Ort bat man die wahrsagende Pythia, die ein Orakel des Gottes verwaltete in sämtlichen Situationen um Rat. Ob es sich um eine Staatskrise, um ein persönliches Anliegen oder die Erfüllung des Kinderwunsches handelte, man hat die verhüllten Sprüche der Seherin Pythia immer erforscht. Ephesus zählte zu den größten Wallfahrtsheiligtümern der antiken Welt, denn hier wurde das Bild der Göttin Artemis verehrt, welches vom Himmel gefallen sein soll. Um das Bild der Artemis, deren zahlreiche Brüste ein Symbol der Fruchtbarkeit darstellten, zu verehren, kamen die Pilger aus der ganzen (zu dieser Zeit bekannten) Welt.8 Damals wie heute gab und gibt es Beweggründe für eine Wallfahrt. In Susanne Hansens ‚Die deutschen Wallfahrtsorte’ werden die Wallfahrtsmotive in drei Gruppen eingeteilt. Hier wird beschrieben, dass das Motiv der Bitte für eine Wallfahrt an erster Stelle stehe, denn die Menschen erwarteten in besonders schwierigen Lebenssituationen, wie z.B. Krankheit, am Wallfahrtsort eher Hilfe. Oft führt auch das persönliche Anliegen, z.B. Erlangen von Kindersegen, zu einer solchen Wallfahrtsstätte. Das zweite Wallfahrtsmotiv stellt das des Dankes dar. Solche Dankwallfahrten führen die Pilger zum zweiten Mal an diesen Ort, an dem beim ersten Besuch ihre Bitte Erhörung gefunden hat. Ein drittes Motiv für eine Wallfahrt stellt die Buße dar. Dieses Wallfahrtsmotiv taucht hauptsächlich im Mittelalter auf, als die Kirche eine Bußordnung entwickelt hatte. Zu dieser Zeit konnten auch die zu einer Strafe verurteilten Menschen an einer Wallfahrt teilnehmen um dadurch die ‚rechte Ordnung’ wieder herzustellen.9 Die Teilnahme an einer Wallfahrt bedeutet für die Menschen auch heute noch die Hoffnung auf die Erhörung ihrer Gebete in Verzweiflung und in Notsituationen. Die Wallfahrt bedeutet auch die Erfahrung der Glaubensgemeinschaft, miteinander zu beten und zu singen, Menschen mit den gleichen Interessen kennen zu lernen, den eigenen Glauben zu bekunden und zu stärken. Aber auch Dankbarkeit für Trost und Hilfe in schwierigen Situationen oder die Erfüllung eines Gelübdes waren und sind Anlässe für eine Wallfahrt. Darum ist das Ziel der Wallfahrt letztlich „...nicht eine Sehenswürdigkeit, sondern das Aufbrechen hin zum lebendigen Glauben.“10

3. Wallfahrten in anderen Religionen

Nicht nur im Christentum, sondern auch in den anderen vier Weltreligionen sind Walfahrten von großer Bedeutung. Im Folgenden möchte ich kurz auf die Wallfahrten im Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus eingehen.

3.1. Wallfahrten im Judentum

Die Wallfahrt des alttestamentlichen Volkes Israels hatte den größten Einfluss auf die Wallfahrt im Christentum. In der Zeit der Landnahme unter den Richtern gab es verschiedenen Heiligtümer wie Bet - El, Schilo und Beerscheba, doch in späterer Zeit entwickelte sich die Stadt Jerusalem mit ihrem Tempel zur einzigen Kult- und Wallfahrtsstätte. In Israel hatte jeder Ort eine Synagoge, die jedoch nur eine Gebetsstätte der Gemeinde war und am Sabbat zum Gottesdienst einlud. Der Tempel in Jerusalem hingegen war der einzige Ort an dem Opfer dargebracht wurden. Jerusalem war an den größten Festen im Jahr, zu Pfingsten, zum Laubhüttenfest und zum Paschafest von Pilgern übervölkert. Die Wallfahrt zum Tempel nach Jerusalem war die Pflicht eines jeden erwachsenen Juden. Es entstanden eigene Psalmen für die Wallfahrt nach Jerusalem, die man unterwegs, beim Betreten der heiligen Stadt, im Tempel und beim Abschied gebetet und gesungen hat. Man vermutet, dass es sich bei den Psalmen 120 - 134 um solche Wallfahrtslieder handelt. In den Schriften des Jesaja wird deutlich, dass Jerusalem als Symbol der Einheit in Gott in der Endzeit nicht nur auf das auserwählte Volk beschränkt bleibt. Denn in Jes 2,3 heißt es „Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen“. Die Völkerwallfahrt nach Jerusalem wird noch mal im 60. Kapitel des Buches Jesaja aufgegriffen, wo es heißt: „ Auf, werde licht denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde, und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht, und Könige zu deinem strahlenden Glanz.“ (Jes 60,1 - 3). Dieses Bild wird sich im Heilsgeschehen des Christusereignisses, seiner Geburt, seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung und schließlich seiner zweiten Ankunft am Ende der Tage für die Christen erfüllen.11

3.2. Wallfahrten im Islam

Nicht nur die 22. Sure des Korans schreibt jedem männlichen Gläubigem vor, wenigstens einmal im Leben nach Mekka zu pilgern, sondern auch eine der fünf Säulen des Islam bestätigt diese Pflicht. Mohammed selbst hat mit dieser Wallfahrt alte arabische Bräuche wieder aufgenommen. Die Wallfahrt nach Mekka bringt dem Pilger somit in besonderer Weise die Glaubensauffassung des Propheten Mohammed nahe.

Nach der Ankunft in Mekka umschreiten die Pilger siebenmal die Kaaba, das würfelförmige Heiligtum im Hofe der Moschee. Danach küssen oder berühren sie den schwarzen Stein um zu bekennen, was alle Moslems mehrmals am Tag tun, das Allah der Eine ist. Einen weiteren Höhepunkt auf der Mekkawallfahrt bildet der Weg auf den ‚Hügel der Gnade’, auf dem Mohammed seine Abschiedspredigt gehalten hat. Anschließend bringt man auf dem Rückweg nach Mekka ein Opfer dar, indem ein Tier geschlachtet wird. Nun hält man ein Festmahl und feiert ein dreitägiges Freudenfest. Das Pilgergewand, welches auf der Wallfahrt getragen wurde, darf nun abgelegt werden. Bevor die Heimreise angetreten wird, umschreiten die Pilger die Kaaba erneut siebenmal.

Die Wallfahrt nach Mekka stellt für jeden gläubigen Moslem das bewegenste Ereignis in seinem religiösen Leben dar. Jeder Moslem, der an der Wallfahrt nach Mekka teilgenommen hat, darf den Titel ‚Hadschi’ führen.

Es gibt im Islam auch noch andere Heiligtümer, die besucht werden, so z.B. Medina, der langjährige Wohnort Mohammeds, oder der Felsendom in Jerusalem, der an die Himmelfahrt Mohammeds erinnert. Trotzdem treten diese beiden Orte im Vergleich zur Wallfahrt nach Mekka in den Hintergrund.12

3.3. Wallfahrten im Buddhismus

„Der erste buddhistische Wallfahrtsbericht findet sich im Felsenedikt (n. 8), nach dem Kaiser Ashoka (3.Jh. v.Chr.) nach Bodh Gaya, dem Ort der Erleuchtung Buddhas, pilgerte.“13 Weitere wichtige Wallfahrtsorte im Buddhismus sind Lumbini, der Geburtsort Buddhas, Sarnath, der Ort an dem Buddha erstmals predigte, und Ku inagara, dem Todesort Buddhas. Es gibt auch Pilgerstätten, an denen Reliquien des Buddha, wie der Buddhazahn in Kandy (Sri Lanka) oder seine Spuren, wie die Fußabdrücke in Saraburi (Thailand), verehrt werden.14 Die Buddhisten kommen besonders an Festtagen zu den Tempeln, um zu beten und ihre persönlichen Anliegen vorzutragen. Es werden Weihrauchstäbchen entzündet und Opfer dargebracht, weil sie sich an diesen Orten ihren Gottheiten besonders nahe glauben.15

3.4. Wallfahrten im Hinduismus

Der größte Wallfahrtsort der Hindus ist Benares am Ganges, zu dem jedes Jahr hunderttausende Pilger kommen, um zu beten und durch ein Bad im Fluss die Vergebung der Sünden zu erlangen. Viele Hindus wünschen sich hier zu sterben, um so die endgültige Erlösung zu erlangen.

Der Gedanke des Weges spielt in der großen Religion Indiens eine bedeutende Rolle. Durch den Glauben an die Wiedergeburt und die anderen Vorstellungen von Erlösung gibt es zur christlichen Erlösungslehre einen Unterschied. Das gesamte Leben des Hindus ist durch die Religion bestimmt, sein Lebensweg ist immer ein Weg auf die Vollendung hin. Die Tempel sind im Hinduismus in erster Linie Wohnstätten eines Götterbildes, zu denen die Anhänger dieser Religion in Gemeinschaft oder allein pilgern. Der Kult ist vielfältig. Er reicht vom Schmücken des Bildes, über Tanz, Gesang und lautem Gebet bis hin zur Meditation. Gottesdienste finden nur an Festtagen statt und deshalb pilgern Scharen von Menschen zu diesen Orten um daran teilzunehmen.16

4. Wallfahrten im Christentum

4.1. Geschichte der christlichen Wallfahrt

Wie bereits beschrieben, spielten die Wallfahrt des Judentums sowie die des griechischen Heidentums in den ersten Jahrhunderten nach Christus eine große Rolle für die christliche Wallfahrt. Jerusalem, ein bedeutender Wallfahrtsort der Juden, erlangte sehr schnell besondere Bedeutung für die christlichen Pilger. Aber auch heidnische Pilgerstätten, wie z.B. Ephesus, die zu christlichen Wallfahrtsorten umgestaltet wurden, waren von großer Bedeutung. Die alttestamentlichen Wallfahrtspsalmen dieser Zeit werden auch heute noch auf Wallfahrten gebetet.

In der christlichen Kirche gab es in den ersten Jahrhunderten noch keine Wallfahrten, erst zu Beginn des 4. Jahrhunderts bildeten sich einige Wallfahrtsstätten heraus. Man begann damit, Orte aus dem Leben Jesu, seinen Geburtsort Bethlehem und besonders die Stätten seines Leidens und sein Grab aufzusuchen, sowie Orte, die im Alten Testament von Bedeutung waren, wie der Berg Sinai. An diesen Orten, die voller Erinnerung waren, fühlte man sich Gott besonders nahe und betete, das gleiche Grundmotiv also, was auch die Menschen anderer Religionen zu einer Teilnahme an einer Wallfahrt bewegte. Man begann auch sehr früh damit, die Gräber der Apostel und Märtyrer zu verehren. Die

Gräber der Apostel Petrus und Paulus in Rom zogen viele Pilger in die Stadt, sodass sich Rom bald zum Hauptwallfahrtsort des christlichen Abendlandes entwickelte. Durch Bonifazius VIII. wurde 1300 das Jubiläumsjahr, auch Heiliges Jahr genannt, eingeführt. Der Papst schrieb für dieses Jubiläumsjahr einen eigenen Ablass aus, durch den jedem, der in diesem Jahr in Rom eine Anzahl von Kirchen besuchte und darin betete, der Nachlass von Sündenstrafen gewährt wurde. Es gab im Mittelalter neben dem Wallfahrtsziel Rom noch weitere Wallfahrtsorte, so z.B. das Grab des Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien. Dieser Ort wurde in heutiger Zeit wieder neu entdeckt und zieht besonders junge Menschen an. Doch nicht nur besondere Orte waren zur Zeit des Mittelalters Anlass für eine Wallfahrt. Auch Reliquien, wie Splitter vom heiligen Kreuz oder Knochen von Heiligen, begann man in dieser Zeit zu verehren. Eine besondere Bedeutung erlangten die Wallfahrtsorte, an denen blutige Hostien verehrt wurden. Doch hierauf möchte ich an späterer Stelle noch genauer eingehen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die gesamte Wallfahrtsbewegung war die Bilderverehrung, die sich allerdings erst im Laufe der Jahrhunderte durchsetzte. Wallfahrtsorte, denen eine Erscheinung zugrunde liegt, gab es ebenfalls schon im Mittelalter.

Mit der Zeit erbaten sich viele Wallfahrtsorte von Rom einen vollkommenen Ablass für ihre Pilger. Dieser Missbrauch des Ablasses und die zu dieser Zeit übertriebene Reliquienverehrung waren Anlässe für die Thesen Martin Luthers. Luther und die anderen Reformatoren sahen in den Heiligen Vorbilder für den Glauben und lehnten somit die Reliquienverehrung ab. Dies führte dazu, dass die Wallfahrt im protestantischen Raum völlig zum Erliegen kam und es bis heute in den Reformationskirchen keine Wallfahrtsorte gibt. In der nachreformatorischen Zeit erlebte die Wallfahrt einen Aufschwung. Für das Volk waren die Eucharistielehre und die Marienverehrung die wichtigsten Unterschiede zur Lehre des Protestantismus. Man begab sich jetzt nicht mehr allein, sondern in großen Prozessionen zu einem Wallfahrtsort. Jeder Bischof wollte in seinem Bistum einen Wallfahrtsort vorweisen können. Es wurden Gebete und Lieder zusammengefasst und die ersten Wallfahrtsbücher herausgegeben. Besonders Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts hatten die Wallfahrten ihre Blütezeit. Viele große Wallfahrtskirchen und Kapellen wurden gebaut, in denen meist ein Marienbild verehrt wurde.

Doch die Zeit der Aufklärung brachte einen Niedergang der Wallfahrt.

Pilgerreisen in andere Länder wurden von den Landesherren, besonders durch Kaiser Josef II., verboten. Zum einen sollte das Geld im eigenen Land bleiben und zum anderen war man der Auffassung, dass man mit Arbeit Gott besser dienen könne als mit wallfahren. Einige Bischöfe waren der Auffassung, dass durch Wallfahrten der Aberglaube gefördert würde. Ein weiterer Grund für den Niedergang einiger Wallfahrten war die Zurückdrängung und Auflösung mancher Orden (z.B. Jesuiten), die für die Durchführung und Organisation der Wallfahrten verantwortlich waren.

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich jedoch die Einstellung zur Wallfahrt. In der Zeit der Romantik entdeckte man das Mittelalter sowie den katholischen Glauben neu. Die Marienfrömmigkeit wurde durch zwei besondere Ereignisse neu belebt. Zum einen durch die Dogmatisierung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens 1854 durch Papst Pius IX. und zum anderen durch die Erscheinungen in Lourdes 1858, in denen sich Maria als Unbefleckte Empfängnis dem Mädchen Bernadette Soubirous offenbarte. Lourdes wurde zum bedeutensten Wallfahrtsort Europas, nachdem die Erscheinungen von der Kirche als echt anerkannt wurden. Diese Entwicklung hielt über beide Weltkriege hinweg an und selbst zur Zeit der Nationalsozialisten, als Wallfahrten verboten waren, trafen sich die Leute heimlich an den Wallfahrtsorten. Das 1954 durch Papst Pius XII. ausgerufene Marianische Jahr wurde in der ganzen Welt, besonders an den Marienwallfahrtsorten, begangen. Nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) wurden traditionelle Formen der Volksfrömmigkeit, wie das Rosenkranzgebet, der Kreuzweg und Prozessionen stark vernachlässigt und zum Teil sogar ganz abgeschafft. „Die Liturgiekonstitution befaßte sich mit der Sinngebung und Neugestaltung der Sakramente, vorab der Eucharistiefeier, der Wortgottesdienste und der Feier des Stundengebetes. Dadurch traten die vielfältigen Formen der Volksfrömmigkeit zurück. Manches wurde deshalb bekämpft, weil es angeblich ein Zeichen des ‚Triumphalismus’ der Kirche darstellte und unökumenisch sei.“17 In dieser Zeit wurden viele Wallfahrten zum Teil mit jahrhunderter langer Tradition von einem auf den anderen Tag einfach abgeschafft. Heutzutage sind Wallfahrten wieder mehr und mehr im Kommen. Besonders interessiert an dieser Ausdrucksform des Glaubens sind Jugendliche. Sie beteiligen sich an den verschiedensten Formen der Wallfahrten, so z.B. Fuß- oder Nachtwallfahrten.18

4.2. Unterschiedliche Wallfahrtsstätten

4.2.1. Marienwallfahrtsorte

Eine Voraussetzung für die Entstehung von Marienwallfahrtsorten bildet die Verehrung von Bildern. Da es keine Körperreliquien von Maria gab und sie auch keine Märtyrerin war, zu deren Grab die Menschen pilgern konnten, „...war die Aufwertung des Bildes als Kultbild im 5. Jahrhundert die Voraussetzung für die Kult - Bildwallfahrt.“19 Bevor es jedoch dazu kam, war es ein langer Weg. Nach alttestamentlicher Überlieferung sollte man sich keine Bilder machen, um sie zu verehren. Erst nach langen Auseinandersetzungen konnte geklärt werden, dass das Gebot des Alten Testaments im Neuen Testament so nicht mehr gilt, denn Gott hat sich uns selbst in begrenzter, menschlicher Gestalt offenbart. Für die

Bilderverehrung war die Ähnlichkeit zwischen der abgebildeten Person und dem Bild Voraussetzung. Es durften also nur echte Bilder verehrt werden, bei denen man der Auffassung war, dass sie von Zeitzeugen, wie dem Maler und Evangelisten Lukas oder Engeln, gemalt worden sind. Aus diesem Grund durften bei Vervielfältigungen solcher Christus- oder Marienbilder keine Veränderungen vorgenommen werden.20

Die Marienverehrung entwickelte sich im Abendland, im Gegensatz zur Ostkirche, die die Verehrung der Bilder (Ikonen) im Kult sehr früh entwickelte, relativ spät. Die sogenannten Bettelorden, die Franziskaner und Dominikaner haben zur Entwicklung der Marienverehrung im Abendland entscheidend beigetragen, denn unter ihrem Einfluss sind die ersten großen

Marienwallfahrtsorte entstanden. Es stammen zwar sehr viele Mariengnadenbilder der heutigen Zeit aus dem Mittelalter, doch fand deren Verehrung erst nach dem Konzil von Trient (1545 - 1563) statt. Gewachsen ist die Marienverehrung bereits im Spätmittelalter, aber ihren Höhepunkt findet sie zur Zeit der Gegenreformation, in der sie ein Zeichen für die Ablehnung der reformatorischen Lehre war. Von diesem Zeitpunkt an blühten die, durch die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner, gegründeten Wallfahrtsorte mit Bildern der Mutter des Herrn auf und nahmen immer mehr zu. Wie in der Ostkirche gab es nun die Verehrung der Marienbildnisse auch in Tschenstochau (Polen), in Kevelaer oder das ‚Maria - Hilf - Bild’ in Passau. Aber auch plastische Darstellungen, die die Ostkirche nicht kennt, wurden verehrt, wie z.B. in Altötting, in Einsiedeln (Schweiz) und in Mariazell (Österreich). Das bekannteste Marienwallfahrtsbild, sowohl in der Ost- als auch in der Westkirche, ist die Darstellung Mariens mit ihrem Kind auf dem Arm. „Die gemalten Ikonen und Bilder zeigen Maria mit dem Kind ebenso wie auch plastische Darstellungen, etwa die Gnadenbilder von Altötting, Werl oder die Goldene Madonna in der Münsterkirche in Essen.“21 In den Bildern wird deutlich, dass nicht Maria im Mittelpunkt steht, sondern ihr Sohn, mit dem sie innig verbunden ist und durch den sie ihre Gnaden erlangt hat. Eine weitere Darstellung Mariens mit ihrem Sohn ist das Vesperbild, die sogenannte Pieta. Dieses Bild, auf dem Maria den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß trägt, kam im Spätmittelalter auf und sprach vor allem den leidenden Menschen an, denn es war die Zeit als die Pest, Hungersnöte und Kriege die Bevölkerung bedrohten.

Die Darstellung der Schmerzhaften Mutter finden wir in Deutschland unter anderem in Dettelbach, in Maria Buchen im Spessart, in Bochum - Stiepel und in Telgte. Darstellungen der Unbefleckten Empfängnis werden als Gnadenbilder selten verehrt. Der größte Wallfahrtsort in Deutschland, an dem ein solches Bild verehrt wird, ist Neviges, nahe Essen. Maria wird hier ohne ihren Sohn dargestellt, ebenso wie an den beiden größten Wallfahrtsorten Europas, Lourdes und Fatima. Hier wurden nach den Angaben der Seherkinder Plastiken hergestellt, die in jedem Jahr von tausenden von Menschen verehrt werden.22

4.2.2. Wallfahrtsorte der Heiligen

Grabstätten von Heiligen und Orte, an denen ihre Reliquien aufbewahrt und verehrt werden, gibt es auf der ganzen Welt. Bedeutend waren in den ersten Jahrhunderten des Christentums die Gräber der Apostel und die der Märtyrer. Man war davon überzeugt, dass diejenigen, die ihr Leben für Christus geopfert haben, immer in der Vollendung leben. Nach und nach kamen auch die Personen hinzu die ein vorbildliches und außergewöhnliches Leben geführt haben. Der besonders stark entwickelte Reliquienkult im Mittelalter führte dazu, dass man die Gebeine der Heiligen manchmal geteilt hat, um sie an verschiedenen Orten gleichzeitig zu verehren.

Das Ziel vieler Wallfahrer sind die zahlreichen Heiligendarstellungen, zu denen u.a. die Heilige Anna, die Mutter Marias zählt. Selbst heute genießt sie noch große Verehrung, so in Kreuzberg bei Passau und in Haltern am Rande des Ruhrgebietes. Diese Gnadenbilder zeigen die Heilige Anna zusammen mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. Trotzdem spielt die Wallfahrt zu den Heiligenbildern im Gegensatz zu den zahlreichen Grabstätten und ihren Wallfahrten, eine untergeordnete Rolle. Die bedeutenste Wallfahrt zu einer solchen Grabstätte ist jene, die zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus nach Rom führt. Die Wallfahrt zur Ewigen Stadt nahm durch die größer werdende Bedeutung des Papsttums und die Einführung der Heiligen Jahre zu. Das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien hatte zur Zeit des Mittelalters die gleiche, wenn nicht zeitweise sogar größere Bedeutung. Auch heute nimmt die Wallfahrt zu diesem Grab, zu dem Pilgerwege aus zahlreichen europäischen Ländern führen, wieder zu. Das Grab des Apostels Matthias in Trier hat diese Bedeutung jedoch nie erreicht, aber viele Wallfahrer besuchen diesen Ort, wenn der Heilige Rock in Trier gezeigt wird.

„Die Wallfahrt zu den Gräbern der Apostel drückt nicht nur die Verehrung für die ersten Glaubenszeugen aus, sondern sie hebt hervor, dass die Kirche sich verbunden weiß mit denen, auf deren Fundament sie steht.“23 Jedes Volk besitzt, neben den bedeutenden und überall verehrten Gestalten, seine eigenen Nationalheiligen. Auch jedes Bistum sowie die einzelnen Stände verehren ihre Heiligen und wallfahren zu deren Gräbern. So z. B. die hl. Elisabeth im Bistum Erfurt.

Geändert haben sich im Laufe der Zeit die Motive der Heiligenwallfahrten. Die Gnaden standen in der Vergangenheit im Vordergrund einer solchen Wallfahrt. Heute ist es jedoch eher das Vorbild der Heiligen, das die Menschen zur Teilnahme an einer solchen Wallfahrt bewegt. Der Reliquienkult ist in Deutschland mittlerweile zurückgedrängt worden, denn kaum jemand glaubt mehr daran, durch das Berühren und Aufsuchen der Reliquien irdisches Wohlergehen und das Heil bei Gott zu erlangen.24

4.2.3. Blutwallfahrten als ein Beispiel für Christuswallfahrten

Die Heiligblut - Verehrung ist „...eine der faszinierendsten Kultformen der katholischen Kirche“.25 Die Verehrung des Heiligen Blutes ist auf die Blutwunder zurückzuführen. Als Blutwunder werden „mirakulöse Erscheinungen auf Hostien und Corporalien, an Kruzifixen, Heiligenbildern und Blutreliquien von Heiligen, die wie Blutungen aussehen und seit dem 12. Jahrhundert viele Wallfahrtskulte entstehen ließen“26, bezeichnet. Der tiefere Sinn einer jeden Heiligblut - Verehrung liegt vor allen Dingen im Dank für die Erlösung durch das Blut Christi. Die Heiligblut - Verehrung hat im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Erscheinungsformen entwickelt, die sich in fünf Gruppen gliedern lassen: Blutstropfen Christi, Blut aus verletzten Kultbildern, blutende Hostien, der blutende Heiland und Wein wird zu Blut.

Die Verehrung der Blutstropfen Christi finden wir in Brügge und in Weingarten. Hierbei handelt es sich um das „reine Blut Christi“, welches verehrt wird. Es stammt aus dem Heiligen Land und ist zum größten Teil durch die Kreuzzüge nach Europa gekommen. Die Legende nennt Joseph von Arimathea und Maria Magdalena als Sammler dieses Blutes.

Auch das Blut aus verletzten Kultbildern wird als Heiliges Blut verehrt. Diese Tropfen sind anderen Ursprungs und stammen aus verletzten Darstellungen Christi. Diese Form der Heiligblut - Verehrung finden wir in Beirut, Konstantinopel und Kärnten.

Die Gruppe der blutenden Hostien findet ihren Ursprung in Erscheinungen während der Messe. Die Hostie hat sich in Fleisch und Blut verwandelt oder begann zu bluten. Als großes Vorbild für diese Wunder steht die Gregoriuslegende. Es gibt auch andere Ursachen für blutende Hostien, so Missbrauch, Raub, Frevel, Nichtachtung oder Misshandlung. Meist handelt es sich dann um die Bekehrung von Ungläubigen und Zweiflern. Der aus vielen Wunden blutende Heiland wird unter anderem an der bedeutenden Wallfahrtsstätte der Wies verehrt. Zur Zeit des Barocks ist man zu dieser reinen Heiligblut - Verehrung zurückgekehrt, nicht zuletzt durch die Entwicklung im Bereich der bildenden Kunst.

Es gab nicht nur die Verwandlung der Hostie, sondern auch die Verwandlung des Weines. Meist handelt es sich dabei um verschütteten Wein, der zu Blut wird. Bolsena und Walldürn sind Beispiele für diese Form der Heiligblut - Verehrung.27 Mit der Walldürn - Wallfahrt, ihrem Ursprung, der Legende vom Blutwunder und ihre Ausbreitung bis in das Eichsfeld, möchte ich mich im zweiten Teil meiner Arbeit ausführlich beschäftigen.

II. Walldürn und die Wallfahrt der Eichsfelder

Im Hauptteil der Arbeit möchte ich mich mit der Walldürn - Wallfahrt bzw. speziell mit der Wallfahrt und ihrer Verbindung zum Eichsfeld auseinandersetzen. Durch die starke Verbundenheit von Walldürn und meinem Heimatort Küllstedt war es mir wichtig, mehr über diese Wallfahrt zu erfahren und dies im Rahmen meiner Examensarbeit schriftlich festzuhalten.

Im ersten Teil dieses zweiten Kapitels werde ich mich mit dem Blutwunder von Walldürn, dem Ursprung dieser Wallfahrt und wichtigen Dokumenten über das Mirakel beschäftigen. Im Anschluss werde ich den Beginn der Wallfahrt, deren Ausbreitung und Erneuerung, näher erläutern und im letzten Teil ausführlich über Walldürn und die Wallfahrt der Eichsfelder berichten.

1. Ursprung der Walldürn - Wallfahrt

Jedes Jahr am Sonntag nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag, beginnt die vierwöchige Wallfahrtszeit zum heiligen Blut nach Walldürn. Zu Fuß oder mit anderen Verkehrsmitteln kommen tausende von Menschen in das Städtchen im Odenwald.28 Der Ursprung dieser Blutwallfahrt lässt sich auf ein Wunder aus dem Jahre 1330 zurückführen, welches ich im Anschluss ausführlich zitiere. Die folgende Erzählung über das Blutwunder ist eine Übersetzung aus der Druckschrift des Hoffius aus dem Jahre 1589. Auf diese Quelle werde ich jedoch im darauffolgenden Kapitel noch genauer eingehen.

1.1. Das Blutwunder von Walldürn

„De sacrae walturensis peregrinationis ortu et progressu (1589) In Franken aber geschah durch Gottes Eingreifen ungefähr um das Jahr 1330 ein besonders bemerkenswertes Wunder des hl. Blutes, jedoch auf eine ganz andere Weise. In der Diözese Würzburg liegt ein Städtchen Dürn oder auch Walldürn genannt. Dort feierte im Heiligtum des Hl. Georg ein Priester namens Heinrich Otto das unblutige Opfer der Hl. Messe. Da er aber etwas nachlässig und unaufmerksam die so große Handlung vollzog, stieß er den schon konsekrierten Kelch um. Und siehe! Sofort ergoß sich das Blut des Herrn über das darunter liegende Korporale; die Weingestalt wurde so rot wie Blut, und wohin es floß, da formte es sich zu einem wunderbaren Bild: in der Mitte das Bild des Gekreuzigten, an den Seiten aber mehrere „Veronicae“ - so heißen nämlich im Volksmund solche Abbildungen - die das hl. Haupt Christi mit Dornen umwunden zeigen. Obwohl es nicht an Augenzeugen fehlte, verbarg der Priester in seinem Schrecken jenes Tuch, so wie es war, gezeichnet mit den genannten blutigen Bildnissen, im gleichen Altar, indem er einen Stein entfernte. So sollte wie das Korporale durch seine Lage und durch Zerfall auch die Erinnerung an jenes Geschehen mit dem Zerfall des Korporale selber untergehen. Aber der allmächtige und allgütige Gott wollte sein herrliches Werk nicht in der Verborgenheit lassen. Als jener Priester zum Sterben kam, da bedrängte ihn seine Krankheit, mehr aber noch quälte ihn sein Gewissen wegen jenes Vergehens. Er wollte sterben. Aber etwas Unbegreifliches hielt seinen Tod auf. Da ging er in sich, bekannte seine Tat, nannte auch das Korporale und gab den Ort an, wo es verborgen lag. Darauf starb er. Man fand alles so vor und die ganze Angelegenheit machte viel von sich reden. Und Gott mehrte die Kunde davon durch täglich neue Wunder. So kam es, daß schon ungefähr siebzig Jahre später die Behörden beschlossen, die ganze Angelegenheit genauestens zu untersuchen, um das Ergebnis dem Papste zu berichten. Dies alles geschah im Jahre des Herrn 1408 und 1445 mit so großer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, daß der Papst glaubte, durch eine Urkunde die Freigebigkeit aller auffordern zu sollen, um den Ort zur Ehre und Verherrlichung Gottes noch gebührender auszustatten und auszuschmücken.“29

[...]


1 Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim 21989, S. 1707.

2 S. Hansen (Hrsg.): Die deutschen Wallfahrtsorte. Ein Kunst- und Kulturführer zu über 1000 Gnadenstätten. Augsburg 1990. S. X.

3 vgl. E. Mielenbrink. Beten mit den Füßen: über Geschichte, Frömmigkeit und Praxis von Wallfahrten. Kevelaer - Düsseldorf 1993. S. 11f.

4 Amt für Wirtschafts- und Strukturentwicklung des Landkreises Eichsfeld 1998 (Hrsg.). Wallfahrtsland Eichsfeld. Heiligenstadt 1998. S. 2.

5 Wallfahrtsland Eichsfeld, S. 2.

6 U. Tworuschka, Art. Wallfahrt, in:3 LThK Bd. IX. S.962.

7 Hansen, Wallfahrtsorte, S. IX.

8 vgl. Mielenbrink. Beten mit den Füßen, S.18ff.

9 vgl. Hansen, Wallfahrtsorte, S. XVII f.

10 J. Ratzinger, Art. Vom Sinn christlicher Wallfahrt: in A. Kuhne. Wallfahrtsstätten im Erzbistum Paderborn. Paderborn 1994. S. 167.

11 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S. 21ff.

12 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S. 17f.

13 Tworuschka, Art. Wallfahrt, in:3 LThK IX. S.962.

14 Tworuschka, Art. Wallfahrt, in:3 LThK IX. S.962.

15 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S.17.

16 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S.16f.

17 Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S.40.

18 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S. 23 - 43.

19 A. Anhalt. Der Wallfahrtsort Etzelsbach im Eichsfeld. Duderstadt 1998. S.13.

20 vgl. Hansen, Wallfahrtsorte, S. XVf.

21 Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S.64.

22 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S. 63ff.

23 Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S.66.

24 vgl. Mielenbrink, Beten mit den Füßen, S. 65ff.

25 K. Kolb. Vom heiligen Blut. Würzburg 1980. S. 5.

26 A. Döring, Art. Blutwunder, in:3 LThK II, S. 541.

27 vgl. Kolb, Vom heiligen Blut, S. 6.

28 vgl. H. Höfling. Zum Blut des Herren wallen wir. Fulda 1993. S. 16.

29 Ursprungsfassung der heutigen Legendenversion. Übersetzung aus Hoffius 1589. (zitiert nach: W. Brückner. Die Verehrung des Heiligen Blutes in Walldürn. Aschaffenburg 1958. S. 21)

Details

Seiten
100
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638311311
Dateigröße
21.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29675
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
Wallfahrten Ausdruck Volksfrömmigkeit Walldürn Wallfahrt Eichsfelder

Autor

  • Sylvia Montag (Autor)

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Titel: Wallfahrten als Ausdruck der Volksfrömmigkeit. Walldürn und die Wallfahrt der Eichsfelder