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Die Systematisierung der Konfusion: Surrealistische Tendenzen in 'Magical Mystery Tour'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. The Beatles: »Magical Mystery Tour« - Ein Projekt

3. Surrealismus
3.1. Surrealistische Elemente im interdisziplinären Vergleich
3.1.1. Bretonsécriture automatique vs. ‘Drehbuch’ der Beatles
3.1.2. Bretons Sprachspiele vs. filmimmanente ‘Nonsens’ -Songtexte der Beatles
3.1.3. Bretons Bedeutung des Traums (récits de rêves) und seine Umsetzung im Film
3.1.4. Bretons Bedeutung des Zufalls

4. Semiotische Betrachtung des Films
Exkurs: Das semiotische Dreieck nach Charles Sanders Peirce
4.1. Symbole in »Magical Mystery Tour«

5. Warum surrealistisch? Mögliche Gründe für die Genre-Wahl

6. Fazit

7. Literatur
7.1. Lexika
7.2. The Beatles
7.3. Semiotik
7.4. Mythentheorie
7.5. Surrealismus
7.6. Sonstige Literatur

8. DVD-Material

1. Einleitung

Seit Jahrtausenden erzählen sich Menschen Geschichten; Geschichten über fantas- tische Geschöpfe in einer magiedurchfluteten Welt, die durch höhere Mächte gelenkt und beeinflusst wird. Ob es sich nun um Homers »Odyssee«, das indische Epos »Mahābhārata« oder die Märchensammlung der Gebrüder Grimm handelt: Mythen sind seit jeher fester Bestandteil aller Kulturen und konstituieren noch heute unsere Wirklichkeit.

Doch ist diese ‘Wirklichkeit’ eine rigide, für alle Menschen gleich normierende Grö- ße, anhand derer ein jeder sein Leben organisiert oder gibt es darüber hinaus noch eine andere, eine ‘Über-Wirklichkeit’?1 Dieser ‘sur-réalité’, die nicht von irgendeinem undefinierbaren ‘Außen’ oktroyiert wird, sondern - ähnlich den Mythen, die Ernst Cassirer2 mit dem Ausdruck der „Objektivation von Gefühlen“ (Cassirer 1949: 64), d.h. eine auf dem Gefühl basierende Deutung der Welt in Bildern, definiert - ein Produkt des Unterbewusstseins und der Introspektion ist, hat der französische Schriftsteller und Kritiker AndréBreton (1896-1966) mit seinen »Manifesten des Surrealismus«3 eine theoretische Grundlage verliehen. Dieses Gerüst erlaubt es nun, Künstler wie Max Ernst, Salvador Dalí oder RenéMagritte und Schriftsteller wie Paul Eluard, Louis Aragon oder Flann O’Brien als ‘surrealistisch’ zu bezeichnen. Und die Beatles? Waren sie ‘surrealistisch’?

Bretons »Erstes Manifest« stammt aus dem Jahre 1924, die Hochphase durchlebte die Bewegung in den 1920er und 1930er Jahren und 1969 lösten sich die Surrealisten offiziell auf. Warum dreht nun eine populäre Rock-Band, wie es die Beatles waren, im Jahre 1967 - auf dem Höhepunkt ihres Schaffens - einen surrealistischen Film? »Magical Mystery Tour«4 kann eindeutig als surrealistisch klassifiziert werden und enthält trotzdem zeit- und milieugebundene ‘Symbole’, d.h. Zeichen, die einen real- historischen Hintergrund ‘besitzen’ und somit dem Konstrukt einer ‘Über- Wirklichkeit’ zuwiderlaufen. Anhand des semiotischen Instrumentariums nach Charles Sanders Peirce (1839-1914) werden wichtige ‘Symbole’ des Films aufgezeigt und in einen allgemeinen Kontext gebracht.

Die vorliegende Arbeit5 befasst sich mit der Differenz zwischen ‘Surrealismus’ und ‘Realität’ in »Magical Mystery Tour«. Da der aktuelle Forschungsstand diesbezüglich keine Ergebnisse liefert, wird vornehmlich auf biografisches Quellenmaterial, Interviews sowie allgemeine Hintergrundinformationen zur Entstehung und Produktion des Films zurückgegriffen, welches einerseits mit Bretons »Manifesten«, andererseits mit der Peirce’schen Semiotik in Verbindung gebracht wird.

Nach einer kurzen Einführung in das Projekt »Magical Mystery Tour« (Kapitel 2), sollen surrealistische Elemente genannt und an Beispielen aus dem Film nachgewie- sen werden (Kapitel 3). In einem weiteren Schritt wird - unter Zuhilfenahme zei- chentheoretischer Methoden - der Bogen vom surrealistischen Charakter zu einem durchaus alltagsweltliche Aspekte reflektierenden Zeitzeugnis gespannt (Kapitel 4). Kapitel 5 geht schließlich der Frage nach, warum sich die Beatles 1967 zu einem sur- realistischen Film entschlossen haben. Ein zusammenfassendes Fazit beschließt die Arbeit.

2. The Beatles: »Magical Mystery Tour« - Ein Projekt

Das Konzept zu »Magical Mystery Tour« wurde bereits im April des Jahres 1967 entwickelt. Paul McCartney hatte sich zu jener Zeit eine Kamera zugelegt und fand Gefallen daran, eigene, kurze Filme zu drehen, mit denen er herumexperimentierte:

Ich drehte damals eine Menge Hobbyfilme, und von meinem Interesse an der Filmerei war es dann nur noch ein kleiner Schritt zu der Überlegung: ‘Wenn wir einen Kamera- mann engagieren und ihm sagen würden, was er aufnehmen soll, dann sind wir doch im Grunde die Filmemacher, oder? Beispielsweise wollen wir rückwärts über die West- minster Bridge gehen - mit den entsprechenden Instruktionen wird er das richtig dre- hen können. Ich müsste ihm nur erklären, worauf er das Objektiv richten soll.’ Daraus entwickelte sich dann die Idee, einen Bus zu mieten, ein paar Leute mitzunehmen und einen Film über eine magische Überraschungstour zu machen. (Paul McCartney in Miles 1999: 418.)6

Zuvor waren die Beatles schon in zwei erfolgreichen Musikfilmen aufgetreten: 1964 in »A Hard Day’s Night« und 1965 in »Help!«; John Lennon spielte darüber hinaus in Richard Lesters Antikriegsfilm »How I Won The War« (1966/67) mit. Man hatte also bereits Erfahrung im Filmgeschäft gesammelt. (Vgl. Monaco 2002: 340.)7 Das eigene Filmprojekt »Magical Mystery Tour« wurde jedoch kurzweilig in den Hin- tergrund gedrängt. Die Veröffentlichung des revolutionären Albums »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« stand bevor (01. Juni 1967), die Beatles gründeten »App- le«, machten Bekanntschaft mit dem Maharishi (vgl. Miles 1999: 425) und traten am 25. Juni 1967 bei der ersten weltweiten Satellitenverbindung in der Sendung »Our World« als ‘Botschafter Großbritanniens’ auf, in der sie »All You Need Is Love« vor etwa 350 Millionen Zuschauern sangen. (Vgl. The Beatles 2000: 257.)8 In der Zwi- schenzeit wurden jedoch schon einige Songs für »Magical Mystery Tour« aufgenom- men, als deren Vehikel der Film primär fungierte. (Vgl. Miles 1999: 421.) Um diese sechs Songs, die im Film vorkommen, wurde eine einfache Geschichte konstruiert: Eine illustre, 43köpfige Reisegruppe (darunter die Beatles selbst) besich- tigt mit einem buntbemalten Bus den Südwesten Englands. Der Zuschauer wird während des etwa fünfundfünfzig Minuten dauernden Films Zeuge skurriler Prota- gonisten, die in surrealen Situationen agieren; man veranstaltet einen Marathon, bei dem sowohl gelaufen als auch mit Motorrad, Auto und Bus gefahren wird; man sieht Zauberer in einem Labor, die die Fahrt per Teleskop verfolgen; man erlebt die selt- sam-anmutenden Träume zweier Charaktere mit und ist Gast einer Striptease-Show.

Der erste Drehtag war der 11. September 1967. (Vgl. Barrow 1999: 8.)9 Innerhalb von nur zwei Wochen wurde der Film komplett gedreht. Die sog. ‘Post-Production’ nahm jedoch zehn Wochen in Anspruch, in denen das etwa zehnstündige Material geschnitten wurde. (Dabei wurde für die »Flying«-Sequenz auch aussortiertes Material von Stanley Kubricks 1963 produzierten Film »Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben« eingefügt; vgl. Miles 1999: 439.)

Die BBC strahlte »Magical Mystery Tour« am 26. Dezember 1967 um 20:35 Uhr in Schwarzweiß aus (vgl. Miles 1999: 445). Der Film wurde ein Flop, da das Publikum das traditionelle Weihnachtsprogramm erwartet hatte. Außerdem verlor er ohne Far- be an Wirkung.

Für die Kids war unser Film natürlich eine Riesensache, aber insgesamt wurde er gnadenlos verrissen. Im nachhinein betrachtet, wäre es sicher klüger gewesen,Magical Mystery Tour an einem normalen Freitagabend zu zeigen, zu einer späteren Sendezeit und in Farbe. (Paul McCartney in: Miles 1999: 445/Hervorheb. i. O.)

»Magical Mystery Tour« wurde am 05. Januar 1968 wiederholt, diesmal jedoch nicht in Schwarzweiß. Doch „zu der Zeit besaßen die wenigsten Briten einen Farbfernseher; Colour-TV gab es erst seit sechs Monaten.“ (Miles 1999: 445)

3. Surrealismus

Bevor ich »Magical Mystery Tour« mit dem Surrealismus in Verbindung bringen werde, möchte ich nachfolgend klären, was der Surrealismus überhaupt ist. Die Wortneuschöpfung ‘Surrealismus’ geht auf Guillaume Apollinaire (1880-1918) zurück, der sein Theaterstück »Die Brüste des Tiresias«10 (1917) mit »Surrealistisches Drama in zwei Akten und einem Prolog« untertitelte und „mit dieser neuen Bezeichnung einen den photographischen Realismus, den Naturalismus und Symbolismus überschreitenden Naturbezug“11 (Siepe 1995: 339) meinte.

Im Gegensatz dazu - und allen wissenschaftlichen Definitionen vorwegreifend - hat AndréBreton selbst eine Begriffserklärung gegeben, und zwar im Jahre 1924 in seinem »Ersten Manifest des Surrealismus«:

SURREALISMUS, Subst., m. - Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Den- kens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.

ENZYKLOPÄDIE.Philosophie. Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstö- rung aller anderen psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächli- chen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen. (Breton 2001: 26f./Hervorheb. i. O.)

Die durch Bretons Definition institutionalisierte literarisch-künstlerische Bewegung weist vier zentrale Verfahren auf, die als Charakteristika surrealistischen Schaffens begriffen werden können und die im Folgenden dargestellt und mit »Magical Mystery Tour« in Verbindung gesetzt werden sollen.

3.1. Surrealistische Elemente im interdisziplinären Vergleich

3.1.1. Bretonsécriture automatique vs. ‘Drehbuch’ der Beatles

Das von AndréBreton thematisierte und an Sigmund Freuds (1856-1939) „kritiklose[r] Selbstbeobachtung“ (zit. nach Bürger 1996: 147)12 13 angelegte ‘Automatische Schreiben’ zielt auf die Erschließung innerer Vorgänge ab. Breton beschreibt

[...] einen so rasch wie möglich fließenden Monolog, der dem kritischen Verstand des Subjekts in keiner Weise unterliegt, der sich infolgedessen keinerlei Zurückhaltung auf- erlegt und der soweit wie nur möglichgesprochener Gedanke wäre. (Breton 2001: 24/Hervorheb. i. O.)

Der Automatismus ist für Bretonder essentielle Aspekt des Surrealismus und er setzt, wie aus der oben angeführten Definition hervorgeht, Surrealismus und Automatis- mus gleich: „Reiner psychischer Automatismus [...].“ (Breton 2001: 26) Diese Form kreativen Schaffens schlägt sich auch in »Magical Mystery Tour« nieder. Es gab kein ‘Drehbuch’ im eigentlichen Sinne; die Beatles verwendeten ein von Paul McCartney erstelltes Kreisdiagramm, das die sechzig Minuten Filmlänge darstellen sollte. Dessen einzelne Segmente wurden unterwegs improvisativ ausgefüllt. Die Teilstücke trugen dann Bezeichnungen wie „Marathon - Laborsequenz“ (Miles 1999: 431), „Träume“ (ebd.) oder „Stripperin und Band [...]. Es gab kein Handlungsgerip- pe, keine Dialoge und keinerlei Planung.“ (Ebd.)

[...]


1 Eng damit verbunden ist die kulturalistische Auffassung von ‘Wirklichkeit’, die ich in dieser Arbeit vertrete, und zwar, „daß Wirklichkeit aus empirisch hoch konditionierten Prozessen des kognitiven, kommunikativen und poietischen Handelns von sozial interagierenden Aktanten im Rahmen einer Kultur resultiert.“ (Nünning, Ansgar [Hrsg.]: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbergriffe. 2. überarb. und erw. Ausg. Stuttgart et al. 2001: 676.) Davon ist jedoch - wie aus Kapitel 3 ersichtlich werden wird - der Begriff ‘Surrealismus’ zu trennen.

2 Cassirer, Ernst (1949): Der Mythus des Staates. Zürich. (zuerst New Haven 1946).

3 Breton, André(2001): Die Manifeste des Surrealismus. 10. Aufl. Reinbek bei Hamburg. (zuerst Paris 1962).

4 The Beatles (2001): Magical Mystery Tour (DVD).

5 Der Titel dieser Arbeit geht auf ein Zitat AndréBretons zurück: „Der Surrealismus ist die Systematisierung der Konfusion. Der Surrealismus schafft scheinbar eine Ordnung, aber nur so, daß die Idee eines Systems selbst verdächtig wird in der Assoziation. Der Surrealismus ist destruktiv, aber er zerstört nur, was er als Ketten betrachtet, die unsere Vision einschränken.“ (Zit. nach Richter, Hans 1978: DADA. Kunst und Antikunst. Köln: 200.)

6 Miles, Barry (1999): Paul McCartney. Many Years From Now. Reinbek bei Hamburg (zuerst London 1997).

7 Monaco, James (2002): Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien. 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg (zuerst London/New York 1977).

8 Beatles, The (2000): Anthology. München.

9 Barrow, Tony (1999): The making of The Beatles’ Magical Mystery Tour. London.

10 Apollinaire, Guillaume (1987): Die Brüste des Tiresias. Surrealistisches Drama in zwei Akten und einem Prolog. Stuttgart (zuerst Paris 1917).

11 Siepe, Hans Theo: Im Grenzgebiet von Innen- und Außenwelt. Der französische Surrealismus (1919-1939). In: Grimminger, Rolf et al. (Hrsg.): Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 339-366.

12 Die Gliederung orientiert sich an: Surrealismus oder: Die Freilegung des Unbewußten. http://www.phil.uni-mannheim.de/R1/Avantgarden/Surrealismus.htm (Mai 2004).

13 Bürger, Peter (1996): Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur. Um neue Studien erw. Ausg. Frankfurt/M.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638311915
ISBN (Buch)
9783656882886
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29752
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar
Note
sehr gut
Schlagworte
Systematisierung Konfusion Surrealistische Tendenzen Magical Mystery Tour Geschichte Films

Autor

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