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Körper und Sexualität im Dritten Reich. Eine filmsoziologische Beschreibung

Seminararbeit 2014 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexualität und Körper im Nationalsozialismus
2.1 Sexualität
2.1.1 Sexualität in der Weimarer Republik
2.1.2 Sexualität im Dritten Reich
2.2 Körper
2.2.1 Der jüdische Körper
2.2.2 Entwicklung eines modernen Körperverständnisses
2.2.2.1 Nacktkultur
2.2.3 NS- Leibeserziehung
2.2.4 Rückbezug auf die Antike
2.3 Filmsoziologie
2.3.1 Soziologische Filmanalyse
2.3.2 Riefenstahls Olympia Filme
2.3.2.1 Prolog

3. Zusammenfassung und Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Körper ist allgegenwärtig. Ohne unseren Körper wären wir nicht. So hängt auch die Sexualität unweigerlich mit dem Körper zusammen. Ohne Körper gibt es keine Sexualität. In der heutigen Forschung existieren einige Arbeiten bezüglich der Sexualität und der Körperideologie im Dritten Reich. Doch welche Punkte sind beiden gemein? Wie hängen Körper und Sexualität im Dritten Reich zusammen?

In einem ersten Schritt wird auf die bipolare Einteilung von jüdischer und deutscher Sexualität eingegangen. In einem zweiten Schritt wird auf die Konstruktion des jüdischen Körpers sowie auf die Konstruktion des arischen Körpers im besonderen in Hinblick auf die Genese eines arischen Körperideals seit dem 19. Jhd., die Leibeserziehung im Nationalsozialismus und den Rekurs auf die Antike eingegangen, um schließlich einen kurzen Blick auf Leni Riefenstahls Film zur Olympiade 1936 und darin konstituierte Merkmale des nationalsozialistischen Körperideals zu werfen.

Ziel der Arbeit soll es sein, auf Grundlage der bipolaren Einteilung, den Zusammenhang zwischen Sexualität und Körper im Dritten Reich herauszuarbeiten.

Sexualität beschränkt. Weimar wurde fortan als „Judenrepublik“ bezeichnet, in welcher Juden durch sexuelle Befreiung, wie das Eintreten für Verhütung, das Ziel verfolgten, die arische Rasse zu unterjochen. Die jüdische Sexualität baut nach der Ideologie des Dritten Reiches auf „sexuelle Lust, Vielfalt und Perversität“.[1]

2. Sexualität und Körper im Nationalsozialismus

2.1 Sexualität

2.1.1 Sexualität in der Weimarer Republik

Das Bild des von Sinnlichkeit gesteuertem, wollüstigen, sündigen Ehebrechers und Vergewaltigers wird den männlichen Juden schon seit der Antike zugeschrieben, wie Gerhard Henschel in einem historischen Rückblick mehrfach belegt.1 Schon in der Weimarer Republik wurden männliche Juden einerseits als bestialische Vergewaltiger, andererseits als Drahtzieher der sexuellen Befreiung angesehen.2 Aufbauend auf dieses Konstrukt über die Juden als Hauptakteure der sexuellen Befreiung wurde die Weimarer Republik ab der Machtergreifung Hitlers 1933 sehr stark auf ihre

Sexualität beschränkt. Weimar wurde fortan als „Judenrepublik“ bezeichnet, in welcher Juden durch sexuelle Befreiung, wie das Eintreten für Verhütung, das Ziel verfolgten, die arische Rasse zu unterjochen. Die jüdische Sexualität baut nach der Ideologie des Dritten Reiches auf „sexuelle Lust, Vielfalt und Perversität“.

2.1.2 Sexualität im Dritten Reich

Die These, die Sexualpolitik im Dritten Reich sei „sexualitätsfeindlich“, dominierte lange Zeit das Forschungsfeld und wurde oftmals so behandelt, als wäre es von der Intuition aus einleuchtend. Der Antisemitismus im Nationalsozialismus wurde mit der Außenprojektion unbefriedigter Triebe und Lüste erklärt.[2] Dieses geläufige Bild wurde in den vergangenen Jahren von einigen Autorinnen und Autoren kritisiert, unter anderem auch von Dagmar Herzog.

So räumt sie zwar ein, dass die Sexualität im Dritten Reich einen Rückschritt gegenüber den Weimarer Zeiten darstellte, es jedoch gleichsam auch einige liberalisierende Tendenzen gab, welche aktiv von der NSDAP vorangetrieben wurden. Allerdings existierten verschiedene Ansichten über die Sexualpolitik. Die sexualkonservativen Vertreter machten sich für eine Rückbesinnung auf konservative Werte und Normen, wie vorehelicher Keuschheit, Ehe, Familie und Fortpflanzung stark, um die Rassereinheit und das Wiedererstarken der Nation (wieder)herzustellen. Der Sport nahm dabei eine wichtige Rolle ein, da Vertreter der konservativen Sexualpolitik meinten, die Jugend dadurch vor einer zu frühen, durch Juden geschaffene, Sexualisierung befreien zu können.[3] Auf der anderen Seite standen diejenigen, welche die bis dahin als „kommunistisch“ und „jüdisch“ angesehene emanzipatorische Sexualität als eine von nun an „arische“ und „germanische“ neu zu definieren versuchten.[4] Diese liberalere Strömung rief zu lustvoller Sexualität auf, sofern diese Sexualität sich rassisch und ideologisch in das Dritte Reich eingliedern konnte. Diese enttabuisierte, emanzipatorische Sexualmoral, wurde jedoch offiziell oft verleugnet und verdreht.[5] An der Zeitschrift „Das Schwarze Korps“ und dem darin enthaltenen Sexualitätsbild lässt sich diese Liberalität und ihre Verleugnung gut nachvollziehen. Man wandte sich sowohl von konservativen Einstellungen als auch von den liberalen („verjudeten“) Einstellungen der Weimarer Republik ab und leugnete Parallelen zu dieser. „Das Schwarze Korps“ verteidigte auf der einen Seite uneheliche

Kinder und außerehelichen Geschlechtsverkehr, stand jedoch gleichzeitig für eine reine, saubere Sexualität der Deutschen und pries die Schönheit und Reinheit eines nackten Körpers.[6] Das Schwarze Korps pries also an, was es den Juden vorwarf und vertuschte diese Anpreisungen gleichzeitig.

Julia Roos stellt bezüglich der Frage nach der Kontinuität der Sexualität zwischen der Weimarer Republik und dem NS fest, dass trotz mancher Kontinuitäten zwischen der Weimarer Zeit und dem Dritten Reich, konsumistische Aspekte der Sexualität Aspekten der Reproduktion weichen mussten.[7] An dieser These zeigt sich schon, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen der jüdischen, auf den Genuß und Konsum ausgelegten Sexualität und der arischen, ein höheres Ziel, dem Volk dienenden Sexualität. In beiden Strömungen existiert die bipolare Vorstellung von einer der arischen, guten, familiendienenden, ideologisch anknüpfbaren Sexualität gegenübergestellten jüdischen, schlechten, sinngesteuerten Sexualität.

Diese bipolaren Vorstellungen finden sich ebenfalls in der Körperideologie, wie ich im Folgenden zeigen werde.

2.2 Körper

2.2.1 Der jüdische Körper

Auch der jüdische Körper war keine Erfindung der Nazis. Grundlagen ihrer Körperideologie sind schon aus Vorstellungen im 19. Jahrhundert entstanden. Judenfeindliche Bilddarstellungen lassen sich schon seit dem frühen Mittelalter nachweisen.[8] Juden wurden als die Zersetzer der Volksgemeinschaft angesehen, welche die Menschheit verweiblichen würden um an ihr höchstes Ziel zu gelangen: Die Vernichtung der Welt.[9] Die Angst vor der Verweiblichung geht hervor aus den patriarchalen Strukturen im Nationalsozialismus. Hierbei steht die heterosexuelle Männlichkeit für Einheit und Ganzheit, die Weiblichkeit hingegen für Mangel und Unvollständigkeit. Die Weiblichkeit stellt somit das Gegenstück zur Männlichkeit dar.[10] Dieses bipolare Denken ist bezeichnend für den Nationalsozialismus. Man ist entweder Mann oder Frau, Arier oder Nicht- Arier usw. In diesem Denken gab es keinen Platz für Zwischenraum. „Sie kannten nur die Norm und die Abweichung, nicht jedoch auf symbolischer Ebene zwei gleichberechtigte Spielarten."[11] [12] Das Weibliche stand somit für das Jüdische, welches man durch die bipolare Festschreibung zu kontrollieren versuchte.

Hinsichtlich des Sports stehen die Juden nach Bruno Malitz für einen pazifistisch, international orientierten Sport, welcher den kriegerischen, züchtigenden Sportvorstellungen der Nazis entgegen stehe und den Mann seiner Männlichkeit berauben und entfremden würde.[13]

Diese angeborene Untauglichkeit der Juden zum Sport spiegelt sich auch in Attribute, welche dem jüdischen Körper angedichtet wurden, wider. Nach Wilhelm Schneemann sei ein Jude allgemein schwach und schmächtig gebaut, sehr behaart, habe krumme Beine, meist zu kurze, andernfalls zu lange Arme, oftmals Plattfüße, einen schleichend schleppenden Gang und schlenkernde Arme und Beine, einen Buckel und einen flachen Brustkasten.[14] Im stereotypen Bild eines männlichen Juden waren also sozusagen alle hässlichen, kranken und damit abzulehnende Attribute vereint. Dieses Bild lies die Nationalsozialisten schlussfolgern, dass die Juden allein schon anatomisch betrachtet nicht geeignet wären, Sport zu betreiben und Militärdienst zu leisten. So erreicht Arthur Gütt „die Erkenntnis, dass der Mensch abhängig von seiner Erbanlage ist, dass nur dann ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnen könne, wenn wir beides von unseren Eltern, von unseren Ahnen geerbt haben. Ist die Erbanlage gesund, dann besitzen wir einen gesunden Körper, einen gesunden Geist. Dann können Sport und Leibesübungen als ein Beeinflussungsmittel der Umwelt beides zur Entwicklung und Entfaltung bringen. Ist dies aber nicht der Fall, sind wir an Geist oder Körper erbkrank, hat der Mensch eine entartete oder eine uns rassenfremde Seele, dann werden auch Sport und Leibesübungen daran nichts ändern können."[15]

Fasst man die Beobachtungen der letzten beiden Kapitel zusammen, ist der männliche Jude also einerseits ein triebgesteuerter, geiler Lüstling, andererseits ein schwaches, krankes, verweiblichtes Wesen.

Zur Konstruktion eines Feindbildes, eines negativen Entwurfes, braucht man immer ein Pendant, ein Idealbild. Deshalb werde ich im Folgenden auf die Genese des arischen Männerkörpers als positiven Gegenentwurf zum männlichen Juden herausarbeiten. Da sich schon vor dem Nationalsozialismus antisemitische Körperideale fanden, werfe ich zuerst einen Blick auf die Entstehung moderner Körperbilder seit dem 19.

[...]


[1] Ebd. S. 28.

[2] Ebd. S. 21.

[3] Ebd. S. 22ff.

[4] Ebd. S. 22f.

[5] Ebd. S. 36ff.

[6] Ebd. S. 47f.

[7] Roos Julia in Herzog Dagmar (2005) S. 94.

[8] Christ Michaela (2008) S. 1.

[9] Bernett Hajo (1966) S. 38.

[10] Kaltenecker Siegfried (1995) S. 94f.

[11] Hödl Klaus (2005) S. 82.

[12] Ebd. S. 83.

[13] Bemett Hajo (1966) S. 38. 5

[14] Ebd. S. 39. 5

[15] Gütt, Arthur (1935) S. 5.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656944751
ISBN (Buch)
9783656944768
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298344
Note
1,6
Schlagworte
Antisemitismus Soziologie Gender Sexualität Körper Olympiade Drittes Reich Dagmar Herzog Leibeserziehung Sport Antike Leni Riefenstahl

Autor

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