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Der Kindertod im psychologischen Kinderroman. Begründungen und Formen des Erzählens in Éric-Emmanuel Schmitts Roman „Oskar und die Dame in Rosa“

Hausarbeit 2013 22 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von „Kinder- und Jugendliteratur“
2.1 Genres der KJL
2.2 Das Genre „Moderner Kinderroman“ mit Subgenre „psychologischer Kinderroman“

3. Vorstellung der verwendeten Textgrundlage
3.1 Kurzbiografie Éric-Emmanuel Schmitt
3.2 Kurze Inhaltsangabe „Oskar und die Dame in Rosa“
3.3 Figurenanalyse
3.3.1 Oskar
3.3.2 Rose
3.3.3 Eltern

4. Darstellung des Motivs „Tod“ im Roman

5. Vorstellung des Analyserasters
5.1 Definition „Erzählsituation“
5.2 Definition „Erzählperspektive“
5.3 Definition „Erzählverhalten“
5.4 Definition „Erzählform(en)“

6. Anwendung des Analyserasters auf den Roman
6.1 Verwendetes Gattungsmuster „Briefroman”
6.2 Erzähltextanalyse gemäß Analyseschema

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Primärquellen
8.2 Sekundärquellen
8.3 Onlinequellen
8.4 Zusätzliche Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Romane für Kinder erhalten in der heutigen Zeit einen immer größer werdenden Stellenwert in der gegenwärtigen Literatur.

Zu den größten Autoren des modernen Kinderromans zählen u. a. Astrid Lindgren, Erich Kästner oder auch Michael Ende. Gerade Lindgren schrieb zu Lebzeiten Bücher für Kinder, die noch heute in der Literaturgeschichte eine große Bedeutung tragen. Als großartige Beispiele dieses (damals neuartigen) Genres lassen sich für diese Autoren die „Pippi Langstrumpf“-Reihe (Lindgren) oder das Werk „Momo“ (Ende) nennen.

In die Gattung „Kinderroman“ wird auch der sogenannte „psychologische Kinderroman“ verortet. Dieser besitzt spezielle Erzähltechniken und –formen.

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst versuchen eine allgemein gültige Definition von KJL zu liefern und anschließend die Genres mit Fokus auf dem „psych. KR“ mitsamt ihrer Eigenschaften und Kennzeichen präsentieren.

Es folgt die Vorstellung der verwendeten Romanvorlage „Oskar und die Dame in Rosa“ zusammen mit einer kurzen Biografie des Autors, wobei es mir zudem in diesem Kapitel besonders darauf ankommt, die Figuren des Romans für den späteren Verlauf zu analysieren. In diesem Roman stehen die Motive „Krankheit“ und „Tod“ im Mittelpunkt des Geschehens, wobei anhand von Textstellen die besonderen Charakterzüge der Hauptfiguren und deren Umgang mit diesen Themen gedeutet werden.

Für die Analyse des Textes wird ein Raster vorgestellt, das die gängigen Erzählweisen und –techniken des Romans aufgreift. Darüber hinaus stelle ich die hier verwendete Gattung „Briefroman“ vor und erkläre, weshalb dieses Genre hier besonders geeignet ist.

Dazu werde ich die Frage beantworten, warum der Kindertod einen Platz im Themenrepertoire des modernen Kinderromans besitzt und zudem exemplarisch die Besonderheiten des Erzählens in Eric-Emmanuel Schmitts Roman "Oskar und die Dame in Rosa" herausarbeiten.

Zum Schluss wird ein kurzes Fazit gegeben, das noch ein Mal auf die Fragestellung Bezug nimmt.

2. Definition von „Kinder- und Jugendliteratur“

Die Anzahl der historisch und aktuell verwendeten Definitionen des Begriffs KJL ist enorm. Eine erste gängige Definition wurde durch Klaus Doderer im 1984 erschienenen zweiten Band des „Lexikon[s] der Kinder- und Jugendliteratur“ entwickelt:

„KJL ist die Bezeichnung für a) alle Texte, welche ausdrücklich für Kinder und Jugendliche produziert sind (spezifische KJL), b) alle Schriften, welche von Kindern und Jugendlichen konsumiert werden, ohne dass sie für diese speziell verfertigt zu sein brauchen (z. B. Zeitung), oder von jugendlichen Lesern rezipiert (Schul-, Lehrbuch) werden (KJL im weiteren Sinne, auch Kinder- und Jugendlektüre). KJL wird in Büchern, Heften und anderen Druckerzeugnissen, im weiteren Sinn auch in den Massenmedien wie Film, Tonband, Schallplatte verbreitet.“ (Doderer, 1984, S. 161).

Diese Definition galt damals als ein erster Versuch, KJL zu beschreiben. Der Begriff der KJL ist aber nicht eindeutig definierbar, da jeder Experte auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft etwas anderes unter dieser Begrifflichkeit versteht.

Jedoch existiert eine aktuell gebräuchliche Definition, die der Gießener Professor Carsten Gansel in seinem Werk „Moderne Kinder- und Jugendliteratur – Ein Praxishandbuch für den Unterricht“ vorstellt. Seine Abgrenzung der einzelnen Gruppen von KJL bietet heute eine gängige Übersicht über denkbare Bedeutungsmöglichkeiten dieser literarischen Gattung. Seiner Meinung nach könne man jedes Werk explizit einer der vier Gruppen zuordnen.

„KJL kann meinen:

1. die Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche als geeignet empfundenen Literatur ( = intentionale KJL )
2. die Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche geschriebenen fiktionalen und nichtfiktionalen Texte ( = spezifische KJL )
3. die Gesamtheit der von Kindern und Jugendlichen rezipierten fiktionalen und nichtfiktionalen Texte ( = Kinder- und Jugendlektüre )
4. ein Teilsystem des gesellschaftlichen Handlungs- bzw. Sozialsystems „Literatur“ ( = „Subsystem KJL“ )“ (Gansel, 1999, S. 8).

Der Frankfurter Germanistikprofessor Hans-Heino Ewers folgt ebenfalls dieser Definition von KJL und meint, dass „[s]ämtliche der hier aneinander gereihten Definitionen […] ihre Berechtigung [hätten]; sie alle bezeichne[te]n sinnvoll abgegrenzte kulturelle Felder, die sich in beträchtlichem Maße überschn[itt]en, ohne jedoch deckungsgleich zu sein. Wir h[ätt]en es mit Feldern zu tun, die vorrangig an ihren Rändern differieren“ (Ewers, 2000, S. 5).

Es ist schwierig, eine eindeutige Definition zu liefern, im Groben überschneiden sich die Kennzeichen von KJL bei den einzelnen Autoren. Nun werden auf dieser Basis die Genres der KJL genannt und der „psychologische KR“ erläutert.

2.1 Genres der KJL

Das „Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur“ benennt mehrere Genres der KJL. Zu den Genres zählen: Realistischer und phantastischer KR, psychologischer KR, Kinderlyrik, komischer KR, Bilderbuch, Märchen/Sagen/Mythen/Fabeln, Mädchenliteratur, Adoleszenzromane, Abenteuerliteratur, historische KJL, zeitgeschichtliche KJL, Comics, Krimis und Science Fiction-Literatur (vgl. Lange, 2000).

Oft fällt eine eindeutige Zuordnung eines Werkes in eines der Genres schwer bzw. kann ein Werk nicht selten mehreren Genres zugeordnet werden. Nimmt man beispielsweise Astrid Lindgrens Buch „Pippi Langstrumpf“, so kann man es dem Genre „Mädchenbuch“ zuordnen, es aber auch als „Abenteuerroman“ oder „Fantastischer Roman“ deklarieren.

2.2 Das Genre „Moderner Kinderroman“ mit Subgenre „psychologischer Kinderroman“

Gansel unterteilt in seinem Werk „Moderne Kinder- und Jugendliteratur – Ein Praxishandbuch für den Unterricht“ den modernen KR in drei Kategorien, wobei nur der dritte Typ für diese Hausarbeit bedeutsam ist:

1. Problemorientierter bzw. sozialkritischer KR
2. Phantastischer KR
3. Psychologischer KR

Der psychologische KR zeichne sich laut Gansel dadurch aus, dass anders als bei dem problemorientierten bzw. sozialkritischen KR „eine Schwerpunktverlagerung auf die Darstellung kindlicher und jugendlicher Innenwelten“ stattfinde (Gansel, 1999, S. 70). Es werde „der „Blick ins Innere“ eröffnet und eine „Einfühlung in die kindliche Psyche“ mit ihren Gedanken[,] Gefühlen, Träumen [und] Ängsten geleistet.“ (ebd.). Zudem könne dabei der Leser die Chance des „Eintauchens“ in die Lebenswelt der Figuren erhalten und unmittelbar an den Problemen der entsprechenden Figuren Anteil nehmen.

Es existiere eine „neue Mündigkeit[, die] somit auch zu Überforderungssyndromen führen [könne], denn wo es keine autoritären Vorgaben mehr [gebe], fehl[t]en gleichsam Orientierungspunkte“ (ebd., S. 71), wodurch die Kinder ihre „[…] Probleme selbstständig rational erfassen wie emotional bewältigen [müssten].“ (ebd.). Der psychologische KR behandele „nicht primär […] die Präsentation bzw. die realistische Darstellung des (Kinder)Alltags, sondern […] die Auswirkungen des Alltags mit seinen Konflikten auf die Psyche der kindlichen Protagonisten“ (ebd.).

Der Autor nennt zudem Besonderheiten der Erzähltechnik in diesem Subgenre und hat zwei Schemata zur Darstellung der Erzähltechnik (vgl. Abb. 1 und 2) entworfen:

„Im problemorientierten Kinderroman existiert eine uneingeschränkte Kontrolle der Geschichte durch den Erzähler, die primär auf realistische soziale Erfassung zielt. Bei der Darstellung von Innenwelt im modernen psychologischen Kinderroman geht die Souveränität des Erzählers zurück, weil der feste Erzählstandort aufgegeben wird, der point of view zu den Figuren wechselt, sie selbst zu Wort kommen. Dies ist für den modernen Roman insbesondere seit dem frühen 20. Jh. kennzeichnend. Vergleichbar gewinnen für die Sprechsituation im psychologischen Kinderroman Bewusstseinsbericht, erlebte Rede, innerer Monolog [und] Bewusstseinsstrom an Bedeutung“ (ebd., S. 72).

Diese Einführung in die Gattung KJL mit der Beschreibung der wesentlichen Merkmale des Subgenres „Psych. KR“ führt zu der Vorstellung der, für diese Hausarbeit verwendeten, Textgrundlage „Oskar und die Dame in Rosa“, einem Buch des belgisch-französischen Autors Éric-Emmanuel Schmitt.

3. Vorstellung der verwendeten Textgrundlage

3.1 Kurzbiografie Éric-Emmanuel Schmitt

Der Autor Éric-Emmanuel Schmitt wurde 1960 in Belgien geboren. Nach dem Studium lehrte er als außerordentlicher Professor Philosophie an einer Pariser Universität und versuchte sich nebenbei als Theaterautor. Mit „La Nuit de Valognes“ und „Der Besucher“ konnte er Erfolge feiern, mehrere Preise gewinnen und stieg dadurch zu einem sehr gefragten Autoren auf.

Darunter litt seine Lehrtätigkeit, die er dann später zugunsten des Schreibens abbrach. Im Jahr 2002 erschien dann der Roman „Oskar und die Dame in Rosa“, das dann ebenfalls 2003 erfolgreich in Paris als Bühnenstück aufgeführt wurde. Die meisten seiner Werke behandeln das Thema „Religion“ und setzen sich vereinzelt auch kritisch mit den Weltreligionen auseinander. Eine besondere Ehre wird ihm 2004 zuteil: „Im Herbst werden die Franzosen von der Zeitschrift Lire unter der Fragestellung: "Welche Bücher haben Ihr Leben verändert?" zu einer Umfrage aufgerufen. [„]Oskar und die Dame in Rosa[“] wird zusammen mit der Bibel, den Drei Musketieren und dem Kleinen Prinzen genannt“ (Schmitt, o. J. (a)). Heute lebt der belgisch-französische Autor Schmitt in Brüssel.

3.2 Kurze Inhaltsangabe „Oskar und die Dame in Rosa“

In dem Briefroman „Oskar und die Dame in Rosa“ ist der zehnjährige Oskar die Hauptperson. Geschildert werden die letzten zwölf Tage seines Lebens, das er in einem Krankenhaus verbringt, da er unter einem unheilbaren Krebstumor im Kopf leidet. Mehrere Chemotherapien und Knochenmarktransplantationen sind im Vorfeld fehlgeschlagen, wodurch die Ärzte sein Leben aufgeben. Nach der Todesdiagnose durch den Chefarzt Dr. Düsseldorf sind die Eltern Oskars komplett überfordert, trauen sich nicht, ihm die Diagnose zu offenbaren und geben dann schließlich auch ihren Sohn auf. Erst später akzeptieren sie Oskars Schicksal und nehmen die Krankheit ihres Sohnes an.

Die einzige Person, die dem kranken Kind das Leben noch erträglich macht, ist die Krankenschwester und frühere Ringkämpferin Oma Rosa, die sich liebevoll um ihn kümmert. Als Oskar zufällig ein Gespräch zwischen seinen Eltern und dem Chefarzt belauscht, erfährt er, dass er nicht mehr lange leben werde und Oma Rosa bringt ihn dazu, jeden Tag zum Therapiezweck einen Brief an Gott zu schreiben, obwohl sie selbst nicht an Gott glaubt. Die Krankenschwester erzählt ihm, er solle jeden weiteren Lebenstag wie zehn Lebensjahre auffassen. Oskar durchläuft dabei alle Phasen und Gefühle des Lebens, von der Kindheit, über die Pubertät mitsamt der ersten großen Liebe zu „Peggy Blue“, über das Erwachsensein bis hin zu seinem Tod, der dann am zwölften Tag mit „120 Jahren“ auch eintritt. Nach seinem Tod beginnt auch Oma Rosa an Gott zu glauben (vgl. Wunderlich, 2003/2010 und Contraplus.at, 2006).

Nun folgt die Figurenanalyse der drei Hauptfiguren Oskar, Oma Rosa und Oskars Eltern, um einen ersten Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten zu erhalten.

3.3 Figurenanalyse

3.3.1 Oskar

Oskar „geht mit offenen Augen durch die Welt und scheut die Wahrheit nicht“ (Contraplus.at, 2006). Dies bedeutet, dass er ehrlich ist und das ausspricht, was er für richtig hält.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656948414
ISBN (Buch)
9783656948421
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298428
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Germanistik, Literaturwissenschaft I
Note
3,0
Schlagworte
kindertod kinderroman begründungen formen erzählens schmitts roman oskar dame rosa

Autor

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