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Interaktion und Identität. Darstellung und Vergleich der Sozialisationstheorien nach George Herbert Mead und Lothar Krappmann

Hausarbeit 2015 12 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Identitätskonzept nach George Herbert Mead

3. Identitätskonzept nach Lothar Krappmann

4. Mead und Krappmann: Ein systematisch-exemplarischer Vergleich

5. Literaturverzeichnis

6. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

In welcher Weise sich ein Individuum entwickelt und welche Rolle sein soziales Umfeld dabei spielt, ist eine Frage mit der sich die Sozialisationsforschung fundamental beschäftigt. Im Laufe der individuellen Persönlichkeitsentwicklung üben die jeweilige Kultur, Werte und Normen einen erheblichen Einfluss auf das sich zu entwickelnde Individuum aus. Eine Interaktion mit anderen Individuen der gemeinsamen, gesellschaftlichen Szenerie ist daher unabdinglich für die Entwicklung der kollektiv geprägten Identität. So ist die Identität des Individuums und ihre Ausbildung sehr eng mit der Sozialisation, der gruppenspezifischen Interaktion und der Sprache verknüpft und bildet ein Netzwerk aus sozialen, wie auch psychischen Vorgängen, zur Regelung des individuellen Selbstverständnisses. Dessen zufolge wird die Sozialisation durch die Eingliederung eines Individuums in die soziale Gruppe definiert, wobei das Individuum gruppenspezifische Rollenerwartungen, Normen und Regeln erfährt, Fähigkeiten erlernt um selbigen zu entsprechen, seine eigenen Überzeugungen und sein Denken an die Gruppe anpasst und in Folge dessen auch die Einhaltung und das Erlernen gruppenspezifischer Ordnungen von anderen erwartet.

Auf dieser Grundlage soll erläutert werden, wie das Sozialisationsmodell nach George Herbert Mead die individuelle Persönlichkeitsentwicklung erklärt. Mead legt in seinem Hauptwerk „Mind, self and society“ (Geist, Identität und Gesellschaft), nach seinem Tod veröffentlicht im Jahr 1934, ein besonderes Augenmerk auf den symbolzentrierten Interaktionsprozess. Dieser stellt die zentrale Basis seiner Theorie dar und ist grundlegend für die vorherrschende gesellschaftliche Kommunikation und Interaktion.

Weiterhin soll das Sozialisationskonzept nach Lothar Krappmann veranschaulicht werden. Krappmanns Hauptwerk „Soziologische Dimensionen der Identität“, veröffentlicht im Jahr 1969, befasst sich mit der Identität als einem Balanceprodukt aus der Forderung nach Individualität und der Einhaltung gesellschaftlicher Normen und Regeln und gilt weitgehend als soziologisches Standartwerk. Allgemein gilt sein Interesse der Sozialisationsforschung, weshalb er sich hauptsächlich mit der sozialen und moralischen Entwicklung von Individuen im Kindes – und Jugendalter befasst.

Im Verlauf der vorliegenden Arbeit soll gänzlich herausgestellt werden, wie sich Identität im Rahmen der gesellschaftsorientierten Sozialisation entwickelt. Hierbei werden zunächst die Identitätskonzepte nach Mead und Krappmann einzeln dargelegt und im Anschluss systematisch und exemplarisch miteinander verglichen.

2. Identitätskonzept nach George Herbert Mead

George Herbert Mead (1863-1931) gilt weitgehend als Mitbegründer einer soziologischen Theorie, die das menschliche Verhalten und die zwischenmenschliche Interaktion als symbolisch auffasst und dieser Symbolik einen maßgeblichen Stellenwert für die Entwicklung von Identitätsbewusstsein, Individualität und Gesellschaft zugesteht. Hierbei befasste sich Mead nicht nur mit reinen, soziologischen Ansätzen, sondern berücksichtigte ebenfalls Theorien und Arbeiten auf den Gebieten der Sozialpsychologie, der Sozialphilosophie, sowie der Pädagogik. Weiterhin war Mead in seinen Forschungen zeitlichen Strömungen ausgesetzt, die seine Arbeit nachhaltig prägten. So orientierte er sich beispielsweise an Darvins Evolutionstheorie (Darvin, 1895), dem deutschen Idealismus (Kant, 1781; Hegel, 1831; Fichte, 1794; Schelling, 1809) und dem amerikanischen Pragmatismus (Pierce, Dewey, James). Der behavioristischen Psychologie stand er jedoch kritisch gegenüber.

Mead Ausführungen stützen sich auf die Prämisse, dass die symbolisch vermittelnde Interaktion die am häufigsten ausgeprägte Form der interpersonalen und sozialen Kommunikation bezeichnet. Das soziale Handeln der Interaktionspartner basiert somit, laut Mead, auf symbolischer Aktion und Reaktion: dem symbolischen Interaktionismus.

Der symbolische Interaktionismus beinhaltet, auf der Ebene interpersonaler Kommunikation, Zeichen und Gesten. Diese sind eine Form gebärdenvermittelten Interaktion und zeichnen sich durch symbolisierte Handlungsanfänge, nicht jedoch durch ihre Ausführung aus. Sie haben, so Mead, eine vereinheitlichte Bedeutung und sind folglich gesellschaftlich festgelegt. Selbst bei Tieren lässt sich eine Art der gebärden- und gestenvermittelten Interaktion beobachten. Weiterhin sind Zeichen und Gesten jedoch kein ausschlaggebendes Instrument für die Identitätsbildung, da sie kein individuelles und subjektives Bewusstsein von Individuen fordern und fördern.

Gehen Gesten jedoch über konkrete Situationen hinaus bezeichnet Mead selbige als Symbole, welche einer neuen und individuelleren Interpretation bedürfen. Symbole sind nicht immer eindeutig und bewegen sich ein einem Interpretationsspielraum, den es für die Interaktionspartner zu überwinden gilt. Gelingt dies, so spricht Mead von einem signifikanten Symbol. Das eindeutigste signifikante Symbol ist die Sprache, welche von Mead auch als „vokale Geste“ oder „Lautgebärde“ bezeichnet wird.

Mit dem Gebrauch von Sprache, als signifikantes Symbol, in der interpersonalen Kommunikation, ist es dem Individuum möglich den Inhalt des Gesprächs nicht nur objektiv, sondern individuell für sich zu interpretieren. Dazu gehört das Verstehen und Interpretieren der Bedeutung des Kommunikationsparts des Gegenübers, als auch erstmals das reflektierende Verstehen und Interpretieren, der eigenen Worte und Ausdrucksweise. Auch die eventuellen Absichten und Motive des Gegenübers können hinterfragt werden. Diese Fähigkeit benennt Mead als role taking, der sogenannten Rollenübernahme.

In einer Interaktionssituation ist es, nach Mead, für das Individuum notwendig sich auf seinen Interaktionspartner einzulassen, möglichen Erwartungen gerecht zu werden und dabei jedoch trotzdem den eigenen Erwartungen und Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Nur so ist es dem Individuum möglich die bestehenden, zwischenmenschlichen Beziehungen analytisch zu betrachten und sich ihrer bewusst zu sein. Daraus resultiert ein Bewusstsein der der eigenen Absichten und Bedürfnisse, dass nicht nur von innen, sondern auch von außen betrachtet und die eigene signifikante Symbolik hinterfragt: das Selbstbewusstsein. Mead geht in diesem Fall davon aus, dass das Individuum sich in dem Moment des sozialen Handels kritisch von außen betrachtet, um seine Wirkung auf den Interaktionspartner vorrausahnen. Dies setzt voraus, dass Mead von der Annahme ausgeht, jedes Individuum sei bemüht den Erwartungen des Gegenübers und den allgemeinen, gesellschaftlichen Standards zu entsprechen. Diese selbstreflektierende und fremdorientierte Identität bezeichnet Mead als self.

Das self bedarf eines Erlernens spezieller Fähigkeiten, um in Interaktionssituationen die Erwartungen Anderer korrekt interpretieren zu können. Sozialisationsprozesse im Kindes- und Jugendalter sind dafür ausschlaggebend. So lernt das Individuum im play zunächst Rollen von bekannten und nahestehenden Personen, den signifikanten Anderen, zu übernehmen und sich in interpersonelles Denken einzufühlen. Ein Beispiel hierfür wäre ein Kind, das zunächst die eigene Mutter beobachtet und diese später in einem Rollenspiel tätigkeits- und ausdrucksbezogen nachahmt. Weiterführend lernt das Individuum im game sich in eine organisierte Gemeinschaft einzufügen und den gesellschaftlichen Erwartungen von generalisierten Anderen zu entsprechen. Als Beispiel dient hier ein Jugendlicher, der in einer Mannschaft Fußball spielt und nun lernen muss sich auf gesellschaftlicher Ebene in das Team einzufügen und die spezifischen Aufgaben seiner Position zu meistern.

Dem Wunsch den gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen steht das Verlangen nach der Erfüllung eigener Bedürfnisse gegenüber. Das I definiert die ursprüngliche und impulsive Seite eines jeden Individuums, welche besonders körperlichen Forderungen nachkommen möchte (Mead 1991: S.221). Hieraus entsteht ein Konflikt, da der Wunsch, das eigene Begehren in den Vordergrund zu stellen und danach zu handeln konträr zu dem Bedürfnis steht anderen zu gefallen und durch entsprechendes Handeln gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Es besteht zwar die Möglichkeit das I durch das game zu trainierten, um persönliche Ansprüche etwas in den Hintergrund treten zu lassen und es zu sozialisieren, doch ist es niemals gänzlich möglich die impulsiven Verlangen des I zu unterdrücken. Eine andere Seite des I bietet dem Individuum jedoch auch eine einmalige, persönliche Komponente die das Individuum in seiner Persönlichkeit speziell ausmacht und unveränderlich ist.

Mead definiert neben dem self und dem I noch eine dritte Persönlichkeitskomponente: das Me. Diese gesellschaftlich geprägte Komponente steht dem I gegenüber und fungiert mit diesem in einem Wechselspiel (Mead 1991: S.219). So will das Me im Grunde den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen und erhält vom I, das lieber seinen Instinkten folgen würde, eine Reaktion darauf. Dieser Vorgang wiederholt sich stätig und ist bei jedem Individuum unterschiedlich ausgeprägt, da auch Me und I bei keinen zwei Individuen gleichermaßen vorhanden sind und interagieren. Ein reflexives Bewusstsein entsteht.

Das reflektierte Ich-Verständnis wird im Anschluss im self synthetisiert, was von Mead als individuelle Identität definiert wird. Die äußeren Einflüsse durch die Gesellschaft werden zwar nach und nach verallgemeinert, jedoch steuern sie die Identitätsentwicklung zu jeder Zeit maßgeblich.

3. Identitätskonzept nach Lothar Krappmann

In seiner Dissertationsschrift „Soziologische Dimensionen der Identität“, erstmals veröffentlicht in Jahr 1969, nimmt sich Krappmann der Frage an, unter welchen strukturellen Bedingungen Individuen an Interaktionsprozessen teilnehmen und welche Auswirkungen selbige auf die Identitätsbildung der Individuen hat. Allgemein geht Krappmann davon aus, dass die vielfältige, soziale Gesellschaft einer enormen Fülle an gruppenspezifischen Normen und Werten unterliegt. Diese bilden einen gigantischen Normkomplex, welcher fortlaufend durch den anhaltenden sozialen und kulturellen Wandel geprägt ist und daher immer wieder verändert wird und neu interpretiert werden muss. Daraus geht hervor, dass spezifische Normen und Werte nicht immer miteinander d‘accord gehen, sondern sich auch widersprechen können. Die allgemeine Norm- und Wertelandschaft der Gesellschaft ist somit nicht einheitlich und bedarf situationsspezifischen Interpretationen. Hierbei helfen Erfahrungswerte den Individuen.

Krappmann nutzt die Grundlage der Kommunikation, der Interaktion und der Sprache als Ausgangspunkt. So ist laut Krappmann in Alltagssituationen zu beobachten, dass jede interpersonale Kommunikation und Interaktion individuell und an die jeweilige Situation angepasst ist (Krappmann 1988: S.7). Hierbei stellen sich Individuen auf ihren Interaktionspartner ein um die Erwartungen des Gegenübers vorwegnehmen zu können, selbigen zu entsprechen und einen möglichst positiven Eindruck beim Interaktionspartner zu hinterlassen. Dies ist nur durch eine punktgenaue Anpassung möglich. Indessen wird vom Individuum gefordert seine eigenen Besonderheiten und Bedürfnisse herauszustellen, eigene Erwartungen an das Gegenüber zu entwickeln und diese ebenfalls so zu vermitteln, dass der Interaktionspartner die Möglichkeit erhält diese zu interpretieren und danach zu handeln. Aus dieser Divergenz entsteht für das Individuum ein Konflikt bzw. ein Dilemma (Krappmann 1988: S.7). Einerseits möchte es den Anforderungen, die sein Gegenüber stellt gerecht werden und nach gesellschaftlich anerkannten Regeln und Normen handeln. Andererseits ist es wegweisend für das Individuum sich selbst als individuellen Charakter zur Schau zu stellen und vom Interaktionspartner nicht nur typisiert, sondern individualisiert betrachtet zu werden. Diese grundlegende Ungleichheit kann, so Krappmann, nur durch eine bestimmte Leistung, eine Beteiligung an Kommunikation, Interaktion und gemeinsamem Handeln ermöglicht werden: der Identität (Krappmann 1988: S.7f.).

Die Identität kann, so Krappmann, daher als Balanceakt zwischen zwei gegensätzlichen Erwartungspolen definiert werden. Dieser Balanceakt ist von Grund auf dynamisch und nicht an feststehende oder vererbbare Identitätsmerkmale gebunden. Diese definieren sich erst während der Kommunikationsprozesse immer wieder neu. Die Selbstdarstellung und das Verhalten des Individuums sind während der Balance abhängig von den sozialen und persönlichen Anforderungen, sich der breiten Masse anzupassen, sich jedoch trotz alles ein einem gewissen Maß von dieser abzuheben. Diese divergenten Erwartungen schlagen sich in verschiedenen Teilidentitäten nieder. Einerseits der personalen Identität (phantom uniquness), welche dafür sorgt, dass sich das Individuum als einzigartig herausstellt und somit der gesellschaftlichen Forderung nach Individualität nachkommt, anderseits der sozialen Identität (phantom normalcy), welche einer Entsprechung der gesellschaftlichen Forderung nach Anpassung, Gleichheit und Eingliederung nachkommt (Krappmann 1988).

Hierbei ist es für die Ausbildung der Identität, dem Balancieren der Teilpersönlichkeiten und den anbei gehenden Erwartungen bedeutend, dass das gesellschaftliche Normsystem, in seinem Wirrwarr an teils gegensätzlichen Normen und Regeln, trotzdem nicht als „totale Institution“ gesehen werden darf, sondern als flexibel betrachtet werden muss. Laut Krappmann gilt: „ Erst in einer Gesellschaft, die ganz und gar eine „totale Institution“ wäre und nicht nur tendenziell, […], wäre Identität zu gewinnen und aufrecht zu erhalten in jeder Hinsicht unmöglich. […]. Optimismus ist gewiss fehl am Platz, denn je totaler die Gesellschaft, desto weniger Möglichkeiten bestehen für die Identität“ (Krappmann 1988, S.31). Weiterhin gelten ein hoher Repressionsgrad, Unterdrückung der Autonomie und eine unzureichende Entwicklung der Sprache, aus gesellschaftlicher Sicht, ebenfalls als hemmende Faktoren für eine erfolgreiche Balancierung und die Ausbildung von Identität. Da das Normsystem dem sich das Individuum anpassen muss flexibel ist, gilt auch die gesamte Identität des Individuums nicht als starres Selbstbild, sondern bildet sich mit der Interpretation wandelnder Werte und Normen immer wieder neu (Krappmann 1988: S.9)

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656950226
ISBN (Buch)
9783656950233
Dateigröße
820 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298645
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Schlagworte
Mead Krappmann Vergleich Identität Sozialisation

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