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Gesundheit und Krankheit. Darlegung der "Sense of Coherence Scale" von Aaron Antonovsky

Seminararbeit 2011 7 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

„Gesundheit ist die Summe aller Krankheiten, die man nicht hat.“ (Gerhard Uhlenbruck, zitiert nach Hafen, 2006). Überdies gilt möglicherweise sogar, „daß gesund der ist, der nicht gründlich genug untersucht worden ist.“ (Franke, 1981, zitiert nach Hinghofer-Szalkay, 1995) Diese Zitate spiegeln eine bis heute weit verbreitete Definition von Gesundheit wider: Gesundheit wird als Abwesenheit von Krankheit gesehen. Der Mensch kann nach dieser dichotomen Sichtweise nur entweder gesund oder krank sein. Dabei existierte bereits im antiken Griechenland - Heimat vieler für die Entwicklung der heutigen Medizin bedeutsamer Gelehrter wie Hippokrates oder Galen - ein anderes Modell, nach dem sich der Mensch während seines Lebens zwischen Gesundheit und Krankheit als zwei Extremen eines Kontinuums bewegt und dabei möglichst eine mittlere Position halten sollte. Er ist nach Hinghofer-Szalkay (ebd.) demzufolge weder vollständig gesund noch vollständig krank, sondern nimmt an beiden Zuständen teil.

Diese Vorstellung musste im Lauf der Zeit jedoch der oben angesprochenen Dichotomisierung von Gesundheit und Krankheit weichen. Infolgedessen orientierte sich die Medizin zunehmend an Krankheiten, ihren Ursprung und ihren Behandlungsmöglichkeiten und ließ die Gesundheit als einen Zustand, der über das „Nicht-krank-sein“ hinausgeht, außer Acht.

Dies änderte sich erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der amerikanisch-israelische Soziologe Aaron Antonovsky sein Konzept der Salutogenese postulierte, das 1979 mit der Veröffentlichung von „Health, Stress and Coping“ nicht nur in der medizinisch-psychologischen und soziologischen Fachwelt große Beachtung erlangte. Die grundlegende Neuerung dieses Konzepts bestand darin, nicht mehr die Pathogenese, also die Entstehung von Krankheiten, sondern als Gegenmodell dazu die Salutogenese, also die Entstehung bzw. Erhaltung von Gesundheit in den Mittelpunkt zu rücken. Zentral hierfür ist die Frage, weshalb manche Menschen an bestimmten (organischen oder psychischen) Krankheiten leiden, während andere, obwohl sie ebenso schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind, gesund bleiben.

Ein elementarer Bestandteil des Modells, der auch Antworten auf die gerade erwähnte Fragestellung liefern kann, ist das Konzept des Kohärenzgefühls, nach dem englischen Originalbegriff „Sense of Coherence“ meist abgekürzt mit SOC. Antonovsky (1997, S. 36) definiert das SOC selbst folgendermaßen: „ Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausma ß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat (…).“ (kursiv im Original). Je höher das Kohärenzgefühl eines Menschen ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er Stressoren adäquat bewältigen kann, was sich wiederum positiv auf seine körperliche und geistige Gesundheit auswirkt. Die individuellen Unterschiede in der Ausprägung des SOC sind also mitverantwortlich für die größere bzw. geringere Widerstandsfähigkeit mancher Menschen gegenüber schädlichen Einflüssen.

Antonovsky unterscheidet hierzu drei Komponenten des SOC: Bedeutsamkeit (im Englischen meaningfulness), Verstehbarkeit (comprehensibility) und Handhabbarkeit (manageability). Bedeutsamkeit bezieht sich dabei auf das Ausmaß, in dem das Leben insgesamt als sinnvoll empfunden wird, Verstehbarkeit bezeichnet das Erleben der Welt als relativ geordnet, konsistent und strukturiert und Handhabbarkeit steht für die Fähigkeit, die zur Aufgabenbewältigung zur Verfügung stehenden Ressourcen realistisch einschätzen zu können (Höge, 2005). Diese Komponenten wirken zwar alle drei sowohl auf die jeweils anderen Komponenten als auch insgesamt auf das Kohärenzgefühl eines Menschen, allerdings lassen sie sich hierarchisch nach ihrer Bedeutung für das SOC gliedern. Dabei kommt der Bedeutsamkeit der höchste Stellenwert zu, während die Handhabbarkeit am wenigsten Einfluss zu nehmen scheint. Dies bedeutet beispielsweise, dass sich das Kohärenzgefühl eines Menschen, der in einer Situation zwar hohe Verstehbarkeit und Handhabbarkeit, aber niedrige Bedeutsamkeit erlebt, negativ entwickeln wird, während umgekehrt eine als hoch empfundene Bedeutsamkeit trotz niedriger Werte der anderen Komponenten möglicherweise eine positive Entwicklung bewirken kann (Antonovsky, 1997).

Wie schon erwähnt sieht Antonovsky (ebd.) Gesundheit und Krankheit nicht dichotom, sondern als Pole eines Kontinuums, auf dem sich der Mensch bewegt. Demzufolge gibt es kein „entweder - oder“ in Bezug auf Krankheit und Gesundheit, sondern immer ein „sowohl

- als auch“, wobei ein Zustand meist ausgeprägter ist als der andere. Dem salutogenetischen Konzept nach lässt sich nun laut Antonovsky (ebd.) die Position jedes Menschen auf diesem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum zu jedem beliebigen Zeitpunkt untersuchen. Aufgabe der Medizin sei es daher nicht mehr, Krankheiten zu verhindern oder zu behandeln, sondern dafür zu sorgen, dass sich bestimmte Menschen auf dem Kontinuum in Richtung Gesundheitspol bewegen.

Um seinen salutogenetischen Ansatz empirisch zu überprüfen, entwickelte Antonovsky 1987 den „Orientation to Life Questionnaire“, der bald unter der Bezeichnung „Sense of Coherence Scale“ bekannt wurde. Die Items dieses Fragebogens basieren auf 51 Tiefeninterviews mit traumatisierten Personen, die nach Einschätzung von Außenstehenden mit ihrem Leben trotz der belastenden Erfahrungen gut zurechtkamen (Singer, 2010). Mithilfe des Facettendesigns nach Guttman konstruierte Antonovsky aus den Inhalten dieser Interviews die 29 Items umfassende SOC-Skala (SOC-29). Dabei können ihm zufolge die einzelnen Items jeweils genau einer der drei SOC-Komponenten zugewiesen werden, wobei auf die Verstehbarkeit elf Items entfallen, auf die Handhabbarkeit zehn und auf die Bedeutsamkeit acht. Bei der Auswertung erhält man daher drei Subskalenwerte, die addiert schließlich den Gesamtskalenwert ergeben. In nachfolgenden Studien konnte diese eindeutige Aufteilung der Items allerdings faktorenanalytisch nicht bestätigt werden, einige Ergebnisse weisen sogar eher auf einen Generalfaktor als auf eine dreifaktorielle Lösung hin (Schumacher, Wilz, Gunzelmann, & Brähler, 2000). Nach Schumacher et al. (ebd.) widerspricht dies nicht den Ansätzen Antonovskys, da er selbst aufgrund der unauflösbaren Verflechtung der drei SOC-Komponenten vor einem faktorenanalytischen Beurteilung warnt und die ausschließliche Verwendung des SOC-Gesamtskalenwertes empfiehlt, wobei sich hieraus aber wiederum die Frage ergibt, warum er dennoch die drei Komponenten so strikt unterscheidet.

Zusätzlich zu der problematischen faktoriellen Validität weist Singer (2010) noch auf einen weiteren Kritikpunkt hin: So wurden in verschiedenen Studien negative Korrelationen zwischen der SOC-Skala und Skalen zur Messung von negativer Affektivität festgestellt. Singer stellt daher die Frage in den Raum, ob das Kohärenzgefühl tatsächlich ein eigenständiges Konstrukt ist, das klar von Persönlichkeitsmerkmalen abgegrenzt werden kann.

Im Gegensatz zu diesen kritisch zu sehenden Befunden kann die Zuverlässigkeit der SOC-Skalen positiv eingeschätzt werden. In den meisten empirischen Studien wurden gute bis sehr gute Werte für die interne Konsistenz (Cronbachs α 0,84 bis 0,95) sowie für die Reliabilitäten der einzelnen Subskalen (Cronbachs α 0,71 bis 0,87) und die Retestreliabilität (rtt 0,80 bis 0,90) gefunden (Schumacher et al., 2000).

Betrachtet man nun die einzelnen Items der Sense of Coherence Scale, so fällt auf, dass diese nicht vollständig einheitlich gehalten sind, da sie entweder aus einer Frage oder einem unvollständigen Satz bestehen, der in der Antwort ergänzt wird. Die Antwortskala ist immer siebenstufig aufgebaut. Bei 16 der 29 Items steht die 1 für den niedrigsten Wert, bei den übrigen 13 Items repräsentiert die 1 den höchsten Wert, sie müssen daher für die Auswertung umgepolt werden. Die angekreuzten Werte werden anschließend addiert und ergeben die drei Subskalenwerte, diese wiederum ergeben in der Summe den Gesamtskalenwert. Dabei stehen hohe Summenwerte jeweils für hohe Ausprägungen der SOC-Komponenten und des Kohärenzgefühls insgesamt, wobei - wie schon angesprochen - ein hohes Kohärenzgefühl positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden eines Menschen hat.

In der Normierungsstichprobe für die deutsche Bevölkerung von Schumacher et al. (2000, S. 477) wurden beispielsweise folgende SOC-Skalenwerte gefunden:

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656950967
ISBN (Buch)
9783656950974
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298686
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Salutogenese Aaron Antonovsky Kohärenzgefühl Kohärenzsinn Sense of Coherence SOC Orientation to life questionnaire Sense of Coherence Scale

Autor

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