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Englischunterricht im Dritten Reich. Ein Widerspruch zur Ideologie des Nationalsozialismus?

Hausarbeit 2014 26 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangstext

3. Schule
3.1. Schulformen
3.2. Kritik am Schulsystem

4. Selektion
4.1. Rechtfertigung des Selektionsprinzips
4.2. Schullaufbahnempfehlungen
4.2.1. Elternentscheidung
4.3. Verstärkte Selektion

5. Gesellschaftliche Ungleichheiten
5.1. Humankapital
5.1.1. Arbeitsmarkt
5.1.2. Bildung als Ressource
5.2. Verbesserungsvorschläge

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

8.1. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Die deutsche Gesellschaft ist gespalten und die Unterschiede zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten nehmen immer mehr zu. Sie bestehen in den Lebensstilen, Ansichten und Tätigkeiten. Bedingt wird dies durch die Persönlichkeit des Menschen, welchen Bildungsweg er eingeschlagen hat und welche Arbeit er damit aufnehmen kann. Ob all dies durch das Schulsystem erschaffen, verstärkt oder gar nivelliert werden kann, wird die folgende Arbeit untersuchen. Ausgehend von einer Phrase, die im Text des Autors Klaus Mollenhauer genannt wird, nämlich „unser ständisches Schulsystem“ (Mollenhauer 1971, S. 105), wird im Folgenden betrachtet, welche Funktionen Schule überhaupt zu erfüllen hat, ob sie dem nachkommt und in wie weit der familiäre Hintergrund die Schulleistungen mit beeinflusst. Weitergehend werden die gesellschaftlichen Ungleichheiten betrachtet und welchen Stellenwert das Bildungsniveau auf dem Arbeitsmarkt hat, hier fällt das Stichwort Humankapital. Abschließend folgt ein Ausblick mit möglichen Perspektiven.

2. Ausgangstext

In seinem Text „Jugend und Schule im Spannungsfeld gesellschaftlicher Widersprüche“ (1971) beschäftigt Klaus Mollenhauer sich mit den Zielen der Erziehung und welche Problematiken damit einhergehen. Erziehung bestehe daraus, dass Erwachsene das aktuelle Gesellschaftssystem auf die jüngere Generation übertragen wolle, sie diene somit der Überlieferung kultureller Ordnungen (vgl. Mollenhauer 1971, S. 97). Als Teil dieser kulturellen Ordnung sehen sie ins besonders die Demokratie, die Mollenhauer jedoch für widersprüchlich hält. Seiner Meinung nach bedeutet Demokratie, dass Privilegien der sozialen Herrschaft als illegitim gelten müssten (vgl. Mollenhauer 1971, S. 103). Dies sei nicht gegeben, da die heutige Gesellschaft sich in verschiedene Schichten aufspalte und die sozial Starken in sämtlichen Bereichen sowohl höheren Einfluss, als auch höhere Lebensstandards genießen. Um das zu verdeutlichen führt er verschiedene Widersprüche der Gesellschaft auf, die zwischen dem wofür sie sich hält und dem, was sie tatsächlich ist bestehen. Den Widerspruch, welcher dieser Arbeit zu Grunde liegt, tituliert er mit „Der Widerspruch zwischen Aufstiegschancen und Aufstiegsstreben“ (Mollenhauer 1971, S. 103). Grundkonzept der demokratischen Gesellschaft solle sein, dass jedem der soziale Aufstieg nach seinen persönlichen Leistungsmöglichkeiten offen steht. Betrachtet man jedoch die Zahlen der Kinder aus unteren sozialen Schichten, die nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln, stellt man fest, dass diese signifikant geringer ist, als der Anteil von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht. Das leitet Mollenhauer zu der Frage „Wie soll das demokratische System auf einer undemokratischen Verteilung von Lebenschancen beruhen?“ (Mollenhauer 1971, S. 106). Er sieht den Ursprung dieser Ungleichheit jedoch nicht im Schulsystem, sondern darin, dass der Sozialschichtenaufbau in Deutschland relativ statisch ist. Die Schule trage dazu bei, indem sie diesen reproduziere, begründe ihn jedoch nicht. Neben den kulturellen Ordnungen des Schichtaufbaus werden auch die damit implizierten Herrschaftsverhältnisse zwischen den Schichten in der Schule weitergegeben.

Die Rangposition eines Kindes in der Gesellschaft, die vorrangig durch seine Schichtzugehörigkeit bestimmt werde, habe erheblichen Einfluss auf dessen weitere Bildungslaufbahn. Je niedriger es im sozialen Gefüge stehe, umso geringer seien seine Chancen, dass ihm sein Recht auf Bildung tatsächlich zuteilwerde (vgl. Mollenhauer 1971, S. 106). Er stellt die These auf, dass sowohl die Unterschicht selbst, als auch die Verantwortlichen im Bildungssystem, die Lernmotivation und -fähigkeit dieser Kinder auf geringem Niveau hält. Zum einen durch ihren familiären, meist bildungsfernen Hintergrund und zum anderen durch die Selektion auf verschiedene Schulformen. Mollenhauer zitiert an dieser Stelle die Verantwortlichen im Bildungswesen, die den Vorwurf des ständischen Charakters der schulische Selektion mit dem Argument von sich weisen, sie verteilten die Schüler nicht nach Herkunft, sondern nach Leistung. Dass die Herkunft die Leistung in vielen Aspekten beeinflusst, werde dabei nicht beachtet (vgl. Mollenhauer 1971, S.5). Auch wenn die Unterstellung des dreigliedrigen Schulsystems als ständisch übertrieben zu sein scheint, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die verschiedenen Schulen ein gewisser Ruf begleitet.

3. Schule

Das Konstrukt Schule an sich hat verschiedene Problematiken. Dem zu Grunde liegt vorrangig die Art ihrer Ziele, da sich in ihr verschiedene Formen von Gerechtigkeit vermischen. Zum einen ist die Schule eine staatliche Einrichtung und muss somit das Prinzip der Gleichheit waren. Gleichzeitig ist sie jedoch eine pädagogische Einrichtung, die Kinder entsprechend ihrer Bedürfnisse besonders fördern muss. Das kollidiert allerdings mit ihrer Allokationsfunktion, da sie nach dem Leistungsprinzip vorgehen muss, um den Schülern mit Bildungszertifikaten Lebenschancen zu Teil werden zu lassen (vgl. Bellenberg 2012, S. 59).

3.1. Schulformen

In Deutschland gibt es verschiedene Strukturen in den einzelnen Bundesländern, so dass in dieser Arbeit exemplarisch das Schulsystem in Nordrhein-Westfalen vorgestellt wird. In NRW gehen die Kinder 4 Jahre lang zur Grundschule, bevor sie anhand nicht-verpflichtender Empfehlungen der Lehrkräfte auf die verschiedenen weiterführenden Schulen sortiert werden. Diese sind Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen. In einigen anderen Bundesländern erstreckt sich die Grundschule über einen Zeitraum von 6 Jahren. Um dem näher zu kommen und die Durchlässigkeit des Schulsystems zu fördern sind in NRW die fünfte und sechste Klasse als Erprobungsstufe gesetzlich festgesetzt. Tatsächliche Auswirkungen auf das schulische Wahl- und Wechselverhalten haben diese aber kaum (vgl. Rösner 1999, S. 33).

In den vergangenen Jahren habe das Gymnasium sich zu einer Massenschule entwickelt, da breitere Massen als früher einen hohen Bildungsabschluss anstrebten und das Gymnasium sei nun im Kampf um seine alten Werte. Die Realschule, welche eigentlich eine Aufstiegschance zum Gymnasium darstellen sollte, sei zur Nachfolgeeinrichtung der Hauptschule geworden. Diese verliere zunehmend an Schülern, da der Abschluss kaum noch gefragt sei. Kinder mit Hauptschulempfehlung wechseln häufiger auf die Gesamtschule (vgl. Rösner 1999, S. 23). Das hinge damit zusammen, dass das Konstrukt Hauptschule weniger die Kinder, ihren Bedürfnissen entsprechend fördere, sondern versuche, ihnen mit Druck ein Minimum an Wissen einzutrichtern (vgl. Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S. 99). Diese Kinder stammen häufig aus einem problembelasteten Familienumfeld, so dass viele Kinder mit einem schwierigen Lebensweg zusammen gebracht werden. Typische Faktoren wie Gewaltneigungen entstünden nicht aus dem geringen Bildungsniveau, sondern aus dem Umfeld, in dem sie sich bewegen (vgl. Baier 2013, S. 333).

3.2. Kritik am Schulsystem

In ihrem Buch „Lernen und Leistung - vom Sinn und Unsinn heutiger Schulsysteme“ (2004) verdichten Boenicke, Gerstner und Tschira verschiedene Problematiken zu drei essentiellen Kritikpunkten am Schulsystem. Erstens sei es nach der vierten Klasse deutlich zu früh, um den weiteren Lernerfolg zu prognostizieren. Dieser Meinung ist Bellenberg ebenfalls: „Die Lern- und Leistungsentwicklung der Schüler ist mit 10 Jahren noch nicht abgeschlossen.“ (Bellenberg 2012, S. 67f.) Sie belegt es daran, dass deutlich mehr Kinder mit niedrigen Prognosen höhere Abschlüsse erreichen, als ihnen vorausgesagt wurde (vgl. Bellenberg 2012, S. 72f.).

Zweitens sei die Leistung nur das vordergründliche Kriterium, während der soziale Status weit mehr Einfluss nimmt (vgl. Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S.19f.). Seien es auf der einen Seite die Eltern, die aktiv die Schulentwicklung ihrer Kinder beeinflussen, als auch auf der anderen Seite die unterschiedliche Leistungsdisposition, mit der Kinder in bildungsnahen/ bildungsfernen Haushalten erleben. Dadurch, dass der soziale Status einen derart hohen Stellenwert in der Bildungslaufbahn von Kindern einnimmt, verstärke diese Form der Selektion die soziale Ungleichheit in Deutschland. Außerdem fördere das selektive Bildungssystem nur die Bereitschaft junger Menschen, soziale Ungerechtigkeit zu akzeptieren (vgl. Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S.86).

Drittens führe die Durchlässigkeit des Schulsystems hauptsächlich nach unten, anstelle seiner eigentlichen Funktion, nämlich den Aufstieg zu erleichtern, gerecht zu werden. So kommen sogenannte „Rückläufer“ (Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S. 14) zwanzig Mal häufiger vor, als Aufsteiger. Auch die Orientierungsstufe, die dies eigentlich verhindern soll, passe sich letztendlich nur den Erwartungen der jeweiligen Schulform an (vgl. Rösner 1999, S.42).

Diese, ursprünglich aus der Forderung „Gleiches Recht für alle!“ (Hartmann 2006, S. 206) resultierende Regelung, behindere nun stattdessen die Förderung und nivelliere alle Leistungen auf ein Mittelmaß. Außerdem sei der Begriff Bildung mittlerweile äquivalent zur Schulbildung, so dass nicht mehr der aktive, produktive Mensch entwickelt werden solle, sondern ein passiver Konsument (vgl. Hoffmann 2006, S.125). Bei Schulbildung handele es sich nicht darum, sich persönlich weiterzubilden oder Wissen reflektiert aufzunehmen und zu entwickeln, sondern darum, möglichst gut durch diverse Prüfungssituationen zu kommen. Das führe dazu, dass anstelle eines langfristigen Wissensaufbau eher „Kulissenlernen“ (Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S.10) stattfindet. Das bedeutet, dass Inhalte nicht verstanden, sondern so gelernt werden, dass man in möglichst kurzer Zeit die möglichst beste Klausur schreiben kann. Hierbei handelt es sich also um das Auswendiglernen von Begriffen und Strategien, um diese anzuwenden, nicht aber um tatsächlich verstehendes Erklären. Ebenfalls kritisiert wird der zeitliche Aspekt der Lernsituation. Es solle solange gelernt werden, bis ein Thema verstanden wurde, nicht, bis die Klassenarbeit dazu ansteht. Weil nicht jeder Schüler dem Schulstoff in der erforderten Zeit folgen kann, überlagere sich in seinem Verständnis von Schule die Bildungserfahrung durch Versagens- und darauf folgende Selektionserfahrungen.

4. Selektion

Das Selektionsprinzip, also Kinder nach der vierten Klasse anhand eines Lehrerurteils auf die verschiedenen Schulformen aufzuteilen, ist stark umstritten, da es Kindern bereits sehr früh in ihrem Leben einen Platz in der Gesellschaft zuweist. Es stellt sich die Frage, ob dies noch zeitgemäß ist. Trotzdem halten sowohl Politik, als auch Elterninitiativen an diesem Konstrukt fest.

4.1. Rechtfertigung des Selektionsprinzips

Das mehrgliedrige Schulsystem in Deutschland entsprang ursprünglich dem Interesse des Bürgertums nach sozialer Distinktion zu den anderen Ständen. Sie half dabei, in einer statischen Gesellschaft die Rollen endgültig zu verteilen, so dass jeder den ihm zustehenden Platz erreichen konnte (vgl. Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S. 15). In der heutigen Gesellschaft wird allerdings gefordert, dass jeder alles erreichen könne, so dass der ursprüngliche Sinn des mehrgliedrigen Schulsystems so nicht mehr gelten kann. Daher wird der vorher der Statik dienende Selektionsbegriff nun dazu verwendet, um aufzuzeigen, inwiefern eine vorwärts strebende Gesellschaft diesen benötigt. Dazu werden sowohl sozioökonomische Argumente herangezogen, die erklären, welche Erfordernisse die moderne Gesellschaft stellt, als auch psychosoziale Argumente, die sich mit der Begabung und Leistung von Schülern begründen. Die Schüler verfügen über verschiedene Begabungen und Förder-/Forderbedarf, dem eine ein einzelne Schulform nicht nachkommen könne, so dass es vorteilhaft wäre, die Schüler auf speziell auf sie ausgerichtete Schulformen zu schicken. Ein Umdenken diesbezüglich fand erst in den letzten Jahren statt, nachdem mehrere Studien zu dem Schluss kamen, dass heterogene Lerngruppen ein höheres Produktivitätslevel hätten. Ein weiterer Aspekt ist der, dass ein zentrales Merkmal unserer Kultur die „gut/schlecht-Differenz“ (Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S.10) sei, welches Kinder erst in der Schule erlernen. Hauptsächlich diene die Selektion allerdings als sozialer Filter. Bildung werde durch diverse Ausleseverfahren zum knappen Gut erklärt, so dass Schule als gesellschaftlicher Platzanweiser fungiere (vgl. Boenicke/ Gerstner/ Tschira 2004, S.55f.).

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Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656951872
ISBN (Buch)
9783656951889
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298772
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Fakultät Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Nationalsozialismus Drittes Reich Hitler Pädagogik Schule Englisch Englischunterricht Ideologie Widerspruch NS

Autor

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