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Der offene Unterricht. Ansätze der neuen Lernkultur

Seminararbeit 2015 13 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Einleitung

Erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hat die Pädagogik das Kind als Individuum entdeckt, das fähig ist, am eigenen Lernprozess aktiv teilzunehmen. Die „Reformpädagogik“, die eher ein Bündel verschiedener internationaler Bewegungen war, stellte den endgültigen Bruch mit der so genannten „alten Schule“ dar. Die schulischen Aktivitäten sollten nicht mehr darin bestehen, einen bestimmten Bildungsgehalt zu vermitteln, sondern das Kind zu einem lernenden und denkenden Menschen zu machen. Historisch und politisch setzte sich diese pädagogische Wende in Deutschland erst ab Ende der 60er- Anfang der 70er Jahre durch. Seitdem heißt Lernen nicht mehr das vom Lehrer vermittelte Wissen passiv anzuhäufen, sondern es sich selbstständig anzueignen. Daraus entstanden zwei grundsätzliche Neuerungen: die Stellung des Lehrers innerhalb des Lernprozesses musste neu definiert und die Vermittlung des Lernstoffes neu strukturiert werden. Im folgenden Portfolio möchte ich auf einige Formen des so entstandenen offenen Unterrichts, wie die Wochenplanarbeit, das Stationenlernen und den Projektunterricht eingehen.

1. Die Wochenplanarbeit

1.1. Wurzeln des Wochenplans:

Mit dem Wochenplanarbeitskonzept sind vor allem drei Namen verbunden: der Franzose Celestin Freinet, die Italienerin Maria Montessori und die Amerikanerin Helen Parkhurst. Celestin Freinet (1896-1966) leitete seine Methoden von den elementaren Tätigkeiten der Kinder und Jugendlichen außerhalb der Schule ab. Die Schüler sollten also aus Interesse selbständig lernen. Freinet entwickelte einen aus zwei Planungsphasen bestehenden Wochenplan. Die erste Phase beinhaltet eine Klassenbesprechung (Klassenrat), in der über Themen und Aufgaben beraten wird. Die Lehrperson führt ein Protokoll und notiert, welche Arbeiten noch abgeschlossen werden müssen, „welche lehrplanbezogenen Pflichtaufgaben“ (Vaupel, 31998: S.14) noch anstehen. Somit entsteht der „plan collectif“ (Klassenarbeitsplan). In der zweiten Phase wird jedoch von jedem einzelnen Schüler ein „plan individuel“ (individueller Wochenplan) aufgestellt. Hier wird, teils allein, teils mit dem Lehrer eingetragen, „welche Arbeiten sie sich für welche Tage vornehmen, welche Untersuchung sie in der Woche durchführen wollen, an welchem Buch sie gerade lesen, welche Übungslücken sie schließen wollen (…)“ (Vaupel, 31998: S.15). Am Ende wird eingetragen, was sie geschafft haben. Die Schüler werden angeleitet, sich selbst für die Arbeit zu motivieren.

Auch Maria Montessori (1870-1952) entwarf ihre Arbeitsmaterialien mit einem individualistischen Ansatz. Die Schüler können „nach freier Wahl arbeiten“ (Vaupel, 31998: S.15). Die Eigenständigkeit des Kindes steht auch hier im Mittelpunkt. Wenn das Kind eine ihm gerecht werdende Lernumgebung hat, kann es auch selbst aktiv werden. Die Erwachsenen sollen sich im Hintergrund halten und nur eingreifen, wenn das Kind überhaupt nicht mehr weiter kommt. „Hilf mir, es selbst zu tun!“ ist das Motto, das hieraus entstand. Der Lehrer darf dem Schüler also keine Arbeit abnehmen. Maria Montessori steht dafür ein, dass jedes Kind individuell Zeit für Arbeitsvorgänge und Wiederholungen braucht, „ (…) bis es meint, die Sache verstanden zu haben“ (Ortling, 1992: S.47).

Helen Parkhurst’s (1887-1973) Schüler konnten sich mit den zur Verfügung gestellten Materialien ihr eigenes Lernprogramm und die dafür benötigte Zeit einteilen. Die Schüler hatten mit diesem Plan jedoch einen moralischen Vertrag mit der Lehrerin. Dies führte zu größerer Motivation, den eigenen Wochenplan so gut wie möglich zu bewältigen, und das Pensum bis zum Ende der Woche zu schaffen.

Die drei oben genannten Pädagogen haben einen gemeinsamen Nenner: die Selbstständigkeit des Lernenden im offenen Unterricht. Auch wenn sie ihre Methoden für die Reform der Grundschule entwickelt haben, so kann man die Wochenplanarbeit durchaus für die Sekundarstufe anwenden.

1.2. Was bedeutet der Wochenplan für Lehrperson und Schüler?

Der Wochenplan (WP) ist sowohl die sachliche als auch die zeitliche Organisation von Arbeitsaufträgen, die normalerweise von den Schülern in einer Woche für einen oder mehrere Lernbereiche zu erledigen sind (Vgl. Meyer, R./Mayer-Behrens, H.:1989, S.34). Die Arbeit mit dem Wochenplan setzt voraus, dass sich die Lehrperson in ihrer Rolle ständig verändert. Sie beobachtet, steht als Ratgeberin zur Verfügung und sollte sich immer bewusst sein, dass sie die Lernprozesse der Klasse organisiert. Der Lehrer muss mit variablen Lösungen, Einfallsreichtum und durch Kooperation mit Kollegen arbeiten. Mit dem Wochenplan sollte die Unterrichtsplanung durchsichtiger werden.

Der WP setzt sich aus Pflicht- und Wahlaufgaben zusammen. Hinzu kommen Freiarbeitsphasen, die eine wichtige Rolle spielen. Sie dienen nicht nur zur Auslastung von besonders schnellen Schülern, sondern auch zur Entspannung. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Schüler den Raum haben, um eigenständig zu lernen. Natürlich muss immer das Schul- und Klassenklima berücksichtigt werden, bevor eine solche Wandlung des Unterrichts gewagt wird. Darüber hinaus könnte der zeitliche Rahmen des Stundenplans eine Schwierigkeit darstellen. Außerdem ist es wichtig, die Klasse ausreichend mit Materialien versorgen zu können, um ein sinnvolles Arbeiten mit dem Wochenplan zu ermöglichen. Für die Beteiligten bedeutet dies eine starke Veränderung der Rollenverteilung. Der Lehrer tritt in den Hintergrund und ist nur bei Bedarf abrufbar, um Hilfestellung zu leisten. Die mögliche Mitbestimmung der Unterrichtsplanung durch die Klasse ruft ein stärkeres „Wir-Gefühl“ hervor.

Die Schüler lernen, durch eine strukturierte Lernumgebung selbstgesteuert und selbstverantwortlich zu arbeiten. Sie können auch Mitschüler um Unterstützung und Hilfe bitten. Sie werden motiviert, aus eigenem Antrieb zu lernen und sich für Dinge zu interessieren. Sie können aus dem Übungsangebot Aufträge frei wählen und die Reihenfolge selbst bestimmen. Sie entscheiden, welchen Schwierigkeitsgrad sie bearbeiten und wie lange sie für den Auftrag brauchen. Außerdem lernt der Schüler, individuell seinen Arbeitsplatz zu planen und einzuteilen, unterschiedliche Aufgabentypen zu verstehen und eigenständig Lösungswege zu finden. Auch die Teamfähigkeit wird gefördert. Die Schüler lernen zu erkennen, wo ihre Schwächen sind und wie sie durch Übung behoben werden können (Vgl. Vaupel, 31998: S.23).

Die wesentliche Bedingung für den Erfolg des Wochenplans ist, „dass vorausgehende LehrLern-Planung der Lehrerinnen und Lehrer das von den Kindern zu leistende verpflichtende Pensum für den Unterricht bestimmt, das sich dann in kontraktähnlichen und zeitlich befristeten Vereinbarungen mit den Kindern ausprägt“ (Claussen, 1997: S.98).

1.3. Die Kostenfrage

Eines der gewichtigsten Argumente, das gegen den WP spricht, ist die Kostenfrage. Aber auch wenn nicht genügend Mittel zur sofortigen Veränderung und Gestaltung des Klassenraumes zur Verfügung stehen, kann man Stück für Stück damit beginnen. Als erstes sollte die Sitzordnung verändern werden, so dass Gruppentische entstehen. In der Klasse vorhandene Möbelstücke können als provisorische Raumteiler dienen. Wenn die Schüler und Eltern von Anfang an in die Planung und Gestaltung mit einbezogen werden, wird sicher das eine oder andere Möbelstück gespendet, werden Materialien von zu Hause mitgebracht und der Klasse leihweise zur Verfügung gestellt. Geld lässt sich durch Flohmärkte, Basare und Schulfeste sammeln. Eine andere Möglichkeit wären kulturelle Veranstaltungen: Konzerte, Theaterstücke oder Kunstausstellungen.

1.4. Beispiel für einen Wochenplan im Spanischunterricht der Sekundarstufe II

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656973508
ISBN (Buch)
9783656973515
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298832
Note
Schlagworte
ansätze lernkultur

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