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Symbol, Konzept und Funktion der Ehre im „Poema de Mio Cid“

Seminararbeit 2010 24 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Begriff der Ehre
2.1 Kultur und Symbol
2.2 Gesellschaftliche Verhältnisse

3 Ehre im Poema de Mio Cid
3.1 Die Beziehung zwischen dem Cid und Alfonso
3.2 Die Schlachten
3.3 Die Geschenke an Alfonso
3.4 Der Bart
3.5 Die ehrenvollen Frauen

4 Das Werk des Spielmanndichters
4.1 Idealisierung zum ehrenvollen Helden
4.2 Gesellschaftskritischer Aspekt
4.2.1 Honra del mundo
4.2.1.1 Der Cid
4.2.1.2 Die Infanten und der König
4.2.2 Honra de Dios (nobleza teológica)
4.2.3 Honra del mundo por la honra de Dios

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das mittelalterliche Ritterepos „El Poema de Mio Cid“ (PMC) ist eine der wenigen überlieferten Werke der spanischen Heldenepik. Es handelt von dem kastilischen Ritter Ruy Díaz de Vivar („el Cid“), der von seinem Herrn, König Alfonso VI aus dessen Reich verbannt wurde. Um der Gnade seines Herrn wieder teilhaftig zu werden und in seine Heimat zurückkehren zu können, will er seine Ehre im Exil wiederlangen.

Das Thema der Ehre und sein Stellenwert in der Erzählung genauer zu beleuchten, ist Ziel dieser Arbeit. Dafür wird sich dem Begriff der Ehre zunächst semiotisch genähert, um anschließend die Rahmenbedingungen zur Einordnung und Interpretierung der Ehre festzulegen. Dabei wird genauer auf die Kultur, und damit verbunden, die Gesellschaftverhältnisse eingegangen, aus denen das Werk hervorging. Anschließend soll der Text auf seine symbolisch prägnanten Elemente und auf eventuelle Verbindungen zwischen diesen untersucht werden. So wird ersichtlich, welchen Stellenwert die Ehre für die Erzählung einnimmt.

Da die Figuren und Ereignisse nicht immer den historischen Tatsachen entsprechen, muss auch geprüft werden, ob ein Zusammenhang zwischen der Idealisierungsleistung des Autors und dem Thema der Ehre besteht. Darauf aufbauend werden alternative Konzepte der Ehre vorgestellt und deren Bedeutung für die Erzählung verdeutlicht.

2 Zum Begriff der Ehre

Ehre ist ein abstrakter Begriff. Sie begegnet uns nicht auf dieselbe Weise, wie es konkrete Dinge tun. Über die menschliche Wahrnehmung im klassischen Sinne, umfassend die visuelle, auditive, olfaktorische, gustatorische, sowie haptische Wahrnehmung, ist sie nicht erfassbar.

Wie kann sie also für den Menschen überhaupt existieren? Woher weiß er von ihrer Existenz?

Erklärungsansätze dafür finden sich auf dem wissenschaftlichen Gebiet der Philosophie bzw. auf deren Teilgebiet, der Semiotik.

Anknüpfend an obiges Problem differenziert Cassirer in seinem Essay on Man in eine physische Welt des Seins und eine menschliche Welt der Bedeutung (vgl. Sandkühler & Pätzold, 2003, S.114). Erstgenannter werden Zeichen, auch als Signale bezeichnet, zugeordnet, welche als Reiz in einem Organismus eine Reaktion auslösen können, also physischer Natur entspringen. Letztere ist ein Konstrukt des Menschen, der sich durch die Erschaffung von Symbolen die Bedeutung seiner physischen Umwelt herleitet. Als Symbol wird in diesem Zusammenhang die Einheit aus geistigem Inhalt und sinnlichem Zeichen bezeichnet. Die dadurch erfolgende konkrete Darstellung eines nicht-anschaulichen Sinnes, der zeitgleich mit einer sinnlichen Wahrnehmung einhergeht, wird dabei als symbolische Prägnanz beschrieben. Unterstützung erfährt diese Theorie der zweistelligen Struktur durch Peirce, der das Symbol als Zeichen definiert, dessen zeichenkonstituive Beschaffenheit ausschließlich in der Tatsache besteht, dass es so interpretiert wird (vgl. Pape, 1983, S.65).

Die geistige Komponente ist es also, die das Zeichen zu einem Symbol aufwertet.

Nun ist die Beziehung zwischen Symbol und Bedeutung nicht derart eindeutig, wie es zunächst den Anschein erweckt. Ein und dasselbe Symbol kann, unterschiedlich kontextualisiert, ebenso unterschiedliche Bedeutungen implizieren. Es gibt keine einheitliche Bedeutung eines Symbols. Die bewusste Wahrnehmung eben dieses geschieht immer unter Berücksichtigung des Richtungscharakters, des Hier und Jetzt, das ihm anhaftet. Ohne einen richtungsweisenden Kontext, würde das Symbol lediglich die bereits gemachten Erfahrungen abrufen, die eine Person mit diesem Symbol irgendwann erfuhr. Trotz der Tatsache, dass ein Zeichen, das mit einem geistigen Inhalt verknüpft wird, eine Vielfalt an Einzelbedeutungen innerhalb des Bewusstseins umfasst, so behält es dennoch eine ideelle Bedeutung bei. Teilaspekte der Einzelbedeutungen werden zu einem Ideal abstrahiert und bilden ein Grundgerüst der Bedeutung, das seine individuelle Ausprägung erst im Moment der kontextberücksichtigenden Interpretation erfährt (vgl. Sandkühler & Pätzold, 2003,S.124).

De Toro (1993, S.128) stellt deshalb fest, dass trotz unterschiedlicher Bedeutungszusammenhänge, alle Definitionsversuche der Ehre sich in einem pragmatisch kommunikativen Kontext abspielen. Er differenziert in eine innere Ehre, die man auch als Tugend bezeichnen kann und eine äußere Ehre, die als Ehrung zu Tage tritt und nichts anderes als die Anerkennung der Tugend ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Kommunikativer Kontext des Ehrungsaktes (de Toro, 1993, S. 128).

Nach seinem Modell (vgl. Abb.1) sind immer drei Ehraktanten an einem Ehrungsakt beteiligt: der Ehrende, der Geehrte und die Öffentlichkeit. Ohne die Öffentlichkeit und deren Anerkennung wäre die Tugend des Individuums unbedeutend und es würde keine Ehre daraus resultieren. Sowohl der Ehrende und die Öffentlichkeit, als auch der Geehrte und die Öffentlichkeit, müssen eine starke Solidarität aufweisen, d.h. sie müssen vom selben Wertesystem ausgehen (vgl. Kapitel 2.2). Ergebnis des Ehrungsaktes ist schließlich der Ruf, also die Wahrnehmung und Anerkennung der Tugend.

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Abb. 2 Beziehung zwischen Ehrenzeichen, Ehrenreferent, Ehreninhalt (de Toro, 1993, S. 129).

Um diesen Prozess zu visualisieren, kommen verschiedene Ehrenzeichen (u.a. Symbole) zum Einsatz, um die verschiedenen Ehrkonzeptionen darzustellen. Jedes Kultursystem definiert diese über ihre eigenen Ehrbegriffe (vgl. Kapitel 2.2). Diese Ehrenzeichenträger sind in drei Kategorien differenzierbar:

Das Ehrenzeichen, das verbale und nicht verbale Handlungen (Verbeugungen) mit einschließt; den Ehreninhalt, der innere (Tugend, Weisheit) und äußere Güter (Adel, Reichtum) beschreibt; sowie den Ehrenreferent (vgl. Abb.2), also den konkrete Lohn, den der Geehrte enthält.

Dies bildet das Grundgerüst eines Ehrkonzepts. Wie bereits erwähnt, ist es vom jeweiligen Kultursystem abhängig, welche Bedeutungen es schließlich hervorbringt. Deshalb wird im Folgenden der Begriff der Kultur genauer beleuchtet.

2.1 Kultur und Symbol

Eine Kultur ist immer Resultat geistiger Tätigkeit im Sinne der Zuordnung geistigen Bedeutungsinhalts zu einem Zeichen, also ein Sammelbecken von Symbolen (vgl. Sandkühler, 2003, S.123). Daraus lässt sich ableiten, dass die Menschen, im erweiterten Sinne als Gesellschaft zusammengefasst, diejenigen sind, die geistig tätig und somit die wichtigste Determinanten für das Symbol „Kultur“ sind. Da wiederum die Interpretation des Begriffs „Symbol“ immer unter Berücksichtigung des Kontexts, der unter anderem die Kultur impliziert, geschehen muss, ergibt sich ein wechselwirkendes Verhältnis zwischen Kultur und Symbol.

Wenn man also das Thema der Ehre, und damit unweigerlich das Symbol der Ehre, genauer beleuchten will, so sollte dies die Bewusstwerdung kulturell bedingter Bedeutungsunterschiede voraussetzen. Die Beziehung der zwei Dimensionen, nämlich der sinnlich wahrnehmbaren und geistig-begrifflichen Dimension, nimmt innerhalb der verschiedenen Bereiche einer Kultur ebenso verschiedene Ausprägungen an. Während die Wissenschaften sich der Objektivität verschreiben und deshalb das Bezeichnende dem Bezeichnetem vorzieht und sich so besonders auf die Wahl der korrekten Termini konzentrieren, tendiert die Religion, im Gegensatz dazu, zum Gegenteil, zur Subjektivität. Das Heldenepos, dessen Gattung das PMC zugeordnet wird, ähnelt dies betreffend, dem Mythos und der Kunst. Im Mythos bilden das Sinnliche und das Geistige eine Einheit, in der Kunst ergänzen sie sich harmonisch. Es kommt zur Verschmelzung der Welt der Sinne mit der geistig konstruierten Welt des Menschen (vgl. Sandkühler, 2003, S.127).

2.2 Gesellschaftliche Verhältnisse

Um den kulturellen Bedeutungshintergrund der Ehre zu konstruieren, ist die Beleuchtung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu Lebzeiten des Cid bzw. der Entstehung des PMC deshalb unumgänglich. .

In der Literatur besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Handlungen des Cid, etwa Ende des elften Jahrhunderts stattfanden und relativ zeitnah, zwischen dem zwölftem und dreizehntem Jahrhundert, als literarisches Werk erschienen. (vgl. Pollmann, 1996, S.24; Jauss & Köhler, 1964, S.7)

In dieser Epoche, dem frühen Mittelalter, war der Feudalismus (auch Lehnswesen) in Spanien weit entwickelt. Kennzeichnend für diese Gesellschaftsform waren vertragliche Regelungen zwischen einem Lehnsherren und seinem Vasall. Der Lehnsherr übertrug Land zur Bewirtschaftung (Lehen) an seinen Vasall und bot diesem Schutz vor etwaigen Angriffen. Als Gegenleistung verpflichtete sich dieser zur Treue gegenüber seinem Lehnsherrn. Diese Treue schloss, unter anderem, militärisches Gefolge ein, wenn dieser in den Krieg zog (vgl. Haywood & Rojahn, 2002, S.78).

In dieser Beziehung war das ritterlich-mittelalterliche Konzept von Ehre fest verankert.

Der Ritter stand zu dieser Zeit im Mittelpunkt der spanischen Gesellschaft. Was ihn von der restlichen Bevölkerung abgrenzte, war der Besitz von Land, Rüstung und Waffen. Diese befähigten ihn dazu in den Kampf gegen die Mauren zu ziehen, um Ruhm und Ehre zu erlangen. Speziell die Kastilier waren stark geprägt von Ehrgefühl, Drang nach Ruhm und Ehrenschutz. Der Ehrbegriff war neben der erwähnten Treue und dem kriegerischen Geschick (einschließlich der Tapferkeit), auch mit edler Herkunft und Tugend verknüpft. (vgl. de Toro, 1993, S.74)

3 Ehre im Poema de Mio Cid

Dem Feudalsystem mit seinem Konzept der Ehre kommt auch im PMC eine zentrale Bedeutung zu. Eingeflochten in die Handlungen, untrennbar mit dem Werk verbunden, tritt sie in vielen verschiedenen Facetten auf (vgl. Correa, 1952, S.185).

3.1 Die Beziehung zwischen dem Cid und Alfonso

Die für den Feudalismus kennzeichnende Beziehung zwischen Herr und Vasall findet sich auch im PMC als Wurzel des ritterlich-mittelalterlichen Ehrkonzepts wieder. König Alfonso ist der Herr über Rodrigo (Cid), einem seiner Vasallen. Der Cid verpflichtet sich der Treue gegenüber Alfonso und erhält im Gegenzug dafür dessen Freundschaft und dessen Schutz. Die Liebe des Königs und die damit verbundenen Privilegien stellen die größte Ehre für den Cid dar. Die Beziehung der beiden, spiegelt deshalb das Idealbild von Lehnsherr und Vasall wieder (vgl. de Toro, 1993, S.74).

Jedoch sorgen seine Erfolge und seine Treue, die er mit seinen Tributzahlungen an Alfonso ausdrückt, für viel Neid und Missgunst beim Hofadel.

E tornósse el Çid con todas sus parias para el rey don Alfonso su señor. [El rey res ç ibióle muy bien, é plógole mucho con él, e fue muy pagado de quanto allá fiziera]. Por eso le ovieron muchos enbidia e buscáronle mucho mal e mezcláronle con el rey… Alfonso lässt sich von den Lügen des Grafen über den Cid beeinflussen. Er entwickelt Zorn auf seinen Vasallen und verweist ihn des Landes, obwohl dieser ihm stets treu gedient hatte.

El rey commo estava muy sañudo e mucho irado contra él, creyólos luego… [e enbio luego dezir al Çid por sus cartas que le saliesse de todo el regno.

Wenn auch die Vorwürfe gegen den Cid nicht der Wahrheit entsprechen, so streitet er sie dennoch nicht ab.

…commo quier que ende oviesse grand pesar, non quiso y al fazer… (Pidal, 1960, S.26) Seine Untätigkeit ist nicht als Bestätigung der Anschuldigungen zu sehen, sondern vielmehr als Bestandteil ritterlichen Verhaltens und Ausdruck der Ehre. Tatsächlich waren solche Verbannungen, wenn sie auch ohne triftigen Grund waren, zu dieser Zeit durchaus üblich und rechtens. Die Güte zwischen Herr und Vasall bestand in der Einhaltung der Ehrengesetze (Treue), nicht in dem Bestehen auf den jeweiligen feudalrechtlichen Ansprüchen. Diese Tatsache macht die Ehre zum beziehungsbestimmenden Faktor zwischen den beiden (vgl. Jauss & Köhler, 1964, S.18).

Man kann also insofern von einer Störung des Beziehungsgleichgewichts sprechen, als dass der Cid durch die Verbannung seine Privilegien (Ehrenreferenten, vgl. Abb.2), und damit verbunden, seine Ehre verlor. In eben diesem Spannungsfeld zwischen Ehrverlust und –gewinn liegt der Geburtsort der Ehre (vgl. de Toro, 1993, S.76). Denn erst durch den Ehrverlust wird die Erlangung größerer Ehre möglich: Zwar ist seine äußere Ehre verloren, seine innere Ehre besteht jedoch in Form seiner Tugenden (Treue) weiter. Die Verbannung ist eine Probe seiner Treue, die bei erfolgreichem Bestehen wächst und somit seine Ehre gleichermaßen vergrößert. Auch der Cid ist sich der äußeren Entehrung bewusst, erkennt aber auch die Gelegenheit der Ehrgewinnung darin (vgl. Pollmann, 1996, S. 27).

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656953357
ISBN (Buch)
9783656953364
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298900
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
symbol konzept funktion ehre poema
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Titel: Symbol, Konzept und Funktion der Ehre im „Poema de Mio Cid“