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Die Redeflussstörung Stottern. Eine empirische Untersuchung mit dem Fokus auf psychosoziale Komponenten

Seminararbeit 2015 23 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Redeflussstörung Stottern
2.1. Begriffsbestimmung – Abgrenzung zu anderen Sprachstörungen
2.2 Die Symptomatik des Stotterns
2.2.1 Äußere Symptome
2.2.2 Innere Symptome
2.3 Die Ätiologie des Stotterns
2.3.1 Beginn des Stotterns
2.3.2 Erklärungsansätze des Stotterns

3. Empirische Untersuchung – Qualitative Befragung als leitfadengestütztes Interview
3.1. Methodik
3.2. Interviewleitfäden der qualitativen Befragung
3.2.1 Interviewleitfaden für Probanden
3.2.2 Interviewleitfaden für die Angehörige
3.3 Ergebnisse des leitfadengestützten Interviews
3.4 Diskussion der Ergebnisse

4. Reflexion

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Redeflussstörungen begegnen uns meist täglich in den verschiedensten Situationen in Interaktions- und Kommunikationsprozessen mit unseren Gesprächspartnern. Manche dieser Störungen nehmen wir auf Grund ihrer Intensität, sowie deren auffälligen Begleitsymptome bewusst wahr. Was jedoch für Nichtbetroffene unbemerkt bleibt, ist zumeist der Leidensdruck der Betroffenen.

Die hier vorliegende Arbeit hat die Darstellung der theoretischen Grundlagen der Thematik des Stotterns zum Ziel. Unter anderen werden im Rahmen des theoretischen Teils die Symptome und Ursachen des Stotterns aufgezeigt. Insbesondere werden die psychosozialen Einflüsse und Auswirkungen beleuchtet.

Der empirische Teil dieser Arbeit unterliegt einem leitfadengestützten Interview mit Betroffenen des Störungsbildes, sowie einer Angehörigen. Dabei wird der Fokus auf die psychologischen und sozialen Aspekte gerichtet. Ebenso werden noch einmal vorangegangene Hypothesen bzw. Aussagen aus dem theoretischen Teil aufgegriffen. Abschließend wird der Arbeit eine Reflexion nachgestellt. Etwaige Therapiemöglichkeiten werden vorliegend nicht behandelt, es wird lediglich ein kurzer Ausblick auf mögliche therapeutische Verfahren gegeben.

Für die Anfertigung dieser Arbeit wurde eine Auswahl von fachspezifischer Literatur zur Thematik der Redeflussstörung – Stottern getroffen. Außerdem wurde sich bemüht, geeignete Literatur zum empirischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu verwenden.

Anmerkung zu den ausgewählten Betroffenen:

Die Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen Personen nicht genannt.

Sie werden als Proband A und Proband B bezeichnet, es wird auch nur die männliche Form verwendet, da es sich ausschließlich um männliche Betroffene handelt.

2. Die Redeflussstörung Stottern

2.1. Begriffsbestimmung – Abgrenzung zu anderen Sprachstörungen

Um sich einen kurzen Überblick zu verschaffen, um was es sich konkret beim Stottern handelt, sollten die folgenden zwei Definitionen aufzeigen.

„Stottern (stuttering) ist eine sprechmotorische Redeflussstörung und damit eine zentrale Sprechstörung. Es tritt beim mittteilenden und nicht- kommunikativen Sprechen – unabhängig vom Willen des Sprechers – im Kindes- und Erwachsenenalter auf und äußert sich symptomatisch in den Bereichen Respiration, Phonation, Artikulation, Sprechablauf und Motorik“1

Eine weitere Definition besagt, dass Stottern als „Sprachneurose mit Störung der zusammenhängenden Rede, die durch Hemmungen (tonisches Stottern) und Unterbrechungen (klonisches Stottern) des Sprachverlaufes charakterisiert ist.“2

Das Stottern ist dem Stammeln und Poltern relativ verwandt. Stammeln (Dyslalie) ist eine „Störung der Artikulation (Sprechstörung). Einzelne Laute oder Lautverbindungen fehlen entweder völlig, werden durch andere ersetzt oder falsch gebildet.“3 Kurz formuliert handelt es sich hierbei um Fehler in der Aussprache.

Poltern ist eine „Sprachliche Gestaltungsschwäche mit unbeherrschter, überhasteter und undeutlicher Rede aufgrund einer angeborenen, vererbbaren und konstitutionell bedingten Eigentümlichkeit der gesamten psychosomatischen Persönlichkeit.“4

Abschließend ist noch zu erwähnen, dass Stottern und Poltern gleichzeitig auftreten kann, man spricht dann vom Stottern mit Polterkomponente.5

2.2 Die Symptomatik des Stotterns

Im Anschluss der einleitenden Definitionen zur Thematik des Stotterns wird sich in diesem Kapitel mit der Darstellung der Symptomatik des Stotterns befasst. Ulrich Natke (2000) beschreibt in seinem Buch „Stottern“ die Phänomenologie des Stotterns in Anlehnung an Van Riper (1992) und bietet im Weiteren für die Beschreibung der Symptomatik eine Orientierung. Ebenso bildet das Lehrbuch „Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen“ von Gerhard Böhme (1997), eine weitere Grundlage für die Erfassung der Symptomatik. Fortlaufend wird zwischen äußeren und inneren Symptomen unterschieden.

2.2.1 Äußere Symptome

Die äußeren Symptome des Stotterns befassen sich mit leicht bis relativ auffälligen wahrnehmbaren Begleiterscheinungen.6 Man bezeichnet diese daher als „overt features“, da es sich um sichtbare körperliche Erscheinungen handelt.7 Diese umfassen zum einen die Grundsymptomatik (Primärsymptome) und zum anderen die Begleitsymptome (Sekundärsymptome). Bei Natke (2000) bildet die Grundsymptomatik, das Kernverhalten des Störungsbildes, das jeder Stotterer auf seine individuelle Art und Weise zeigt.8

2.2.1.1 Grundsymptomatik (Primärsymptomatik): Kernverhalten

Das Kernverhalten der Redeflussstörung besteht aus den Symptomen der Repetitionen, Prolongationen und Blocks.9

„Unter Repetitionen versteht man die Wiederholung von Wörtern, Silben und Lauten. […] Repetitionen werden auch als klonisches Stottern bezeichnet. “ 10

„Prolongationen sind hörbare Unterbrechungen des Redeflusses, die durch statische Positionierung der Artikulatoren gekennzeichnet sind. Bei Prolongationen wird die Lautproduktion bzw. der Atemfluss fortgesetzt.“11

„Bei Blocks ist die Bewegung der Artikulatoren ebenfalls gestoppt, die Lautproduktion und der Atemfluss sind jedoch unterbrochen […]. Für diese Form der Symptomatik wird auch der Begriff tonisches Stottern gebraucht.12

Dominiert jedoch beim Auftreten beider Formen eine der genannten Arten, so spricht man vom klonisch-tonischen bzw. vom tonisch-klonischen Stottern.13

Die abgebildete Tabelle zeigt beispielhaft für Prolongationen, Repetitionen und Blocks ausgewählte Wörter, welche die Probanden des empirischen Teils dieser Arbeit während ihrer Untersuchung verwendeten.

2.2.1.2 Begleitsymptome (Sekundärsymptomatik)

Wie sich logisch daraus folgern lässt, ergeben sich aus den Primärsymptomen die Sekundärsymptome. Zunächst werden einige dieser sekundären Symptome aufgezählt. Als erstes sind die Flicklaute und –wörter zu nennen. Durch das Verwenden dieser versucht der Stotterer Blockierungen oder Repetitionen zu vermeiden. Es werden Wörter bzw. Laute wie <<also>> oder << ja - ja >> eingefügt. Ebenso sind während der Artikulation bestimmte Mitbewegungen der Stotterer zu beobachten. Auch Bewegungen der Gliedmaßen sowie des Kopfes werden aufgezeigt. Sogar stampfende Bewegungen mit den Füßen können auftreten. Des Weiteren sind mimische Mitbewegungen während des Stotterereignis von großer Wahrscheinlichkeit. Respiratorische Veränderungen rufen eine veränderte Sprechatmung hervor. Dies kann durch die beiden Primärsymptome Blockierung oder Repetition geschehen.14 Die aufgezählten Verhaltensweisen lassen sich bei Natke (2000) als Fluchtverhalten bzw. Lösungshilfen und Vermeidungsverhalten einteilen, um das Stotterereignis zu überwinden.15

2.2.2 Innere Symptome

Die innere Symptomatik des Stotterns ist für Außenstehende nicht wahrnehmbar und kann nur vom Betroffenen selbst erlebt werden. Diese Anzeichen werden daher auch als „covert reactions“ bezeichnet, da es sich um die inneren psychischen Vorgänge der stotternden Personen handelt.16

Diw meist beschriebene Emotion der Betroffenen ist Angst. Dabei wird der Fokus insbesondere auf die soziale Ablehnung gelegt. Es besteht die Angst, dass die Gesprächspartner bzw. Zuhörer das Stottern als nervend empfinden und sich somit vom Leidtragenden abwenden. Dabei empfindet der Betroffene eine gewisse Schuld, denn möglicherweise hat er den Kommunikationspartner bzw. seinen Gegenüber in eine missliche Situation gebracht. Durch solch negative Erlebnis kann eine Sprechangst hervorgerufen werden. Dies kann sogar soweit führen, dass sich die Angst vor dem Sprechen als Panik auswirkt. Der Rückzug vom Sprechen kann durch die emotional erlebte Komponente des Schamgefühls begünstig werden. Als psychosoziale Folge würde ein sozialer Rückzug in Frage kommen. Ebenso kann durch die mögliche soziale Ablehnung sich ein negatives Selbstbild als psychosoziale Auswirkung beim Betroffenen einstellen. Auch Frustration und Aggression über den unerwünschten negativen Zustand im Erleben des Stotternden, sind mögliche Folgen.17

2.3 Die Ätiologie des Stotterns

2.3.1 Beginn des Stotterns

„Wenn von Stottern die Rede ist, ist meist eine bestimmte Störung des Sprechens gemeint, die sich ohne offensichtlichen Anlass in der Kindheit entwickelt.“18

Der Beginn des Stotterns fängt mit dem Einsetzen von zahlreichen Wiederholungen von Silben an. Darüber hinaus kann es aber auch zu Wiederholungen ganzer Wörter und gleichzeitig einzelner Silben kommen. Es wird angenommen, dass 80 Prozent der Kinder zwischen den 2. und 4. Lebensjahren die Sprache hektischer gebrauchen und deshalb Wiederholungen stattfinden.19 Die meisten Redeflussstörungen beginnen im Vor- bzw. Grundschulalter. Fängt ein Kind an zu stottern, so spricht man vom Entwicklungsstottern.20

2.3.2 Erklärungsansätze des Stotterns

Im Vergleich zur Phänomenologie des Stotterns ist die Ätiologie des Stotterns weitestgehend noch nicht exakt geklärt. Im Lehrbuch „Sprachstörungen bei Kinder und Jugendlichen“ von Otto Braun (2002) wird über eine Vielzahl von möglichen Ursachen berichtet. An dieser Stelle wird nur eine exemplarische Auswahl der Ursachen bzw. Theorien getroffen.

Der psychodynamische Ansatz beschäftigt sich damit, dass Konflikte oder Ziele das Stottern herbeiführen. Der Betroffene will dabei Aufmerksamkeit und Fürsorge erzielen. Mögliche Ursachen sind frühkindlichen Triebkonflikte und Veränderungsprozessen, elementare orale Fixierungen oder eine Ichbehauptungsschwäche. Eine weitere Annahme wäre der entwicklungstheoretische Erklärungsansatz. Dabei kann das Symptom einer familiären Sprachschwäche von Bedeutung sein oder die zu hohen elterlichen Erwartungen oder eventuelle Strafen könnten aus dieser Sicht das Stottern begünstigen. Des Weiteren bestehen interaktions- und kommunikationstheoretische Annahmen zur Entstehung des Stotterns. Dabei können ein gestörtes System familiärer Beziehungsmuster oder erlebnisbedingte unangepasste sprachliche Reaktionen auf Aktionen und Reaktionen der Umwelt die Ursache sein. Diese liegt möglicherweise genau zwischen den beiden Kommunikationspartnern. Lerntheoretische Annahmen basieren auf klassischer und operanter Konditionierung. Durch die klassische Konditionierung wird das primäre Stottern mit den sekundären Begleitsymptomen in Verbindung gebracht. Durch ständige Wiederholung und Koppelung von primärem und sekundärem Verhalten führt dazu, dass die Primärsymptome auftreten. Die operante Konditionierung oder auch Lernen durch Verstärkung, zeigt, wenn der Betroffene ein Vermeidungs- oder Fluchtverhalten anwendet, dass er somit eine positive Verstärkung erhält. 21

3. Empirische Untersuchung – Qualitative Befragung als leitfadengestütztes Interview

3.1. Methodik

„Kennzeichnend für ein Leitfadeninterview ist, dass ein Leitfaden mit offen formulierten Fragen dem Interview zu Grunde liegt. Auf diese kann der Befrage frei antworten.“22 Für die Datenerhebung wurde sich während des Interviews auf solch einen Leitfaden gestützt.

Für den empirischen Teil dieser Arbeit wurden insgesamt zwei stotternde Personen ausgewählt und eine Angehörige. Sie werden wie eingangs bereits erwähnt als Proband A und Proband B bezeichnet. Es besteht ein Verwandtschaftsverhältnis beider Betroffener. Die Angehörige ist die Mutter von Proband A und zugleich die Schwester von Proband B. Nur Proband A war in seiner Kindheit in logopädischer Behandlung. Das leitfadengestützte Interview dauerte bei beiden Stotterer und deren Angehörige jeweils circa 60 Minuten und wurde in einem ruhigen Raum durchgeführt. Die Befragten wurden zuvor telefonisch auf die Situation vorbereitet. Dabei wurde eine grobe Richtung der möglichen Inhalte der Fragen vorgegeben. Eine transkribierte Audioaufnahme lehnten alle Befragten ab.

Die folgende Tabelle zeigt vorab einige relevante Daten der befragten Personen auf:

Sowohl der theoretische Teil als auch die empirische Untersuchung (Interviews mit Betroffenen) sollten verhelfen, die allgemeine Forschungsfrage zu beantworten:

Welche psychosozialen Auswirkungen ergeben sich für die Betroffenen hinsichtlich ihrer Redeflussstörung Stottern?

Hypothese: Während der Auseinandersetzung mit der Thematik „Stottern“ und durch die Befragung Betroffener ergab sich die Annahme, dass sich das Stottern möglicherweise im Zusammenhang mit dem Bewusstmachen der Redeflussstörung durch die Eltern oder andere Personen etablieren kann.

[...]


1 Böhme, Gerhard (1997): S.83.

2 Wirth, Günther (1977): S.162.

3 Wirth, Günther (1977): S. 115.

4 Wirth, Günther (1977): S.171.

5 Vgl.: Fiedler, Peter A. (1988): S.95.

6 Vgl.: Natke, Ulrich (2000): S.16.

7 Natke, Ulrich (2000): S.15.

8 Vgl.: Natke, Ulirch (2000): S.16ff.

9 Vgl.: Natke, Ulrich (2000): S. 17.

10 Natke Ulrich (2010): S.17.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Fiedler, Peter A. (1978): S.4.

14 Vgl.: Böhme, Gerhard (1997): S. 91.

15 Vgl.: Natke, Ulrich (2000): S. 19ff.

16 Vgl.: Natke, Ulrich (2000): S.23.

17 Vgl.: Natke, Ulrich (2000): S.23ff.

18 Natke, Ulrich (2000): S.4.

19 Vgl.: Fiedler, Peter A. (1978): S.16f.

20 Vgl.: Böhme, Gerhard (1997): S. 86.

21 Vgl.: Braun, Otto (2002): S.215-219.

22 Mayer, Horst Otto (2013): S. 37.

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656954446
ISBN (Buch)
9783656954453
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298989
Note
1,3
Schlagworte
redeflussstörung stottern eine untersuchung fokus komponenten

Autor

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Titel: Die Redeflussstörung Stottern. Eine empirische Untersuchung mit dem Fokus auf psychosoziale Komponenten