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Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus. Die politische Lage Europas vor dem Ersten Weltkrieg

Akademische Arbeit 2007 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkungen

2. Charakteristika der europäischen Großmächte um 1900

3. Die politische Großwetterlage bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges
3.1 Die Ära bismarckscher Außenpolitik
3.2 Kurswechsel in der Außenpolitik durch Wilhelm II.

Literaturverzeichnis (Inklusive weiterführender Literatur)

1 Vorbemerkungen

Das Zeitalter des Imperialismus hatte wesentliche Grundlagen für einen Weltkrieg gelegt, sodass nur noch ein Funke 1914 (das Attentat von Sarajewo) dazu führte, das ganze System der Bündnisse in Gang zu setzen. Bevor ich mich den Großmächten, die am Ersten Weltkrieg teilnahmen, zuwende, sind Ausführungen dazu notwendig, welche Vorstellung von Politik in dieser Zeit dominierte.

„Die Nation war der große Traum des 19. Jahrhunderts. Aus Kleinstaaten sollten große Reiche werden, und alle sollten sich in einer >Nationalsprache< verstehen.“[1] Die Herausbildung des kollektiven Nationalbewusstseins, das die Mitglieder eines Volkes oder Territoriums so begriffen, dass sie gemeinsame Traditionen und Interessen hatten, sorgte für einen hohen Grad an emotionaler Vertiefung und Loyalität zum Vaterland und zur Staatsverfassung.[2] Die Praxis lockerer Herrschaftsverbände mit verschiedenen Ethnien sollte der Idee von klar abzugrenzenden Flächenstaaten weichen. Diese alten und neuen Nationen gerieten zum Ausgang des 19. Jahrhunderts aneinander: „Die Sicherung der nationalen Existenz, die Wahrung der nationalen Interessen, der >Platz an der Sonne< wurden zu Parolen der Außenpolitik, die fast jedermann überzeugten.“[3] Nationalbewusstsein wurde zum Nationalismus pervertiert, der nicht von der Gleichwertigkeit der Menschen und Nationen ausging, „[...] sondern intolerant einzelne Völker und Nationen als minderwertig oder als Feinde einschätzt[e] und behandelt[e].“[4] Otto Dann schlussfolgerte, dass dieser Nationalismus im Ersten Weltkrieg schließlich den Patriotismus der Völker zu einem Kriegsnationalismus werden ließ, der das engagierte Nationalbewusstsein missbrauchte.

Die Armee galt im Deutschen Kaiserreich als „Schule der Nation“. Das führte dazu, dass das gesamte öffentliche Leben eine Militarisierung erfuhr. Kriegsfurcht und Bejahung des Krieges gingen eine merkwürdige Verbindung ein. Für viele war annehmbar, dass politische oder zwischenstaatliche Konflikte mit kriegerischen Mitteln gelöst werden können und müssten.[5]

Die Staaten strebten überdies nach Imperien. Münkler meinte: „ Imperialismus heißt, dass es einen Willen zum Imperium gibt; gleichgültig, ob er aus politischen oder ökonomischen Motiven gespeist wird – er ist die ausschlaggebende, wenn nicht die einzige Ursache der Weltreichsbildung.“[6] Die Schaffung eines Großreiches sollte den Status, eine Weltmacht zu sein, im 20. Jahrhundert absichern. Die Ziele dieser imperialen Politik waren unterschiedlich – Kolonien bildeten aber die Basis zum Ausbau der Großreiche: Erwerb billiger Rohstoffe für die heimische Industrie, Absatzmärkte, um die eigene Wirtschaft in Gang zu halten, Kanalisierung sozialer und ökonomischer Konflikte durch Schaffung neuer Produktionskapazitäten, Errichtung von Militärbasen zum Schutz und weiteren Ausbau des Herrschaftsgebietes.

In den 1880er Jahren setzte dieses nach Kolonien strebende imperialistische Denken verstärkt ein. „Aus Prestigebedürfnis, Streben nach Machtsteigerung oder Gier nach noch größerem Profit hätten einige große Staaten eine Politik der wirtschaftlichen Durchdringung fremder Räume oder der machtpolitischen Annexion betrieben, als deren Ergebnis die europäischen Kolonialreiche entstanden seien.“[7] „Die Erde“, so Hubatsch, „wird nicht mehr entdeckt um des Abenteuers und des Reizes des Neuen willen, sondern um die nationale Machtentfaltung mit dem ganzen Apparat eines modernen rationalen Staats- und Wirtschaftsschemas zur Anwendung zu bringen.“[8] Ferner erklärte andererseits Münkler, dass derjenige, der damit nicht Schritt halten könne, dem Niedergang entgegen gehe und mit den anderen Mächten nicht mehr mithalte. Das ökonomische Denken, so Grevelhörster, verband sich im Deutschen Reich besonders stark mit dem Streben nach Prestige. Die Kolonien halfen, dieses Prestige auszubauen. Brutale Ausbeutung der eingeborenen Bevölkerung ging Hand in Hand mit zivilisatorischer Förderung in Form von Krankenhäusern, Schulen oder Eisenbahnen. Der Gedanke, die in den Kolonien ansässige Bevölkerung auf eine künftige politische Selbständigkeit vorzubereiten, war in dieser Zeit noch fremd. Die Kolonien blieben von den Mutterländern abhängig, die schließlich in Europa die weltpolitische Auseinandersetzung, um den Führungsanspruch, im Ersten Weltkrieg auszutragen gedachten.[9]

2. Charakteristika der europäischen Großmächte um 1900

Die im Folgenden knappen Ausführungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr geht es um die Eckpfeiler und Ausgangsbedingungen, die dazu führten, dass es zu dieser von George F. Kennan geprägten „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, kommen konnte. Die imperialistische Kolonialpolitik war in jeder der Großmächte unterschiedlich ausgeprägt.

Das am 18. Januar 1871 aus den Kriegen[10] unter Bismarcks Einigungspolitik entstandene (Zweite) Deutsche Kaiserreich [11] entwickelte sich rasch zu einer ökonomischen, gar zur am schnellsten wachsenden Kraft im Herzen Europas mit einer raschen Bevölkerungs-zunahme. Stolz und Selbstgewissheit paarten sich mit militärischer Stärke und dem Glauben an die Nation. „Mit Volldampf voraus“ wurde Kaiser Wilhelms II. Leitlinie, um Deutschlands Prestige und Ansehen gegenüber den anderen Großmächten zu erweitern.[12] Hubatsch charakterisierte diesen Imperialismus als ziellos und „Deutschland blieb nach eigenem Verständnis eine Großmacht unter Weltmächten“.[13] „Trotzdem greift er [der deutsche Imperialismus] in die Welt aus und muss daher schon anderen Großmächten als gefährlich erscheinen wenn er sich darüber hinaus als sprunghaft erweist.“[14] Unter Wilhelm II. und Konteradmiral Alfred von Tirpitz[15] begann 1897 der Auf- und Ausbau der deutschen Seestreitkräfte, die als Garant für die Durchsetzung der Machtansprüche auf dem Globus angesehen wurden. In der Zeit bis 1896 fand in Deutschland der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat statt. Der konsequente Einsatz neuer Technologien der Großindustrie wurde durch Banken aktiv unterstützt.[16] Deutschlands Wirtschaft florierte und gedieh mehr und mehr.

Das Habsburgerreich, das 1867 im Ausgleich mit Budapest zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn wurde, so Zander, „war ein lebendes Dementi des Nationalstaats [...]“.[17] Hier lebten Deutsche, Ungarn, Tschechen, Polen, Ruthenen[18], Kroaten, Rumänen, Slowaken, Serben, Slowenen und Italiener in einem Staatsverband zusammen.

Sie alle behielten ein Maß an Eigenständigkeit und erkannten den Kaiser in Wien an (Franz Joseph, der mehr als ein halbes Jahrhundert, von 1848 bis zu seinem Tod 1916, regierte). Allerdings brodelte es in diesem Vielvölkerstaat, denn am Ende des 19. Jahrhunderts begann in verschiedenen Territorien der Kampf der Bevölkerungsgruppen um die Vorherrschaft und nationale Identität. Die Region des Balkans, auf dem durch den Anschluss Bosniens und Herzegowinas 1878 die islamische Religion in das Kaiserreich integriert wurde, sollte zum regelrechten „Pulverfass“ Europas werden. Lange Zeit hatte das System des Vielvölkerstaates funktioniert. Aber bald „standen die Völker, die sich von Wien um einen Nationalstaat betrogen fühlten, neben denen, die im Nationalstaat einzelner Völker eine Bedrohung sahen.“[19] Wien setzte auf eine Gesetzgebung, die dem Nationalismus die Spitze nahm. Schließlich wurde immer klarer, dass der Donaumonarchie mit dem Nationalismus und der damit einhergehenden Suche nach territorialer Souveränität der Völker eine tödliche Gefahr drohte. Neben der ethnischen Zerrissenheit verharrte die Donaumonarchie im Status eines Agrarstaates, der den Anschluss an die Industrienationen verloren hatte.

Neitzel brachte es auf den Punkt: „Das innenpolitisch weitgehend handlungsunfähige und außenpolitisch geschwächte Reich wirkte wie ein gestrandeter Wal.“[20]

Abbildung 1 [21]: Donaumonarchie Österreich-Ungarn

Die Idee der Völkerverständigung, wenn man so will, allerdings wird in Erik Kuehnelt-Leddihns Resümee über die Monarchie deutlich, die mit ihrem Untergang einen Vorläufer der europäischen Konföderation dargestellt habe.[22] Das, was wir heute die Europäische Union nennen, lag in gewisser Weise bei dieser Großmacht vor. Es musste aber an der Mode der Zeit, den Nationalisierungsbestrebungen, unweigerlich scheitern.

1897, als Wilhelm II. den Flottenausbau zu forcieren begann, feierte Victoria, die englische Königin, ihr 60jähriges Thronjubiläum. Sie hatte ein an das Mutterland gekoppeltes Reich geschaffen, „in dem die Sonne nicht unterging“.[23] Das Zentrum der internationalen Finanzwelt lag in London. Die Rolle der führenden Wirtschaftsmacht, die England ein Jahrhundert lang innehatte, begannen nun Deutschland und die USA aufzubrechen. „Großbritannien verlor seine überragende Stellung als >Werkstatt der Welt<.“[24] Im Zeitalter des „Kampfes ums Dasein“ musste England also versuchen, sein lose organisiertes Kolonialreich, so Neitzel, zu einem fest gefügten Empire, einem „Greater Britain“ zu schmieden. Die Konkurrenten wurden mächtiger, England fiel es zum Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend schwerer, seine alte Hegemonialstellung zu behaupten. Hubatsch erklärte: „England steht am Ende des 19.

[...]


[1] Zander, Helmut: Abschied von der Nation? Historische Anregungen für die Aufräumarbeiten im Nationalstaat, Aschendorff Verlag, Münster, 2006, Umschlagseite.

[2] Dann, Otto: Nationalbewusstsein, Nationalismus, in: Handbuch der Geschichtsdidaktik, herausgeg. von Klaus Bergmann, Klaus Fröhlich, Annette Kuhn, Jörn Rüsen, Gerhard Schneider, 5. überarbeit. Aufl., Kallmeyer’sche Verlagsbuchhandlung, 1997, S. 81.

[3] Rohlfes, Joachim: Nationalismus – Imperialismus – Erster Weltkrieg, in: Das 19. Jahrhundert. Monarchie – Demokratie – Nationalstaat, Informationen zur politischen Bildung Nr. 163/1998, Neudruck der 5. Aufl. von 1992, herausgeg. von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Franzis´ print & media GmbH, Bonn, München, 1998, S. 29.

[4] Dann, Otto: Nationalbewusstsein, Nationalismus, in: Handbuch der Geschichtsdidaktik, herausgeg. von Klaus Bergmann, Klaus Fröhlich, Annette Kuhn, Jörn Rüsen, Gerhard Schneider, 5. überarbeit. Aufl., Kallmeyer’sche Verlagsbuchhandlung, 1997, S. 83.

[5] Grevelhörster, Ludger: Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreiches – Geschichte und Wirkung, Sonderaufl., Aschendorff Verlag, Münster, 2004, S. 6.

[6] Münkler, Herfried: Imperien: Die Logik der Weltherrschaft – vom alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, 2. Aufl., Rowohlt, Berlin, 2005, S. 20.

[7] Münkler, Herfried: Imperien: Die Logik der Weltherrschaft – vom alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, 2. Aufl., Rowohlt, Berlin, 2005, S. 35.

[8] Hubatsch, Walther: Deutschland im Weltkrieg 1914 – 1918, in: Deutsche Geschichte – Ereignisse und Probleme, herausgeg. von Walther Hubatsch, Verlag Ullstein, Frankfurt a. Main, Berlin, 1966, S. 12.

[9] Rohlfes, Joachim: Nationalismus – Imperialismus – Erster Weltkrieg, in: Das 19. Jahrhundert. Monarchie – Demokratie – Nationalstaat, Informationen zur politischen Bildung Nr. 163/1998, Neudruck der 5. Aufl. von 1992, herausgeg. von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Franzis´ print & media GmbH, Bonn, München, 1998, S. 30.

[10] deutsch-dänischer Krieg (1864), Deutscher Krieg zw. Preußen und Österreich (1866), deutsch-französischer Krieg (1870/71), in: Bemmerlein, Georg: Abiturwissen Deutschland im 19. Jahrhundert – Nationalismus, Liberalismus, Industrialisierung und Soziale Frage, 2., korr. Aufl., Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1986, S. 103 - 114.

[11] „Das >Zweite Reich< Bismarcks bestand (1871-1918 als Kaiserreich, 1919-1933 als [„Weimarer“] Republik) bis zur „Machtergreifung“ Hitlers (1933).“ siehe: Kochendörfer, Jürgen/Rumpf, Erhard: Geschichte und Geschehen, Berufliche Gymnasien, 1. Aufl., Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart, 1991, S. 262.

[12] Grevelhörster, Ludger: Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreiches – Geschichte und Wirkung, Sonderaufl., Aschendorff Verlag, Münster, 2004, S. 12.

[13] Neitzel, Sönke: Kriegsausbruch – Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900 – 1914, in: Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, herausgeg. von Frank-Lothar Kroll und Ernst Piper, Pendo Verlag, München, Zürich, 2002, S. 35.

[14] Hubatsch, Walther: Deutschland im Weltkrieg 1914 – 1918, in: Deutsche Geschichte – Ereignisse und Probleme, herausgeg. von Walther Hubatsch, Verlag Ullstein, Frankfurt a. Main, Berlin, 1966, S. 16.

[15] Großadmiral Alfred von Tirpitz (1849-1930) schuf die deutsche Hochseeflotte durch systematischen Aufbau der kaiserlichen Marine. Deutschland wurde zweitgrößte Seemacht der Welt. siehe: Zentner, Christian: Großes Universal-Lexikon, Red.: Chr. Zentner, Gondrom Verlag, Grünwald, Bindlach, 1998, S. 852.

[16] Hardach, Gerd: Deutschland in der Weltwirtschaft: 1870 – 1970, e. Einf. in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 1. Aufl., Campus Verlag, Frankfurt a. Main, New York, 1977, S. 34.

[17] Zander, Helmut: Abschied von der Nation? Historische Anregungen für die Aufräumarbeiten im Nationalstaat, Aschendorff Verlag, Münster, 2006, S. 58.

[18] wie man damals die Ukrainer nannte

[19] Zander, Helmut: Abschied von der Nation? Historische Anregungen für die Aufräumarbeiten im Nationalstaat, Aschendorff Verlag, Münster, 2006, S. 63.

[20] Neitzel, Sönke: Kriegsausbruch – Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900 – 1914, in: Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, herausgeg. von Frank-Lothar Kroll und Ernst Piper, Pendo Verlag, München, Zürich, 2002, S. 50.

[21] http://www.deutsche-schutzgebiete.de/webpages/Landkarte_ Oesterreich-Ungarn_+++.gif (Zugriff am 3.1.2007)

[22] Kuehnelt-Leddihn, Erik: Von Sarajevo nach Sarajevo – Österreich 1918 – 1996, Karolinger Verlag, Leipzig, Wien, 1996, S. 157.

[23] Neitzel, Sönke: Kriegsausbruch – Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900 – 1914, in: Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, herausgeg. von Frank-Lothar Kroll und Ernst Piper, Pendo Verlag, München, Zürich, 2002, S. 37.

[24] Hardach, Gerd: Deutschland in der Weltwirtschaft: 1870 – 1970, e. Einf. in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 1. Aufl., Campus Verlag, Frankfurt a. Main, New ork, 1977, S. 33.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656959700
ISBN (Buch)
9783668144613
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299316
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
nationalismus imperialismus kolonialismus lage europas ersten weltkrieg

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Titel: Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus.
Die politische Lage Europas vor dem Ersten Weltkrieg