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Missglückte Anerkennung in Franz Kafkas Brief an den Vater im Vergleich zu Hegels Herr-Knecht-Passage

Lautes Schweigen in Bildern

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hegels Herr-Knecht-Passage nach Kojève

3. Sprache und Sprechen in Kafkas Brief an den Vater
3.1. Darstellung des Vaters
3.2. Tiermetaphorik
3.3. Körperlichkeit
3.4. Sprachliches Aberkennen
3.5 Mittel der Gegenwehr: Schweigen und Spott

4. Schreiben als Arbeit - eine Befreiung aus der Knechtschaft?
4.1. Ausbruch aus der Sprachlosigkeit
4.2 Das Schreiben als Befreiungsakt

5. Schluss: Geistiges Überleben

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Im November 1919 befand sich Franz Kafka, damals 36 Jahre alt, zur Kur in dem tschechischen Ort Schelesen, wo er den „Brief an den Vater“ verfasste. In diesem ist das Verhältnis der beiden thematisiert. Der Brief liegt in zwei Originalfassungen vor, es existieren sowohl eine Handschrift als auch ein von Kafka auf der Schreibmaschine getipptes Manuskript. 1

Es gibt zwar Indizien dafür, dass der Brief dem Vater, Hermann Kafka wirklich übergeben werden sollte,2 jedoch ist dies nie passiert. Max Brod veröffentlichte das Dokument nach dem Tode Franz Kafkas zunächst in Auszügen und 1952 schließlich vollständig in dem Band „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß“.3 Die Frage, ob es sich um ein autobiographisches Dokument oder vielmehr um reine Prosa handelt, wird oft gestellt, jedoch will diese Hausarbeit keinen Versuch ihrer Beantwortung wagen. Ich lese denBrief hier als literarischen Text und werde mich seiner sprachlichen Gestalt widmen.Der Inhalt des Briefes beschreibt das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, das problematisch und von Distanz geprägt ist. Der Sohn formuliert den Brief als Antwort auf die vom Vater in einem Gespräch gestellte Frage, warum Franz Furcht vor ihm habe. Im Folgenden entwickelt er eine exakte Beschreibung der Beziehung. Kafka begründet die Wahl des Mediums mit der Erklärung, vor dem Vater „weder denken noch reden“4 zu können und formuliert als Absicht die Hoffnung, durch die Korrektur der formulierten Eindrücke das Verhältnis zu entspannen und so „Leben und Sterben leichter“ zu machen.5

Der Brief ist rhetorisch ausgefeilt und der Inhalt chronologisch aufgebaut, die von Kafka empfundene Drastik des Verhältnisses steigert sich bis zum Schluss. Verschiedene Ausbruchsversuche des Sohnes werden als gescheitert beschrieben, zuletzt bleibt nur das Schreiben als vom Vater unkontrollierter Bereich übrig.

Diese Arbeit soll zunächst mit dem Hegelschen Begriff der Anerkennung in der sogenannten Herr-Knecht-Passage beginnen, um eine theoretische Grundlage für die Analyse des

Machtverhältnisses zu schaffen.6 Hierbei sei besonderes Augenmerk auf Hegels Begriff der Arbeit als befreiendes Element des Knechts gelegt.

Die Beziehung zwischen Herr und Knecht bei Hegel entwickelt sich zunächst als ein Verhältnis einseitiger Anerkennung, das schließlich für den Knecht in Arbeit und Befreiung durch Selbstverwirklichung, für den Herrn jedoch in eine Sackgasse ohne Anerkennung mündet. Durch die Arbeit befreit sich der Knecht aus seiner Unterlegenheit und findet sich in ihr wiedergespiegelt. Ich werde die Beziehung zwischen Vater und Sohn in Kafkas „Brief an den Vater“ mit der von Herr und Knecht vergleichen und das Schreiben als Selbstverwirklichung in Analogie zur Arbeit thematisieren. Wie formuliert Kafka seinen Brief, und wie weit geht dabei die Befreiung aus dem bedrückenden Verhältnis? Da Kafka das Schreiben an sich im Brief wiederholt thematisiert, werde ich der Vermutung nachgehen, dass es sich bei dem „Brief an den Vater“ um ein Stück Literatur handelt, dessen Thema zwar ein gescheiterter Prozess der Anerkennung zwischen Vater und Sohn ist, das jedoch selbst einen Akt der Selbstbehauptung auf intellektueller Ebene darstellt. Wie werden die sprachlichen Mittel eingesetzt, um den Vater darzustellen? Wie drückt Sprache Anerkennung aus, bzw. wie lässt sich durch Sprache einem anderen Menschen etwas aberkennen? Und wie verdeutlichen besonders die von Kafka verwendeten Metaphern und Vergleiche die Beziehung?

2.Hegels Herr-Knecht-Passage

Hegel formuliert in der sogenannten Herr-Knecht-Passage eine „soziale Fundamentalbeziehung“ zwischen zwei Menschen.7

Eingangs wird eine Mensch-Tier-Unterscheidung vorgenommen, wobei dem Tier rein

lebenserhaltende (vitale) Begierden zugeschrieben werden. Der Mensch jedoch zeichnet sich durch sein Streben nach Anerkennung aus, will also das Objekt der Begierde eines anderen Menschen sein, wodurch er als „selbstständiger Wert“ anerkannt wird.8 Dazu setzt er in einem hypothetischen Kampf mit einem anderen Menschen sogar sein Leben aufs Spiel.

Der Kampf verläuft als Ringen um Anerkennung unter dem Einsatz des eigenen Lebens.

Jedoch wird laut Hegel einer der beiden Kämpfenden auf die Anerkennung verzichten, um sein Leben zu retten. Er erkennt den anderen an, ohne selbst Anerkennung zu erfahren. Dies macht ihn zum Knecht und den anderen zum Herrn. Als Motiv für den Kampf führt Kojève in seiner Auslegung Hegels den Willen zur Selbstverwirklichung an: Der Mensch will sich außerhalb seiner selbst konstituieren und seine eigene Wirklichkeit mit der äußeren Wirklichkeit in Einklang bringen. Sein Selbstbewusstsein manifestiert sich in der Tat, also zunächst im Kampf, in dem er sich dem anderen aufzwingen will.

Der Mensch will sich von einem ebenbürtigen Gegner anerkannt wissen, der genauso sein Leben für die Anerkennung aufs Spiel gesetzt hat wie er selbst. Er darf ihn jedoch nicht vernichten, sondern muss ihn dialektisch aufheben, denn der Tote könnte ihn nicht mehr wiederspiegeln und so würde die Anerkennung verlöschen.9 Der andere wird damit zum Knecht, gibt also im Kampf auf, behält seine Existenz und sein Bewusstsein, aber verliert seine Eigenständigkeit. Er ist verschonter Besiegter.10 (S. 33) Sein Leben verdankt er der

Gnade des Herrn. In der Folge fühlt er sich als Knecht und dient dem Herrn, der nur durch die Existenz seines Knechtes ein solcher ist. Der Knecht verrichtet Arbeit für den Herrn, während der Herr deren Ergebnisse verbraucht.

Die Beziehung gipfelt durch das unterschiedliche Bewusstsein von Herr und Knecht in einem Dilemma: Der Herr hat sein Leben riskiert, um vom anderen anerkannt zu werden. Nun hat derjenige aber für ihn den Status eines Dinges und ist ihm nicht ebenbürtig, der er von ihm verschont wurde. Es besteht folglich eine einseitige Anerkennung, die nicht dem Bedürfnis des Herrn entspricht. So kann sich letztendlich nur der Knecht behaupten, indem er seine Knechtschaft durch die Tat aufhebt und zur Selbstständigkeit gelangt. Dadurch, dass er seine Anerkennung für den Herrn bewiesen hat, anerkennt er auch das Ideal der Freiheit. Er besitzt die Motivation zur Veränderung seiner Lage und möchte weder Herr noch Knecht sein. 11 Stattdessen transformiert der Knecht durch seine Arbeit die ihn umgebende Welt und bezwingt so die Natur. Er verliert dadurch die Furcht vor dem Tod (Kojève verwendet, wie Kafka auch, explizit den Begriff der Furcht anstelle von z.B. Angst) und sieht sich in den Produkten seiner Arbeit gespiegelt. Seine innere Wirklichkeit wird nach außen verlagert, indem er ein Material nach seinen Ideen verarbeitet. Kojève legt zwar Hegel hier eindeutig in Relation zur Theorie des Klassenkampfes aus, jedoch wird das Prinzip der Selbsterhaltung und -verwirklichung in der Befreiung des Knechts deutlich und lässt sich gut mit den beschriebenen psychischen Mechanismen in Kafkas Brief an den Vater vergleichen.

„Durch die in der Furcht des Herrn, im Dienste des Herrn verrichtete Arbeit befreit sich der Knecht von der Furcht, die ihn dem Herrn unterwarf.“12

Kojève vertritt weiterhin die These, dass nach Hegel das Dienen für einen Herrn oder Gott notwendig sei, um die Furcht vor dem Tod zu überwinden. Diese muss durch die Arbeit ausgedrückt werden, da sie sonst „innerlich und stumm“ bliebe.13 Der Knecht verändert sich selbst durch die Arbeit.

3.Sprache und Sprechen in Kafkas Brief an den Vater

Der Brief lebt inhaltlich von der gescheiterten Anerkennung zwischen dem Sohn Franz Kafka und seinem Vater. Hierbei wird gleich zu Anfang auf die großen Wesensunterschiede zwischen beiden verwiesen, die eine Opposition erzeugen. Beide Parteien verkörpern, bildlich gesprochen, je einen Pol. In dem Spannungsfeld zwischen ihnen findet der Prozess ihrer problematischen Beziehung und des Kampfes um Anerkennung statt. Im folgenden Abschnitt soll untersucht werden, wie der Sohn den Vater beschreibt, wie er sich selbst präsentiert und welche Mittel dabei zum Einsatz kommen. Ich möchte zeigen, dass Sprache selbst bedeutsam ist für das Anerkennungsverhältnis und ihre Wirkung eingehender betrachten. Besonders die sprachlichen Bilder, die Kafka konstruiert, fallen beim Lesen ins Auge, da sie gewissermaßen für sich sprechen.

3.1.Darstellung des Vaters

Franz Kafka beschreibt den Vater im Brief als an körperlicher und geistiger Kraft überlegen. „(…) als Vater warst du zu stark für mich.“14

[...]


1 Siehe: Michael Müller (Hg.): Franz Kafka: Brief an den Vater. Stuttgart 1995. S. 66: „Zur Entstehung des Textes“

2 Sh. Nachwort zu: Franz Kafka: Brief an den Vater. Stuttgart 1995. S. 103

3 Ebenda

4 Ebd., S. 18

5 Ebd., S. 59

6 Alexandre Kojève: Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. 11975

7 Ebenda, S. 26 Z. 30f

8 Ebd., S. 24 Z. 33

9 Kojève, S. 32 Z. 14

10 Ebenda, S. 33 Z. 15f

11 Ebd., S. 39 Z. 20f

12 Kojève: Hegel. S. 43 Z. 20ff

13 Kojève, S. 45 Z. 4

14 Franz Kafka: Brief an den Vater. S 9 Z. 10f

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656957775
ISBN (Buch)
9783656957782
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299417
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
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Autor

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