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Der Wandel des ethischen Selbstverständnisses. Funktion, Profession und Professionalisierung der Sozialen Arbeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 13 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terminologie und Wandel des ethischen Selbstverständnisses Sozialer Arbeit
2.1 Wandel der Sozialen Arbeit
2.2 Zum Doppel- und Tripelmandat der Sozialen Arbeit
2.3 Gegenwärtige Bestandsaufnahme

3. Profession sowie Professionalisierung im Kontext des Wandels Sozialer Arbeit
3.1 Auswirkungen auf die Funktion und das ethische Selbstverständnis
3.2 Perspektivischer Ausblick - Chance oder dilemmatische Zustände?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Innerhalb dieser Ausarbeitung sollen zunächst inhaltliche Schwerpunkte auf das ethische Selbstverständnis, die Funktion sowie die Profession der Sozialen Arbeit gelegt werden. Konkret wird dabei das ethische Selbstverständnis Sozialer Arbeit erörtert und in Bezug darauf der Wandel dessen unter Berücksichtigung des sozialstaatlichen Paradigmenwechsels, der Ökonomisierung sowie der Dienstleistungsorientierung beschrieben. Nach einem Zwischenfazit interessiert weiterhin, ob und inwiefern Soziale Arbeit eine Profession darstellt und wodurch die Professionalisierung beeinflusst wird. In Bezug darauf soll konstatiert werden, inwiefern das ethische Selbstverständnis und die Funktion Sozialer Arbeit von diesen Entwicklungen betroffen ist. Abschließend folgt eine perspektivische Konklusion, welche einen positiven und konstruktiven Ausblick auf die Zukunft vermitteln soll.

2. Terminologie und Wandel des ethischen Selbstverständnisses Sozialer Ar- beit

Die International Federation of Social Workers (IFSW) sowie die International Association of Schools of Social Work (IASSW) konstatieren in ihrem Dokument zur Ethik in der Sozialen Arbeit, dass ein ethisches Bewusstsein elementarer Bestandteil der Praxis Sozialer Arbeit sei und schreiben Sozialer Arbeit definitorisch weiterhin die Funktion zu, Menschen in ihrem Wohlergehen zu stärken. Weiterhin benennen sie Menschenwürde und Menschenrechte sowie soziale Gerechtigkeit als Prinzipien im Kontext des ethischen Selbstverständnisses sowie innerhalb der Praxis Sozialer Ar- beit als besonders relevant, um Autonomie und Beteiligung der AdressatInnen zu fördern und negativer Diskriminierung jedweder Art entgegenzuwirken (vgl. IFSW / IASSW 2004: 1-4). Verweist man in diesem Zusammenhang auf Staub-Bernasconis Ausführungen, habe die International Council on Social Welfare (ICSW) bereits in den 1960er Jahren für die zentrale Bedeutung von Menschenrechten plädiert (vgl. Staub-Bernasconi 2006: 8 f.), wodurch geschlussfolgert werden kann, dass es sich bei Sozialer Arbeit in einem modernen Verständnis um eine Menschenrechtsprofes- sion handelt und die Soziale Arbeit auch eine entsprechende Funktion einnimmt. Ein weiterer relevanter Punkt in diesem Kontext ist die fachliche und professionelle Re- flexion. Lob-Hüdepohl formuliert: „Ethik in der Sozialen Arbeit reflektiert alle morali- schen Orientierungen und normativen Implikationen, die im einzelnen sozialprofessionellen Handeln […] zur Geltung kommen.“ (Lob-Hüdepohl 2011: 257).

2.1 Wandel der Sozialen Arbeit

Inmitten dieses fachlichen Beharrens auf der Funktion als Menschenrechtsprofession sowie dem damit verknüpften ethischen Selbstverständnis Sozialer Arbeit habe sich seit den 1980er Jahren ein Sozialstaatlicher Paradigmenwechsel vollzogen. Nach Michael Galuske sei dieser so zu beschreiben, dass der (für)sorgende Sozialstaat ein Resultat der Nachkriegszeit gewesen sei, welcher zur Grundlage genommen hätte, dass die Gesellschaft nicht einzig auf dem Konkurrenzprinzip des Marktes basieren könne, da dies zu viel soziale Ungleichheit produziere. Obwohl diese gesamtgesell- schaftliche Entwicklung einen Nährboden für die Soziale Arbeit als Menschen- rechtsprofession dargestellt habe, sei eine Transformation zum aktivierenden Sozial- staat das Resultat von Globalisierung und marktliberaler Wirtschaftsordnung gewe- sen, was sich bis in die Gegenwart verfolgen lasse, wobei man exemplarisch die Agenda 2010 sowie die Hartz-Reformen anführen könne. Ziel des aktivierenden So- zialstaats sei es, den Einzelnen primär zu fordern sowie zu fördern, damit dieser auf dem Arbeitsmarkt bestehen könne (vgl. Galuske 2008: 187-190). Somit steht nicht mehr der Mensch, also das Individuum als solches im Zentrum, sondern ob und in- wiefern das Individuum innerhalb des Marktgeschehens agiert.

In konkretem Bezug auf die Soziale Arbeit wirke sich der Sozialstaatliche Paradig- menwechsel durch die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit aus. Neben dem Para- digmenwechsel benennen Buestrich und Wohlfahrt weiterhin die Veränderungen in der Sozialgesetzgebung, speziell in Hinblick auf die Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch sowie die Implementierung des Neuen Steuerungsmodells (NSM) auf kommunaler Ebene in die Soziale Arbeit als Auslöser für die Ökonomisierung eben dieser (vgl. Buestrich / Wohlfahrt 2008: 20 f.). Nach Kessel entspreche die Ökonomisierung dem Prozess der betriebswirtschaftlichen Umstrukturierung sowie Neusteuerung einer Institution, wobei dieser Prozess primär auf die Privatisierung sowie auf die Kostenreduktion abziele (vgl. Kessel 2002: 1117). Resultat dessen ist also, dass sich der Einsatz von Arbeitskräften, Mitteln und sonstigen Leistungen nun rechnen muss und dass dies entsprechende potentielle Auswirkungen auf das ethische Selbstverständnis Sozialer Arbeit nach sich zieht.

Im Kontext von Ökonomisierung, speziell auch hinsichtlich des Neuen Steuerungs- modells, spielt die Dienstleistungsorientierung eine wichtige Rolle - die Dienstleis- tungsorientierung kann also als ein Teilaspekt der Ökonomisierung bezeichnet wer- den. Dies bestätigt sich durch die Ausführungen von Reiss, nach denen ein Dienst- leistungsunternehmen ein kunden- sowie marktorientiertes Leitbild verfolge und auf Wettbewerbsinstrumente zurückgreife (vgl. Reiss 2011: 957). Soziale Dienstleistun- gen wiederum entsprächen nach Sunder dem Ergebnis immaterieller Produktion von Gütern, da die finanziellen Aufwendungen den AdressatInnen und nicht den Einrich- tungen zu Gute kämen, wodurch eine eindeutige Begriffsabgrenzung häufig nicht möglich sei (vgl. Sunder 2011: 790 f.). Eine tatsächlich einheitliche Definition von Dienstleistung oder Dienstleistungsorientierung im Kontext Sozialer Arbeit ist ohnehin nicht vorzufinden. So benennt Staub-Bernasconi eine Vielzahl definitorischer Per- spektiven, beispielsweise dass sich Dienstleistungen als Hilfen in den Sozialgesetz- büchern darstellen würden (vgl. Staub-Bernasconi 2006: 3). Interessanter erscheint jedoch, was die Autorin hinsichtlich des Zusammenhangs von Dienstleistungsorien- tierung und ethischem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit formuliert. Demnach gründe die Würde des Menschen „im neoklassischen Dienstleistungsparadigma auf seiner Vernunft, seinem Reflexions-, seinem autonomen, sittlichen Urteilsvermögen. Das Individuum hat vor allem Rechte; seine Pflichten bestehen in der Einhaltung der marktbezogenen Vereinbarungen und Verträge.“ (ebd.: 14). Dies erscheint definitiv diskrepant, stellt man nun die Wertesysteme von Menschenrechtsprofession und Dienstleistungsorientierung gegenüber. Es wird zwar in beiden Fällen von Men- schenwürde oder auch Autonomie geschrieben, jedoch orientieren sich die Dienst- leistungen vielmehr an dem ökonomischen Markt, als an dem Individuum sowie des- sen Bedürfnissen.

2.2 Zum Doppel- und Tripelmandat der Sozialen Arbeit

Die Komplexität des ethischen Selbstverständnisses Sozialer Arbeit lässt sich noch durch die Thematisierung des Doppel-, beziehungsweise des Tripelmandats erwei- tern. Ronald Lutz schreibt in Bezug auf das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit da- von, dass die Soziale Arbeit neben ihrem Hilfeanspruch auch eine Kontrollfunktion innehabe. Er stellt weiterhin die These auf, dass AdressatInnen gegenwärtig immer häufiger nur dann Hilfe zugesprochen bekämen, entspräche ihr Verhalten denn der Norm. Er schreibt der Sozialen Arbeit eine gesellschaftspolitische Ordnungsfunktion zu, welche deviantes Verhalten ermittle und darauf mit Normalisierungsbestrebungen reagiere. Die Soziale Arbeit nehme dadurch eine gespaltene Funktion ein: Einerseits würden die Träger und Institutionen der Sozialen Arbeit als Machtapparat ihre Adres- saten dahingehend kontrollieren, ihr problematisches oder deviantes Verhalten zu ändern, sich andererseits jedoch auf die Seite der Adressaten gegen den Machtap- parat stellen, um sich an deren Lebenswelten orientiert für diese einzusetzen (vgl. Lutz 2011: 13f.). Dies scheint einiges Potential für fachliche und ethische Problemati- ken aufzuwerfen, da man sich in seinem Selbstverständnis sowie in seiner Funktion als SozialarbeiterIn einerseits auf die Seite der und andererseits gegen die Adressa- ten stellt. In Bezug auf das Tripelmandat kann wiederholt Bezug auf Staub- Bernasconi genommen werden, die formuliert, dass sich das dritte Mandat sozialer Arbeit einerseits durch die wissenschaftliche Fundierung ihrer Methoden und ande- rerseits durch einen eigenen Ethikkodex darstelle, welcher die Einhaltung seiner ei- genen Werte, abgeschirmt von externen Einflüssen gewährleisten solle, wozu vor allem Menschenrechte sowie soziale Gerechtigkeit zu zählen seien (vgl. Staub- Bernasconi 2007: 6 f.).

2.3 Gegenwärtige Bestandsaufnahme

Als Zwischenfazit und gegenwärtige Bestandsaufnahme kann konkludiert werden, dass das ethische Selbstverständnis als auch die Funktion Sozialer Arbeit mehrdi- mensional auf komplexe Art und Weise geprägt ist. Grundlegende Prinzipien ent- sprechen dem Eigenanspruch auf Einhaltung von Menschenwürde, sozialer Gerech- tigkeit sowie der Selbstreflexion fachlichen Handelns. Darauf wirken jedoch erheblich die Ökonomisierung sowie die Dienstleistungsorientierung im Kontext des aktivieren- des Sozialstaats der Gegenwart ein, welche das ethische Selbstverständnis Sozialer Arbeit verändern und diese dazu zwingen, eine ihren Grundsätzen widersprechende Funktion einzunehmen. Hinzu kommt noch, dass sich Soziale Arbeit in Bezug auf ihr Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle weiteren ethischen und funktionstheoretischen Problematiken stellen muss, welche sich ähnlich diskrepant darstellen. Abgerundet wird dies noch durch die Funktion des Ethikkodexes im Kontext des Tripelmandats Sozialer Arbeit, welcher eigentlich bewerkstelligen soll, dass die ethischen Grundsät- ze eingehalten werden und somit dem Verständnis Sozialer Arbeit entsprechen, um so eine eigene Profession zu repräsentieren. Dementsprechend soll nun speziell auf die Profession, die Professionalisierung sowie die Funktion Sozialer Arbeit eingegan- gen werden.

3. Profession sowie Professionalisierung im Kontext des Wandels Sozialer Ar- beit

Verweist man zunächst auf Müller, stelle Soziale Arbeit keine klassische Profession wie die des Arztes, des Anwalts oder des Psychologen, sondern vielmehr eine Semi- Profession dar. Begründet sei dies darauf, dass eine Profession einerseits über Mandate verfügen müsse, was in der Sozialen Arbeit zwar gegeben ist, dass sie aber ebenfalls über Lizenzen verfügen müsse, um sich unabhängig von anderen Instan- zen und Bereichen abgrenzen zu können, was in der Sozialen Arbeit definitiv nicht gegeben ist, da diese schließlich im Kontext ihres sozialpolitischen Auftrags die Inte- ressen der Politik vertritt. Ansonsten konstatiert der Autor, dass Soziale Arbeit einem professionellen Wissens- und Forschungsanspruch gerecht werde (vgl. Müller 2012: 955-960). Auch Kraimer erkennt das größte Hindernis zur Professionalisierung darin, dass Soziale Arbeit nicht autonom genug agiere (vgl. Kraimer 2012: 670). Dafür, dass Soziale Arbeit eine potentielle Profession darstellt, spräche das dritte Mandat Sozialer Arbeit, welches schließlich auf die eigenbestimmte und unabhängige Pro- fessionalisierung abziele (vgl. Staub-Bernasconi 2007: 6 f.).

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656961901
ISBN (Buch)
9783656961918
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299463
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Ethik Ethik Sozialer Arbeit Selbstverständnis Selbstverständnis Sozialer Arbeit Profession Profession Sozialer Arbeit Professionalisierung

Autor

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Titel: Der Wandel des ethischen Selbstverständnisses. Funktion, Profession und Professionalisierung der Sozialen Arbeit