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Aspekte der visuellen Wahrnehmung von Autisten

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Erkenntnisse über die visuellen Wahrnehmungsprozesse nicht-autistischer Menschen

3 Psychologische Erklärungsmodelle des Autismus

4 Visuelle Verarbeitung bei Autisten
4.1 Die Reizaufnahme
4.2 Die präattentive Verarbeitung
4.3 Die Rolle der Aufmerksamkeit
4.4 Die aufmerksamkeitsgerichtete Verabeitung
4.5 Identifizieren und Einordnen

5 Der TEACCH-Ansatz als Hilfe für Autisten

6 Fazit

Literatur

Zusammenfassung

Die visuelle Informationsverarbeitung läuft grundsätzlich in zwei Stufen ab. Man unterscheidet hierbei zwischen der reizgetriebenen Verarbeitung und der höheren Verarbeitungsebene, die in hohem Maße kognitive Funktionen involviert. Auf beiden Ebenen lassen sich bei Menschen mit Autismus Auffälligkeiten feststellen, die sich im Wesentlichen mit dem Modell der „Schwachen Zentralen Kohärenz“ von Happé und Frith illustrieren lassen. Die Theorie geht von einem Wahrnehmungsvorzug von lokalen Details gegenüber der globalen Gestalt und Bedeutungszusammenhängen aus, was den Ergebnissen vieler Experimente zur visuellen Wahrnehmung von Autisten entspricht. Die veränderte Wahrnehmung von Autisten hat weitreichende Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen. Einen möglichen Weg autistischen Menschen zu helfen stellt der TEACCH-Ansatz dar, der die Möglichkeit aufzeigt, durch visuelle Strukturierungsmaßnahmen den Alltag von Personen mit Autismus zu erleichtern sowie die Lernfähigkeit von den betroffenen Personen zu fördern.

1 Einleitung

Autismus beschreibt eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die mit einer veränderten Wahrnehmung und Schwierigkeiten bei zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation einhergeht (Bölte, 2009). Viele Menschen assoziieren, aufgrund von Filmen wie z.B. „Rain Man“, das Wort „Autismus“ mit sogenannten Savants, also Personen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten bzw. Begabungen, z.B. in Bereichen der Mathematik oder Musik. Ein Beispiel für einen Savant ist der Autist Daniel Tammet, der 22.514 Nachkommastellen der Zahl π auswendig aufsagen kann (Dönges, 2007). Diese Personen mit einer solchen „Inselbegabung“ stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil aller Autisten dar. Andere Menschen mit Autismus können hingegen Dinge nicht, die für nicht-autistische Menschen sehr einfach sind. Beispielsweise fällt es ihnen schwer, einen Hund, den sie vorher noch nie gesehen haben, als solchen zu identifizieren. Einen wichtigen Aspekt bei diesen Besonderheiten stellt die visuelle Wahrnehmung autistischer Menschen dar, die in der Arbeit thematisiert wird.

In Kapitel 1 wird in der Hausarbeit zunächst die grundsätzliche visuelle Informationsverarbeitung von nicht-autistischen Personen skizziert. Daraufhin wird in Kapitel 3 ein Überblick über die grundlegenden psychologischen Erklärungsmodelle für Autismus geschaffen, um dann in Kapitel 4 die visuelle Informationsverarbeitung von Autisten näher zu erläutern. Die hier deutlich werdende veränderte Wahrnehmung autistischer Personen verursacht Probleme bei Lernprozessen und im Alltag betroffener Personen. Diese können auf verschiedenen Wegen gelöst werden. Eine Möglichkeit stellt der sogenannte „TEACCH-Ansatz“ dar, eine Methode zur visuellen Informationsvermittlung für Autisten, die in Kapitel 5 beschrieben wird. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Fazit in Kapitel 6.

2 Erkenntnisse über die visuellen Wahrnehmungsprozesse nicht-autistischer Menschen

Das menschliche Gehirn verarbeitet eingehende Signale der Umwelt in einem neuronalen Netzwerk, das mehr als 100 Milliarden Nervenzellen umfasst. Die visuelle Verarbeitung beginnt im Auge mit der Transduktion des Lichtreizes in elektrische Impulse, welche über verschiedene Zwischenstufen in den extrastriären Kortex weitergeleitet werden. Zunächst führen die Sehnerven (nachdem sie sich im Chiasma Opticum gekreuzt haben) zum Corpus Geniculatum lateralis. Hier erfolgt beispielsweise der Abgleich der Informationen über das gesehene Objekt mit Informationen aus dem Cortex. Im primären visuellen Kortex (Area Striata) werden die Objektmerkmale weiterverarbeitet. Es liegen hierzu sogenannte Merkmalsdetektoren in den Zellen vor, die selektiv auf bestimmte Formen und Bewegungen von Reizen reagieren. Da hier auch der Kontext des Reizes die Reaktion der Zellen beeinflusst (aufgrund von neuronaler Verschaltung verschiedener rezeptiver Felder), ist dieses Areal für die visuelle Informationsverarbeitung von Autisten bzw. für die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz1 von großer Bedeutung. Im extrastriären Kortex lassen sich zwei Verarbeitungspfade voneinander abgrenzen: Der ventrale2 Pfad (Was-Pfad), der zuständig ist für das Erkennen von Farbe, Form und für die semantische Identifikation des Objektes, sowie der dorsale3 Pfad (Wo-/Wie-Pfad), zuständig für die Objektlokalisierung und die Verarbeitung von Bewegung (Prinz & Müsseler, 2011; Müller, 2007).

Einen Überblick über ablaufende Prozesse der Informationsverarbeitung liefert beispielsweise das Modell von Treisman (1993, zit. nach Müller, 2007). Wie in Abb. 1 erkennbar vollzieht sich die Informationsverarbeitung zunächst auf einer tieferen Verarbeitungsebene und mit zunehmender kortikaler Verarbeitung auch auf einer höheren Verarbeitungsebene (Müller, 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schema der Verarbeitungsstufen nach Treisman (Quelle: Müller, 2007, S. 42)

Die tiefere Verarbeitungsebene („Bottom-Up“) läuft unbewusst ab. Hierbei werden grundlegende Informationen extrahiert und zu einer inneren Repräsentation zusammengefügt. Neben der schon eben illustrierten Reizaufnahme wird ebenfalls die Wahrnehmungsorganisation, welche in eine präattentive und aufmerksamkeitsgerichtete Verarbeitung aufgeteilt wird, zu der tiefen Verarbeitung gezählt. Für die präattentive Verarbeitung ist kein Aufmerksamkeitsfokus notwendig, da lediglich die Aufgliederung in Elementarmerkmale (Julez, 1981, zit. nach Müller, 2007) erfolgt. Zu den Merkmalen zählen unter anderem Formen, Flächen, Linienbögen, Linienneigungen und die Orientierung im Raum.

Die aufmerksamkeitsgerichtete Verarbeitung dient dazu, „eine verbindende Ordnung in die Konstellation der Elementarmerkmale zu bringen“ (Müller, 2007, S. 44). Dazu gehören beispielsweise die Aufgliederung eines Objektes in Figur und Grund oder die Wahrnehmung des Objektes entsprechend der Gestaltgesetze und insofern ebenso der Einbezug des Kontextes (Müller, 2007). Die Abbildung 2 verdeutlicht eines der Gestaltgesetze - das Gesetz des gemeinsamen Schicksals. Ein nicht-autistischer Mensch nimmt hier die schräg nach links geneigten Buchstaben „F“ als eine Gruppe wahr und grenzt sie in der internen Wahrnehmungsorganisation von dem restlichen Bild ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gesetz des gemeinsamen Schicksals

(Quelle: http://ah1.learn2use.de/images/thumbs/7998.jpg)

Die höhere Verarbeitungsebene („Top-Down“) läuft teilweise bewusst ab und dient dem Identifizieren und Einordnen eines Objektes. Hierzu wird die innere Repräsentation, die im ersten Teil des Prozesses (vgl. Abb. 1, links von der roten Linie) gebildet wird, sowohl mit Umweltinformationen als auch mit gespeichertem Kategorienwissen abgeglichen. Zu den Kategorien gehören hierbei Begriffe, Schemata4 und Prototypen5 (Müller, 2007). Die Abbildung 3 repräsentiert die Vorstellung eines semantischen Netzwerks, in dem verschiedene Begriffe aufgrund von der Zugehörigkeit zu einem Oberbegriff miteinander verbunden sind.

[...]


1 Hierzu mehr in Kapitel 3

2 Lat. „zur Vorderseite des Körpers hin orientiert“

3 Lat. „am Rücken gelegen“

4 Schemata stellen zusammengefasstes Wissen über Dinge, Menschen und Situationen dar und dienen dementsprechend der Alltagserleichterung

5 „ us den Erfahrungen mit verschiedenen Mitgliedern einer Kategorie wird ein Mittelwert gebildet, der den typischen Repräsentanten einer Kategorie darstellt“ (Müller, 2007, S. 47)

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656966661
ISBN (Buch)
9783656966678
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300125
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
aspekte wahrnehmung autisten

Autor

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Titel: Aspekte der visuellen Wahrnehmung von Autisten