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"The man who wasn´t there" - eine Filmanalyse unter narrativem Gesichtspunkt

Hausarbeit 2004 9 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

I. Einleitung

II. Analyse
2.1. Ed als Zuschauer seines eigenen Lebens
2.2. Ed als Wissender ohne Erkenntnis
2.3. Ed im Reich der Schatten

III. Resümee

I. Einleitung

Das Ende des Films „The man who wasn´t there“ zeigt den Protagonisten Ed in einer Todeszelle, bereit zur Hinrichtung. Die Zelle ist konturlos weiß, nur der elektrische Stuhl, der Henker und ein Fenster mit Zeugen der Hinrichtung sind zu sehen. Ed setzt sich auf den Stuhl, sein Arm wird rasiert während im Voice over die letzten Gedanken Eds für den Zuschauer ersichtlich werden: Er hat keine Angst. Eine weiße Lichtwelle überflutet das Filmbild und Ed gelingt endlich die Flucht aus einer Welt, in der er eigentlich nie wirklich existierte: „The man who wasn´t there“.

In einer Szene des Films betont die Voice over-Stimme Eds: „Ich war ein Gespenst. Ich sah niemanden, niemand sah mich“. Doch wie kann der Protagonist eines Films nicht vorhanden sein? Was sind die Gründe für Eds „Schattendasein“? Und mit welchen Mitteln wird „der Mann, der nicht da war“ im Film dargestellt? Diese Fragen werden in der vorliegenden Filmanalyse durch eine Personenanalyse des Protagonisten Ed zu beantworten versucht. Außerdem soll in dieser Arbeit herausgestellt werden, welche außergewöhnliche Stellung die Figur Ed Cranes, die als Zuschauer und Protagonist gleichermaßen agiert, innerhalb des Films aufweist.

II. Analyse

2.1. Ed als Zuschauer seines eigenen Lebens

Schon in der Eingangssequenz im Friseurladen wird Ed Crane durch seinen Kommentar, die Voice over, eingeführt. Und gleich zu Beginn tritt durch die Voice over ein entscheidendes Wesensmerkmal Eds zutage: „Ich, ich rede nicht viel. Ich schneide nur die Haare.“ Ab diesem Moment ist ersichtlich, dass sich die Kommunikation im Film auf wenige Dialogzeilen beschränken wird. Lediglich durch die Voice over werden die Gedanken Ed Cranes sichtbar. Aber Ed ist nicht nur ein passiver Gesprächspartner. Passivität scheint bei genauerer Betrachtung die Tugend des Protagonisten zu sein. Er war nicht in der Armee während des Zweiten Weltkriegs wegen Untauglichkeit, „wegen seiner Plattfüße“ wie seine Frau Doris bei einer „Gesellschaft“ unter Lachen preisgibt. In einer Szene des Films trägt Ed seine Frau nach einer Hochzeitsfeier in Doris´ Familie ins Bett und erzählt (beziehungsweise die Voice over), während er seine Frau anschaut, von seiner Heirat und wie er Doris „über einen Freund“ kennen lernte. „Nur ein paar Wochen später schlug sie vor, zu heiraten. „Es gefiel ihr, dass ich nicht viel redete“. In den Vierziger Jahren, in denen der Film spielt, war der Heiratsantrag einer Frau mehr als ungewöhnlich. Auch in dieser Situation reagiert Ed nur, ohne selbst zu agieren.

„Früher oder später braucht jeder einen Haarschnitt“ meint Ed (die Voice over) in einer Szene im Friseursalon nachdem er aus dem Gefängnis zurückkommt. Doch für Ed scheint diese Weisheit wohl nicht zu gelten: Er verändert sich weder äußerlich noch in seinen Handlungen oder besser gesagt seinen Nicht-Handlungen. Ed isst nicht, etwa bei dem ersten Zusammentreffen mit dem Anwalt Riedenschneider. Er trinkt nicht, auch wenn es ihm angeboten wird. Er hatte schon „seit vielen Jahren keinen Geschlechtsverkehr mehr“ mit seiner Frau erklärt Ed dem erstaunten Gerichtsmediziner, nachdem der Ed von der Schwangerschaft seiner Frau berichtete. Und selbst im seinem Traum, den Ed kurz vor dem Aufprall des Wagens nach seinem Unfall mit Birdy hat, ignoriert ihn seine Frau, während beide auf der Couch sitzen und ergreift zuvor die Initiative, indem sie einen Vertreter von ihrem Grundstück vertreibt.

Ein weiterer Grund, warum die Identifikation mit dem Protagonisten Ed kaum gelingt, ist die Tatsache, dass er sich selbst nicht mit sich identifizieren kann. Auch diese Problematik wird bereits in der Eingangssequenz eingeführt: Ed sieht sich nicht als Friseur. Er sei nur durch Zufall an diese Arbeit gekommen, durch Heirat (nebenbei ein weiterer passiver Akt). Doch außer Friseur ist Ed nichts und außer Frisieren kann Ed nichts: Ed scheint also schon für sich selbst gar nicht vorhanden zu sein. Und auch alle anderen Personen im Film sehen Ed lediglich als „den Friseur“. Bei dem Geschäftsmann Greaton Tolliver, der Ed „ohne [seinen] Kittel gar nicht [erkennt]“, stellt sich Ed im Hotel als „der Friseur“ vor. Und auch Doris´ Verwandte bei der italienischen Hochzeit kennen Ed nicht mir Namen, sondern sehen in ihm den Friseur. Diese Tatsache wird mit einem etwas mitleidig klingenden „Das ist gute Arbeit“ quittiert. Auch Doris´ Anwalt Riedenschneider empfängt ihn bei ihrem ersten Aufeinandertreffen in einem Café mit den Worten: „Sind sie Crane? Sie sind Friseur, stimmt´s?“, als wäre diese Tatsache auf seine Stirn tätowiert. Und auch seine Einstellung diesem Beruf gegenüber kommen schnell zum Vorschein: „Halten Sie immer schön den Mund. Ich übernehm das Reden. Ich bin Anwalt, sie sind Friseur, sie wissen gar nichts.“

Dieses Identifikationsproblem mit sich selbst nimmt jedoch noch größere Ausmaße an. Denn Ed verfasst an mehreren Stellen des Films philosophische Abhandlungen über die Haare, die er, wie sich da herausstellt, für etwas ganz besonderes hält. Beim Schneiden der Haare eines Jungen sagt er zu Franky, dem Hauptfriseur: „Es wächst einfach immer weiter. Es ist ein Teil von uns und wir schneiden es ab und werfen es weg“. Und auch bei seinem Unfall mit Birdy gelten Eds letzte Gedanken seinen Haaren, wenn die Voice over meint: „Ich dachte daran, was mir ein Bestattungsunternehmer einmal sagte. Dass die Haare noch ein bisschen weiter wachsen. [...] Und wann merkt das Haar, dass die Seele nicht mehr da ist?“ In diesen Augenblicken scheint sich Ed selbst mit seinem Beruf zu identifizieren, vielleicht sogar mehr als viele andere Menschen. Dieser Konflikt mit sich selbst und seine totale Passivität halten Ed Crane im Friseursalon und hindern ihn an einer Flucht aus seiner tristen und leblosen Welt trotz zwei verschiedener Fluchtversuche.

Denn Ed will fliehen, er weiß nur nicht, wovor und wohin. Deshalb versucht er mit dem vermeintlichen Geschäftsmann Greaton Tolliver auch die erstbeste Gelegenheit zu nutzen. Die Idee mit der Trockenreinigung und auch der kleine Mann mit der Perücke erscheinen ihm zwar zunächst nicht vertrauenserweckend, jedoch resümiert die Voice over, während er dem Perückenträger die Haare schneidet: „...aber vielleicht war es dieser Instinkt, der mich im Friseursalon festhielt. Mit der Nase an der Tür, aber zu ängstlich, die Klinke zu drücken.“ Es folgt die Erpressung Big Daves und die Übergabe des Geldes an Greaton Tolliver, dem es „nur um das Geld [geht], nicht um [seine] Anwesenheit“. So scheint auch in dieser Situation die Passivität Eds zu überwiegen. Der Fluchtversuch nimmt die schlimmstmögliche Wendung und Ed gerät noch mehr in die Zwänge seiner schwarzen Welt: Nach der Ermordung Big Daves und der Festnahme von Doris arbeitet Ed nun für die Bank und wird Hauptfriseur. Ed wird noch tiefer in seine Passivität zurückgestoßen ohne sich in irgendeiner Weise dagegen zu wehren. Er lernt Birdy Abundas kennen, welche die Ausweglosigkeit des Films und seines Protagonisten aufhebt, wenn sie zu Ed sagt: „Ich kenne Sie, Mister Crane.“. Ed scheint also in diesem Augenblick noch nicht ganz verloren zu sein. Birdy Klavierspielen zu hören, ist für ihn „eine kleine Fluchtmöglichkeit, so etwas wie Frieden“. Kurz vor der Verhandlung, die, so Riedenschneider, gut ausgehen könnte, scheint Ed aus seiner Lethargie kurz zu erwachen, wenn er denkt: „Ich hatte das Gefühl, als könnte ich, wenn alles vorbei war, noch mal ganz neu anfangen.“ Doch es bleibt wieder einmal nur bei diesem Gedanken. Doris erhängt sich. Er unternimmt einen letzten Versuch, sich in irgendeiner Weise zu profilieren, wie bei seinem ersten Versuch soll ein anderer dabei für ihn die Arbeit übernehmen. „Sie hatte Talent, das hörte jeder sofort“ war die Voice over während eines Klavierkonzertes von Birdy. Doch der Klavierlehrer in San Francisco, der wesentlich mehr von Musik verstand (was nicht schwer war) als Ed, war nicht dieser Meinung. Dass Ed jedoch eigentlich gar nicht an Birdy und einer wirklichen Veränderung in seinem Leben interessiert war, zeigt sich in dieser Situation durch eine andere Tatsache: Birdy ist eine junge Frau, die Einzige, wie schon erwähnt, die Eds Namen kennt und sich freut, wenn er zu Besuch kommt. Sie will ihn, wie sie mehrere Male betont „glücklich machen“. Das lässt Ed jedoch nicht zu, dazu ist seine Passivität viel zu übermächtig. Letztendlich bleibt also nur die letzte Flucht aus seinem passiven Leben erfolgreich: der Tod. Es scheint für ihn also kein anderes Leben zu geben, als das des „Friseurs“ und auch in dieser letzten Flucht verharrt Ed in Passivität.

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638314169
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30064
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Medienwissenschaften
Schlagworte
Filmanalyse Gesichtspunkt

Autor

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Titel: "The man who wasn´t there" - eine Filmanalyse unter narrativem Gesichtspunkt