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Die Bedeutung des Holocaust in der Theologie Adolf Hitlers

von Wilhelm Krüger (Autor)

Seminararbeit 2012 16 Seiten

Medizin - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was mit „Theologie“ gemeint ist

2. Struktur der Theologie Hitlers

3. Die Bedeutung des Holocaust in der Theologie Hitlers

4. Der Opfermechanismus nach René Girard

5. Fazit: Ist der Holocaust als religiöses Opfer in Hitlers Theologie zu bezeichnen?

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Wer als Laie an Theologie denkt, hat in unserer Gesellschaft zumeist wohl die christliche Theologie, die unsere Kultur so maßgeblich geprägt hat, vor Augen. Wer in der deutschen Öffentlichkeit nur den Namen Adolf Hitlers in den Mund nimmt, läuft zu Recht Gefahr, kritisch beäugt zu werden. Geradezu grotesk wirkt dann die Vorstellung einer Synthese von christlicher Theologie mit ihren Grundsätzen sowie dem Diktator Adolf Hitler, Urheber der Vernichtung unzähliger unschuldiger Menschen.

Wer an Hitler denkt, denkt vielleicht an Weltkrieg, Massenvernichtung und Judenverfolgung, aber sicherlich nicht an Nächstenliebe und Vergebung.

Ebenso ist die eingebürgerte Verwendung des Begriffes „Holocaust“, d.h. die von den Nationalsozialisten genannte „Endlösung der Judenfrage“, also die industrielle Vernichtung der Juden, problematisch, da dieser Ausdruck aus der griechischen Opfermythologie kommt und ursprünglich die rituelle Verbrennung eines religiösen Opfers bezeichnete.1 Aus diesem Grund bevorzugen viele Juden den hebräischen Begriff „Shoa“, der soviel wie „Untergang, Zerstörung“ bedeutet.

Doch sehr bewusst habe ich die Bezeichnung „Holocaust“ im Sinne eines „vollständig verbrannten“ Opfers gewählt. Denn ich möchte genau diese Frage klären: Handelt es sich bei der „Endlösung der Judenfrage“ in Hitlers Theologie um ein religiöses Opfer, also einen „Holocaust“, oder war die Vernichtung der Juden schlicht das politische Ziel eines Wahnsinnigen?

Zur Klärung dieser Frage werde ich mich der Theorie des Kulturanthropologen René Girards und seiner Schriften zur Entstehung des Opfers bedienen.

Schon die einzelnen Ausdrücke „Theologie Hitlers“ und „Holocaust“ haben offensichtlich eine gewisse Spannung in sich und ihre Verbindung muss zwangsläufig provozieren. In diesem Aufsatz möchte ich sie zusammenführen und gleich der gegenstrebigen Fügung von Saite und Bogen im Moment der Entspannung erklingen lassen.2

Zunächst gilt es, zu erläutern, was mit der „Theologie“ Hitlers gemeint sein könnte und hier gemeint ist.

1. Was mit „Theologie“ gemeint ist

Selbstverständlich hat Adolf Hitler keine akademische Theologie betrieben.3 Am wenigsten ist hier von der christlich konnotierten Theologie die Rede - auch wenn Hitler in dem Christentum „eine gute Lehrmeisterin“4 in Bezug auf dessen Struktur gesehen hat, trennte er sich doch immer sehr entschieden von deren Lehren ab, da er sie als wissenschaftlich widerlegt sah.5 Aus diesem Grund empfand er die Kirche auch nicht als gefährliche institutionelle Konkurrenz: „Am besten, man lässt das Christentum langsam verklingen; ein langsames Ausklingen hat auch etwas Versöhnendes in sich: Das Dogma des Christentums zerbricht vor der Wissenschaft. Die Kirche muss schon jetzt mehr und mehr Konzessionen machen. […] Es braucht nur noch der Nachweis geführt werden, dass das Anorganische und das Organische in der Natur ohne Grenze ineinanderüberfließen. Wenn erst einmal das Wissen um das Universum sich verbreitet, wenn der Großteil der Menschen sich klar darüber wird, dass die Sterne nicht Leuchtkörper sind, sondern Welten, vielleicht belebte Welten, wie die unsere, dann wird die Lehre des Christentums völlig ad absurdum geführt“6.

Ebenso wenig ist mit Hitlers Theologie hier der Nationalsozialismus als politische Religion gemeint.

Es soll in dieser Arbeit um die ursprüngliche Bedeutung der Theologie also θεός „Gott“ und λόγος „Wort“ als „Reden von Gott“, auf die sich auch der Theologe Rainer Bucher in seiner Arbeit „Hitlers Theologie“ bezieht, gehen: „Natürlich ist Hitler kein christlicher und auch kein wissenschaftlicher Theologe, aber er verkündigt sein Politikprojekt im Namen eines Gottes, und das vom Beginn seines öffentlichen Redens bis zu seinen letzten dokumentierten Äußerungen. Die Theologie dieser Verkündigung kann man erheben. Die Texte Hitlers verkörpern einen genuinen theologischen Diskurs[…]“7.

Auf Bucher geht auch die im Folgenden dargestellte Systematisierung der von Hitler propagierten Äußerungen über Gott zurück.

2. Struktur der Theologie Hitlers

Im Wesentlichen lassen sich Hitlers Reden von Gott in drei Kategorien einordnen; sein Reden direkt über „Gott“, sein Reden von dem „Glaube“ und schließlich am eindrücklichsten sein Reden über die „göttliche Vorsehung“8.

Gott ist für Hitler vor allem eines: Legitimationsinstanz. Hitler sieht in Gott dabei weniger den Schöpfer der Menschen als den Schöpfer der Völker: „Im übrigen glaube ich eines: Es gibt einen Herrgott! Dieser Herrgott schafft die Völker.“, so Hitler in seiner Rede auf dem Gauparteitag Mainfranken in Würzburg 1937.

Die Grundannahme, dass Gott die Völker geschaffen habe, rechtfertigt dabei seine rassistische Politik. „Ich bin mir darüber klar, was ein Mensch kann und wo seine Begrenzung liegt, aber ich bin der Überzeugung, dass die Menschen, die von Gott geschaffen sind, auch dem Willen dieses Allmächtigen nachleben wollen. Gott hat die Völker nicht geschaffen, dass sie sich […] vermantschen und ruinieren, sondern dass sie sich so erhalten, wie Gott sie geschaffen hat! Indem wir für ihre Haltung eintreten in der Form, wie Gott es gewollt hat, glauben wir, dass wir auch dem Willen des Allmächtigen entsprechend handeln.“9 Und „Wer die Hand an das höchste Ebenbild des Herren zu legen wagt, frevelt am gütigen Schöpfer dieses Wunders und hilft mit an der Vertreibung aus dem Paradies.“10 Aber Gott ist nicht nur Legitimationsinstanz von Hitlers Politik, sondern auch direkter Kommunikationspartner bei Gottesanrufungen: „Allmächtiger Gott, segne dereinst unsere Waffen; sei so gerecht, wie du es immer warst; urteile jetzt, ob wir die Freiheit nun verdienen; Herr, segne unseren Kampf!“11

So sieht Rainer Bucher in Hitlers Gottesbegriff ein „transzendente Appellationsinstanz“, die die Sicherheit des eigenen rassistischen Konzepts garantiere12.

Hitler differenziert aber zwischen dem Gottesbegriff der allgemeinen Bevölkerung und dem von ihm in seinen Reden propagiertem Gott. Für die „breiten Massen“ sei der Begriff der Gottheit eine wunderbare „Substantiierung“ und ein „Sammelbegriff“ für das Unbegreifliche, der nicht zerstört werden müsse13.

Die zweite der drei „Säulen“, auf deren Grundlage Hitlers Theologie skizziert werden kann, ist sein Begriff des Glaubens. Der „blinde Glaube an die Richtigkeit des eigenen Ziels“ sei nach Hitler die „größte Kraft auf dieser Welt“14. Der Glaube ist das, was Hitler von den einzelnen Menschen fordert. Blindes Vertrauen bis in den Tod: „Wer bereit ist, dafür zu sterben, der glaubt daran, wer nicht bereit ist, dafür zu sterben, der glaubt nicht daran.“15 Nach Rainer Bucher analysierte Hitler in der damaligen Zeit eine Glaubenskrise der Menschen. Auf der einen Seite hätte die Bevölkerung kein Vertrauen mehr in das Weimarer System16, auf der anderen Seite stünde die Kirche in einer „modernen Relativierungskrise“, in der sie es nicht schafften, einen wirklichen Glauben hervorzurufen: „Weder können sie [die Kirchen] das Individuum mit jener Unbedingtheit erfüllen, die für Hitler zum Glaubensbegriff gehört, noch viel weniger sind sie in der Lage für den Staat, der nur durch seinen einheitlichen ‚Glauben’ konstituiert werden könne, jenen Glauben bereitzustellen.“17 Als Grund für die Glaubenskrise der Kirchen jenes eingangs erwähnte „Verklingen des Christentums“ sah Hitler die naturwissenschaftliche Relativierung und Widerlegung der in der Kirche vertretenen Glaubensinhalte.18

Der Theologe Anton Grabner-Haider interpretiert Hitlers Vorstellung vom Glauben in „Hitlers Theologie des Todes“ wie folgt: „Wir erkennen […] deutlich den Glauben an die magische Kraft des Glaubens, der sich auch in der christlichen Lehre seit Paulus von Tarsos findet. Für diesen Glauben setzt der Einzelner seine Person ein und wird bereit, dafür auch den Tod anzunehmen.“19

Es werden deutlich die „messianischen“ Züge Hitlers ersichtlich, der die Menschen durch einen neuen Glauben „an das Volk“ zu mobilisieren versucht und ihnen in Zeiten der Orientierungslosigkeit der Weimarer Republik ein neuen Glaubensinhalt vermitteln möchte: „Ich kann mich nicht lösen von dem Glauben am mein Volk, kann mich nicht lossagen von der Überzeugung, dass diese Nation wieder einst auferstehen wird, kann mich nicht entfernen von der Liebe zu diesem meinem Volk und hege felsenfest die Überzeugung, dass […] die Stunde kommt, in der die Millionen, die uns heute hassen, hinter uns stehen und mit uns dann begrüßen werden das gemeinsam geschaffene, mühsam erkämpfte, bitter erworbene neue deutsche Reich der Größe und der Ehre und der Kraft und der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit. Amen!“20

Neben dem Gottesbegriff und dem Glaubensbegriff stützt noch eine dritte „Säule“ das Konstrukt der Theologie Hitlers: Seine Reden von der „göttlichen Vorsehung“. Nach Rainer Bucher stelle der Vorsehungsbegriff die Basis von Hitlers Theologie dar.21 Er sei von Hitler direkt mit seiner Biographie und seinem nationalsozialistischen Projekt verbunden und diene als die zentrale geschichtstheologische Legitimationskategorie. „Im Erfolg behauptet der Vorsehungsbegriff die göttliche Sendung Hitlers, im Prozess der Niederlage dient er als göttliche Mobilisierungshilfe“22. Rainer Bucher verweist damit auf die Funktion des Vorsehungsbegriffes in den verschiedenen Stadien des Nationalsozialismus des ersten Scheiterns mit „Schwenk“ auf das von Hitler dann verfolgte Legalitätsprinzip, der Aufstieg und die Machtergreifung des Nationalsozialismus und dessen letztliche Niederlage im Weltkrieg. Mit seiner Hilfe enthebe Hitler sein eigenes politisches Projekt der Alltäglichkeit des politischen Kampfes und situiere es in einem religiösen Kontext. Der Vorsehungsbegriff selbst sei eine nicht weiter selbst „begründungspflichtige Begründungsgröße“.23

Vor allem nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 verwendete Hitler den Vorsehungsbegriff als Legitimation seines Handelns: „Wäre das möglich gewesen, wenn die Vorsehung nicht geholfen hätte?“ - Was dermaßen erfolgreich sei, müsse von Gott gewollt und geplant gewesen sein, wer sich dagegen erhebe, erhebe sich nicht gegen Hitler, sondern gegen Gott. So habe sich Hitler nach Rainer Bucher jeglicher Kritik entziehen können.24 Auffällig und wie wir noch sehen werden von Bedeutung ist die retrospektive Verwendung des Vorsehungsbegriffs, mit dem Hitler sein Tun legitimiert.

Die vorangegangenen Seiten konnten, denke ich, das Gerüst von Hitlers Reden von Gott skizzieren. Es stellt sich nun die Frage, welche Bedeutung der Holocaust in dieser Beziehung hatte. Wie ist ein Gott, der die Völker erschaffen habe, die Glaubenskrise der Kirche und damit auch der Menschen, der retrospektiv verwendete Vorsehungsbegriff und der Holocaust zusammenzubringen?

[...]


1 Liddel, H. G. & Scott, R. (1996), Greek-English Lexicon, S. 1217 (Stichwort olokausteo).

2 Das Bild verdanke ich Taubes, J., Ad Carl Schmitt.

3 Vgl. Bucher, R., Hitlers Theologie, S. 32 ff.

4 Vgl. Picker, H., Hitlers Tischgespräche, S. 247 (4.4.1942).

5 Vgl. Hitler, A., Monologe, S. 85 (14.10.1941).

6 Hitler, A., Monologe, S. 83 (14.10.1941).

6 Bucher, R., Hitlers Theologie, S. 34.

8 Vgl. Systematisierung nach R. Bucher.

9 Domarus, M., Reden und Proklamationen 1932-1945, S. 704 (Rede auf dem Gauparteitag Mainfranken in Würzburg, 27.06.1937).

10 Hitler, A., Mein Kampf, S. 421.

11 Hitler, A., Mein Kampf, S. 715.

12 Vgl. Bucher, R., Hitlers Theologie, S. 98.

13 Vgl. Hitler, A., Monologe, S. 85 (14.10.1941).

14 Vgl. Hitler, A., Sämtliche Aufzeichnungen, S. 636 (NSDAP-Mitteilungsblatt, 26.04.1922).

15 Hitler, A., Reden, Schriften und Anordnungen II/1, S. 207.

16.Vgl. Bucher, R., Hitlers Theologie, S. 103.

17 Ebd., S. 104.

18 Vgl. Hitler, A., Monologe, S. 83 (14.10.1941).

19 Grabner-Haider, A., Hitlers Theologie des Todes, S. 18.

20 Domarus, M., Hitler, S. 2185 (Neujahrsaufruf an das deutsche Volk, 01.01.1945).

21 Vgl. Bucher, R., Hitlers Theologie, S. 77.

22 Ebd., S. 86.

23 Vgl. Ebd., S. 80-83.

24 Ebd., S. 83.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656971184
ISBN (Buch)
9783656971191
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300807
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Note
1,0
Schlagworte
Theologie Holocaust Girard Hitler Opfer Religion Ethik Philosophie René Girard Bucher Rainer

Autor

  • Wilhelm Krüger (Autor)

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