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Gedanken zu Helmut Dubiels „Kritische Theorie der Gesellschaft." Der Sozialcharakter nach Erich Fromm und der Stellenwert der Psychoanalyse

Hausarbeit 2013 12 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Der Sozialcharakter in der Sozialpsychologie nach Erich Fromm

3. Autorität und Familie

4. Der Streit um den Stellenwert der Psychoanalyse

5. Studien zum autoritären Charakter

6. Dubiel's Kritik

7. Kritische Theorie heute

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, wie es in der Vergangenheit zu faschistischen Regimes kommen konnte? Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob man Vieles durch andere Umständer hätte vermeiden können? Und wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob es in der Gegenwart oder Zukunft wieder einen Erfolg faschistischer Ideologien geben könne?

Die kritische Theorie „erforscht besonders drei Sphären: die ökonomische Basis der Gesellschaft, die psychische Entwicklung des Individuums und den kulturellen Bereich“1 um der Antwort näherzukommen. Ihre Grundfragen dabei sind: „Wie ist die Gesellschaft zu analysieren?“ und „Wie wirken sich diese gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Entwicklung des Menschen aus?“2.

„In einer seither nicht mehr vorgekommen Dramatik stellte sich die Frage, als in den 20er und 30er Jahren in einer Vielzahl europäischer Länder, besonders aber in Deutschland faschistische Regimes an die Macht kamen [...]“3. So hinterfragt auch Helmut Dubiel den autoritären Sozialcharakter in seinem Werk: „Kritische Theorie der Gesellschaft. Eine einführende Rekonstruktion von den Anfängen im Horkheimer- Kreis bis Habermas“. Er versucht dort, durch die Verbindung der Psychoanalyse mit marxistischen Theoriegrundlagen, den Erfolg faschistischer Ideologien und Regimes zu erklären. Da die psychoanalytische Theorie „weitgehend unbekannt“4 war und Freuds Theorie als „idealtistische Abweichung“5 galt, blieb es laut Dubiel nur den Personen vor, die Mängel der gescheiterten Revolution zu beheben, die an keine der beiden Arbeiterbewegungen gebunden waren.

2. Der Sozialcharakter in der Sozialpsychologie nach Erich Fromm

Erich Fromm, der selbst eine psychoanalytische Ausbildung absolvierte6, war durchaus mit der Theorie Freuds über den Individualcharakters vertraut. Doch für ihn stand der Sozialcharakter im Vordergrund und so übertrug er die Theorie eines einzelnen Menschen auf eine ganze Gruppe. „Ihn interessierte, ob es so etwas wie den »proletarischen« oder den »bürgerlichen« Sozialcharakter gab, so Dubiel. Die Kernaussage dieser Theorie besagt, dass Trieb, also die Natur, im Zusammenhang mit der Triebverdrängung oder auch Sublimierung, also die Gesellschaft, ausschlaggebend sind für die Charakterstrukturen einer Person. Da jedoch Freud die gesellschaftlichen Bedingungen der Triebverdrängung außer Acht lässt, entwickelt Fromm an dieser Stelle eine materialistische Perspektive auf die Triebtheorie. Denn auch klassenspezifische Lebensverhältnisse, also Faktoren die bei Jedem sehr unterschiedlich sein könne, entscheidend sind für die Entwicklung und den Aufbau des Sozialcharakters. Weiter formuliert Dubiel, das genau hier die „kollektiven ökonomischen Existenzbedingungen“ sehr wichtig sind. So ist der Triebapparat zum Teil biologisch angelegt, lässt sich jedoch größtenteils verändern. Die Familie und das enge Umfeld ist hierbei der größte Faktor, der auf ihn Einfluss nimmt.

Auf diese Weise leitete er ab, dass sich bestimmte Triebunterdrückungen sich auf die späteren Charakterzüge eines Erwachsenen auswirken, etwa in Form von Neid oder Geiz. Doch „die empirischen Studien, die das Institut über das Arbeitersbewu[ss]tsein anstellte, gaben allen Grund, an dem Sinn einer psychoanalytischen Idealisierung des proletarischen Sozialcharakters zu zweifeln“7.

Die Annahme der „Konsistenz zwischen psychischer Tiefenstruktur und politischer Eininstellung wurde in der 1929 begonnenen Studie „Arbeiter und Angestellte in der Weimarer Republik“ widerlegt.In dieser Studie, welche erst 1980 unter dem Titel „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des dritten Reiches“ erschien, hatte sich der nationalsozialistische Machtantritt abgezeichnet und als dieser dann eintrat nahm Fromm dennoch an, dass sich dadurch seine Ergebnisse bestätigt hätten.

3. Autorität und Familie

1937 schrieb Max Horkheimer einen Aufsatz, in dem der Begriff der „kritischen Theorie der Gesellschaft“ geprägt wurde. Es wurde nun versucht zu erklären, „wie die katastrophale Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung möglich gewesen war“8. Und hier werden die „Studien über Autorität und Familie“ wichtig. Sie bildeten den Begriff der „vaterlosen Gesellschaft“. Man nahm an, dass es einen qualitativen Unterschied gibt zwischen der liberalen und nachliberalen Phase. Augenmerk hierbei war jetzt der Sozialisationsprozess. Dubiel beschreibt ihn folgendermaßen: „Prozess, in dem das Kind durch die Einwirkung seiner Eltern, der Schule oder vieler anderer gesellschaftlicher Instanzen sich zu einem reifen Individuum bildet“. Also eben die Umwelt, die ein Kind beeinflusst und zu dem macht, was er später einmal ist. In der Studie nahmen sie an, dass den männlichen Mitgliedern Möglichkeiten zur starken Herausbildung einer Ich-Identität, geboten wurde. Darunter versteht man eine Person, die, Dubiel zufolge, „imstande wäre, die gesellschaftlichen Normen souverän zu handhaben, das heißt, nur solche Autoritäten und Handlungseinschränkungen zu akzeptieren, denen es kraft seiner eigenen Vernunft zustimmen kann“. Im Gegensatz dazu seien die spätbürgerlichen und faschistischen Individuationsprozesse definiert durch irrationale Hinnahme von Zwang.

Dubiel verdeutlicht dies mit der Stufentheorie von Lawrence Kohlberg, in der drei Stufen der Heranwachsenden unterscheidet werden: 1. die „prä-konventionelle“, in der Reiz und Reaktion, also Strafe und Prämie, im Vordergrund stehen, 2. die „konventionelle“, in der das Kind Verhaltensweisen der Eltern übernimmt, ohne diese zu hinterfragen und die 3. Stufe, die „post-konventionelle“ Stufe, bei der der Pubertierende gelernt hat, andere Autoritäten im Bezug seiner eigenen moralischen Vorstellungen zu kritisieren. Somit hatten männliche Personen eben die Chance im späten 19. Jahrhundert eine dritte Stufe, und damit ein kritisches Hinterfragen, zu entwickeln, während in der nachliberalen Ära eine Regression auf die zweite Stufe stattfand, also somit Verhaltensanforderungen Anderer zu deren eigenen wurden, ohne darüber nachzudenken.

Für Dubiel ist ein Form- und Funktionswandel der Familie der Grund für diese Entwicklung. Im bürgerlichen Liberalismus war der Vater als ökonomischer Versorger und als Autoritätsperson das Oberhaupt der Familie, ein „pater familias“. Dadurch war die Familie etwas wie ein „Binnenraum“, der die Voraussetzungen zur Ausbildung von Ich-Strukturen bot. „Im Spätkapitalismus zerfällt die Position des »pater familias« aufgrund eines Ensembles ökonomischer, demographischer und sozialstruktureller Bedingungen. […] Der gegengesellschaftliche Schutzraum, in dem nach bürgerlicher Lesart das autonome Individuum sich bildetet, ist zerfallen“9. Theodor W. Adorno bringt es mit Begriffen der psychoanalytischen Persönlichkeitstheorie auf den Punkt: anstelle von bewusster und reflexiver Ich- Funktion tritt herrschaftliche Unmittelbarkeit gesellschaftlichen Zwangs. Diese Schwächung der Ich-Funktion führt zu einer sexuellen Selbst-Besetzung. Dies äußert sich in irrationalen Verschmelzungsbedürfnissen mit der gesellschaftlichen Macht, so Dubiel.

4. Der Streit um den Stellenwert der Psychoanalyse

In den 30er Jahren fand eine massive Veränderung der Perspektive der kritischen Theorie statt. „Warum hängt die gemeinschaftliche Entwicklung des Bewusstseins der Arbeiterschaft der ökonomischen Krisenentwicklung hinterher?“, war hierbei eine der größten Fragen. Nach geschichtlichen Ereignissen haben sich vor allem Horkheimer und Adorno vom Geschichtsoptimismus abgewandt. So fasst Dubiel zusammen: „Nicht mehr die utopisch vorweggenommene Möglichkeit der Befreiung bestimmt jetzt die Konstruktion der Theorie sondern die ohnmächtig registrierte weltgeschichtliche Katastrophe einer sich entfaltenden totalen Herrschaft“.

Ganz im Gegensatz zu Erich Fromm. Dieser glaubte immer noch an eine befreite Gesellschaft. Um diese Perspektive vertreten zu können, fing er an die Freudsche Theorie selbst zu kritisieren.

An erster Stelle bemängelt er Freuds pessimistisches Menschenbild und dessen Aussagen, dass Fortschritt und Ausbildung einer Person immer einhergeht mit individueller Triebunterdrückung. Ebenso stellt er den Ödipus-Komplex, bei dem das männliche Kind die Mutter besitzen möchte und aufgrund Drohungen des Vaters diesen Trieb unterdrücken muss, als Voraussetzung zur Ausbildung eines Gewissens oder Über-Ichs in Frage. Für Fromm war es reine Theorie zu sagen, dass erst die Akzeptanz des Vaters als Autoritätsperson Heranwachsende selbst zu Autoritätspersonen werden können. Aufgrund dessen forschte man nach anderen Formen der Ich-Entwicklung, die zeigt, dass diese Strukturen historisch und ethnologisch bedingt sind.

[...]


1 Vgl. http://www.philolex.de/frankfur.htm (Stand: 11.09.2013)

2 Vgl. Vorlesung der Universität Rostock, Anhang Nummer 1.

3 Vgl. H. Dubiel, 3. Auflage 2001, S. 40.

4 Vgl. H. Dubiel, 3. Auflage 2001, S. 41.

5 Vgl. H. Dubiel, 3. Auflage 2001, S. 41.

6 Vgl. http://www.erich-fromm.de (Stand: 11.09.2013)

7 Vgl. H. Dubiel, 3. Auflage 2001, S. 45.

8 Vgl. H. Dubiel, 3. Auflage 2001, S. 47.

9 Vgl. H. Dubiel, 3. Auflage 2001, S. 48-49.

Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656970767
ISBN (Buch)
9783656970774
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300857
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fachbereich Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Dubiel Philosophie Kritik kritisch Regime Gesellschaft Horkheimer Habermas Einführung LMU Theorie

Autor

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