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"Social Freezing" in der Fernsehdiskussion "Eiskalte Karriereplanung. Ist Kinderkriegen Chefsache?" von Günther Jauch

Eine Deutungsmusteranalyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Handlungs- / Bezugsproblem

Deutungsmusteranalyse

Ökonomischer Topos
„Private Dinge, darf man nicht kommerziell betreiben“
„Man soll das Leben nicht nach der Karriere planen/ das Leben nicht durchökonomisieren“

Moralischer Topos
Ebene der Natur
„Man darf nicht in die Natur eingreifen“
Politische Ebene
„Ein politischer Missstand sollte politisch kollektiv gelöst werden“
Medizinische Ebene
„Medizinische Verfahren sollten eine ausreichend lange Testphase vollzogen haben“
Ebene der Arbeitgeber
„Der Arbeitgeber ist die schwarze Seite der Macht und will dem Arbeitnehmer nichts Gutes“

Geschlechterbild Topos
„Eine Frau soll zu einem bestimmten Alter Kinder bekommen und für diese sorgen“
„Zwischen Frauen und Männern sollte Gleichberechtigung herrschen“
Ebene der Selbstbestimmung
„Jeder Mensch sollte die Freiheit besitzen, selbstbestimmt zu handeln“

Auswertung

Literaturverzeichnis

Handlungs- / Bezugsproblem

Social Freezing- darf man sowas oder darf man sowas nicht? Mit dieser Frage setzt sich die Fernsehsendung „Eiskalte Karriereplanung - ist Kinderkriegen Chefsache?“ von Günther Jauch auseinander. Social Freezing bezeichnet dabei das Einfrieren von unbefruchteten Eizellen, um Frauen die Möglichkeit zu verschaffen, ein Kind zu der von Ihnen gewünschten Zeit zu bekommen. Man muss sich aber die Frage stellen: „wäre es ein unmoralisches Angebot, als Arbeitgeber Frauen so etwas zu ermöglichen“1 ? Dass es sich um ein moralisches Problem handelt, wird schon in der Überschrift deutlich. „Eiskalte Karriereplanung“ signalisiert dem Zuschauer Gefühllosigkeit, Abgestumpftheit gegenüber einem solch privaten Thema wie das Kinderkriegen. Genau dieses Paradoxon wirft eine Diskussion über das Thema Social Freezing auf. Das Bezugsproblem - darf ich meine Eizellen einfrieren, um zu dem von mir gewünschten Zeitpunkt ein Kind zu bekommen ruft Befürworter wie auch Kritiker hervor. Das erfahren wir bereits im Informationstext zur Diskussion. Das Handlungsproblem entsteht dabei für alle Frauen im gebärfähigen Alter und wirft Fragen auf, wie: „greift der Arbeitgeber da [zu] tief in das privateste ein oder ist es für Frauen ein tolles Angebot über den richtigen Zeitpunkt für ein Baby ganz selbstbestimmt und auch ohne Angst vor der biologischen Uhr zu entscheiden?“2. In der folgenden Deutungsmusteranalyse sollen die differenten Sichtweisen zum Bezugsproblem offen gelegt werden und die Begründungen der Diskussionspartner den Zugang zu übergeordneten Deutungsmustern ermöglichen. Dazu werden Handlungsorientierung, also die normative Struktur sowie die kognitive Struktur der Argumente herausgearbeitet, um in einem weiteren Schritt prüfen zu können, wie verbreitet und verankert das Problem im Alltag ist und wie es letztlich bewertet werden kann. Dabei werden kognitive und normative Struktur nicht immer explizit benannt. Damit im weiteren Verlauf der Deutungsmusteranalyse nicht immer in Satzform erklärt werden muss, ob es sich nun um die kognitive Struktur, also die Frage „Was ist der Fall“ oder um die normative Struktur mit der Frage „Was ist zu tun“ handelt, wird dies im Nachfolgenden in Klammern (kognitiv beziehungsweise normativ) angegeben.

Warum wir über dieses Thema sprechen, wird von Günther Jauch gleich zu Beginn der Sendung deutlich gemacht. Die augenblickliche Relevanz des Themas liegt in der Begründung, dass Apple und Co dieses (unmoralische) Angebot bereits ihren Mitarbeitern gemacht haben3. Der derzeitige massenmediale Aufschrei zeigt, dass in der Gesellschaft für dieses Thema ein Diskussionsbedarf besteht.

In der Rekonstruktion der Deutungsmuster zur Thematik des Social Freezing lassen sich in der Fernsehsendung primär drei übergeordnete gesellschaftliche Rahmen feststellen. Neben Argumenten ökonomischer Herkunft reihen sich Begründungen, die eine moralische Natur aufweisen, sowie gesellschaftlich verankerte Geschlechterbilder. Die wichtigsten Untersuchungs- / Begründungsaspekte jener Topoi werden im weiteren Verlauf dieser Deutungsmusteranalyse dargestellt. Mit der Betrachtung des ökonomischen- , moralischen- , sowie geschlechterbildlichen Topos soll eine umfassende Analyse der Fernsehdiskussion vollzogen werden. Zur Beantwortung des Handlungsproblems „Social Freezing - darf man sowas oder darf man sowas nicht“ hilft uns der Rückbezug von den Argumentationen der Diskussionspartner auf die Deutungsmusterebene. Dabei soll in der Analyse ebenfalls beachtet werden, ob sich die Argumente für oder gegen das Social Freezing eher mit der Frage „Was ist gut für die Frau“ oder mit der Frage „Was ist gut für das Kind“ vereinbaren lassen. Da soziale Deutungsmuster am besten durch den systematischen Vergleich von Stellungsnahmen und Begründungen erfasst werden, ist dies der Schritt der, im Nachfolgenden vollzogen wird4. Dieser systematische Vergleich dient ebenfalls dem Quervergleich der Deutungsmuster und lässt uns eine sogenannte Typisierung der Deutungsmuster vollziehen. Die Typisierung dient dabei nochmals der Ausarbeitung von Verbreitung und Verankerung der herausgearbeiteten Deutungsmuster in der Gesellschaft. In dieser Deutungsmusteranalyse sind die Typen als Überschrift der jeweilig zugehörigen Deutungsmuster gegeben. Dabei handelt es sich um eine Typisierung mit geringem Abstraktionsniveau, eine weitere Typisierung in die drei oben genannten Topoi wird in einem zweiten Schritt jedoch auch vollzogen.

Deutungsmusteranalyse

Ökonomischer Topos

„Private Dinge darf man nicht kommerziell betreiben“

Erst Karriere machen, dann Kinder kriegen und somit das Leben voll durchplanbar gestalten? Ranga Yogeshwar kann in der Fernsehdiskussion als Gegner des Social Freezing rubriziert werden, ihn stört: „Selbst das Kinderkriegen werde inzwischen durchökonomisiert“5 (kognitiv). In der normativen Struktur und somit in Yogeshwars Argumentation ist dazu herauszuarbeiten: „Die Wirtschaft sollte sich nach dem Menschen richten, [nicht umgekehrt]“6. Er bezeichnet das Einfrieren von Eizellen als ein riesen Geschäft, das Milliarden Umsatz generiere. Social Freezing sei „ein Geschäft mit dem Privatesten was wir haben“7 (kognitiv). Hierbei wird von ihm auf das Deutungsmuster „Private Dinge darf man nicht kommerziell betreiben“ zurückgegriffen. Yogeshwars Argumentation findet Anklang unter dem Hintergrund, dass in der Gesellschaft der Zusammenhang zwischen Privatem und Ökonomischem als negativ wahrgenommen wird. Dass dieses Weltbild gesellschaftlich verankert ist, wird hier durch den Applaus des Publikums ganz klar. Bemerkenswert ist dabei, dass Sharon Berkal, welche eher als Befürworterin des Social Freezing einzustufen ist, diese gesellschaftliche Anerkennung durch das Klatschen wahrnimmt und Herrn Yogeshwars Sichtweise als „klassisches Weltbild“8 bezeichnet. Das Deutungsmuster „Private Dinge darf man nicht kommerziell betreiben“ wird von Herrn Yogeshwar jedoch nicht explizit angesprochen. Für Ihn sind die Motive für das Social Freezing „zu kommerziell“9 (kognitiv), dabei wählt er den Begriff „kommerziell“ ganz explizit, da er implizit erwartet, dass der Begriff des kommerziellen negativ behaftet ist und somit etwas als böse erachtet wird, allein weil es kommerziell betrieben wird.

„Man soll das Leben nicht nach der Karriere planen/ das Leben nicht durchökonomisieren“

Einhergehend mit dem Deutungsmuster „private Dinge darf man nicht kommerziell betreiben“ ist das Deutungsmuster „Man soll das Leben nicht nach der Karriere planen“. Gleich zu Beginn der Diskussion argumentiert Yogeshwar auf die Frage, wie die Wirtschaft mit dem Menschen umzugehen hat, (kognitiv) „dass die Wirtschaft [...] sich nach dem Menschen richten sollte und nicht der Mensch anfängt […] Klimmzüge zu machen, damit bestimmte Firmen noch reicher werden“10 (normativ). Jauch bezieht sich zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls auf das Deutungsmuster in dem er anbringt: „Es gibt die Überlegungen, sein Leben zu optimieren“11 (kognitiv). Für die Diskussionspartner stellen sich Fragen wie: „Was mach ich jetzt, was mach ich in zwei Jahren, wie komm ich mit meinem Freund aus?“12 (kognitiv). Elisabeth Niejahr befürwortet zwar, dass sich solche Fragen bei ihr auch gestellt haben, letzten Endes aber das ganze „Rumoptimieren“13 nichts gebracht hat. Das Kinderkriegen ist für sie eines der großen Themen, „die man eben nicht hundertprozentig plane"14 (kognitiv). Ein weiteres Element der kognitiven Struktur, welches sich auf das Deutungsmuster „Man soll das Leben nicht nach der Karriere planen / nicht durchökonomisieren“ bezieht, ist Yogeshwars These: „Wir definieren uns über Überstunden, […] und vergessen das wichtigste im Leben und das ist nicht der Job, das ist nicht die Karriere“15. Er findet: „Da hat sich eine Entwicklung aufgetan, [das Kinderkriegen nach der Karriere zu planen], die erstens mal total falsch ist […] und ich finde es unerträglich, dass im Jahr zweitausendvierzehn, immer dann, wenn wir von Karriere reden, wir so tun als sei Familie ein Fremdkörper“16 (kognitiv).

Diese herausgearbeiteten Deutungsmuster „Private Dinge darf man nicht kommerziell betreiben“ und „Man soll das Leben nicht nach der Karriere planen/ nicht durchökonomisieren“ lassen sich als den ökonomischen Typus von Deutungsmustern herausstellen. Sie unterliegen ökonomischen

Aspekten, welche in den Zusammenhang mit Privatem gebracht werden. Dieser Zusammenhang wird in der Gesellschaft als negativer Sinnzusammenhang wahrgenommen und dient deshalb primär Yogeshwars Argumentation gegen das Social Freezing.

Moralischer Topos

Ebene der Natur

„Man darf nicht in die Natur eingreifen“

Die gesellschaftliche Präsens des Themas Social Freezing wird in der Fernsehdiskussion auch noch einmal deutlich, indem Frau Berkal von der Reaktion ihres Freundeskreises auf das Thema erzählt. Sie wäre auf „Unmut gestoßen“17 und ihr wurde vorgeworfen „[sie] würde [sich] ein Recht rausnehmen, das man nicht dürfte“18 (kognitiv). „Der Akt des Zeugens, [müsse] doch natürlich passieren“19 (normativ). Bei dieser Reaktion des Freundeskreises wurde in der Argumentation auf das Deutungsmuster „Man darf nicht in die Natur eingreifen“ bezuggenommen. Weil das Verfahren des Social Freezing nicht in dieses Weltbild passt „[gab es] kaum jemanden, der gesagt hat: Super, das ist ja auch ein Signal und ein Zeichen fürs Leben- ein ja zum Leben“20 (kognitiv). Dieses Deutungsmuster wird sogar in der Diskussion spezifisch von Ranga Yogeshwar formuliert. Dass es sozial geteilt ist, lässt sich daran ausmachen, dass selbst Petra Dahlhoff Yogeshwars These aufnimmt und erklärt „dass man der Natur seinen freien Lauf lassen sollte“21 (normativ).

Dieses Deutungsmuster kann dem moralischen Topos zugeordnet werden. Es wird sich in der Argumentation auf moralische Aspekte bezogen. Das Deutungsmuster „Man darf nicht in die Natur eingreifen“ geht dabei zurück auf die unersättliche jahrhunderte alte Frage: Wie stark darf der Mensch in die Natur / die Schöpfung eingreifen. Die nachfolgenden drei Deutungsmuster können ebenfalls dem übergeordneten moralischen Topos zugeordnet werden.

Politische Ebene

„Ein politischer Missstand sollte politisch kollektiv gelöst werden“

„Ich möchte [die Eizellenentnahme] nicht jede Woche über mich ergehen lassen, aber es war in Ordnung“22 (kognitiv). Diese Aussage trifft Sharon Berkal und wirft bei Elisabeth Niejahr damit das Problem auf: „Ob das der Maßstab [sein kann]“23 (kognitiv). Grund für ihr eigenes Hadern und Schämen sieht sie nämlich in der Frage „Wie wäre es, wenn alle das so machen würden?“24 (kognitiv). Die Schwierigkeit der Frage, wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind, ist mit dem Einfrieren von Eizellen aber nicht gelöst. „Es ist nicht erstrebenswert, dass es um sich greift, weil ich mir eigentlich wünsche, dass sich die Arbeitswelt / Familienpolitik dahin verändert, dass es viel einfacher ist […], dass man sich nicht entscheiden muss“25 (normativ). Ihr Argument basiert darauf, dass die Unvereinbarkeit von Karriere und Beruf als politischer Missstand in der Gesellschaft verstanden wird. Zu lösen ist dieser Missstand aber auch nur durch eine kollektive Anpassung der Politik. Sie selbst sagt: „ Es ist eine unpolitische Antwort auf ein politisches Problem“26 (kognitiv), was abschließend dazu geführt hat, dass sie sich für das Einfrieren Ihrer Eizellen schämte und dies trotz nachvollziehbarem individuellem Argument der Krankheit. Sie argumentiert auf Basis des Deutungsmusters: “Ein politischer Missstand sollte politisch kollektiv gelöst werden“. Und führt deshalb an: „Je mehr Frauen [aber] diesen Weg wählen, zu sagen, ich manipulier meine Fruchtbarkeit, so dass es funktioniert, desto weniger wird sich [im politischen System] ändern“27 (kognitiv). Ebenfalls Petra Dahlhoff spielt auf den Gedanken an, dass die Social Freezing Debatte durch ein gesellschaftspolitisches Problem ausgelöst wurde.

[...]


1 Vgl. Günther Jauch, 2

2 Günther Jauch, 2

3 Vgl. Jauch Günther, 2

4 Vgl. Carsten G. Ullrich, 443

5 Sprecher Günther Jauch, 3

6 Ranga Yogeshwar, 4

7 Ranga Yogeshwar, 27

8 Sharon Berkal, 29

9 Ranga Yogeshwar, 28

10 Ranga Yogeshwar, 4

11 Günther Jauch, 51

12 Günther Jauch, 51

13 Elisabeth Niejahr, 53

14 Elisabeth Niejahr , 53

15 Ranga Yogeshwar, 48

16 Ranga Yogeshwar, 47 f.

17 Sharon Berkal, 14

18 Sharon Berkal, 14

19 Sharon Berkal, 14

20 Sharon Berkal, 15

21 Petra Dahlhoff, 30

22 Sharon Berkal, 11

23 Elisabeth Niejahr, 12

24 Elisabeth Niejahr, 12

25 Elisabeth Niejahr, 12

26 Elisabeth Niejahr, 14

27 Elisabeth Niejahr, 12

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783956872433
ISBN (Buch)
9783668003644
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301080
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
social freezing fernsehdiskussion eiskalte karriereplanung kinderkriegen chefsache günther jauch eine deutungsmusteranalyse

Autor

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Titel: "Social Freezing" in der Fernsehdiskussion "Eiskalte Karriereplanung. Ist Kinderkriegen Chefsache?" von Günther Jauch