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Androgyn. Eine Untersuchung über den vollkommenen Menschen mit Bezug auf „Orlando. Eine Biografie“ von Virginia Woolf

Seminararbeit 2015 21 Seiten

Didaktik - Englisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1 Geschlechtlichkeiten
1.1 Das konstruierte Geschlecht
1.2 Zwischen und außerhalb der Geschlechtergrenzen

2 Androgynie
2.1 Ideal und Urzustand
2.2 Literatur

3 Virginia Woolf und der vollkommene Mensch
3.1 Virginia, Vita und Orlando
3.2 Orlando und die Auflösung der Polarität

Fazit

Literatur

„ Alles von sich zu werfen und dies einer Person des anderen Geschlechts einzuverleiben, was wir in uns selbst vermissen und im Universum ersehnen und in der Menschheit verabscheuen, ist sowohl bei M ä nnern wie Frauen ein tiefer und universaler Trieb. “ 1

Vorwort

Androgynie - ein Begriff, der gesellschaftlich sowohl das äußerliche Zusammenwirken “männlicher“ und “weiblicher“ Geschlechtsmerkmale als auch dessen mythologischen Hintergrund in sich trägt. Seine Verwendung bezieht sich auf die Vereinigung sowie Vervollkommnung durch den weiblichen und männlichen Pol in einer Person oder in einem Körper. Die Mythen und Legenden zu Androgynie reichen weit in die Historie zurück. Eine Vielzahl von ihnen enthält Bezüge zum Göttlichen und Vollkommenen. Ambivalent dazu verhält sich heute das gesellschaftliche Bild von Vielgeschlechtlichkeit, beziehungsweise Geschlechtlichkeit, die sich nicht in das Zweigeschlechtersystem von Mann und Frau einordnen lässt. Das dritte Geschlecht, Geschlechtslosigkeit, Inter- und Transsexualität sowie Androgynie existieren, wenn überhaupt, am Rande des gesellschaft- lichen und politischen Diskurses, obgleich sie ein breites Thema in der Geschlechterfor- schung darstellen. Die Thematik Androgynie ist eng verflochten mit der Gendertheorie und der Konstruktion von Rollenbildern und Geschlechtsidentitäten.

Literarisch aufgearbeitet wurde das Thema Androgynie in der westlichen Gesellschaft beispielsweise in der Romantik von Goethe und Kleist oder in der Literatur des Fin de siécle. Auch Geschlechter- oder Rollentauschgeschichten, beispielsweise in der DDR- Literatur tragen insofern einen androgynen Charakter, als sie weiblich und männlich konnotierte Eigenschaften in Figuren vereinen und so Bezüge zu den vermeintlichen Polen, die in Menschen stecken und durch Sozialisation unterdrückt werden, herstellen. In der Literatur sowie in allen anderen Künsten wird der Aspekt der Androgynie vielfach auf- und häufig auch auf dessen mythologische Ursprünge zurückgegriffen.

Besonders deutlich und beeindruckend bleibt der Geschlechtertausch Orlandos, der Figur aus Virginia Woolfs „Orlando. Eine Biografie“, welche sich zwischen dem Fortlauf der Geschichte und vorbeiziehenden Jahrhunderten innerhalb einiger Nächte von einem biolo- gisch gesehen männlichen zu einem biologisch gesehen weiblichen Menschen verwandelt. Was Orlando daraus macht, was dies aus Orlando macht sowie was das Motiv Androgynie für Schlüsse auf Virginia Woolfs Menschen- und Geschlechterbild zulässt, soll im Verlauf dieser Arbeit diskutiert und auf andere Perspektiven des Themenbereiches projiziert werden. Dazu werden Textstellen aus dem Roman herausgegriffen und weitere Schriften Woolfs sowie Bezüge zum androgynen Genie gestreift. Anknüpfend an eine Klärung zuge- höriger Begrifflichkeiten wird sich dem Begriff Androgynie unter mythologischen und psychologischen Gesichtspunkten genähert, um ihn schließlich auf „Orlando. Eine Biografie“, zu beziehen. Ob Androgynie bei Woolf ein Begriff ist, der ihr nutzte etwas darzustellen, was heute mit der Gendertheorie beschrieben würde, wird thematisiert.

Konkrete Grenzen um den Begriff Androgynie zu ziehen ist gleichsam unmöglich wie über die Konstruiertheit der Geschlechterrollen hinwegzublicken. Der Begriff ist aus zahl- losen Perspektiven heraus zu betrachten. So fokussieren Teile der modernen Geschlechter- soziologie den Begriff losgelöst vom Körperlichen und stellen die Frage nach der Sozial- struktur gesellschaftlicher Rollenbilder in den Vordergrund. Das geschichtliche und mythologische Vorwissen kann ebenfalls nicht aus dem Hintergrund gewischt werden, da es, wie auch medizinische und psychologische Studien, Teil einer generationsübergrei- fenden Sozialisation darstellt. Alle mythischen und faktischen Grundlagen in literarischen, philosophischen und wissenschaftlichen Überlieferungen sowie die dazu komplementären Verankerungen in unserem Denken und Handeln können in dieser Arbeit nicht zur Gänze erfasst werden. Stattdessen folgen Bemühungen, einen Überblick der Möglichkeiten von personaler Vielfalt zu geben und diese zusammen mit der Gendertheorie und dem Andro- gyniekonzept auf das literarische Schaffen Virginia Woolfs zurückzuführen.

1 Geschlechtlichkeiten

Um verständlich mit Begriffen zu verschiedenen Bereichen des Geschlechts um sich werfen zu können, fällt der erste Blick auf die Gendertheorie, der nächste auf die sich voneinander abgrenzenden Begriffe rund um die Androgynie.

1.1 Das konstruierte Geschlecht

Ein Denken in den Kategorien m ä nnlich und weiblich zur Unterscheidung von Menschen ist tief verankert. Das primäre Urteil über eine Person ist die Einteilung in eine dieser Ka- tegorien des Zweigeschlechtersystems, welches zudem ein heteronormatives Weltbild, auch in Bezug auf Sexualität, mit sich bringt. In der Queer- und Geschlechterforschung wird dieses Zweigeschlechtersystem kritisch reflektiert. Ein Fokus liegt dabei auf dem sozial und kulturell konstruierten Geschlecht und seinem Verhalten. Diese soziale, durch kulturell vorgegebene Geschlechterrollen einer Gesellschaft konstruierte und folglich immer wieder reproduzierte Geschlechtskategorie, wird gender genannt und von dem anatomischen Geschlecht sex, unterschieden. Eine solche Differenzierung erlaubt ein “natürliches“ Geschlecht und Geschlechterverhalten in Frage zu stellen. Sex muss also nicht gleich gender sein.2 Seit den 1970er Jahren ist in der feministischen Theorie die Verwendung der Begriffe sex und gender gebräuchlich, welche ursprünglich aus dem medizinischen Kontext der Behandlung Trans- und Intersexueller stammen.3 In feministi- schen Analysen der 1960er bis 1980er Jahren stellte sex meist die Basis für die weiteren Ausformungen der Geschlechterrolle dar. In späteren Diskursen der Geschlechterfor- schung wird dagegen ebenfalls die „ soziale Konstruiertheit k ö rperlich-materieller Geschlechtlichkeit “ betont. Judith Butler stellt in „Gender Trouble“ die vermeintlich körperliche Wahrheit als ein Konstrukt heteronormativer, also ihren Ausgangspunkt in der vorherrschenden heterosexuellen Weltsicht eines Zweigeschlechtersystems verankerten, Diskurse dar.4 In der ethnologischen Geschlechterforschung herrscht ebenfalls ein Diskurs über die Schlussfolgerung des Geschlechts einer Person in Anbetracht ihrer anatomischen Merkmale. So führt Shelley Errington zusätzlich den Begriff Sex ein, welcher im Unter- schied zu sex, dem biologischen Geschlechtskörper, für die „ spezifische euro-amerikani- sche Konzeption “, also kulturelle Konstruktion dessen stehen soll.5 Auch durch den Einfluss der Transgender-Theorie haben sich bis heute die Genderkategorien, über die Dualität von männlichem und weiblichem weit hinaus, vervielfältigt.6 Dies gilt sowohl für die generelle Sicht auf das Geschlecht, als auch für seine Differenzierungen innerhalb einer Person. So wird heute zwischen verschiedenen körperlichen Geschlechtsmerkmalen, den chromosonalen, gonatalen und anatomischen/genitalen sowie dem sozialen Geschlecht unterschieden, welches einem Menschen in der Regel anhand seiner körperli- chen Geschlechtsmerkmale nach der Geburt zugeteilt und ansozialisiert wird.7

1.2 Zwischen und außerhalb der Geschlechtergrenzen

Die Vielfalt an tatsächlichen möglichen Geschlechtern nimmt in Worten und Identitäten eine derartige Vielschichtigkeit an, dass zuallererst deutlich gemacht sein soll, dass ein Übergehen oder undeutliches Herausstellen einiger davon, nicht dem mangelnden Respekt oder Anerkennung ihrer zu Grunde liegt, sondern lediglich der Schwierigkeit in der Erfas- sung einer Gesamtheit geschuldet ist und ferner besonders dies herausgearbeitet wird, was dem weiteren Verlauf der Beschreibungen bezüglich der Androgynie und des Geschlech- tertauschs dienlich ist. Auch die verschiedenen Ausprägungen von Sexualität und Geschlecht sind unmöglich klar zu umrunden. Dies scheint aber auch gar nicht mehr nötig, sofern vom Zweigeschlechtersystem abgesehen und alles was dazwischen, daneben oder außerhalb davon existiert nicht mehr als Abweichung von einer Norm oder als eine Ausnahme angesehen wird.

Beispielsweise wird die Existenz intersexueller Menschen gesellschaftlich stark verschleiert. „Definitionen“ für diese “Kategorie“ sind sehr unterschiedlich. „ Der interse- xuelle K ö rper ist ein Geschlechtsk ö rper, f ü r den es keine geschlechtlichen Kategorien gibt. “ 8 Intersexualität ist, abhängig vom individuellen sowie argumentativem Hintergrund, etwas sehr unterschiedliches.9 So wird zwar davon gesprochen, dass ein Mensch interse- xuell ist, wenn er „männliche“ und „weibliche“ Geschlechtsmerkmale in sich trägt, wobei es die unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen auf hormoneller, anatomischer und psychosozialer Ebene für diese Merkmale geben kann. Ein intersexueller Mensch kann sich ebenso für eine soziale Kategorie entscheiden oder aber frei von diesen Zuschrei- bungen machen und selbst als ein drittes Geschlecht bezeichnen ohne die Begriffe unseres Zweigeschlechtersystems zu verwenden.10 Diese „ westlich-subkulturellen Emanzipations- diskurse “ hängen eng mit der Gender- und Queertheorie zusammen und von ihnen ab.11 So ist auch die „ queere Identit ä t “ eine Alternative zu einer des Zweigeschlechtermodells, die für keine konkrete Zuordnung stehen muss. Diese dritten Identitäten sind jedoch nur für jede Person selbst auszumachen. In Deutschland beispielsweise ist etwas wie das dritte Geschlecht juristisch nicht anerkannt, sodass Menschen einem Geschlecht zugeteilt werden m ü ssen und dabei nur zwischen Zweien entschieden werden kann.12 In vielen Kulturen wird ein drittes soziales Geschlecht als üblicher angesehen und gesellschaftlich, wenn auch meist stigmatisiert und diskriminiert, angenommen und juristisch anerkannt. Dabei handelt es sich um körperlich nicht eindeutig zuzuordnende Menschen, oder auch solche, die ihren Körper operativ sowie hormonell, beziehungsweise ihr Erscheinungsbild hinsichtlich des Geschlechts verändern oder lediglich die soziale, gesellschaftliche, fami- liäre Rolle einnehmen, die ihrem sex “ normalerweise“ nicht entspräche.13 Menschen, die mit einem bestimmten Sex geboren werden und sich im Laufe ihres Lebens entscheiden, entweder das “zugehörige“gender oder auch ihr sex zu verändern, werden Transsexuelle genannt. Sie identifizieren sich mit dem Gegenpol zu ihrem Geburtsgeschlecht. Einerseits bewegen sich trans- und intersexuelle Menschen innerhalb des Zweigeschlech- tersystems, wenn sie Aussehen und Verhalten vom jeweils anderen sozialen Geschlecht übernehmen, andererseits werden sie aber in manchen Kulturen als drittes Geschlecht behandelt und bezeichnet oder nennen sich selbst so (Bsp. Hijras in Indien und Pakistan oder travesties in Brasilien).14 Vielfach vereinigen sie also auch sozial männliche und sozial weibliche Attribute in Körper oder Verhalten, was sie sich wiederum vom üblichen Modell der Geschlechter abheben lässt, obwohl sie lediglich Merkmale nutzen, die daraus stammen. Diese Vereinigung von weiblichen und männlichen Merkmalen, seien sie sozial oder anatomisch, findet sich im Sprachgebrauch häufig als Androgynie.

2 Androgynie

Der Ausdruck Androgynie oder Androgynität leitet sich von altgriechisch andros für Mann und gyne für Frau ab. Er bedeutet also soviel wie „ Mannfrau “ oder „ weibliche und m ä nnliche Merkmale vereinigend “.15

Medizinisch bezeichnete Androgynie früher die Existenz weiblicher sekundärer Geschlechtsmerkmale sowie die eines männlichen chromosomalen Geschlechts (auch Pseudohermaphroditismus) in einem Körper.16 Heute wird das Wort umgangssprachlich eher für das äußere Wirken einer Person verwendet, wenn diese männliche und weibliche oder aber unzuzuordnende Merkmale in sich vereint.

Im Unterschied zum Hermaphroditismus, der seine Ursprungsbezeichnung aus Ovids grie- chischem Mythos über den „Sohn“ von Hermes und Aphrodite erhielt, welcher in Vereini- gung mit einer Nymphe zweigeschlechtlich wurde und einen tatsächlichen körperlichen Dualismus beschreibt, bezeichnet Androgynie eher „ [...] eine abstrakte Vorstellung, [ist] nicht darstellbar, nur andeutungsweise, [ … ] ist der reinen Geisteswelt vorbehalten. “ 17 Allerdings überschneiden sich die Begriffe in Historie und Gebrauch stark. So ist Andro- gynie zu einer Art Oberbegriff für den Hermaphroditen, Transvestiten, Eunuchen, Scha- manen, Homosexuellen und vielen mehr geworden. Genau dadurch ist jedoch festzu- halten, dass Androgynie für verschiedenste Ausprägungen von Geschlecht herangezogen wird, ferner alles in sich vereinen und „ [...] einer allzu eindeutigen Zuordnung zu einem Geschlecht entgehen, das Verlangen, Grenzen zu sprengen und Widerspr ü chliches in Einklang zu bringen, der Traum vom Gl ü ck. “ 18 sein kann.

Die Geschichte des Androgyn reicht weit zurück sowie durch (Schöpfungs-)Mythen unterschiedlicher Kulturen. Nur einige davon sollen hier ihren zu geringen Platz finden.

2.1 Ideal und Urzustand

So schrieb der griechische Philosoph Platon 340 vor Christus, im „Symposium“, das grie- chische Mythen und Philosophie in sich vermengt, von der „ Mannweiblichkeit “, die vor der Zeit der zwei Geschlechter als drittes Geschlecht existiert haben soll. Dies soll aus einer Symbiose von zwei Körpern bestanden haben, die zusammen eine Kugelform ergaben, also aus zwei Gesichtern und Geschlechtsteilen, vier Armen und Beinen sowie allem Weiteren.19 Das Weibliche sei danach der Erde, das Männliche der Sonne und das Gemeinsame dem Mond entsprungen. In seiner Vollkommenheit schienen diese dritte Wesen allerdings zu mächtig und der Gott Zeus schnitt sie in Zwei, um einem Aufbe- gehren gegen die Gött_innen vorzubeugen. Da sie nun vor Sehnsucht nach der anderen Hälfte vergingen, schuf er die Möglichkeit zur Fortpflanzung, sodass sie in ihrem Zusam- mensein Befriedigung finden könnten. Jeder Mensch sei nach Platon daher nur eine „ Halbmarke von einem Menschen “, die fortwährend nach ihrer anderen Hälfte suche. „ Und so f ü hrt die Begierde und das Streben nach dem Ganzen den Namen Liebe. “ 20

In der östlichen Kultur, besonders im Hinduismus und in der Lehre des Tantra, aber auch im Buddhismus und chinesischen Philosophie des Tao und Yin und Yan spielt die Vereinigung, das Zusammenspiel von Weiblichem und Männlichen eine tragende Rolle. Als ursprüngliche Kraft ist die Vereinigung in der Sanskrit-Literatur gleichsam als Auflösung der weltlichen Beschränkungen zu sehen, da die Seele hier sex - und gender los ist. Androgyne Züge sind in vielen verehrten Figuren zu finden. So gleicht ein mancher Buddha einer Frau, so wird Krishna zur Frau, um zu heiraten. Androgynie kann hier Vollkommenheit, Ganzheit, Glück und ein anzustrebendes Ideal bedeuten.

Eines der verbreitetsten Bilder von Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen ist vielleicht das der hinduistischen Gottheiten Shiva und Shakti in einem Körper aus der indischen Mythologie. Shivas Verkörperung Ardhanarishvara besteht bildlich aus zwei Hälften, einer männlichen und einer weiblichen.21 Seine Vollkommenheit ist nur durch beide Seiten gewährleistet. Sie wird von den verschiedensten Strömungen ebenso verschieden interpretiert. So ist ihre Vereinigung in der Lehre des Tantras beispielsweise eine gleichberechtigte, manchmal auch die Weiblichkeit emporhebende. Andere Quellen verweisen jedoch auf die hierarchische Ordnung des Bildes, in der Shakti als weibliche Komponente Shivas erscheine, die ihn vervollständigt, was umgekehrt jedoch nicht der Fall sei.22 Und in der Tat führen indische Schöpfungsgeschichten meist das Männliche zur Vollkommenheit durch die Aufnahme des Weiblichen in sich. Brahma, der allumfassende Gott, vervollkommnete sich durch die Abspaltung und anschließende Wiedervereinigung mit seiner weiblichen Hälfte.23

Die Passivität des Weiblichen durch die aktive Übernahme vom männlichen Part scheint verbreiteter oder zumindest gesellschaftlich sichtbarer zu sein.

In der Psychologie ist ebenfalls der Aspekt des Strebens nach der Vereinigung von weib- lich und männlich als Ideal zu erkennen. Zwar werden auch hier die Geschlechter erst einmal strikt in ihre Eigenschaften aufgeteilt, die Übernahme der jeweils entgegenge- setzten gilt jedoch als freiere Entwicklungsmöglichkeit für das Individuum, welches dadurch mehr positive Eigenschaften in sich vereinen kann. Die Geschlechterrollen gelten auch hier als sozial definiert.24

Nach dem Psychologen C.G. Jung sind Männlichkeit und Weiblichkeit in jedem Menschen vorhanden und nicht durch eine biologische Hülle zu begrenzen. Die Männlichkeit in der Frau nennt er Animus, die Weiblichkeit im Mann Anima. Diese Tendenzen befänden sich zunächst im Unterbewussten, müssten erst wahrgenommen und anschließend durch einen Austausch zwischen Ich und Unterbewussten in die Persönlichkeitsstruktur integriert werden, sodass diese geformt werden könne. Gründe für die Verdrängung von Anima und Animus sieht er in der Sozialisation,25 was dem gender -Begriff nahe kommt. Im Zusam- menleben könnten sich Mann und Frau dennoch zu einem Optimum ergänzen.26 Sigmund Freud vertrat in seiner Sexualtheorie dagegen die These, dass sich menschliches Verhalten von körperlichen Merkmalen ableite, Anatomie also Schicksal sei. Allerdings ging er auch davon aus, jeder Mensch sei bisexuell, was entgegen einem heteronorma- tivem Weltbild steht und auf mehr als einen Pol im Menschen hindeutet.27 Androgynie ist also durch die Vereinigung bis hin zur Vervollkommnung der zwei Ge- schlechter zu kennzeichnen, nutzt dabei jedoch deren vermeintliche Polarität zueinander.

2.2 Literatur

Neben Thematisierung in Soziologie, Mythologie und Psychologie findet Androgynie un- vermeidlich ihren Weg in die Künste. Die Literatur greift sie seit jeher auf, sei es um das Vollkommene zu preisen, Sehnsucht und Liebe zu beschreiben oder das Genie zu charak- terisieren. Die Vielfalt der Darstellungen kann auch hier nur angerissen werden: Im Gegensatz zur Zeit der Renaissance und der frühneuzeitlichen Monstrenliteratur, in welcher das Androgyn als Perversion verurteilt wurde28, wird in Bezug auf die Frühro- mantik und damit beispielsweise auf Goethe, Schlegel, Schiller, Novalis, Kleist und Bren- tano heute von einem Androgynenmodell gesprochen, welches für „ eine utopische Ganz- heit und Vollkommenheit jenseits der Geschlechterdifferenz “ steht.29 Platons göttliches Bild des Androgynen wird hier aufgegriffen und zusammengeworfen mit einer Philoso- phie über die Aufhebung der Geschlechterdichotomie sowie der Trennung zwischen Mensch und Natur. Dieses mythologisch anmutende Moment von Androgynie wurde anschließend in der Aufklärung wieder aus anderen, nämlich rationaleren und wissen- schaftlichen Perspektiven, zum Beispiel die Pflanzenwelt betreffend, heraus betrachtet.30 In der Literatur des Fin de siécle wird das androgyne Motiv für die Hervorhebung der Sehnsucht nach Vollkommenheit mit Rückgriff auf ein Urprinzip des Menschen genutzt. Dabei spielt häufig entweder Bisexualität oder Enthaltsamkeit und Reinheit eine Rolle.31 Auch in Form von Rollen- und Geschlechtertausch taucht Androgynie in der Literatur auf. In der Nachkriegszeit und DDR Literatur der 70er Jahre geschieht dies nicht in der Form, wie sie in dieser Arbeit bezüglich Transsexualität erwähnt wurde, sondern vor allem durch die Übernahme männlich konnotierter Eigenschaften einer weiblich konnotierten Person, sodass diese Tätigkeiten nachgehen kann, die ansonsten männlich konnotierten Menschen vorbehalten wären.32 Überhaupt lässt sich nicht nur in (Schöpfungs-) Mythen eine hierarchische Konstruktion von Androgynie erkennen. In der Literatur dient die Verdeutlichung einer solchen Hierarchie häufig dazu, ihre Grundpfeiler, zunächst durch ein Umdenken und Aufheben des kategorisierenden Denkens, einzureißen.

3 Virginia Woolf und der vollkommene Mensch

Wie passt nun der Geschlechtertausch von Virginia Woolfs literarischer Figur Orlando und deren Wandlung zwischen den Geschlechtern in diese Spirale aus Umwandlungen, Polarität und dessen vermeintlichem Gegenteil: der Vereinigung der Pole? Orlando wurde in dieser Arbeit herausgegriffen, weil diese Figur sich von anderen Werken, diese Thematik betreffend, abhebt. Ihr androgyner Charakter kommt dadurch zustande, dass sie ist wie sie ist. Zudem umschreibt Woolf in ihrem Roman selbst Menschen und Eigenschaften mit dem Wort androgyn, welches bei ihr zumeist positiv zu bewerten ist. Ebenfalls besonders ist Woolfs Perspektive, welche geprägt ist von einer Gesellschaft und Zeit, die sie nicht unbedingt sein lässt wie es ihrem wahren Wesen entspricht.

3.1 Virginia, Vita und Orlando

Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf brach in ihren zahlreichen Essays, Romanen und Vorträgen mit ebenso zahlreichen Traditionen bezüglich der Geschlechterrollen, besonders der weiblichen. Für die Frauenbewegung wurde sie zu einer wichtigen Bezugs- figur. In ihren Schriften stärkt sie die Rolle der Frau, sodass andronormative Gesell- schaftsstrukturen hinterfragt werden. Dabei bewegt sie sich zwar zumeist innerhalb einer trennenden Geschlechterdichotomie, diese rückt aber durch die Stärkung des weiblichen Pols enger zusammen.33 Durch ihre eigene schwierige Situation als schreibende Frau, die Frauen liebt und mit ihrem Sinn für Emanzipation und Autonomie ihrer Zeit weit voraus war, verfestigte sich die Zuschreibung als Genie für ihre Person noch zusätzlich zum Bezug auf ihre literarischen Meisterwerke.34

„Orlando. Eine Biografie“ erschien erstmals und mit großem Erfolg 1928 in Woolfs mitge- gründeten Verlag „The Hogarth Press, London“.35

[...]


1 Woolf, Virginia: Frauen und Literatur - Essays. Frankfurt am Main 1989, S.40.

2 Vgl.: Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Studienbuch Literaturwissenschaft. Hrsg. von Iwan Michelangelo D`Aprile. Berlin 2008, S.10,11.

3 Vgl.: Degele, Nina: Gender/Queer. Studies. Eine Einführung. Basiswissen Soziologie. Hrsg. von Nina Degele, Christian Dries, Dominique Schirmer. München uvm. 2008, S.67.

4 Vgl.: Hartmann, Jutta, Klesse, Christian: Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht - eine Einführung. In: Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Studien interdisziplinärer Geschlechterforschung. Hrsg. von Jutta Hartmann, Christian Klesse, Peter Wagenknecht, Bettina Fritzsche, Kristina Hackmann. Wiesbaden 2007, S.11.

5 Vgl.: Lang, Claudia: Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Frankfurt am Main 2006, S.28 ff.

6 Vgl.: Hartmann, Jutta, Klesse, Christian: Heteronormativität. S.11.

7 Vgl.: Schweizer, Katinka: Grundlagen der psychosexuellen Entwicklung und „ihrer Störungen“. In: Sexuelle Identität und gesellschaftliche Norm. Göttinger Schriften zum Medizinrecht Band 10.Hrsg. von Gunnar Duttge, Wolfgang Engel, Barbara Zoll. Göttingen 2010, S.12.

8 Lang, Claudia: Intersexualität. S.12.

9 Vgl.: Ebenda. S.17.

10 Vgl.: Ebenda. S.185 ff.

11 Vgl.: Ebenda.

12 Vgl.: Kolbe, Angela: Intersexualität, Zweigeschlechtlichkeit und Verfassungsrecht. Eine interdisziplinäre Untersuchung. Nomos Universitätsschriften. Baden-Baden 2010, S.87-89.

13 Vgl.: Ebenda. S.48 - 57.

14 Vgl.: Ebenda. S.48 - 57 und Lindemann, Gesa: Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl. Wiesbaden 2011, S.12 - 15.

15 Vgl.: http://www.duden.de/rechtschreibung/androgyn (Letzter Aufruf: 22.05.2015).

16 Androgynität. In: Pschyrembel: Wörterbuch der Sexualität. Berlin/New York 2003.

17 Raehs, Andrea: Zur Ikonographie des Hermaphroditen. Frankfurth am Main 1990, S.8,9.

18 Vgl.: Bock, Ulla: Androgynie und Feminismus. Frauenbewegung zwischen Institution und Utopie. Ergebnisse der Frauenforschung, Band 16. Hrsg. an der Freien Universität Berlin. Weinheim, Basel 1988, S.123.

19 Vgl.: Platon: Sämliche Werke. Band 1, Berlin 1940, S.681. Gemeinfrei bereitgestellt von zeno.org, Volltextbibliothek, http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Das+Gastmahl (letzter Aufruf am 29.04.2015).

20 Ebenda. S.685.

21 Vgl.: Pfau, Hubert: Tantra. Kreuzlingen/München 2003, S.42-45.

22 Vgl.: Raehs, Andrea: Zur Ikonographie des Hermaphroditen. Frankfurth am Main 1990, S.35.

23 Vgl.: Bock, Ulla: Androgynie und Feminismus. S.130 ff.

24 Vgl.: Alfermann, Dorothee: Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten. Stuttgart 1996, S.58-60.

25 Vgl.: Jung, Carl G.: Beziehungen zwischen Ich und Unbewusstem. Düsseldorf 1971, S.80-82 u. S.47f.

26 Vgl.: Ebenda, S. 81 u. 48.

27 Vgl.: Bock, Ulla: Androgynie und Feminismus. S.153 ff.

28 Vgl.: Aurnhammer, Achim: Androgynie. Studien zu einem Motiv in der deutschsprachigen Literatur. Böhlau 1986, S.131, 132.

29 Vgl.: Fend, Mechthild: Grenzen der Männlichkeit. Der Androgyn in der französischen Kunst und Kunsttheorie 1750 - 1830. Berlin 2003, S.3, 11 - 89.

30 Vgl.: Aurnhammer, Achim: Androgynie. S.137.

31 Vgl.: Tegtmeier, Ralph: Zur Gestalt des Androgyns in der Literatur des Fin de siécles. In: Androgyn - Sehnsucht nach Vollkommenheit. Hrsg. von Ursula Prinz. Berlin 1986, S.113-116.

32 Meyer, Carla: Vertauschte Geschlechter - Verrückte Utopien. Geschlechtertausch-Phantasien in der DDR-Literatur der siebziger Jahre. Pfaffenweiler 1993, S.97.

33 Vgl.: Bettinger, Elfi: Das umkämpfte Bild - Zur Metapher bei Virginia Woolf. Weimar 1993, S.13-17.

34 Vgl.: Ebenda, S.10 .

35 Vgl.: Reichert, Klaus: Nachbemerkung. In: Virginia Woolf: Orlando. Eine Biografie. Hrsg. von Klaus Reichert. Frankfurt am Main, Wien, Zürich 2008, S.317.

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656977841
ISBN (Buch)
9783656977858
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301099
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
Schlagworte
androgyn eine untersuchung menschen bezug orlando biografie virginia woolf

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Titel: Androgyn. Eine Untersuchung über den vollkommenen Menschen mit Bezug auf „Orlando. Eine Biografie“ von Virginia Woolf