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Spielpädagogik. Das Spiel bei Fröbel im Vergleich zu aktuellen Spieltheorien

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Friedrich Fröbel und sein pädagogisches Werk.
1.1 Biographie
1.2 Fröbels Spielpädagogik
1.2.1 Kindergarten
1.2.2 Spielgaben
1.2.3 Mutter- und Koselieder
1.2.4 Ball- und Bewegungsspiele

2. neuere Erkenntnisse über das kindliche Spiel
2.1 Definition
2.2 Veränderungen des Spiels in der Entwicklung

3. Aktualität Fröbels im Vergleich zu neuen Ansätzen

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang
Anlage B: Zweite Spielgabe
Anlage C: dritte Spielgabe
Anlage D: vierte Spielgabe
Anlage E: fünfte Spielgabe
Anlage F: sechste Spielgabe

Einleitung

„Die Quelle alles Guten liegt im Spiel.“

Dieses Zitat stammt von Friedrich Wilhelm August Fröbel, einem der bedeutendsten Elementarpädagogen des 19. und 20. Jahrhunderts. Er gilt als der Erfinder des Kindergartens und hat begonnen das Spiel des Kindes für damalige Verhältnisse zu revolutionieren. Sein Kindergarten ist weltweit verbreitet, selbst in Großbritannien und den USA spricht man vom „Kindergarden“. Doch in wie weit hat seine Idee über das Spielen der Kinder die heutigen Ansätze beeinflusst und gibt es Parallelen zum heutigen Spiel? Diese Arbeit soll einen Überblick über Friedrich Fröbels Biographie geben, anschließend auf seine Spieltheorie eingehen und besonders die Spielgaben, welche heute noch vertrieben werden, genauer erklären. Im zweiten Teil soll die aktuelle Sicht auf das Spiels erläutert werden. Anschließend wird Fröbels Pädagogik auf Aktualität im Vergleich zu neuen Theorien geprüft.

1. Friedrich Fröbel und sein pädagogisches Werk.

Wenn der Name Friedrich Fröbel fällt, wissen Nicht-Pädagogen oftmals nichts damit anzufangen. Sagt man aber, dass er sozusagen der Erfinder des Kindergartens ist, hat jeder eine Idee davon, was er geleistet hat. Doch wie kam dieser Mensch dazu einen Garten für Kinder zu gründen? In diesem Kapitel wird zuerst die Person Friedrich Fröbel vorgestellt und anschließend seine Pädagogik und seine Spieltheorie genauer betrachtet.

1.1 Biographie

Am 21. April 1782 wurde Friedrich Wilhelm August Fröbel in Oberweißbach in Thüringen geboren. Er war der Jüngste von sieben Geschwistern einer Pfarrersfamilie. Seine Mutter starb 9 Monate nach seiner Geburt, doch sein Vater heiratete kurze Zeit später erneut. Friedrich Fröbel wurde überwiegend von seinen Geschwistern großgezogen, zu Stiefmutter und Vater hatte keine enge Bindung.1 Das schlechte Verhältnis zu den Eltern hat sein Schaffen sehr beeinflusst, insofern war sein Kindergarten als Ergänzung zur Familienerziehung im Elternhaus gedacht.2 „Die Liebe ist für ihn Seinsgrund der Familie, Liebe und Achtung der Eltern Grundlage aller Erziehung. Die Mutter, die ihm selbst so fehlte, ist für ihn die Seele der Familie, ihre natürlichen mütterlichen Kräfte sind der Ausgangspunkt aller Erziehung.“3 Er verbrachte in seiner Kindheit viel Zeit allein in der Natur, laut Andreas Frey durfte er das elterliche Grundstück nicht verlassen und auch nicht mit anderen Kindern spielen4. Zudem musste der junge Fröbel bei „umfangreichen Umbauarbeiten im Pfarrhaus“5 helfen, so lernte er anstrengendes Arbeiten schon früh. Durch die strenge christliche Erziehung des Vaters, welcher als Pfarrer arbeitete, war Fröbel zeitlebens sehr gläubig. Religion, die Verbundenheit zur Natur und die Arbeit sind für Fröbel „Hauptquellen für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung“6.

1792, im Alter von zehn Jahren, wurde Fröbel bei seinem Onkel aufgenommen. Fünf Jahre später, begann Fröbel eine Ausbildung zum Forstvermesser und beschäftigte sich in seiner Freizeit viel mit Mathematik und Botanik. 1799 studierte er dann im Alter von siebzehn Jahren Naturwissenschaften und Mathematik. Dieses Studium musste er allerdings abbrechen, da sein Vater starb und dadurch die finanziellen Mittel fehlten. Aus diesem Grund arbeitete er einige Jahre als Feldvermesser in ganz Deutschland. 1805 lernte er in Frankfurt am Main Gottlieb Anton Gruner kennen, er war Leiter der Pestalozzi-Musterschule. Gruner stellte Fröbel an seiner Schule an und begeisterte ihn für die Ideen Pestalozzis, die allgemeine, ganzheitliche Bildung des Volkes, welche bereits im Elternhaus beginnen sollte.

Das führte dazu, dass Fröbel erstmals vierzehn Tage nach Iferten zu Pestalozzi fuhr, und anschließend, als Hauslehrer dreier Kinder der Familie Holzhausen 2 Jahre bei Pestalozzi verbrachte. Pestalozzi hatte großen Einfluss auf Fröbel, auch wenn er später Verbesserungen an dessen Pädagogik vornahm, vor allem was die Erziehung im Vorschulalter betrifft. 1811 kündigte er die Stelle als Hauslehrer und begab sich nach Berlin um nochmals ein naturwissenschaftliches Studium zu beginnen. Zu dieser Zeit kam er auch viel mit Ansichten verschiedener Philosophen in Kontakt, wie z. B. Johann Gottlieb Fichte oder Novalis. Doch 1813 bis 1814 war Fröbel am Befreiungskampf gegen Napoleon beteiligt. Im Krieg lernte er seine späteren Kollegen Wilhelm Middendorff und Heinrich Langenthal kennen. Mit ihnen gründet er 1816 die Allgemeine deutsche Erziehungsanstalt in Thüringen. 7

Die Allgemeine deutsche Erziehungsanstalt wurde im November 1816 in Grießheim in Thüringen gegründet und ein Jahr später nach Keilhau verlegt. Es war ein „Internat mit Familiencharakter“8 und damals eine ganz neue Art von Schule. Fröbel hatte das Ziel „allseitig entwickelte und praktisch begabte Mensch[en]“9 hervorzubringen. Handarbeit, Handwerk, Sport aber auch Religion, Sprachen, Mathematik, Musik und Zeichnen wurden unterrichtet. Die umliegende Region wurde auch zum Unterrichtsgegenstand in Geographie oder beim Betrachten der ortsansässigen Arbeitswelt. „Das Konzept der Keilhauer Anstalt baute auf einer Modifikation der Pestalozzischen Methode auf. Viele von Fröbels pädagogischen Gedanken waren darauf gerichtet, die Verbindung zwischen Denken und Arbeiten zu realisieren.“10 Anfänglich spielte die „Idee der Nationalerziehung“, also die Vermittlung von nationalkulturellen Werte, Normen und Traditionen, für Fröbel noch eine große Rolle, später wurde sie allerdings verworfen. Sein Hauptwerk „Die Menschenerziehung“ ist frei von nationalerzieherischen Ideen.11 Es wurde in der Zeit zwischen 1817 und 1831 verfasst, während er viel mit den Kindern der Anstalt arbeitete und gilt als eines der ersten praktischen Beratungsbücher für Eltern, Erzieher und Lehrer. 1818 heiratete Fröbel Henriette Wilhelmine Hofmeister, und auch sein Bruder zog mitsamt seiner Familie nach Keilhau. Die Schule besaß einen guten Ruf und die Schülerzahl wuchs rapide.

Während der „Keilhauer Zeit“ entstand auch der sogenannte Helba-Plan. Geplant war eine Einheitsschule, welche die Schüler von der Vorschule bis hin zur Hochschulreife oder Berufsausbildung begleitete. Der Herzog von Sachsen-Meiningen bot Fröbel hierfür das Gut Helba an, wovon der Name des Plans abzuleiten ist.12 Zur Durchführung dieser Einheitsschule kam es jedoch nicht, da die Schule unter Verdacht der Volksverhetzung stand und daraufhin viele Eltern ihre Kinder von der Schule nahmen. Nach diesem Rückschlag gab Fröbel die Erziehungsanstalt in die Hände von Middendorf und Langenthal. Er selbst ging 1831 in die Schweiz.13 Im selben Jahr eröffnete Fröbel in Luzern eine Erziehungsanstalt, diese übergab er aber 4 Jahre später an Langenthal, welcher ihm gefolgt war. Fröbel hingegen übernahm ein Waisenhaus in Burgdorf und bot dort auch Lehrerfortbildungskurse an. Fröbel hatte zum ersten Mal den Plan Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren auch in die Schule aufzunehmen - trotzdem kann man dies noch nicht als Anfang des Kindergartens sehen, da zu dieser Zeit noch sehr klassisch unterrichtet wurde. Doch zu dieser Zeit entstand seine Idee des Kindergartens und nahm mehr und mehr Form an. Er beobachtete die Kinder und begann Figuren aus Stäben und Hölzern zu entwickeln, woraus letztendlich seine Spielgaben wurden.14 Er kehrte 1836 zurück nach Deutschland und blieb ein Jahr in Keilhau, ging dann aber nach Bad Blankenburg. Er führte sein Konzept, das er in der Schweiz entwickelt hatte, dort fort und eröffnete die „Anstalt zur Pflege des Beschäftigungstriebes für Kindheit und Jugend“. „Die Anstalt war ein Versand- und Produktionsbetrieb für Spielmaterialien, mit ausführlichen Beschreibungen und Anleitungen für die Spiel- und Beschäftigungskästen.“15 Die folgenden Jahre waren sehr ereignisreich, seine Frau Wilhelmine starb 1839, ein Jahr später gründete er eine Stiftung („Stiftung des Allgemeinen Kindergartens“) und 1841 begann er die bekannten „Mutter- und Koselieder“ (erschienen 1844) zu entwickeln. Gleichzeitig reiste er auch viel um seine „Idee des Kindergartens weiter zu verbreiten“.16

Obwohl er bereits im Jahr 1838 eine „Bildungsanstalt für Kinderführer“ eröffnete, in der die Absolventen auf sein Konzept der Vorschulpädagogik geschult wurden, eröffnete er 1842 die erste Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen, welche später „Anstalt für allseitige Lebenseinigung durch entwickelnd-erziehende Menschenbildung“ genannt wurde und im Schloss Marienthal stattfand. „Im Mittelpunkt von Fröbels Pädagogik stand […] die Beachtung und die Entwicklung des kindlichen Spiels. Er wollte Kinder im vorschulfähigen Alter nicht nur in Aufsicht nehmen, sondern ihnen eine ihrem ganzen Wesen entsprechende Betätigung geben.“ 17 Im Schloss Marienthal wurden später fast nur noch Mädchen bzw. Frauen ausgebildet. Fröbel hat demnach einen „neuen Beruf für Frauen erschaffen“18 welcher auch heute noch ein stereotypischer Frauenberuf ist. Doch für Fröbels Pädagogik ergibt das Sinn, da er die Beziehung von Mutter und Kind als essentiell für eine positive Entwicklung des Kindes sah. Zudem passt die Ansicht in die damalige Zeit, dass Frauen die Erziehung als „ureigenste Aufgabe“ hätten, und dazu noch mit einer besonderen Gabe zur Kindererziehung ausgestattet wären. Fröbels Ausbildungsansprüche waren für damalige Verhältnisse hoch; so sollten die Kindergärtnerinnen eine gute Allgemeinbildung besitzen, mit den Gesetzen der Natur vertraut sein und natürlich über pädagogisches sowie psychologisches Wissen verfügen, welches sie auch praktisch anwenden können müssen. Das Schloss Marienthal war im Endeffekt Kindergarten, Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen und Beratungsstelle für Mütter in einem.19 Nachdem mehrere Kindergärten bereits gegründet wurden und die Idee auch von einigen Lehrern unterstützt wurde, hatte Fröbels Forderung bei der Nationalversammlung keinen Erfolg. Er forderte 1848 „den Kindergarten als Vorstufe des Bildungswesen[s] anzuerkennen“20, jedoch wurde der Antrag abgelehnt, und sogar als sozialistisch eingestuft. Es wurde 1851 ein „preußisches Kindergartenverbot“21 ausgesprochen, was die Verbreitung des Kindergartens verhinderte. Erst 10 Jahre später, 1861, wurde das Verbot aufgehoben und das Konzept von seiner zweiten Frau, Luise Levin, weiter vorangetragen. Friedrich Fröbel selbst hat diesen Erfolg nicht mehr erlebt, er starb am 21.Juni 1852.22

1.2 Fröbels Spielpädagogik

Zu Beginn der Moderne, welche mit dem Zeitalter der Aufklärung zusammenfällt, wurde die Erziehung von Kindern immer wichtiger. Dennoch wurde die Erziehung in den unterschiedlichen sozialen Schichten verschieden praktiziert. „Während der Adel der Erziehung des Nachwuchses neuste Erkenntnisse der Säuglings- und Kinderpflege zu Grunde legt und private Erzieher einstellt, herrschen auf dem Land eher mittelalterliche Zustände.“23 So hatte der Adel oft Kindermädchen und Spielzeug, während Kinder sonst eher als kleine Erwachsene gesehen wurden. Kinderarbeit stand noch an der Tagesordnung, nichtsdestoweniger wurde die Eltern-Kind-Bindung im Laufe der Zeit immer wichtiger. Die bürgerliche Kleinfamilie begann sich zu entwickeln und damit auch eine neue Sichtweise auf das Kind: „Emanzipation und Toleranz werden zu zentralen Erziehungszielen und begründen gleichzeitig die pädagogische Aufgabe neu.“24 Es sollte allen Schichten möglich werden, sich zu bilden und die Erziehungsreform sollte dazu beitragen. Philosophen wie Immanuel Kant, John Locke und Jean-Jacques Rousseau prägten diese Zeit und haben Johann Heinrich Pestalozzi nachhaltig beeinflusst. Er sorgte in Deutschland und in der Schweiz für eine Verbreitung der Aufklärungspädagogik und ebnete den Weg so auch für die Spielpädagogik, da er andere dazu brachte, sich mit dem Thema Spiel und Erziehung, auch von Kindern im Vorschulalter, zu beschäftigen. Darunter war auch Friedrich Fröbel, welcher zeitlebens von Pestalozzi geprägt war und seine Ansätze erweiterte.25 Fröbel jedoch hat keine systematisch aufgebaute Spielpädagogik verfasst, einzelne Aufsätze und Briefe geben allerdings Aufschluss über seine Theorie des Spiels. Sein spielpädagogisches Konzept begleitet Kinder vom Kleinkindsalter bis hin zum Übergang in die Schule. Das Spiel wird bei Fröbel anthropologisch, als spezifischer Zugang zur Welt, definiert:

„Das Spiel ist ein Spiegel des Lebens, des eignen und des Fremdlebens, des Innen- und Umlebens.“26 Die Vermittlung zwischen Innen- und Umleben, bzw. innen und außen, nennt Fröbel auch das „sphärische Gesetz“.

„Das Sphärische ist die Darstellung der aus der Einheit sich entwickelnden, in ihr ruhenden Mannigfaltigkeit auf die Einheit. (…) Das sphärische Gesetz ist das Grundgesetz aller wahren, genügenden Menschenbildung.“27

Fröbel hatte die Ansicht, dass der Mensch dann lernt, wenn er sich selbst, die Natur und sein Handeln reflektiert und somit begreift.28 Darum war ihm eine ganzheitliche Entwicklung (die Entwicklung des Denkens, Fühlens und Handelns) bei Kindern wichtig. Diese ganzheitliche Entwicklung soll durch wechselseitiges Einwirken von den Erziehern im Umgang mit den Kindern geschehen. Aber nicht vorschreibend oder lehrend wie in der Schule, sondern viel mehr durch hinweisende, ordnende oder klärende Aktionen der Erzieher, wodurch das Kind dann die „Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit gewinnt“29 und gleichzeitig seine gedankliche Leistungsfähigkeit entwickeln kann.30 Er nennt diese Tätigkeit „Spielpflege“, also die Spielbegleitung durch Erwachsene, welche das Kind anregen soll seine eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Auch durch Singen und Sprechen sollen Spiele begleitet werden. Trotzdem soll das Kind überwiegend „selbstbestimmt und selbsttätig“ arbeiten bzw. spielen.31

Kinder integrieren in ihr Spiel alles, was sie aus ihrem Umfeld kennen. So imitieren sie auch die Tätigkeiten der Erwachsenen und lernen dadurch spielend und verarbeiten was sie in ihrem Alltag erfahren haben. Fröbel sieht im Spiel die „notwendige Voraussetzung für die spätere Entwicklung zu einem ausgeglichenem und arbeitsfähigem Menschen“.32 Fröbel schrieb dazu: „[…]ein Kind, welches tüchtig, selbsttätig still, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiss ein tüchtiger, stiller, ausdauernder, Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung befördernder Mensch.“33

Seine Spielpädagogik im Kindergarten kann im Wesentlichen in drei Bereiche Aufgeteilt werden. Die wären, die Spiel- und Beschäftigungsmittel, wozu auch die bekannten Spielgaben zählen, die Bewegungsspiele und die Gartenpflege. Welche wiederum auf die ganzheitliche Entwicklung der Kinder abzielen.34

1.2.1 Kindergarten

Wie in Kapitel 1.1 bereits erläutert wurde, gab sich Fröbel ab 1835 bewusst der Erziehung von vier bis sechs jährigen Kindern hin. Für ihn sollte im Kindergarten die bewusste Erziehung vollzogen werden, welche durch geeignetes Spielzeug bzw. Materialien gefördert werden sollte. Der Name „Kindergarten“ soll ein Gartenparadies sein, „das den Kindern zurückgegebene Paradies“.35 In seinen Mutter- und Koseliedern sprach Fröbel bereits davon, dass Mütter das Aufwachsen der Kinder ähnlich sehen sollen wie das „ Wachstum in Gottes Garten.“36 Den Kindern also, genau wie Tieren oder Pflanzen, Zeit und Raum zum Wachsen geben.37 Fröbel hatte bestimmte Prinzipien, nach welchen das Wachstum beschrieben werden sollte. So sprach er davon, dass der Mensch auf jeder Stufe genau das sein soll, was die jeweilige Stufe fordern kann und jede neue Stufe „wird wie eine Knospe von allein hervorschießen“38. Zudem sah er in allen Lebewesen die „Offenbarung des Göttlichen“.39 Diese Sicht kommt sicherlich von der streng christlichen Erziehung Fröbels, welche bereits erwähnt wurde. Es zeigt allerdings auch, woher die Bezeichnung des Gartens im Wort „Kindergarten“ stammt. In genau diesem Garten für Kinder sollte die Erziehung durch Materialien erfolgen, heute auch als Fröbel-Material oder Spielgaben bekannt, welche im folgenden Abschnitt genauer behandelt werden. Zudem hatte die Gartenarbeit, also der sinnvolle Umgang mit der Natur, einen hohen Stellenwert in Fröbels Konzept.40

1.2.2 Spielgaben

Die Spielgaben bilden das Zentrum Fröbels Spielpädagogik, er hat sie allerdings nicht neu erfunden, sondern an das damalige Spielzeug angelehnt und schließlich durch Beobachten spielender Kinder entwickelt.41 Auch hier spielt das „sphärische Gesetz“ eine große Rolle, so sind sie nach zwei „entgegengesetzt gleichen“ Strukturprinzipien geordnet, dem Zerteilen und Vereinigen. Es geht vom Leichten zum Schweren und vom Konkreten zum Abstrakten, die Reihenfolge der Gaben soll beibehalten werden, da sie aufeinander aufbauen.42

Die erste und zweite Spielgabe besteht aus dem Ball bzw. der Kugel, dem Würfel und der Walze. Kugel und Würfel gehören für Fröbel zusammen, da sie „entgegengesetzt gleich“ sind. Die Walze vereint die Eigenschaften der beiden Gegenstände: Sie ist zum einen dynamisch und beweglich wie die Kugel und zudem statisch und unbeweglich wie der Würfel.

Die erste Spielgabe besteht nur aus einem weichen Stoffball, der an ein einer Schnur hängt. Zu Beginn soll das Kleinkind den Ball erst einmal greifen und abtasten und somit begreifen. So werden die motorischen Fähigkeiten trainiert. Diese nehmen mit der Zeit zu und das Kind kann immer abwechslungsreicher mit dem Ball spielen; ihn an der Schnur ziehen oder hüpfen lassen etc. Das Spiel soll jedoch immer von sprachlichen Äußerungen einer Erziehungsperson geleitet werden. Fröbel hat 16 Zeichnungen zum Umgang mit der Spielgabe inklusive Text für die sprachliche Begleitung veröffentlicht.43 (Siehe Anlage A.)

In der zweiten Spielgabe wird der weiche Stoffball durch eine harte Kugel aus Holz ersetzt. Zudem besteht die Spielgabe noch aus einem Holzwürfel und einer Holzwalze. Die harte Kugel erfordert mehr Geschicklichkeit beim Spielen als der weiche Ball, da sie schwerer zu greifen ist und schneller wegrollen kann. Laut Fröbel stellt sie den „Lebensfluss und das Seelenleben des Kindes dar“, da das Kind innerlich stets unruhig ist und sich bewegen möchte. Der Würfel soll als statisches Element das Gegenteil der Kugel darstellen, also unbeweglich, kantig und still. Kugel und Würfel gehören für Fröbel zusammen, da sie „entgegengesetzt gleich“ sind. „Die Kugel, Symbol der Erde, wirkt von seinem Mittelpunkt gleichmäßig nach allen Seiten. Der Würfel bringt mit seinen drei Dimensionen neue Gesetzmäßigkeiten (Flächen, Ecken, Kanten).“44 Die Walze soll beide Gegenstände vereinend darstellen, da sie zum einen rollen kann wie die Kugel aber auch unbeweglich und statisch, wie der Würfel.45. Die Gegenstände werden an einer Schnur in einem Rahmen aufgehängt und durch rotieren kann man die Gemeinsamkeiten der einzelnen, entgegengesetzten Elemente erkennen.46 (Siehe Anlage B.)

Ab der dritten Spielgabe nimmt der Würfel die zentrale Stellung ein. Sie besteht aus einem Würfel, welcher in acht gleich große kleinere Würfel geteilt wurde. Das ist somit die erste Spielgabe in der das Zerlegen und Zusammenbauen möglich ist. Dadurch können Kinder erkennen wie man einen Würfel zerlegen kann, welche Symmetrieachsen bestehen usw. Mathematische Gesetzmäßigkeiten können so unbewusst begriffen werden. Diese Art des Lernens nennt Fröbel „Erkenntnisform“. Es gibt auch noch die „Lebens- und Schönheitsformen“: Aus den Einzelteilen der Spielgaben lassen sich Alltagsgegenstände (z.B. Stühle, Tische, etc.) abstrakt darstellen, das sind die Lebensformen. Dadurch wird das Material lebendiger und die Phantasie des Kindes kann angeregt werden. Schönheitsformen sind Muster und Ornamente, welche das Kind mit den Einzelteilen der jeweiligen Gabe legen kann.47 Zwar ist das bei der dritten Gabe nur begrenzt möglich, aber es gibt bei den folgenden Gaben immer mehr Möglichkeiten.48 (Siehe Anlage C.)

Die vierte Gabe stellt wiederum einen Würfel dar, dieser wird jetzt allerdings in acht jeweils gleich große Quader geteilt. Das Kind hat nun die Möglichkeit, „[…] die Dimensionen Höhe, Länge und Breite zu begreifen. Es beschreitet den Weg vom Körper zur Fläche. Hier wird der Unterschied zum kantigen Würfel bewusst.“49 Außerdem gibt es nun mehr Möglichkeiten um Schönheitsformen zu legen, da sich die Quader auf drei verschiedene Arten aufstellen lassen kann.50 (Siehe Anlage D)

Spielgabe fünf ist in 27 Würfel aufgeteilt, davon sind sechs Würfel nochmal diagonal geteilt. Drei sind nur einmal in der Mitte geteilt, so dass aus jedem Würfel zwei Dreiecks-Prismen entstehen, und drei Würfel sind noch ein zweites Mal diagonal geteilt, so dass aus jedem Würfel vier Dreiecks-Prismen werden. Durch die Dreiecks-Prismen kann das Kind Lebensformen wie z. B. Häuser und Kirchen darstellen. Da die Einzelteile immer kleiner werden, wird eine immer geschicktere Handhabung gefordert und die Phantasie kann noch weiter gefördert werden. (Siehe Anlage E) Doch in der letzten Spielgabe wird die Variation der Einzelteile nochmals erweitert. Hier wird der Würfel in 18 Bausteine geteilt: 12 Fließen (ein in der Mitte geteilter Würfel) und sechs Säulen.51 (Siehe Anlage F)

Die Spielgaben vier bis sechs können auch gemeinsam verwendet werden, um mehr Schönheits- und Lebensformen darstellen zu können. Sie bilden auch die Grundlage der Bauecke, wie sie heute noch im Kindergarten oder Kinderzimmer vorzufinden ist. 52 Vor allem in den letzten drei Spielgaben wird deutlich, wie sehr das „Prinzip vom Wachsen und Vergehen“53 verwirklicht wird. Zu Beginn muss das Kind die Bauklötze aus dem Kästchen holen und hat einen zusammengesetzten Würfel vor sich. Dieser kann vom Kind zerteilt werden und am Ende des Spiels muss es alle Teile wieder in das Kästchen räumen, also den Würfel, den es zu Beginn aus dem Kasten geholt hat, herstellen. Die Rolle des Erwachsenen ist ebenso wichtig: Er soll das Kind durch Sprache und Gestik anregen die vorgelegten Gaben strukturiert wahrnehmen zu können. Fröbel war davon überzeugt, dass durch seine Art des Spiels „die sachliche und soziale Dimension“ angesprochen wird, aber das Kind trotzdem noch Spaß am eigenen Handeln hat.54

[...]


1 Vgl. Theodor Thesing: Leitidee und Konzepte bedeutender Pädagogen. Freiburg, 2007, S. 89.

2 Vgl. Andreas Frey: Friedrich Fröbel und seine Pädagogik. Landau, 2006, S.15.

3 Theodor Thesing: Leitidee und Konzepte bedeutender Pädagogen. Freiburg, 2007, S. 90.

4 Vgl.: Frey, S. 16

5 Thesing, S.90.

6 Ebd.

7 Vgl.: Frey, S.16-20.

8 Frey, S.20.

9 Ebd.

10 Frey, S.21.

11 Vgl.: Ebd. S.22.

12 Vgl.:Ebd. S.23.

13 Vgl.:Ebd. S.24.

14 Vgl.: Ebd, S.24-25.

15 Ebd., S.26.

16 Frey, S.27.

17 Ebd.

18 Ebd., S.28.

19 Ebd., S.29.

20 Ebd., S.32.

21 Ebd., S.33.

22 Vgl.: Ebd., S.32-33.

23 Ulrich Heimlich: Einführung in die Spielpädagogik. Bad Heilbrunn, 2001, S.99.

24 Ebd.

25 Ebd., S.100/101

26 Zitiert nach Ulrich Heimlich: Einführung in die Spielpädagogik. Bad Heilbrunn, 2001, S.103.

27 Zitiert nach Erika Hoffmann: Fröbel ausgewählte Schriften – kleine Schriften und Briefe. Düsseldorf,1951, S.155.

28 Vgl.: Helmut Heiland: Beiträge zur Fröbelforschung - Die Spielpädagogik Friedrich Fröbels. Duisburg, 1998, S.5.

29 Frey, S. 117.

30 Ebd., S.116-117.

31 Heimlich, S.108.

32 Frey, S. 116-117.

33 Zitiert nach Frey, S.118.

34 Vgl.: Frey, S.116.

35 Vgl.: Thesing, S. 94.

36 Frey, S.140.

37 Vgl.: Ebd.

38 Ebd.

39 Ebd.

40 Vgl.: Thesing, Ebd.

41 Vgl.: Frey, S. 121.

42 Vgl.: Heimlich, S. 106.

43 Vgl.: Elfriede Diel: Spielgaben für begabte Spieler, die Tradition Fröbels im Kindergarten der deutschen Schweiz. Zürich, 1989, S. 50.

44 Ebd., S. 47.

45 Vgl.: Heiland, S. 53f.

46 Vgl.: Frey, S. 128/129.

47 Vgl.: Heiland, S.66f.

48 Vgl.: Frey, S.130.

49 Ebd., S. 131.

50 Vgl.: Heiland, S.78.

51 Vgl.: Frey, S. 132.

52 Vgl.: Ebd., S. 133.

53 Ebd.

54 Vgl.: Frey, S.134.

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656974819
ISBN (Buch)
9783656974826
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301155
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
2,5
Schlagworte
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Autor

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Titel: Spielpädagogik. Das Spiel bei Fröbel im Vergleich zu aktuellen Spieltheorien