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Das Karrieremodell der McCanns. Primäre, sekundäre und tertiäre Viktimisierung der Eltern von Madeleine „Maddie“ McCann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 18 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 – Einleitung

2 – Theoretischer Hintergrund
2.1 – Opferbegriff und Opfertypologien – eine kurze Übersicht
2.2 – Primäre, sekundäre, tertiäre Viktimisierung

3 – Primäre, sekundäre und tertiäre Viktimisierung der McCanns
3.1 – Primäre Viktimisierung
3.2 – sekundäre Viktimisierung
3.2.1 – Die portugiesische Polizei
3.2.2 – Die mediale Berichterstattung
3.3 – tertiäre Viktimisierung

4 – Fazit

Literaturverzeichnis

1 – Einleitung

Es ist der Abend des siebten Mais 2007, als die britischen Urlauber Kate und Gerry McCann in Portugal am „Strand des Lichts“ (Praia da Luz) mit ihren Freunden in eine Bar gehen und Essen und Trinken bestellen. Die Hotelbar ist 150 Meter von ihrem Hotelzimmer entfernt, in welchem die drei Kinder Madeleine, Sean und Amelie schlafen. In einem Rhythmus von 30 Minuten schauen die Erwachsenen nach den Kindern und vergewissern sich, ob die Kinder schlafen. Kurz vor 22 Uhr macht die Mutter Kate einen Rundgang um nach den Kindern zu sehen. Sie entdeckt, dass Madeleine verschwunden ist und ist fest davon überzeugt, dass die Dreijährige das Opfer einer Entführung wurde. Kurz nach Einkunft der Polizei wenden sich die McCanns an die Medien, in der Hoffnung jemand habe das vermisste Mädchen gesehen und könne bei der Suche helfen. Doch mit dem, was die McCanns in den folgenden Wochen, Monaten und sogar Jahren erleben würden, haben sie nicht gerechnet. Nicht nur, dass die Polizei, trotz aufmerksamer Suche nach dem vermissten Mädchen keine eindeutigen Beweise für eine Entführung finden kann und Madeleine auch weiterhin unauffindbar bleibt. Auch die Medien stürzen sich auf diesen außergewöhnlichen Kriminalfall und machen aus ihm eine internationale mediale Sensation, die noch mehrere Jahre nach dem Verschwinden für Schlagzeilen sorgt.

In den folgenden Tagen nach der vermeintlichen Entführung von Madeleine Mc- Cann begannen die Ermittler, Theorien zum Verschwinden des Mädchens aufzustellen. Es wurden Thesen aufgestellt, dass es sich möglicherweise doch nicht um eine Entführung des Mädchens handele. Die portugiesischen Ermittler begannen, sich auf die Eltern des Kindes zu fokussieren. Auch die Medien stürzten sich auf den Fall. Das Bild der Eltern erlitt schnell

Kratzer. Als in der Presse bekannt wurde, dass die Eltern im Fokus der Ermittlungen stünden wurden Anschuldigungen erhoben, dass die Mutter Kate klinisch depressiv wäre und an einer psychischen Störung und an Hysterie leide (vgl. Bainbridge 2010: 2). Andere Boulevardmedien ließen verlauten, die Eltern hätten eine Mitschuld an der Tragödie (vgl. Jürgs 2013: 7), da sie die Kinder allein ließen und die vermeintlichen Entführer dadurch willkommen hießen. Vor allem die mediale Aufmerksamkeit hatte einen erheblichen Einfluss auf die Ermittler der Polizei (vgl. Cáceres & Richter 2013: 5). Dies führte dazu, dass viele Richtungen, in die hätten ermittelt werden sollen, nicht näher betrachtet wurden. Die Medien und auch die portugiesische Polizei haben den Eltern der noch immer vermissten Madeleine McCann durch falsche Anschuldigungen und die Beschuldigung, an der Tat beteiligt zu sein, erhebliche Schäden zugefügt. Nicht nur ihr Image als sorgsame Eltern, sondern auch das Ansehen, das sie als bekannte britische Ärzte genossen, wurden teilweise gänzlich zerstört. Aus diesem Grund ist anzunehmen, die Eltern systematisch viktimisiert wurden. Mittels dieser Arbeit soll analysiert werden, inwiefern Kate und Gerry McCann primär, sekundär und tertiär viktimisiert wurden. In einem ersten Schritt soll eine Übersicht über Konzepte der Theoretisierung der Opferwerdung geliefert werden, um hinterher zu klären, was primäre, sekundäre und tertiäre Viktimisierung bedeuten. Im dritten Kapitel wird geklärt, ob diese Formen der Viktimisierung auf die Eltern zutreffen und wenn ja, welche Auswirkungen sie haben. In Kapitel vier werden die Ergebnisse diskutiert und ein Fazit gezogen.

2 – Theoretischer Hintergrund

In der Kriminologie gibt es eine Reihe von Theorien, die versuchen die Opferwerdung adäquat zu beurteilen. Was ist ein Opfer? Welche Voraussetzungen muss es geben, damit von einem Opfer die Rede ist usw. In diesem Kapitel soll zunächst ein kurzer Blick auf das den Begriff des Opfers gerichtet werden, um danach kurz auf wichtige Theorien einzugehen, die sich mit der Opferwerdung und dem Opferstatus auseinandersetzen.

2.1 – Opferbegriff und Opfertypologien – eine kurze Übersicht

In der Kriminologie wird unter dem Opfer typischerweise ein Individuum verstanden, das durch eine strafbare Handlung eines oder mehreren Tätern einen Schaden erlitten hat (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 32). Opfer eines Deliktes zu sein bedeutet nach Lebe (2003) immer „einen psychischen oder physischen, einen materiellen oder immateriellen Schaden oder eine Verletzung zu erleiden“ (ebd.: 8).

Nach Kiefl und Lamnek (1986) zu urteilen, gibt es eine Vielzahl von Versuchen um eine adäquate Opfertypologie zu entwickeln. Einige dieser Typologien richten sich nach den Delikten die ein Opfer hervorrufen, andere fokussieren sich auf demographische Hintergründe, um zu analysieren, welche gesellschaftlichen Gruppen am meisten gefährdet sind. Es lassen sich vier große Typologien unterscheiden:

Eine der vielen Typologien, die Hans von Hentig 1948 entwickelt hat, fokussiert sich auf den demographischen Hintergrund und das Opferrisiko, vor allem auf „besonders anfällige Personengruppen“ (Schneider 1975: 53). Die Opfer werden aufgrund ihrer Demographie klassifiziert, ebenso wie aufgrund ihres Risikos, Opfer krimineller Gewalt zu werden. Zu den Risikogruppen gehören, um nur einige wenige zu nennen, junge unerfahrene Menschen, alte gebrechliche und behinderte Menschen, schwache Frauen, Minderheiten usw. (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 60f.) Jedes Opfer soll, nach von Hentig, in eine dieser Kategorien passen. Das Problem an dieser Typologie ist, dass nicht jedes Opfer ausschließlich in eine Kategorie passt, sondern die Kategorien sich gegenseitig überschneiden (vgl. Schneider 1975: 55).

Eine andere Typologie, erstellt von Beniamin Mendelsohn, gliedert die Opfer nach dem Ausmaß ihrer eigenen Schuld, die zu dem Delikt beigetragen hat. Es gibt vier Kategorien, die über das Ausmaß der Schuld entscheiden. Das ideale Opfer trägt gar keine Schuld am Tatbeitrag, da es nicht aktiv beteiligt ist. In diese Kategorie fallen überwiegend Kleinkinder oder alte Menschen. Die zweite Kategorie besteht aus Opfern, die eine geringe Mitschuld haben, die dritte Kategorie beinhaltet Personen, die genauso schuldig sind wie die Täter und die vierte Kategorie umfasst alle, die schuldiger sind als die Täter selbst. In diese Kategorie lassen sich auch Nichtopfer und falsche Opfer einteilen (vgl. Schneider 1975: 53f.; Kiefl & Lamnek 1986: 58f.). An dieser Typologie lässt sich kritisieren, dass die Schuld nicht immer genau definierbar ist. Es handelt sich um einen Metabegriff, der einer Interpretation bedarf (vgl. Schneider 1975: 53f.).

Die dritte Typologie befasst sich ebenfalls mit der Täter-Opfer-Beziehung. Sie gruppiert die Opfer primär nach ihrem eigenen Tatbeitrag und ähnelt der Typologie Mendelsohns. Ezzat Abdel Fattah (1967) gliedert die Opfer in nichtteilnehmende bzw. unschuldige Opfer, latente bzw. prädisponierte Opfer, provozierende Opfer, teilnehmende Opfer, welches bei der Tat selbst mitwirkt und falsche Opfer, beispielsweise Opfer eines selbstverschuldeten Unfalls. Ähnlich wie auch bei von Hentig lässt sich kritisieren, dass die Typologie nicht erschöpfend ist und es zu Überschneidungen kommt (vgl. Schneider 1975: 55).

Die letzte hier darzustellende Typologie wurde erstellt von Wolfgang und Sellin (1964). Die Theoretiker unterscheiden zwischen drei Arten der Opferwerdung. Die primäre, die sekundäre und die tertiäre Opferwerdung. Die primäre Opferwerdung bezieht sich auf eine direkte, unmittelbare strafrechtliche Handlung, die von einem oder mehreren Tätern ausgeführt wird. Das sekundäre und tertiäre Opferwerden richtet sich gegen unpersönliche Opfer. Das sekundäre Opferwerden beschreibt eine strafrechtliche Handlung, die gegen Einrichtungen, Geschäfte, Kirchen usw. verrichtet wird. Hierbei wird kollektives Gut zerstört und das Delikt hat in der Regel einen kommerziellen Zweck. Die tertiäre Opferwerdung richtet sich gegen die öffentliche Ordnung, gegen die soziale Harmonie und gegen den Staat bzw. gegen die Regierung eines Landes (vgl. Schneider 1975: 55; Kiefl & Lamnek 1986: 272). Diese Typologie richtet ihren Fokus nicht nur auf individuelle direkte Opfer (primäre Viktimisierung), sondern auch auf Einrichtungen und gegen den Staat (sekundäre, tertiäre Viktimisierung).

All diese vorgestellten Typologien sind eher beschreibend und nicht komplett erschöpfend. In einigen Fällen sind die Übergänge zwischen den Kategorien fließend, in anderen Fällen überschneiden sich die Opferkategorien und eine eindeutige Zuordnung wird nicht möglich (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 63). Kiefl und Lamnek kritisieren, dass die Typologien aufgrund von Fallerfahrungen intuitiv erstellt wurden und wenig weiterführende Erkenntnisse liefern.

Dennoch bietet die vierte Typologie eine gute Grundlage um weiterentwickelt zu werden (vgl. Schneider 1975: 55ff.). Aus diesem Grund wird auf der Basis der Typologie nach Wolfgang und Sellin eine weitere Kategorisierung vorgestellt, auf die sich die spätere Analyse in Kapitel drei stützen soll.

2.2 – Primäre, sekundäre, tertiäre Viktimisierung

Einige Theoretiker haben die Theorie von Wolfgang und Sellin (1964) aufgegriffen und eine personenbezogene Kategorisierung vorgenommen. Diese Typologie hat sich in der kriminologischen Forschung etabliert und wird als forschungsrelevant angesehen (vgl. Schneider 1975: 55ff.). Sie wird auch als ein „Karrieremodell“ bezeichnet (vgl. Lebe 2003: 13).

Unter dem primären Opferwerden wird ebenso wie bei Wolfgang und Sellin (1964) eine Verletzung durch eine Straftat an einem Individuum verstanden:

Unter primärem Opferwerden versteht man die Verletzung durch die Straftat und die Reaktion des sozialen Nahraums des Opfers und der formellen Instanzen der sozialen Kontrolle, die Opfer und Täter im Kriminalisierungs- und Entkriminalisierungsprozeß definieren (Schneider 1975: 32). Es handelt sich bei der Straftat um einen Übergriff, der von unterschiedlichen Personen aber auch von Kollektiven, Organisationen, informellen oder formellen Instanzen vorgenommen werden kann. Es ist ein direktes schädigendes Ereignis, welches durch Faktoren wie die Täter-Opfer-Beziehung, den Tatort, die Tatzeit und dem persönlichen Tatbeitrag beeinflusst wird (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 170). Der Schaden kann sowohl psychisch, physisch, materiell als auch immateriell sein (vgl. Lebe 2003: 8). Die sekundäre Viktimisierung findet durch die (Fehl-)Reaktionen des sozialen Umfelds und durch die Verhaltensweisen formeller und informeller Instanzen statt und stellt eine Verschärfung des primären Opferwerdens dar: [Der Begriff] schließt die Dramatisierung, übertriebene Ängstlichkeit der Angehörigen des Opfers […], wie das Desinteresse die Tat aufnehmender Polizeiorgane, das Vorgehen des Verteidigers im Strafprozeß, […] und schließlich die Darstellung in den Massenmedien ein. In vielen Fällen können die Konsequenzen einer sekundären Viktimisierung schwerwiegender sein als die unmittelbaren Tatfolgen […]. (Kiefl & Lamnek 1986: 239)

Es gibt einige wichtige Indikatoren für die Untersuchung des Ausmaßes der sekundären Viktimisierung. Wird analysiert ob es eine sekundäre Viktimisierung gibt und wie erheblich diese ist, sollte sich angesehen werden, wie der soziale Nah-raum, also die Personen im direkten Umfeld des Opfers reagieren. Gibt es eine übertriebene Fürsorge der Verwandten, Freunde, Bekannten? Gibt es Reaktionen der Öffentlichkeit, die durch die Medien auf diese Tat aufmerksam gemacht wurde? Wie verhalten sich Tatzeugen gegenüber dem Opfer? Wie verhält sich die Polizei, der Staatsanwalt? (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 239).

Formelle Instanzen (Polizei, Justiz) können eine sekundäre Viktimisierung da-durch hervorrufen, dass sie ein Tatgeschehen immer wieder rekonstruieren, das Opfer erneut befragen und an deren Glaubwürdigkeit zweifeln. Informelle Instanzen wie die Medien können eine Verschärfung hervorrufen, indem sie dem Opfer ihren Opferstatus aberkennen, Anschuldigungen vornehmen, Lügenvorwürfe stellen und das Opfer bezichtigen, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Auch Schuldzuschreibungen können die sekundäre Viktimisierung verschärfen (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 239, 246).

Die tertiäre Viktimisierung zeichnet sich dadurch aus, dass mögliche langfristige Ereignisse und Zuschreibungsprozesse einen erheblichen Einfluss auf das Selbstbild des Opfers haben. Die Stigmatisierung der Medien, der Justiz und dem sozialen Umfeld führen zur Rollenübernahme; das Opfer sieht sich selbst als Opfer und versucht diesem Umstand entgegenzuwirken: Das entscheidende Kriterium einer tertiären Viktimisierung ist die Dominanz der Selbstdefinition als Opfer. Es handelt sich dabei um einen mehr oder weniger langen Prozeß, in dem sich Erfahrungen und Einstellungen derart verfestigen, daß es zu einer Verengung der Sicht- und Erlebnisweisen und einer Reduzierung der Handlungsmöglichkeiten kommt. (Kiefl & Lamnek 1986: 273) Das Opfer wird in seiner Handlungsmöglichkeit eingeschränkt, es kommt zu einem erhöhten Vermeideverhalten, um das Risiko der erneuten Viktimisierung zu vermindern. Das Opfer ist für die Kriminalität sensibilisiert und hat eine erhöhte Furcht vor einer erneuten strafbaren Handlung (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 274). Diese Furcht kann Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des Opfers haben, kann zu gesundheitlichen Problemen führen (z.B. Depression, Selbsttötungsgedanken usw.), es kann aber auch finanzielle Nachwirkungen geben (z.B. teure ärztliche Behandlungen), die zu Problemen führen. Hierbei ist zu beachten, dass nicht nur die viktimisierte Person, sondern auch das soziale Umfeld das Opfer als Opfer sieht und es dementsprechend behandelt. Die drei Stufen der Viktimisierung müssen nicht zwangsläufig nur aufeinanderfolgen. Vor allem die sekundäre und tertiäre Viktimisierung verlaufen parallel und entwickeln so eine eigene Dynamik.

In diesem Kapitel wurde einführend beschrieben, was ein Opfer aus theoretischer Sicht ausmacht und wie sich dieses charakterisieren lässt. Es wurden vier Typologien vorgestellt, die eine Klassifizierung des Opferwerdens versuchen. All diese Typologien stießen auf Kritik der Kriminologie und nur eine von ihnen wurde für eine fundierte theoretische Weiterentwicklung als sinnvoll betrachtet. Das in der Theorie etablierte Karrieremodell wurde in einem nächsten Schritt ausführlich dargestellt und dient als die Grundlage für die folgende Analyse in Kapitel drei.

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Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656978374
ISBN (Buch)
9783656978381
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301216
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Opferbegriff; Opfertypologien; Vikitmisierung; primäre sekundäre tertiäre Medien; Berichterstattung; Madeleine McCann; Maddie;

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