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Die moralische Wandlung des Karl Moor in Schillers Drama "Die Räuber"

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Moralische Haltungen in Szene 1.2
Vereitelte Wiederkehr in die väterliche Ordnung, Abkehr von dieser und Erstarken der Ideale
Moralischer Umschwung das geltende Recht betreffend

Moralische Haltungen in Szene 2.3
Demonstration der moralischen Überlegenheit
Kontrast zwischen Karls Moral und dem Recht

Moralische Haltungen in Szene 5.2
Keine Rückkehr in die väterliche Ordnung und Festhalten an Idealen
Einklang von Moral und Recht

Vergleich der Ergebnisse der Analysen mit Schillers Behauptung in der Vorrede
Bezug zur patriarchalen Ordnung
Bezug zum Recht

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Ich darf meiner Schrift zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon.“1 Diese Worte Friedrich Schillers aus seiner Vorrede zum Drama „Die Räuber“ implizieren eine Wandlung der beiden Hauptcharaktere des Werks, den Gebrüdern Moor, von lasterhaften, moralisch zweifelhaften zu als ehrwürdig und moralisch korrekt zu betrachtenden Handlungsweisen hin. Doch findet solch ein Wandel tatsächlich statt? Diese Frage soll am Beispiel des Karl Moor in der vorliegenden Hausarbeit geklärt werden.

Hierzu werden im Verlaufe der Arbeit drei Szenen des Stücks ausschnittsweise analysiert. Da ein moralischer Bezug zu verschiedenen Ebenen in Karls Handeln hergestellt werden und kann und diese darum nicht nur einseitig analysiert werden sollte, wird Karls Moral aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln heraus betrachtet werden: in Bezug zur patriarchalen Ordnung und in Bezug zum Recht. Unter der patriarchalen Ordnung verstehen wir die absolute Herrschaft und Macht des Mannes, sowohl in der Familie, als auch im Staat. Die Legitimierung dieser Macht erfolgt durch die Bibel. Feste Rollenmuster von Mann und Frau sind somit festgelegt und bestimmen das zwischenmenschliche Zusammenleben.2 Dass es bei der Handlungsanalyse zu Überschneidungen kommen kann, ist zu erwarten, da beide Komponenten im Stück Hand in Hand miteinander gehen.

Die gewonnenen Erkenntnisse sollen im Anschluss mit den Formulierungen in Schillers Vorrede zu seinem Drama verglichen werden, um feststellen zu können, ob man der Behauptung über sein eigenes Werk zustimmen kann oder nicht, beziehungsweise mit welchen Einschränkungen. Doch zunächst möchte ich, wie beschrieben, mit der Handlungsanalyse beginnen:

Moralische Haltungen in Szene 1.2

Die zweite Szene des Dramas beinhaltet den ersten Auftritt des Karl Moor und beginnt mit einem langen Dialog zwischen Karl und seinem Freund Spiegelberg. Nach dem Erhalt eines von Karls Bruder Franz verfassten Briefes, in dem deren Vater Karl verstößt, kommt es zur Gründung der Räuberbande durch Spiegelberg, zu dessen Unmut Karl zum Anführer ernannt wird.

Vereitelte Wiederkehr in die väterliche Ordnung, Abkehr von dieser und Erstarken der Ideale

Karl, der aufgrund seiner Herkunft in seinen Idealen und seiner Moral stark von der patriarchalen Ordnung geprägt ist, echauffiert sich zu Beginn des Dialogs mit Spiegelberg über seine Zeitgenossen. Dies zeigt bereits sein erster Satz „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen.“ (R 21) und weitere abfällig gebrauchte Begriffe wie „[…] das schlappe Kastratenjahrhundert, […]“ (R 22). Er beschwert sich also über einen Verfall der Werte, die er durch die patriarchale Norm anerzogen bekommen hat. Zu diesem Zeitpunkt stellt er diese idealisierte Ordnung, wie wohl auch sein ganzes bisheriges Leben lang, mit der bei seinem Vater herrschenden Ordnung gleich und möchte zu diesem und zu seiner Geliebten Amalia zurückkehren (vgl. R 26). Somit ist er konsequent in dem was er sagt und möchte sich endgültig von seinen Zeitgenossen abgrenzen, deren Ansichten ihm missfallen. Er ist in seiner Moral in Bezug zur väterlichen, patriarchalen Ordnung also gefestigt und drückt dies mit dem starken Wunsch, dass sein Vater ihm seine Missetaten in seiner Studentenzeit in Leipzig verzeiht und ihn wieder bei sich aufnimmt, aus (vgl. R 27).

Mit dem Erhalt der Nachricht seines Bruders Franz, dass sein Vater ihn nie wieder bei sich aufnehmen möchte, werden allerdings urplötzlich alle seine Pläne auf den Kopf gestellt und seine moralischen Ansichten wandeln sich auch dementsprechend. Sein Schock wird durch das Hinausrennen aus der Szenerie dargestellt (vgl. R 29). Durch seine Ernennung zum Anführer der Räuberbande bei seinem Wiedererscheinen wird er nicht beschwichtigt, sondern ist immer noch außer sich und schwingt Hasstiraden auf die gesamte Menschheit, was seine Verzweiflung verdeutlicht. Beispiele hierfür sind Aussagen wie „Menschen – Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut!“ (R 34). Dieser „Universalhass“3 schwankt gelegentlich zwischen Zorn und Unglauben ob der erhaltenen Botschaft hin und her:

Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht geboren? – Aus meinen Augen, du mit dem Menschengesicht! – Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich hätte tausend Leben für ihn – (Schäumend auf die Erde stampfend). Ha! wer mir itzt ein Schwert in die Hand gäb, dieser Otterbrut eine brennende Wunde zu versetzen! (R 35)

Durch das Bewusstsein, nie wieder in die väterliche Ordnung zurückkehren zu können, entsagt er sich dieser komplett: „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir je etwas teuer war!“ (R 36). Auf den ersten Blick trennt er sich durch solche Aussagen von jeglicher Moral, jedoch bleibt sein Glaube an eine idealisierte, patriarchale Ordnung weiterhin bestehen; durch die Räuberbande hat er nun sogar ein Kalkül diese zu verbreiten. „Die Gründung der Räuberbande richtet sich nicht gegen die patriarchalische Staatsordnung, sondern gegen diejenigen, die sie verraten und missachten.“4 In dieser Szene lässt sich dies an Aussagen Karls wie „Nun, und bei dieser männlichen Rechte! Schwör ich euch hier, treu und standhaft zu bleiben bis in den Tod!“ (R 37) belegen. Hier zeigt sich sein der patriarchalen Ordnung entsprechendes Weltbild vom männlichen, autoritären Anführer.

Hierzu existiert auch die Meinung, dass heroische Ideale der Antike der hauptsächliche beeinflussende Faktor für Karls Überzeugungen sind.5 Der Bezug zum patriarchalen Denken wird weitestgehend abgelehnt.6 Diese Ansicht wird in dieser Arbeit abgelehnt und Häffner wird zugestimmt, da die Beeinflussung der patriarchalen Werte in Karls Werdegang nicht ignoriert werden sollte. Am treffendsten lassen sich Aspekte beider Meinungen vereinbaren, indem man sagt, dass Karl sein durch die antiken Ideale beeinflusstes Weltbild, das der ihm anerzogenen patriarchalen Norm grundlegend entspricht, nicht stark genug verwirklicht sieht und dagegen ankämpfen möchte. Die Trennung vom Patriarchalismus erfolgt hier also nur in Bezug auf seinen eigenen Vater, im familiären Sinn; die entsprechenden moralischen Werte der patriarchalen Norm im Sinne der bestehenden Ordnung bleiben bestehen.

Moralischer Umschwung das geltende Recht betreffend

Während Karl sich im Dialog mit Spiegelberg zu Beginn dieser Szene über seine Zeitgenossen aufregt, kommt er auch auf Gesetz und Recht seiner Zeit zu sprechen und lehnt dieses ab: „Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.“ (R 23). Somit zeigt er zwar, dass er nicht viel davon hält, er macht aber im weiteren Verlauf der Szene klar, dass er keine Absichten hat, weiterhin gegen das Gesetz zu verstoßen. Während Spiegelberg von vergangenen, gemeinsamen „Schandtaten“ erzählt und diese positiv darstellt (vgl. R 24f), distanziert sich Karl klar und deutlich vom Vergangenen mit Aussagen wie „Mit den Narrenstreichen ist`s nun am Ende.“ (R 24), „Und du schämst dich nicht, damit groß zu prahlen? Hast nicht einmal so viel Scham, dich dieser Streiche zu schämen?“ (R 25) oder „Verflucht seist du, dass du mich dran erinnerst!“ (R 25). Seine Moral in Bezug zum Recht steht also im Gegensatz zu Spiegelbergs Ansichten und gipfelt auch hier darin, dass er zurück zu seinem Vater und zu seiner Geliebten Amalia möchte (vgl. R 27f), sich also moralisch dem Recht anpasst.

Ein schlagartiger Wechsel des Gemüts auf dieser moralischen Ebene tritt beim Erhalten der Nachricht seines Bruders ein. Als frisch ernannter Hauptmann der Räuberbande kündigt er, getrieben von dem im vorhergehenden Gliederungspunkt bereits ausführlicher erläuterten Hass, noch sehr viel verwerflichere Taten an, als er je getan. Das Recht und die damit verbundene Moral spielen für ihn nun überhaupt keine Rolle mehr; er bezeichnet die Bande sogar als Mörder („[…], - Mörder, Räuber! – mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt – […]“ (R 36)). Er verhält sich in Bezug zum Recht völlig unmoralisch.

Moralische Haltungen in Szene 2.3

In der dritten Szene des zweiten Aktes sind die Räuber zunächst in den böhmischen Wäldern unter sich und reden miteinander. Weitere Mitglieder, darunter auch Karl, kommen hinzu. Im Verlaufe der Szene kommt ein auftretender Pater, also ein Vertreter der Kirche, hinzu und das daraus resultierende Gespräch sorgt für weitere Einblicke in Karls Moral an dieser Stelle im Drama.

[...]


1 Schiller, Friedrich: Die Räuber. Stuttgart: Reclam 2001. S. 5f. Diese Quelle wird künftig im Text unter der Sigle (R) mit Angabe der Seitenzahl zitiert.

2 Vgl. Rosenzweig, Beate: John Locke. Zwischen kontraktualistischer Gleichheit und residualem Patriarchalismus. Die liberale Begründung der Trennung von Familie und Politik. In: Legitimitationsfiguren der politischen Philosophie (1600-1850). Hg. von Marion Heinz und Sabine Doye. Berlin: Deutsche Zeitschrift für Philosophie (= Sonderband 27) 2012. S. 126.

3 Der Begriff wird in diesem Zusammenhang auch von Chouk verwendet und geht ursprünglich auf Schiller zurück (vgl. Chouk, Idris: Größe und sittliche Verantwortung in den Dramen Friedrich Schillers. München: Iudicum Verlag GmbH 2007. S. 38, 54).

4 Häffner, Patrick: Widerstandsrecht bei Schiller. Frankfurt: Peter Lang GmbH 2005. S. 92.

5 Vgl. Chouk, Idris: Größe und sittliche Verantwortung in den Dramen Friedrich Schillers. München: Iudicum Verlag GmbH 2007. S. 43.

6 „Sein autoritärer Führungsstil verweist nicht primär auf eine dem patriarchalen Denken adäquate Verhaltensweise […], sondern eher auf sein heroisches Selbstbewusstsein, das […] auf der starken Orientierung an den Leitbildern der heroisch-antiken Individualität fußt.“ (Ebd. S. 44.)

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656979098
ISBN (Buch)
9783656979104
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301263
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
wandlung karl moor schillers drama räuber

Autor

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