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„Oral History" im Geschichtsunterricht. Wie kann sie zur Vermittlung der DDR-Geschichte eingesetzt werden?

Hausarbeit 2007 12 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Was ist Oral History?
2.1 Didaktisch-methodische Vorteile von Oral History
2.2 Einwände gegen Oral History

3. Praxis der Oral History
3.1 Auswahl der Zeitzeugen
3.2 Methoden der Gesprächsführung
3.3 Frage- und Dokumentationstechniken

4. Das Oral History zur Vermittlung der DDR- Geschichte

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Methode der Zeitzeugenbefragung im Geschichtsunterricht erfreut sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Denn durch Oral History kann der Zeitgeist einer Epoche von den Schülern erfasst werden und Geschichte lebendig vermittelt werden.

Da immer mehr die Sozialgeschichte, also die Geschichte der kleinen Leute, in den Mittelpunkt rückt, ist es notwendig sich den Geschichten dieser Menschen zu widmen und ihre Darstellung und Erinnerungen von Geschichte zu berücksichtigen.

Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt Oral History, die Produktion und auch die Bearbeitung mündlich überlieferter Quellen zusehends an Bedeutung, auch im Geschichtsunterricht.

Des Weiteren hat die Zeitzeugengeschichte auch geschichtskulturell an Bedeutung gewonnnen, was durch zahlreiche Produktionen von Guido Knopp und unzählige Angebote im Internet deutlich wird. Durch das gesteigerte Interesse an „erinnerter Geschichte“ ist es notwendig, in der Schule die Schüler und Schülerinnen zum Umgang mit diesem Medium zu erziehen, damit sie kritisch daran teilnehmen können.

Diese Hausarbeit soll erläutern, wie Oral History in den Geschichtsunterricht eingebunden werden kann, speziell um die DDR-Geschichte zu vermitteln. Des Weiteren sollen die Chancen aber auch Einwände gegen den Einsatz von Oral History aufgezeigt werden.

Anhand von didaktisch-methodischen Überlegungen soll aufgezeigt werden, wie Zeitzeugenbefragungen eingesetzt werden und Schüler auf Zeitzeugeninterviews vorbereitet werden können.

2. Was ist Oral History?

Eine Definition von Oral History lautet: „Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mündliche Erinnerungsinterviews mit Beteiligten und Betroffenen historischer Prozesse durchzuführen und (in der Regel) gleichzeitig in reproduzierfähiger Weise auf einen Tonträger festzuhalten, um auf diese Weise retrospektive Informationen über mündliche Überlieferungen, vergangene Tatsachen, Ereignisse, Meinungen, Einstellungen, Werthaltungen oder Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten.“[1] (Geppert, 1994, S. 313).

„Oral History“ bezeichnet die Methode, durch Befragung von Zeitzeugen etwas über die Geschichte zu erfahren. Dabei geht es schwerpunktmäßig um die Verarbeitung von Geschichte, die Veränderbarkeit der Selbstdeutung von Menschen in der Historie.

Die mündliche Quelle ist neben Tagebüchern, Briefen usw. eine von vielen, die nach Gegenüberstellung mit anderen Quellen fordert. Obwohl Tagebücher und vor allem Briefe als Quellen anerkannt sind, so wird Oral History innerhalb der Historikerzunft misstrauisch beäugt. Es wird die Relevanz der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Banalitäten des Alltags und die Repräsentativität der Ergebnisse der Oral History bezweifelt.[2]

Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Oral History keineswegs ein nur auf Zeitgeschichte begrenztes Instrument ist, sondern eine wichtige Rolle in der Erforschung generationslanger mündlicher Überlieferungen in nichtschriftlichen Kulturen, etwa in Zentralafrika oder unter den Afrikanern und Indianern in den USA spielt.[3]

Aufschwung fand Oral History besonders in den USA, z.B. in der amerikanischen Elitenbiographik, die Interviews mit Spitzenpolitikern und Beamten nutzten, um informelle Entscheidungsprozesse der politischen Führung transparent zu machen.

In Deutschland gewann Oral History erst nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung, was auch an der Entwicklung der Aufnahmegeräte lag, die audiographisch und videographisch dokumentierte Interviews ermöglichten. Erst in den 70’er Jahren gewann Oral History im Zusammenhang mit der Sozialgeschichte an Bedeutung. Sie wurde zur Erforschung von Minderheiten eingesetzt, die „keine eigene Stimme“ hatten.[4] Zentrales Thema der Oral History war in Deutschland die Gruppe der politischen Opfer der NS-Zeit.

Bereiche, in denen Oral History Bedeutung erlangt hat, waren neben Regional- und Lokalgeschichte die Bereiche des Alltags, der Minderheits-, der Frauenforschung, der Arbeitergeschichte und der Diktaturerforschung von Nationalsozialismus und

Stalinismus.[5]

Die lebensgeschichtlich geführten Interviews betreffen weniger die Rekonstruktion von Ereignissen und Abläufen, sofern hierzu keine anderen Quellen vorliegen, sondern zielen eher auf Zustimmung und Protest in einer Gesellschaft, nach den Vorerfahrungen bestimmter sozialer Gruppen für spätere historische Abschnitte, nach intergenerationellen und intragenerationellen Dynamiken in Lebensgeschichten, sowie nach deren Selbstkonstruktion“. [6]

Die Geschichtswissenschaft erhebt teilweise den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit der Methode, dass die Verlässlichkeit der Ergebnisse der Oral History zu bezweifeln ist.

Wie alle anderen historischen Quellen auch, bedarf das retrospektive Interview genauso der Quellenkritik, wobei zusätzlich das Problem der historischen Distanz auftritt.

„Die Frage nach der Repräsentativität der Oral History stellt sich nicht im Sinne von quantitativer sozialwissenschaftlicher Forschung - diese ist oftmals aufgrund der arbeitstechnischen Unmöglichkeit der Führung einer großen Anzahl von Interviews und der Zufälligkeit der Auswahl nicht erreichbar - sondern vielmehr im Sinne der qualitativen Auswahl der befragten Gruppen von Interviewpersonen, des Vergleichs der Ergebnisse mit denjenigen aus anderen Quellengattungen und quellenkritischen Untersuchung und Deutung der lebensgeschichtlichen Erzählungen“.

2.1 Didaktisch-methodische Vorteile von Oral History

Bei einem Interview eines Zeitzeugen erlebt man eine unmittelbare Begegnung mit gelebter, authentischer Geschichte. Diese Geschichte aus erster Hand wirkt auf Schüler interessanter und fesselnder, als Darstellungen in Geschichtsbüchern oder anderer Quellen.

Des Weiteren wird durch das Oral History Projekt der Forschungsdrang der Kinder angeregt. Zeitzeugenbefragung fordert von den Schülerinnen und Schülern Eigeninitiative und Eigenaktivität, denn eine ganze Reihe von Arbeitsschritten werden von den Schülern selbstständig vollzogen. Zum Beispiel muss das Thema inhaltlich vorbereitet werden, es müssen Zeitzeugen gefunden werden, ein Fragenkatalog muss erstellt werden, Termine müssen vereinbart werden und der Umgang mit Medien wie Kassettenrekorder oder einer Videokamera muss erlernt werden.

Dadurch, dass das Interview zu Hause durchgeführt werden sollte, haben die Schüler die Möglichkeit aus dem Schulalltag herauszutreten. Schüler bekommen die Chance das Lebensumfeld des Zeitzeugen kennen und verstehen zu lernen.

Auch das Gemeinschaftsgefühl einer Klasse kann durch ein Oral History Projekt gestärkt werden, denn ein Zeitzeugeninterview kann nur erfolgreich sein, wenn Schüler und Lehrer gemeinsam arbeiten und lernen. Am Beispiel der Zeitzeugenbefragung kann den Schülern die Problematik der geschichtlichen Überlieferung und Perspektivität von historischen Quellen verdeutlicht werden und ermöglicht handlungs- und projektorientierten Geschichtsunterricht. Oral History verlangt intensive Vor- und Nachbereitung, bedarf inhaltlicher Kenntnisse und methodischer Verfahren, sodass hierbei die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen gefördert wird.[7]

Gerade schwächere Schüler können auf Grund der praktischen Anforderungen ihre Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit einbringen, sodass der soziale Lerneffekt sehr hoch sein kann.

2.2 Einwände gegen Oral History

Neben den vielen Vorteilen zählen die Kritiker der Oral History auch einige Einwände gegen den Einsatz von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht auf.

Zum einen ist es schwierig ein geeignetes Thema für eine Zeitzeugenbefragung zu finden. Es muss sich zwangsläufig um ein zeitgeschichtliches Thema handeln, wo Zeitzeugen noch zur Verfügung stehen.

Des Weiteren stellt sich die Frage, wie ein Oral History Interview zu qualifizieren ist. Handelt es sich um eine historische Quelle, oder um subjektives Empfinden ohne allgemeingültige Richtigkeit? Jedoch kann dieser Vorwurf dadurch entkräftet werden, dass jede historische Quelle aus einer bestimmten Perspektive verfasst wurde und nur ein Versuch der Rekonstruktion von Geschichte ist. Oral History ist demnach alles andere als einfach und bedarf aufwendiger Vor- und Nachbereitungen wenn die Interviews als historische Quelle genutzt werden sollen.

Schwache Schüler kann das hohe Maß an eigenständiger und selbstverantwortlicher Arbeit schnell überfordern, da ihnen Sachkenntnisse und Lebenserfahrungen fehlen. „Schüler wollen zunächst konkrete Dinge wissen und lassen sich leicht durch Einzelheiten beeindrucken.“

Aber auch die Lehrer können mit einen Oral History Projekt überfordert sein, weil auch sie während ihrer Ausbildung nur selten Erfahrungen mit Zeitzeugen und den Umgang mit dem gewonnen Material machen.[8]

[...]


[1] Geppert, A.C.T.: Forschungstechnik oder historische Disziplin. Methodische Probleme der Oral History. In: GWU, Heft 45 (1994), S. 303-323

[2] Henke-Bockschatz, Gerhard: Oral History im Geschichtsunterricht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S.18-24 .

[3] Vorländer, Herwart: Mündliches Erfragen von Geschichte. In: Vorländer, Herwart (Hg.): Oral History. Mündlich erfragte Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1990, S.11.

[4] Dorothee Wierling: Oral History. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik.

[5] Kaminsky, Uwe: Oral History. In: Pandel, H-J./Schneider G. (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach 2004, S. 452.

[6] Kaminsky, Uwe: Oral History. In: Pandel, H-J./Schneider G. (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach 2004, S. 453.

[7] Sauer, Michael, Geschichte Unterrichten,Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 2006, S. 238-239.

[8] Gerhard Henke-Bockschatz : Oral History im Geschichtsunterricht, in: Geschichte lernen H76 (2000), S. 18-24.

Details

Seiten
12
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656979159
ISBN (Buch)
9783656979166
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301578
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
oral history geschichtsunterricht vermittlung ddr-geschichte

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Titel: „Oral History" im Geschichtsunterricht. Wie kann sie zur Vermittlung der DDR-Geschichte eingesetzt werden?