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Deutsche mit Migrationshintergrund in der Fußball-Elite. Analyse von In- und Exklusion auf und neben dem Spielfeld

Seminararbeit 2013 18 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Elite
2.2 Menschen mit Migrationshintergrund
2.3 Theorie sozialer Schließung

3. Fußball und Migration - Blick in die Historie

4. Datenerhebung

5. Analyse der Daten
5.1 Migrationsbericht des Statistischen Bundesamts
5.2 Nationalspieler
5.3 Bundesligaspieler
5.4 Bundesligakapitäne
5.5 Bundesligatrainer
5.6 Fußball-Funktionäre
5.7 Zusammenfassung

6. Fazit

Quellen

Internet-Datenbanken

1. Einleitung

Ein Drehbuchautor hätte es nicht besser planen können: Das jüngste Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich am 7. Februar 2013 bot bestes Material für den nächsten Integrations-Werbespot des Deutschen Fußball-Bunds. Das DFB-Team gewann mit 2:1, Torschütze war außer dem Ur-Bayern Thomas Müller auch Sami Khedira, dessen Vater aus Tunesien stammt͘ Vorbereitet wurden die Treffer von Ilkay Gündoğan und Mesut Özil, jeweils Enkel türkischer Gastarbeiter.

Khedira, Özil und Gündoğan sind nach Definition des Statistischen Bundesamts Menschen mit Migrationshintergrund1. Und sie spielen im zentralen Mittelfeld, bilden somit das Herz der deutschen Mannschaft. Dort werden Fußballpartien gedacht und gelenkt, dort fallen die Entscheidungen über den nächsten Angriff. Sind die Menschen mit Migrationshintergrund also in der deutschen Fußball-Elite angekommen? Der DFB legt zumindest Wert darauf, als Integrationsmotor zu gelten und finanziert für eine dazugehörige Kampagne sogar Fernseh- Werbung. Der wohl bekannteste Spot handelt von einem Grillfest, das die Eltern der Nationalspieler gemeinsam veranstalten. Dazu sagt eine Stimme im Hintergrund: "Was haben diese Frauen und Männer gemeinsam? Ihre Kinder spielen in der deutschen Nationalmannschaft. DFB - más integracion."

Dass Fußball-Länderspiele als Reproduktionsort nationaler Zuordnung2 dienen, kann in der Soziologie mittlerweile als Gemeinplatz angesehen werden (Klein 2008: 36f.). Nationalspieler bestätigen immer wieder diese Gefühle: Wenn der Schiedsrichter anpfeift, vertreten sie ihr Land und somit auch ihr Volk (Gruber 07.01.2013). Neu aber sind für viele Deutsche der Klang der Namen und häufig auch die Hautfarbe ihrer Vertreter auf dem Rasen. Noch im Finale der Weltmeisterschaft 1990 war die Mannschaft geprägt von Lothar Matthäus, Rudolf Völler, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann. Im Jahr 2012 spielten mit Khedira, Jérôme Agyenim Boateng und Dennis Aogo drei Männer mit, deren Väter aus Afrika stammen. Die Stürmer Miroslav Klose und Lukas Podolski sind in Polen geboren. Gündoğan, Özil und der aus Brasilien eingebürgerte Cacau haben in ihren Familien sogar überhaupt keine deutschen Vorfahren.

Manch Fan betrachtet diese Entwicklung mit Argwohn: Initiativen zum Ausschluss dieser Nationalspieler existieren, aber sie finden kaum Beachtung (Dembowski 2010: 33). Viel diskutiert wird jedoch beispielsweise die Frage, weshalb das Gros dieser ͣneuen Deutschen“3 vor dem Spiel die Hymne nicht mitsingt (Klein 10.06.2010, dpa 02.07.2012). Und dazu geraten die Akteure gegenüber einer zweiten Gruppe in Erklärungsnot - ihrer eigenen ethnischen Community: Özil wurde nicht nur in der Türkei als Verräter beschimpft, sondern auch bei einem Länderspiel in Berlin von tausenden Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund ausgepfiffen (Kamp 09.10.2010). Hamit ltıntop, in Gelsenkirchen aufgewachsener türkischer Nationalspieler, verurteilte Özil in einem Zeitungs-Interview, sich nur wegen des Geldes gegen das Land seiner Vorfahren entschieden zu haben (Süddeutsche Zeitung 06.10.2010).

In dieser Arbeit soll nun der Frage nachgegangen werden, ob deutsche Fußballspieler mit Migrationshintergrund in der deutschen Fußball-Elite angekommen sind und wie sich das untersuchen lässt. Eine Basis dafür soll die Theorie sozialer Schließung bieten, mit der eine differenzierte Analyse von Inklusion und Exklusion möglich ist. Darauf aufbauend wird anhand einer Internet-Recherche erhoben, ob und wie sich in den vergangenen Jahren die Zusammensetzung von Nationalteam, Bundesliga und Funktionärsetagen verändert hat.

2. Theoretischer Rahmen

Zunächst gilt es, entscheidende Begriffe dieser rbeit wie ͣElite“ und ͣMenschen mit Migrationshintergrund“ zu klären͘ ußerdem wird im folgenden Kapitel kurz die Theorie der sozialen Schließung erläutert.

2.1 Elite

Die Elitenforschung gehört zu den traditionsreichsten Themen der Soziologie. Als Klassiker gelten hier Mosca (1896), Michels (1911) und Pareto (1916) (Hartmann 2004a: 13). Konsens in der Sozialforschung ist, dass die Menschen als Elite verstanden werden, die - im Gegensatz zur Masse - über bestimmte Eigenschaften oder Befugnisse wie Leistungsfähigkeit, Macht, Prestige, Kapital und Bildung verfügen (Fuchs-Heinritz 2007: 158f.). Weitgehend einig sind sich die Soziologen außerdem darüber, dass vor allem ͣdas ‚Bildungsprivileg‘ der Oberschicht und der oberen Mittelschicht ausschlaggebend“ für die Zusammensetzung der Eliten ist (Hartmann 2004b: 17).

Allerdings gibt es diverse Strömungen und Tendenzen in der Elitesoziologie, wie die Diskurse um Funktions-, Leistungs- oder Wirtschaftseliten zeigen.4 Werden diese Begriffe auf den Fußball angewendet, ergeben sich zumindest zwei Formen von Elite. Die eine besteht aus Spielern, die sehr viel Geld verdienen, auf dem Platz herausragende Leistungen zeigen sowie bei Mitspielern und Fans hohes Ansehen genießen. Die andere besteht aus Funktionären wie Verbands-Präsidenten und Club-Vorständen, die mit Macht ausgestattet sind und durch ihre Entscheidungen die Rahmenbedingungen des Fußballspiels grundsätzlich beeinflussen. Eine weitere definitorische Einschränkung muss hier nicht erfolgen, weil in dieser Arbeit die Zusammensetzung beider Fußball-Eliten näher betrachtet wird.

2.2 Menschen mit Migrationshintergrund

Auch auf die wissenschaftliche Debatte um verschiedene Bezeichnungen von Migranten und deren Nachkommen5 kann hier schon aus Platzgründen nicht ausführlich eingegangen werden. lso wird die Definition des Statistischen Bundesamts angewendet, nach der ͣalle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ als Menschen mit Migrationshintergrund angesehen werden (Statistisches Bundesamt 2012: 6).

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass diese Definition zum Teil problematisch ist. Darin sind nämlich auch in deutscher Kultur und Tradition aufgewachsene ͣHeimatvertriebene“ eingelassen, während Nachfahren früherer Migrationswellen fehlen. Dennoch hat sich dieses Verständnis in den vergangenen Jahrzehnten in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft etabliert. Zudem steht in seinem Rahmen eine ausführliche Datenbasis zur Verfügung, die quantitative Analysen zum Thema möglich machen.

Allerdings wird diese hier nur mit einer Einschränkung verwendet: In dieser Arbeit soll es nicht um ausländische Profis gehen, die sich wegen eines guten Vertragsangebots für einen Umzug nach Deutschland entschieden haben. Sie sind aufgrund des Fußballs als ͣCelebrities“ nach Deutschland migriert und deshalb Teil der Gesellschaft geworden. Vielmehr steht hier eine bestimmte Gruppe deutscher Staatsbürger im Fokus: die Nachfahren von Migranten, deren Eltern andere Gründe für den Wohnortwechsel hatten und die deshalb nun womöglich von Ausschließung betroffen sind. Es soll um deutsche Kinder türkischer, griechischer und italienischer Gastarbeiter, US-amerikanischer Soldaten oder bosnischer Kriegsflüchtlinge gehen und ihre Chancen, im deutschen Fußball-Business Fuß zu fassen.

2.3 Theorie sozialer Schließung

Grundlage der Theorie der sozialen Schließung ist Max Webers 1922 veröffentlichtes Konzept von offenen und geschlossenen Wirtschaftsbeziehungen. Geschlossene Beziehungen dienen dabei der Verkleinerung der Konkurrenz am Markt. Als Anlass für den usschluss werde Bezug genommen auf ͣirgendein äußerlich feststellbares Merkmal eines Teils der (aktuell oder potentiell) Mitkonkurrierenden: Rasse, Sprache, Konfession, örtliche oder soziale Herkunft, Abstammung, Wohnsitz usw͘“ (Weber 2013: 201). Gerade die Einbeziehung solcher Gemeinschaften ist als inhaltliche Erweiterung gegenüber lange vorherrschenden Klassen- und Schichtmodellen identifizierbar. Damit bietet diese Theorie das nötige Fundament, um nach Erfolgschancen von Fußballern aus einer ethnischen Community - zum Beispiel die Gruppe der türkischstämmigen Deutschen - zu forschen.

Laut Jürgen Mackert wurde Webers Ansatz allerdings erst ab den 1970er Jahren - vor allem durch Frank Parkin, Randall Collins und Raymond Murphy - zu einem theoretischen Konzept weiterentwickelt (Mackert 2004: 10). Das jedoch habe großes Analysepotenzial, und zwar weit über die Betrachtung ökonomischer Beziehungen hinaus: ͣIm Mittelpunkt steht die Erklärung jener Prozesse, in denen soziale Akteure den Versuch unternehmen, Ressourcen, Privilegien, Macht oder Prestige zu monopolisieren und andere Akteure davon auszuschließen, und sie begreift Inklusion und Exklusion als Folge des strategischen Handelns sozialer Akteure. Das heißt, in Schließungskämpfen geht es um strukturelle Festlegungen einer gesellschaftlichen Ordnung, die sich in und durch das Handeln der kteure vollziehen“ (ebd.: 11).

[...]


1 siehe Kapitel 2.2 in dieser Arbeit

2 Hier spielen Länder gegeneinander, die Abläufe mit Abspielen der Nationalhymnen und Tragen der Nationaltrikots sind stark ritualisiert. Zudem dürfen Fußballspieler ihr Nationalteam nicht wechseln: Wer ein Pflichtspiel für ein bestimmtes Land absolviert hat, darf in seinem weiteren Leben für kein anderes Land mehr antreten.

3 Die Journalistinnen Özlem Topçu, Alice Bota und Khuê Pham - allesamt Deutsche mit Migrationshintergrund - wählen in ihrem 2012 erschienenen Buch ͣWir neuen Deutschen͘ Wer wir sind, was wir wollen“ diese Selbstbezeichnung.

4 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Elitenbegriff bietet Michael Hartmann in seiner Einführung zur Elite-Soziologie (2004).

5 Fremde, Ausländer, Zuwanderer, Spätaussiedler, Heimkehrer, Vertriebene, Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund etc.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783956872808
ISBN (Buch)
9783668003811
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301610
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Fachbereich Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Soziologie Sportsoziologie Migration Elite Fußball

Autor

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