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Aufführungsanalyse von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" (Berliner Ensemble)

Seminararbeit 2000 13 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

1. Handlung, Bühnenbild und Bedeutung des Stücks

2. Die Figuren und ihre Beziehungen zueinander

3. Bibliographie

1. Handlung, Bühnenbild und Bedeutung des Stücks

Geschlossen

Dieses Wort ist das erste, was der Zuschauer wahrnimmt, wenn er seinen Platz im Publikum einnimmt. Es hängt zentral, auf einem Schild stehend, am Vorhang, so als gäbe es dort einen Türknauf oder Haken, an dem es festgemacht wurde. Es wird dunkel im Saal, Musik erklingt, ein Mann betritt die Bühne, der im zweiten Teil des Stückes, auch von den hinteren Parkettreihen unschwer zu erkennen, als Kellner Winter wieder auftritt. Er läuft bedächtig zur Bühnenmitte bis zu erwähntem Schild. Er schaut ins Publikum, lässt aus seinem Kellnertuch, das er überm Arm trägt, ein wenig Sand rieseln (zu dieser Eigenart später noch ein wenig mehr), dreht das Schild um, auf dem nun In der Oper zu lesen steht, geht weiter und verlässt die Bühne wieder.

Der Vorhang öffnet sich. Und schon das erste Bild wirkt irgendwie mystisch und surreal: die gesamte Bühnengröße wurde ausgenutzt für ein Rund an halbhohen weißen Wänden, die violett angeleuchtet wurden und in deren Mitte sich ein riesiges Ei im Takte eines Walzers hin und her bewegt. Hinter dem Ei führt eine lange Treppe nach oben - in Richtung Sterne. Man könnte glauben, in einem Bild von Salvador Dalí gefangen zu sein. Diese Assoziation entsteht für mich vor allem durch die Bühnenausleuchtung in Zusammenhang mit der Bühnenraumkonzeption: auch bei Dalí findet man oft einsame, leere Weiten und dann im Vordergrund meist nur ein einzelnes hervorgehobenes Objekt. Aber auch das Ei als Figur findet sich des öfteren in Dalís Bildern (z. B. Metamorphose des Narziss). Doch genug in Sachen Kunstgeschichte und zurück zum Bühnenbild.

Schließlich dreht sich das Riesen-Überraschungsei nach vorn zum Publikum und plötzlich ist es eine Halbkugel, die mit Pergament bespannt ist, auf dem sich die Silhouetten zweier Personen, die des Vaters der Sängerin (der Ignorant) und die eines Arztes (der Wahnsinnige), abzeichnen. Der Arzt beginnt, die Papierwand erst künstlerisch mit dem Seziermesser zu zerschneiden, dann sie herauszureißen, um sie schließlich sorgfältig zu entfernen. Das Innere dieser Halbkugel stellt die Garderobe der Opernsängerin dar. Die eben noch alles übertönende Musik wird wesentlich leiser, bleibt aber hörbar.

Die kleine Welt der Operngarderobe ist äuûerst typisch für Bernhards Bühnenräume: sie ist eng umgrenzt, die Akteure verlassen kaum die Szenerie und bewegte Handlung findet fast nicht statt. Enge Räume kann man aber doch auch völlig anders konstruieren und darstellen. Warum also wählten Regisseur Tiedemann und Bühnenbildner Pluss das Ei als Bühnenform? Eine Figur, die den Beginn des Lebens symbolisiert... Ich werde nun im folgenden versuchen, eine Erklärung dafür zu finden.

Sehr anschaulich ist hierbei gleich der Anfang, als der Arzt sich mit Hilfe seines Seziermessers sorgfältig und präzise aus dem Ei schält. Das heiût nun also, das diesem Garderoben-Ei Leben entspringt. Vielleicht ist es in diesem Fall aber treffender, zu sagen, das diesem Ei die Kunst entspringt, in Form der später auftretenden Sängerin. Aber auch der Arzt betrachtet seine Arbeit als eine Art Kunst. Doch gerade durch diesen Arzt lässt uns Thomas Bernhard wissen, dass groûe Kunst und Oper endgültig tot seien. Wie lässt sich das vereinbaren? Ist dieses Ei ein Paradoxon: das Symbol allen Lebens, das den Tod gebiert? Ich lass diese Vermutung an dieser Stelle einfach mal so stehen.

Eine weitere Interpretationsmöglichkeit lässt sich aus der perfekten Gestalt des Eies herleiten: Aufgrund seiner Form und oftmals weiûen Farbe gilt das Ei auch als Symbol für Vollkommenheit und Perfektion, was wir sowohl bei der Sängerin als auch bei dem Arzt antreffen. Da ist auf der einen Seite also unsere Sopranistin, die im Laufe der Jahre und nach einigen 100 Vorstellungen der Zauberflöte zur Koloraturmaschine mutiert ist und somit jede Vorstellung perfekt und vollkommen über die Bühne bringt. Das heiût natürlich nicht automatisch, dass sie glücklich ist mit ihrer Situation. Das Gegenteil ist eher der Fall: sie fühlt sich eingeengt und erschöpft. So kann man die äuûere Form der engen Ei-Garderobe ganz leicht auf den inneren Gemüts- und Seelenzustand der Sängerin übertragen. Was nun die Perfektion und Vollkommenheit in bezug auf den Arzt bedeutet, lässt sich an ein oder zwei Beispielen innerhalb der Inszenierung zeigen. Da wären zum einen seine Ausführungen über Leichensektionen zu nennen, die er mit unglaublicher Präzision dem Vater der Sängerin und dem Publikum darbietet und gestisch untermalt.

Als anderes Beispiel ist die Weinprobe im zweiten Teil des Stückes zu erwähnen: Winter kommt mit einer Flasche Rotwein an den Tisch, er öffnet die Flasche und schenkt dem Doktor ein, dieser probiert, während die Sängerin und das Publikum das kleine Schauspiel des Doktors mit Neugier verfolgen: er riecht am Korken, betrachtet kennerhaft den Wein, schwenkt das Glas ein wenig, hält seine Nase mit Schwung ins Glas, nimmt letztendlich einen Schluck, zieht daraufhin ein so angewidertes Gesicht, als ob er soeben in eine Zitrone gebissen hätte, bedeutet dem Kellner jedoch trotzdem, voll einzuschenken. Diese kleine entzückende Darstellung wurde vom Publikum mit Szenenapplaus honoriert.

Mit diesem Beispiel der Weinprobe, die im Restaurant nach der Vorstellung stattfindet, leite ich zum Bühnenbild des zweiten Aktes über. Wir befinden uns jetzt also im besagten Luxusrestaurant Die Drei Husaren. Als Pendant zum ersten Bild, wo die ganze Handlung auf einen Bruchteil der Bühne reduziert war, wird nun das ganze Ausmaû der Bühne für das Publikum sicht- und begreifbar. Man sieht vier groûe runde Tische, wobei die Tischplatten leicht schräg nach vorn geneigt sind, womöglich um eine Assoziation zum ersten Bild herzustellen, wo schon der Boden der Operngarderobe eine Schräge war. Hinten in der Bühnenmitte ist eine Schwingtür, in welcher Kellner Winter immer wieder erscheint und verschwindet. Der Vergleich zwischen beiden Bildern entsteht vor allem durch die Gröûe des jetzt bespielten Raumes. Während die Operngarderobe klein und eng war, hat das Restaurant eine geradezu ausladende Weite. Dennoch findet auch hier kaum Bewegung statt (mit Ausnahme von Kellner Winter, der immer wieder hin und her laufen muss). Von der äuûeren Bühnenform des Restaurants lässt sich auch wieder relativ einfach auf die Befindlichkeiten der agierenden Personen schlieûen. Die Sängerin, die sich erschöpft und gelangweilt fühlte, ist nun, da die Vorstellung vorbei ist, sprichwörtlich aus dem Ei hervorgebrochen und die Gröûe des Restaurants ist wie eine Befreiung. Sie trägt sich plötzlich mit dem Wunsch, einen Bühnenskandal zu entfachen, dem Publikum ins Gesicht zu spucken oder einfach kommende Vorstellungen abzusagen. Genau das tut sie dann auch: Sie lässt Winter nach Kopenhagen und Stockholm telegrafieren, um die dortigen Vorstellungen „wegen plötzlicher schwerer Erkrankung“1 abzusagen. Kindliche Freude macht sich beim Doktor und der Sängerin breit, ob dieser Lüge. Sie lachen und geben sich weiter ihren Visionen hin. Aber selbst das Lachen der Sängerin erklingt nur noch koloraturenhaft. Bei der Idee, „dem Publikum/ ins Gesicht (zu) spucken“2, bekommt der hinter der Sängerin stehende Winter ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet. Und sie lacht wieder - noch. Denn das Koloraturlachen der Sängerin verwandelt sich allmählich in ein Husten, womit sich die vorherige Lüge plötzlich zu bewahrheiten scheint: „Während es zum erstenmal/ die Lüge ist/ ist es auf einmal/ möglicherweise/ eine Todeskrankheit“3. Und damit ist dann auch wieder eine Verbindung zum paradoxen Ei (Symbol des Lebens, das die tote Kunst hervorbringt) hergestellt, der Kreis schlieût sich wieder und die Lichter gehen aus...

Zu Beginn des Stücks und für eine ganze Weile sieht man in diesem GarderobenEi nur den Arzt und den Vater der Sängerin. Sie sitzen und warten dort vor der 222. Vorstellung der Zauberflöte auf das Erscheinen der weltberühmten Sopranistin (Königin der Nacht). Die Sängerin verspätet sich wie gewöhnlich und gibt den beiden wartenden Männern dadurch die Gelegenheit, ihre Obsessionen auszuleben. Für den Vater, der nach dem ersten Auftreten seiner Tochter alkoholsüchtig und blind geworden ist, ist dies das Trinken und für den Arzt sind es die Schilderungen von Leichenobduktionen.

Der Vater trinkt also permanent und dreht immerzu nervös am Knopf des Garderobenlautsprechers herum. Der Doktor blättert in verschiedenen Berliner Tageszeitungen und resümiert die Kritiken der Premiere: „Koloraturmaschine!“, „Spitzentöne!“, „Stimmaterial!“, „Stupend!“4

[...]


1 Berliner Ensemble: Der Ignorant und der Wahnsinnige, Programmheft Nr. 2, Januar 2000, S. 63

2 Ebd., S. 66

3 Ebd., S. 64

4 Ebd., S. 7

Details

Seiten
13
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638314886
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30164
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Aufführungsanalyse Thomas Bernhards Ignorant Wahnsinnige Ensemble) Einführung

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