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Die Förderung der personellen Kompetenz in Berufsorientierungskursen nach medizinischer Rehabilitation

Hausarbeit 2015 54 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der Themenwahl

3. Theoretische Grundlagen
3.1. Rehabilitation, Entwicklungsaufgaben, Kompetenzen
3.1.1 besondere Lebenssituationen - Was ist Rehabilitation?
3.1.2 Entwicklungsaufgaben nach Robert J. Havighurst
3.1.3 Entwicklung nach Klaus Hurrelmann
3.1.4 Personelle Kompetenz, Definition und Grundlagen
3.2. Grundhaltung des Erziehers
3.2.1 Grundlagen professioneller Beziehungsarbeit
3.2.2 Wertschätzung, Kongruenz, Empathie
3.2.3 Nähe und Distanz
3.2.4 Vertrauen nach Franz Petermann
3.3. Kommunikation als zentrales Mittel
3.3.1 Ohne Worte?
3.3.2 Motivierende Gesprächsführung nach C. Rogers
3.3.3 Feedback und Störungen der Kommunikation
3.4. Motivationsaufbau ist die Grundlage
3.4.1 Einführung zur Motivation, Prozessablauf
3.4.2 Intrinsische und extrinsische Motivation
3.4.3 Motive und Motivationskriterien
3.4.4 Motivation unter Beachtung der Grundbedürfnisse des Menschen

4. Bezug zur eigenen Berufspraxis
4.1. Beschreibung der Einrichtung und des Konzeptes „RVL“

5. Situationsanalyse
5.1. Allgemeine Vorstellung
5.2. Vorstellung von Florian
5.3. Vorstellung der Werkstatt

6. Zielsetzung für den Praxistag

7. Planung und methodisches Vorgehen
7.1. Planung des Praxistages

8. Durchführung des Praxistages

9. Resümee / Ausblick
9.1. Resümee
9.2. Ausblick

10. Reflexion

11. Literatur- und Quellennachweis

Fördergespräch

1. Einleitung

Die Landesklinik ist eine Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Für Patienten mit seelischen Problemen ist die Psychiatrische Institutsambulanz erste Anlaufstelle bzw. auch für Eltern und Sorgeberechtigte, die seelische Probleme bei ihren Kindern vermuten. In der Landesklinik werden viele Patienten aus der weiteren Umgebung medizinisch behandelt. Es ist die größte Klinik im Landkreis, es gibt in der Region viele medizinisch-spezielle Einrichtungen, sozialmedizinische Dienste und Wohnstätten sowie Einrichtungen für Behinderte. Viele Unternehmen der Region arbeiten mit den Klinikeinrichtungen eng zusammen und stellen freie Plätze für die berufliche Rehabilitation der Patienten zu Verfügung. Es gibt immer wieder freie Stellen wie zum Beispiel in Bäckereien und Gärtnereien oder in Servicebereichen wie Reinigung und Wäscherei. Durch den langen Aufenthalt in der Klinik bleiben viele junge Menschen auch nach der Genesung in der Stadt. Hier haben sie die Sicherheit der vertrauten Umgebung, wissen wo Ärzte und Versorgungseinrichtungen zu finden sind und es fällt ihnen leichter, ihren Lebensmittelpunkt in Spremberg zu gestalten. Dazu gehört auch die Planung der eigenen beruflichen Zukunft.

XXXXXXXXX als regionaler Bildungsträger ist Ansprechpartner junger Menschen in der Berufswahl. In meiner Facharbeit werde ich daher die Beziehungsarbeit mit einem Teilnehmer eines Rehabilitationsvorbereitungskurses „RVL“ darstellen.

Mit der Einleitung und Begründung meiner Themenwahl beginnend, stelle ich am Anfang dieser Facharbeit folgende Fragen, welche mich während der gesamten Arbeit beschäftigen werden: „Ist die Förderung der personellen Kompetenz von jungen Teilnehmern eines Berufsorientierungskurses (nach medizinischer Rehabilitation) durch Beziehungsarbeit und Motivationsaufbau möglich?“ Um diese Frage genauer zu betrachten, werde ich auf das Fallbeispiel von Florian näher eingehen. Im Weiteren werde ich mich mit der Fragestellung: „Ist es möglich die personelle Kompetenz von jungen Teilnehmern an einer beruflichen Rehabilitationsmaßnahme, durch Beziehungsarbeit und Motivationsaufbau in der für sie schwierigen Lebenssituation der beruflichen Neuorientierung zu fördern?“ beschäftigen.

Im folgenden theoretischen Teil werde ich auf die Begriffe Rehabilitation und Entwicklungsaufgaben, sowie dem Begriff personelle Kompetenz näher eingehen. Als ein Schwerpunkt möchte ich die Persönlichkeit des Erziehers in Verbindung mit Beziehungsarbeit, Distanz und Nähe, sowie Vertrauen beschreiben. Das Thema Kommunikation wird einen Platz in dieser Facharbeit einnehmen, insbesondere Gesprächsführung, Feedback und Störungen der Kommunikation. Zum Abschluss des theoretischen Teils, werde ich mich dann mit dem Thema Motivation auseinandersetzen und am Ende einzelner Kapitel zusammenfassend auf die Relevanz für die Arbeit als Erzieher eingehen. Als zentrales Thema im praktischen Teil dieser Arbeit erläutere ich konkret am Fall von Florian R. unsere Beziehungsarbeit während eines Praxistages zur beruflichen Neuorientierung. Eine sichere Planung und Durchführung bilden dabei die Grundlage und ich beziehe mich immer wieder auf den theoretischen Teil dieser Facharbeit.

Die Formulierung von Grob- und Feinzielen stellt einen wesentlichen Teil meines schrittweisen methodischen Vorgehens dar.

Im Resümee werde ich anschließend die theoretischen Grundlagen mit meiner praktischen Erfahrung vergleichen und einen Rückschluss auf die Bestätigung oder den Widerspruch meiner Frage ziehen. Abschließend erfolgt eine Reflexion meiner eigenen Arbeit. Ich werde während der gesamten Facharbeit vorrangig die Verbindung Erzieher - Jugendlicher beschreiben. Um den Lesefluss meiner Facharbeit zu gewährleisten, benutze ich in dieser Facharbeit das generische Maskulinum, spreche aber beide Geschlechter an.

2. Begründung der Themenwahl

In meiner Tätigkeit als Projektmitarbeiterin XXXXXXXXXX, in verschiedenen Projekten für die berufliche Rehabilitation, lerne ich immer wieder junge Menschen mit Behinderungen und gesundheitlichen Einschränkungen kennen. Diese Projekte werden mehrmals im Jahr in großem Umfang im Auftrag der Agentur für Arbeit oder der Deutschen Rentenversicherung durchgeführt und auch finanziert. Die Teilnehmer an diesen Projekten kommen aus dem Landkreis, oftmals sind es auch ehemalige Patienten der Landesklinik. Es kommt öfter vor, dass wir sehr junge Menschen erst in Berufsfindungskursen kennenlernen und sie einige Jahre später wieder in anderen Projekten treffen, zum Beispiel in Kursen zur Kompetenzfeststellung/Erweiterung. Dann ist für uns oft deutlich und sehr schnell erkennbar, dass es an Motivation und Selbstvertrauen des Einzelnen fehlt. Ziellosigkeit bestimmt den Alltag und eine Lösung raus aus der Situation ist oft nicht in Sicht.

Aus der Erfahrung meiner beruflichen Tätigkeit weiß ich, wie viel intensive und individuelle Arbeit erforderlich ist, um Vertrauen zueinander zu entwickeln. Viele kleine Schritte sind nötig. Sensibilität und Feinfühligkeit bestimmen unsere tägliche Arbeit. Erst dann ist es möglich, erfolgreich miteinander an einem gemeinsamen Ziel arbeiten zu können.

Im Mai 2013 lernte ich Florian R. kennen. Er kam zu uns in die Bildungseinrichtung um im Klassenverband von 15 Schülern einen 3monatigen Rehabilitationsvorbereitungslehrgang zu absolvieren. In dieser Klasse hatten alle Schüler ein ähnliches Schicksal. Sie konnten durch einen Unfall oder eine Krankheit ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben. Wir hatten nun von der Agentur für Arbeit oder der Deutschen Rentenversicherung den Auftrag, die Motivation und Interessenlage der Schüler abzuklären. Mit Hilfe unserer Einschätzung wird dann eine Umschulung durch die Agentur für Arbeit genehmigt oder es wird ein anderer beruflicher Werdegang geplant. Insbesondere bei Florian war schon in unserem ersten Gespräch auffällig, dass er sehr wenig Selbstbewusstsein besaß, sich sehr unsicher äußerte und bewegte. Florians Schicksal berührte mich sehr. Einen kleinen Auszug aus seinem Entwicklungsweg möchte ich zum Thema meiner Facharbeit machen.

3. Theoretische Grundlagen

3.1. Rehabilitation, Entwicklungsaufgaben, Kompetenzen

3.1.1 besondere Lebenssituationen - Was ist Rehabilitation?

Menschen die durch eine Krankheit oder einen Unfall von einer Behinderung betroffen sind und sich in einem Rehabilitationsprozess befinden, machen unfreiwillig einen schweren Lernprozess durch. Die Funktionsfähigkeit und die persönlichen Möglichkeiten im beruflichen und sozialen Umfeld sind verändert und der Rehabilitand muss sich damit auf veränderte Lebensbedingungen einstellen. Das Krankheitsereignis wird nicht als reale Tatsache angesehen, sondern es wird in vielen Fällen verdrängt. Alles Wünschen und Hoffen bezieht sich auf die Vorstellung, dass das Ereignis oder zumindest die Folgen rückgängig gemacht werden können. Diese Einstellung, die als normales Ausgangsverhalten eines Rehabilitanden angesehen werden kann, fördert die passive Erwartungshaltung und steht im Gegensatz zum angestrebten Endverhalten. Hinzu kommt das Ausgeliefertsein an eine Institution und an Menschen, die sich der Rehabilitand nicht aussuchen kann. Er hat kaum eine Möglichkeit sich zu entziehen. Es kann von ihm also nicht sofort eine positive Grundstimmung für die Ziele der Rehabilitation erwartet werden.

Rehabilitation heißt Wiedereingliederung und Wiederherstellung. Der Begriff Rehabilitation kann in verschiedenen Zusammenhängen verwendet werden. In dieser Arbeit schildere ich speziell einen kurzen Weg der beruflichen Rehabilitation im Zusammenhang mit der Prüfung der eigenen Belastbarkeit im Hinblick auf den beruflichen Neubeginn. Medizinisch werden mit dem Begriff Rehabilitation Maßnahmen bezeichnet, welche einem Kranken helfen, wieder gesund zu werden. Jährlich erfahren etwa eine Million Menschen, dass ihr Körper den Belastungen am Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen ist oder dass die gesundheitlichen Probleme eine berufliche Neuorientierung erforderlich machen. Mit einer Rehabilitation lässt sich ein Neustart besser meistern. Das Ziel jeder Rehabilitation ist es, das kranke Menschen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren oder in einen anderen Beruf einsteigen können. Rehabilitation bezeichnet dabei Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben bis hin zur Wiedereingliederung in das Erwerbsleben. Rehabilitation soll laut Gesetz die „Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit“ beseitigen beziehungsweise das „vorzeitige Ausscheiden aus dem Erwerbsleben“ verhindern. Erst wenn eine Rehabilitation diese Ziele nicht erreichen kann, wird von der Rentenversicherung die Zahlung einer vorzeitigen Rente geprüft.[1]

3.1.2 Entwicklungsaufgaben nach Robert J. Havighurst

Der Entwicklungspsychologe Robert J. Havighurst beschrieb erstmals das Konzept der Entwicklungsaufgaben. Geordnet sind die Entwicklungsaufgaben nach Lebensphasen, wie z.B. Kindergartenalter, Grundschulalter oder Jugendalter. Sie entstehen durch das Zusammentreffen biologischen Faktoren wie der körperlichen Entwicklung des Einzelnen und den gesellschaftlichen Erwartungen mit Werten und Normen sowie den eigenen, individuellen Zielsetzungen.

Beispiele für Entwicklungsaufgaben im Jugendalter sind die Ablösung vom Elternhaus und die Planung und Vorbereitung der Berufslaufbahn. Zu den Entwicklungsaufgaben im Erwachsenenalter zählen u.a. die Partnerwahl und die Vorbereitung der Familiengründung. Diese beiden Phasen von Entwicklungsaufgaben werde ich in meiner Facharbeit später noch einmal kurz aufgreifen.

Die Entwicklungsaufgaben dienen dem Erwerb von Fähigkeiten, die sich ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener zu einem bestimmten Zeitpunkt angeeignet haben sollte, um sich gesund zu entwickeln und zukünftige Lebensaufgaben bewältigen zu können.[2] Havighurst geht davon aus, dass es „sensible Phasen“ gibt. Diese Phasen sind Zeitabschnitte, in denen die Bewältigung verschiedener Aufgaben besonders gut gelingt. Natürlich können bestimmte Prozesse auch zu anderen Zeitpunkten geleistet werden, dann aber mit mehr Aufwand, als in den sensiblen Phasen. Die erfolgreiche Vollendung von Entwicklungsaufgaben in einem bestimmten Lebensabschnitt führt zu Zufriedenheit und Erfolg beim Einzelnen und seinem Umfeld. Im Gegensatz dazu führt die Nichterfüllung zur Unzufriedenheit bis hin zu Problemen und Schwierigkeiten bei der Bewältigung der nächsten Entwicklungsschritte. Durch die Individualität der Menschen bewältigen einige die Entwicklungsaufgaben früher oder anders als andere. Die Aufgabe des Erziehers ist es, in diesem Prozess zu unterstützen, so dass jeder junge Mensch seinen eigenen Weg finden kann. Es ist auch die Aufgabe des Erziehers, den Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten zu bieten, für verschiedene Situationen entsprechende Lösungsstrategien zu entwickeln und auszuprobieren, lebensweltnah und im „Selbstversuch“.

3.1.3 Entwicklung nach Klaus Hurrelmann

Angelehnt an die klassischen Aussagen von Robert Havighurst modernisiert der Psychologe Klaus Hurrelmann die Entwicklungsphasen. Er definiert wie Havighurst auch, die Phase des Jugendalters als eine Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein, mit eigenen Werten und Besonderheiten und mit besonders vielen Aufgaben und Anforderungen. Die Bewältigung fordert vom Jugendlichen bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten um den Übergang zum Erwachsenenalter zu meistern und sich eine eigene Identität zu schaffen.[3] Unter Beachtung des industriellen Konsums der heutigen Gesellschaft modernisiert Hurrelmann die Entwicklungsaufgaben wie folgt:

Er sieht die Bildung einer eigenen Identität als zentrale Aufgabe des Jugendalters.

Hurrelmann teilt die Entwicklungsaufgaben in mehrere Bereiche. Ein Bereich ist die Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz. Der Mensch geht selbstständig seinen schulischen und beruflichen Verpflichtungen nach. Mit dieser Kompetenz lässt sich später eine Existenz als erwachsener Mensch aufbauen.

Weitere Entwicklungsaufgaben sind die Entwicklung einer Geschlechtsidentität und das Bindungsverhalten zu Gleichaltrigen zu entwickeln. Der gesteuerte Umgang mit Konsum und die Entwicklung eines eigenen Lebensstils gehören ebenfalls zu den Aufgaben die bewältigt werden müssen, wie auch die Entwicklung eines Normen- und Wertesystems und die Entwicklung eines ethisch politischen Bewusstseins.[4]

Alle Entwicklungsaufgaben beeinflussen sich gegenseitig und stehen in engem Zusammenhang. Die moderne Industriegesellschaft der heutigen Zeit ermöglicht den Jugendlichen fast unbegrenzt und oft einen unkontrollierbaren Zugriff auf viele verschiedene Medien, gerade in der neuen mobilen Welt. In diesen Situationen ist es wichtig, dass die Jugendlichen die nötigen Kompetenzen für den verantwortungsvollen Gebrauch besitzen. Der Erzieher wiederum braucht einen engen Kontakt zum Jugendlichen, immer geprägt durch Übergabe von Verantwortung und Vertrauen.

Nur wenn wir als Erzieher über dieses moderne Wissen verfügen, gelingt die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu einer selbstverantwortlichen, gesunden und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit der heutigen Zeit.

3.1.4 Personelle Kompetenz, Definition und Grundlagen

Die personelle Kompetenz beschreibt die Bereitschaft und Fähigkeit als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln.[5] Die personelle Kompetenz beschreibt also die Basiskompetenz jedes einzelnen Menschen, seine Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen. Dazu gehören u.a. Leistungsbereitschaft, Selbstvertrauen, Toleranz, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Motivation, Verantwortungsbereitschaft, Selbstwahrnehmung, Konfliktfähigkeit und Selbsteinschätzung. Auch gehören Sorgfalt, Disziplin, Ausdauer, Kritikfähigkeit und Umgangsformen dazu. Im Privatleben zeigt die personelle Kompetenz, wie sich die Person in der Umwelt angemessen behaupten kann, eigenverantwortlich handeln und soziale Verantwortung übernehmen kann.[6] Im Beruf befähigen uns diese Kompetenzen, eine Balance zwischen Nähe und Distanz im Beruf zu finden und stets die eigene berufliche Haltung zu reflektieren.

In dieser Facharbeit liegt die Relevanz der personellen Kompetenz hauptsächlich darin, die Fähigkeit sich selbst zu entwickeln und das eigene Handeln zu verantworten, Entscheidungen zu treffen und Durchhaltevermögen und Willensstärke zu zeigen. Viele einzelne Kompetenzen können trainiert werden, einige sind aber bereits in der Persönlichkeit angelegt und deshalb nur sehr schwer zu erlernen. Kompetenzen können nicht immer eindeutig getrennt werden und sind oft miteinander verbunden. Die Summe dieser Fähigkeiten bedeutet Verantwortung für sich uns das eigene Leben zu übernehmen.

3.2. Grundhaltung des Erziehers

3.2.1 Grundlagen professioneller Beziehungsarbeit

Beziehungsarbeit bezeichnet ein Vorgehen in zwischenmenschlichen Beziehungen, in dem von den Beteiligten bewusst versucht wird, ihr Verhalten gegenüber dem jeweils anderen zu hinterfragen und im Sinne einer positiven Gestaltung der Beziehung veränderbar zu halten. Sie hat das Ziel, Vertrauen zu ermöglichen, größere Abstimmung und offenen Austausch zu erreichen. Beziehungsarbeit bedeutet, gezielt auf einen Menschen zuzugehen, etwas gemeinsam mit ihm zu erleben, persönliche Berührungspunkte herzustellen oder andere in der Beziehungsbildung anzuleiten. Genauer gesagt: Man versucht eine sinnvolle Begegnung mit einem anderen herzustellen. Dazu gehört, dass einem der Andere wichtig ist, man sein Verhalten ernst nimmt, seine Gefühle respektiert und seine Persönlichkeit als wertvoll erachtet. Diese Arbeit verlangt auch, dass man sich mit seinen persönlichen Seiten einlässt, darum bemüht ist, Vertrauen herzustellen und persönliche Sichtweisen auszutauschen.[7]

Eine von Respekt und Achtung geprägte Beziehung strebt an, den anderen in seiner Individualität und in seinen lebensweltlichen Bezügen wahrzunehmen und zu verstehen. Sie berücksichtigt das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung und Autonomie, leistet im beruflichen Sinne eher Hilfe zur Selbsthilfe. Ein beziehungsförderndes Menschenbild betrachtet den Jugendlichen also als eigenständig und autonom. Er ist verantwortlich für die Gestaltung seines Lebens und die Lösung seiner Probleme. Es wird auf die individuelle Entwicklung jedes einzelnen Jugendlichen geachtet und dabei werden vorhandene Fähigkeiten berücksichtigt. Unterstützung darüber hinaus ist immer davon abhängig, inwieweit weitere Ressourcen des Jugendlichen bzw. seines Lebensumfeldes mit einbezogen werden können. Die Ermöglichung und Unterstützung von Selbstorganisation sowie Partizipation des Jugendlichen an Entscheidungsprozessen stellt einen sehr wichtigen Pfeiler in der Beziehungsarbeit dar.

Der für alle Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen typische phasenhafte Verlauf gilt auch für die professionelle Arbeitsbeziehung. Darunter wird die Phase des Beziehungsaufbaus, der Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen Thema und die Phase der Ablösung verstanden. Professionelle Arbeitsbeziehungen bilden insofern die Grundlage und Voraussetzung gemeinsamen Arbeitens, was wichtig für die Bedeutung der Beziehung ist.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ohne eine tragfähige Beziehung zwischen Erzieher und Jugendlichem eine gute Beziehungsarbeit nicht möglich ist.

3.2.2 Wertschätzung, Kongruenz, Empathie

Junge Rehabilitanden können nach einer schweren Krankheit oder einem schweren Schicksalsschlag häufig nur noch eingeschränkt auf ihre einstigen Lebenspläne zurückgreifen. Sie müssen alternative Pläne entwickeln und dass mit einem oft verminderten Selbstbewusstsein. Sie haben den Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten weitgehend verloren. Für den Erzieher ist es dann wichtig, den jungen Menschen langsam und feinfühlig „zu öffnen“, bereit zu machen für neue Wege. Dabei ist darauf zu achten, dass der Erzieher den Jugendlichen nicht überfordert. Durch die eingeschränkte Sichtweise des Jugendlichen besteht am Anfang nur wenig Raum für Neues. Wie kann es trotzdem gelingen, den Jugendlichen auf einen neuen Weg zu führen? Das hängt entscheidend davon ab, mit welcher Grundhaltung der Erzieher den Jugendlichen grundsätzlich und insbesondere in dieser schweren Zeit begleitet.

Nach Carl Rogers, auf den ich im weiteren Verlauf noch eingehen werde, gibt es drei zentrale Variablen, die sich in der pädagogischen Arbeit als günstig und hilfreich erwiesen haben.

Uneingeschränkte Wertschätzung (Akzeptanz)

bedeutet, dass der Erzieher dem Jugendlichen grundsätzlich positiv gegenübersteht. Äußerungen und Erlebnisweisen des Jugendlichen werden akzeptiert wie sie sind. Die Wertschätzung bewirkt beim Jugendlichen eine größere Akzeptanz und Wertschätzung seiner selbst, eine angstfreiere Auseinandersetzung mit seinen Problemen. “Durch Worte, Handlungen oder beides gilt es, dem Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln, dass er akzeptiert wird, so wie er ist. Der Erzieher interessiert sich für den Jugendlichen unabhängig von geäußerten Inhalten oder gezeigten Verhaltensweisen. Der Jugendliche wird nicht bewertet und in Kategorien (z.B. negativ/positiv) einsortiert. „Für den Jugendlichen ist ein Akzeptiert werden seiner Person und seiner Inhalte eine wesentliche Bedingung dafür, sich angstfrei öffnen zu können und sich damit auch belastenden und peinlichen Inhalten zu wenden zu können.“[8] Aufgabe des Erziehers ist es den Jugendlichen widerzuspiegeln, damit dieser sich selbst besser versteht und objektiver sieht. Der Jugendliche erkennt wie er sich seinem Idealbild annähern kann, oder dass es nötig wird, das Idealbild zu verändern, die Kluft zwischen Idealbild und Realbild zu schließen.

Kongruenz des Erziehers (Echtheit)

Die Kongruenz ist die am schwierigsten zu realisierende Grundhaltung eines Erziehers. Kongruenz bedeutet, dass ein Erzieher dem Jugendlichen ehrlich und echt gegenüber steht. Der Erzieher muss sich und seiner Rolle in der pädagogischen Beziehung bewusst sein (Selbstübereinstimmung). Der Erzieher hat im kongruenten Sinne Zugang zu seinen eigenen Gedanken und Gefühlen, die den Jugendlichen betreffen. Durch seine Selbstexploration wird eine offene und ehrliche Haltung gegenüber dem Jugendlichen ermöglicht. Ziel der Echtheit ist es, den Jugendlichen gegebenenfalls, z.B. auf Nachfrage, an der Selbstexploration des Erziehers teilhaben zu lassen. Es gilt, dem Jugendlichen nichts vorzumachen und keine Gefühle zu verheimlichen oder vorzutäuschen.

Praktisch heißt das für den Erzieher, dass er offen für erfreuliche und verletzende Erfahrungen ist, dass er hinter seinen Äußerungen steht und gegensätzliche Gefühle akzeptiert und anerkennt. Es darf keine Diskrepanz (Missverhältnis) zwischen seinem bewussten Erleben und seiner Verbalisierung geben. Die Kongruenz bewirkt beim Jugendlichen das Gefühl gut aufgehoben zu sein, weil er sich ehrlich und aufrecht behandelt fühlt. Weiterhin ermöglicht diese Haltung dem Jugendlichen ebenfalls eine Auseinandersetzung mit sich selbst (Selbstexploration).

„Kongruenz bedeutet, dass der Erzieher seiner selbst gewahr ist, dass ihm seine Gefühle und Erfahrungen nicht nur zugänglich sind, sondern dass er sie auch durch Sein und Erleben in die Beziehung zum Jugendlichen einbringen kann. Es bedeutet, dass es sich um eine direkte, personale Begegnung mit dem Jugendlichen handelt, eine Begegnung von Person zu Person. Es bedeutet, dass der Erzieher er selbst ist und auch sich nicht verleugnet“[9]

Empathie des Erziehers (Einfühlungsvermögen)

bedeutet, dass der Erzieher sich bemüht, die Gefühle des Jugendlichen präzise und sensibel wahrzunehmen, indem er ‚die Brille des Jugendlichen aufsetzt’, und ‚in seine Haut schlüpft’. Er versucht die Gefühle und persönlichen Bedeutungen des Jugendlichen zu spüren und ihm diese möglichst konkret und einfach zurück zu spiegeln. Durch Empathie soll es möglich werden, einen anderen Menschen besser zu verstehen.

Der Jugendliche verbalisiert emotionale Erlebnisinhalte und der Erzieher nimmt diese mit seinem empathischen Verständnis wahr, wodurch er die Perspektive des Jugendlichen deutlich besser einsehen und verstehen kann. Die durch das empathische Verständnis wahrgenommenen Gefühle und Einstellungen, die in der Aussage des Jugendlichen mitschwingen, werden vom Erzieher zurück gespiegelt.

Dies bewirkt beim Jugendlichen eine verstärkte Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen, er wird sich über Zusammenhänge klarer. Der Jugendliche erkennt seine Gefühle aufgrund der Rückspiegelung besser und lernt zudem seine Gefühle direkter auszudrücken. Empathie teilt nicht nur Gefühle, sie versucht zu verstehen, was den Gefühlen zugrunde liegt. Deshalb setzt Empathie sorgfältiges Zuhören und genaue Beobachtung voraus. Wenn wir empathisch sind, wollen wir genau verstehen, was im anderen vorgeht. Wir versuchen deshalb, die Welt mit seinen Augen zu sehen, „in seine Schuhe zu schlüpfen“. Erst dieser Wechsel der Perspektive (und die vorübergehende Aufgabe der eigenen Perspektive) eröffnet uns ein Verständnis über das Mitfühlen hinaus.“[10] Ich möchte anmerken, dass Empathie auch Risiken mit sich bringt: Wie kann der empathische Erzieher die Distanz zum Jugendlichen halten? Auf diese Frage gibt der folgende Punkt eine Antwort.

3.2.3 Nähe und Distanz

Kompetentes berufliches Handeln bedarf einer bewussten, fachlich begründeten Gestaltung von Nähe und Distanz. Neben Fachkompetenz sind Selbstreflexionsvermögen und Abgrenzungsfähigkeit wichtige Voraussetzungen in der pädagogischen Arbeit. Eine professionelle Arbeitsbeziehung ist eine Form der zwischenmenschlichen Beziehung. Sie unterscheidet sich von der alltäglichen Beziehung durch einen Arbeitsauftrag in einem bestimmten Lebensbereich der Jugendlichen. Die Beziehung ist oft nur für eine bestimmte Zeit angelegt und es besteht ein festgelegtes Rollenverhältnis. Grenzen in der Beziehungsarbeit liegen in Situationen, in denen ein Beteiligter den Zugang verwehrt und keinerlei Bereitschaft zur Mitarbeit zeigt.[11]

Die Beziehung ist die Grundlage und der Boden aller Zusammenarbeit in der Erziehung – ohne Beziehung keine Erziehung! Die notwendige Nähe von Erziehern zu den Jugendlichen kann zu einer starken persönlichen Betroffenheit führen. Viele Fachkräfte sind bemüht eine Beziehung aufzubauen und vergessen dabei, dass es Grenzen geben muss. Es muss eine Balance zwischen Nähe und Distanz gefunden werden.

Weiterhin gibt es zeitliche und räumliche Grenzen, d.h. wenn in vorgegebener Zeit ein Aufbau der Beziehung gar nicht möglich ist oder sich die Gestaltung der Beziehung räumlich verschieben könnte. Ein Beispiel: der Jugendliche kommt für 4 Wochen in einen Kurs und verwehrt sich 3 Wochen gegen eine Zusammenarbeit. In der 4. Woche ändert sich sein Verhalten und er ist zur Zusammenarbeit bereit, scheidet dann aber schon wieder aus dem Kurs aus.

Eine weitere Grenze wird deutlich, wenn die Erwartungen einer Seite zu hoch angelegt sind oder medizinische Einschränkungen eine Betreuung durch andere Fachkräfte erforderlich machen. Der Erzieher muss daher seine eigenen Gefühle, Haltungen, Einstellungen, Werte und Normen kennen und regelmäßig reflektieren und sich in einem gesunden Arbeitsklima mit Fachkräften dazu austauschen können. Dadurch erhält er einen Überblick über sein Verhalten und kann gegebenenfalls rechtzeitig reagieren.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass der professionelle Umgang mit Nähe und Distanz vom Erzieher entscheidend zur Gestaltung von Beziehungen beiträgt.

3.2.4 Vertrauen nach Franz Petermann

Gelungene Vertrauensbeziehungen zu Jugendlichen erleichtern Erziehern in vielen Fällen die Arbeit. In Vertrauen sehen Erzieher eine motivationsstärkende Komponente, welche die Lernatmosphäre positiv beeinflusst und Ängste beim Jugendlichen abbaut.

Der Deutsche Franz Petermann arbeitet auf den Gebieten der Entwicklungspsychologie und Rehabilitationspsychologie. Er sagt, dass Vertrauen immer einen Aspekt der Ungewissheit, ein Risiko und die Möglichkeit der Enttäuschung beinhaltet. Der Aufbau von Vertrauen aus Sicht des Erziehers umfasst demnach 3 Phasen. In der ersten Phase wird eine verständnisvolle Kommunikation hergestellt. Das geschieht u.a. durch uneingeschränktes Zuhören, Aufrechterhalten des Blickkontaktes, intensive Zuwendung und sensible Wahrnehmung der Körpersprache des Jugendlichen. In Phase zwei werden bedrohliche Handlungen/Situationen abgebaut. Für den Aufbau von Vertrauen muss eine gewisse Sicherheit vorhanden sein. Geplantes Vorgehen ist also notwendig, gekennzeichnet durch Eindeutigkeit, Durchschaubarkeit und Berechenbarkeit. Erst in Phase drei wird schrittweises Vertrauen hergestellt, durch den gezielten Einsatz von vertrauensauslösenden oder -fördernden Handlungen. Dem Jugendlichen werden Aufgaben oder Verantwortung übertragen, da dies zur Entwicklung von Selbstvertrauen beiträgt. In der Folge erlebt der Jugendliche Selbstwirksamkeit und erwirbt eine erhöhte Verhaltenssicherheit.[12] Erst dann ist professionelles, erfolgreiches Arbeiten möglich. Der Jugendliche muss sich also immer sicher sein können, das Vertrauen des Erziehers zu bekommen. Für eine motivierende Wirkung ist es wichtig, dass er deutlich erkennen kann, dass seine Bedürfnisse berücksichtigt werden. Das fördert die Eigenaktivität und Eigenverantwortung des Jugendlichen und gibt ihm Sicherheit.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass Vertrauensbildung für den Erzieher ein wichtiges Kernelement und die Grundlage in der Beziehungsarbeit darstellt.

3.3. Kommunikation als zentrales Mittel

3.3.1 Ohne Worte?

Kommunikation ist eine soziale Situation in der ein Sprecher einem Hörer etwas mitteilt. Sie bildet die Grundlage erzieherischen Handelns. Das Gespräch lebt davon, dass die Beteiligten wechselseitig die Rolle von Sprecher und Zuhörer einnehmen. In dieser Wechselbeziehung erfolgt die Sozialisation, Entwicklung und Förderung des Einzelnen. Es gibt immer Rahmenbedingungen wie die Situation, die Gesprächspartner und die eigentliche Mitteilung, die entscheidend sind in der Kommunikation. Danach entscheiden die Gesprächspartner, ob die Kommunikation verstanden wird oder mit Störungen belegt ist. In den meisten Fällen werden mehrere Kommunikationskanäle parallel zur Informationsübertragung genutzt.[13]

Gespräche mit den Jugendlichen ergeben sich nicht immer zeitlich und räumlich organisiert, sondern auch unvorbereitet bei Bedarf in unvorhersehbaren Situationen. Das ist oft schwierig, weil sich der Erzieher dann nicht auf das Gespräch vorbereiten kann, sondern gesprächsbereit sein muss, wenn die Situation es grad erfordert. Der Vorteil dabei ist, dass der Erzieher in konkreten Situationen verschiedenste spontane Gefühlsäußerungen und Bedürfnisse des Jugendlichen erlebt und reagieren kann. Anders als bei Therapeuten und Medizinern arbeiten Erzieher oft regelmäßig und über einen längeren Zeitraum sehr eng mit den Jugendlichen zusammen. Daraus ergeben sich Konflikte, Chancen und damit auch die Möglichkeit für Lösungen. Für den Erzieher ist das Gespräch also ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit.

Ich möchte jetzt näher auf die nonverbale Kommunikation eingehen, da sie für den praktischen Teil dieser Facharbeit von großer Bedeutung ist, aber mit einem Zitat beginnen.

Was jemand denkt, merkt man weniger an seinen Ansichten als an seinem Verhalten. Isaac Bashevis Singer (amerikanischer Schriftsteller)

Körpersprache ist ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation. Sie drückt sich aus durch steuerbare Signale unseres Körpers, wie der Haltung, dem Blickkontakt, der Gestik, Mimik und den Körperdistanzen. Aber auch durch nichtsteuerbare Signale wie Nervosität, Schamröte oder Blässe, Pupillenreaktion oder Transpiration.

Viele Beziehungen beschränken sich in ihrer Kommunikation auf das gesprochene Wort und vergessen, dass auch der Körper permanent Signale als Information sendet. Lächeln und Berührungen, die Tonlage, die Körperspannung, der Händedruck und der Blick… all das sind Signale die die wahren Gefühle des Einzelnen für sein Umfeld deutlich erkennbar machen.

Anzeichen für Wohlbefinden sind u.a. ein lockerer aufrechter Stand, Armbewegungen über der Gürtellinie, Blickkontakt halten, weite Armbewegungen, entspannte Körperhaltung oder Öffnen des Jacketts. Unsicherheit ist erkennbar durch u.a. einem unruhigen Blickkontakt, vor die Brust verschränkte Arme, leise und undeutlichem Sprechen, schneller und häufiger Lidschlag, oder nach vorn fallenden Schultern. Eine deutlich ablehnende Körperhaltung erkennt man, z.B. an verengten Pupillen, am Naserümpfen, Blick über die Schulter-abgewandt vom Gesprächspartner, Rücknahme des Oberkörpers oder häufiges wegsehen.

Es gibt sehr bezeichnende Aussprüche zur Körpersprache, ein Beispiel: „Daumen hoch“ oder „wenn Blicke töten könnten“ oder auch „Brust raus“. Das sind Worte, die sich mit Körpersprache sehr deutlich ausdrücken und den Anderen um die eigenen Gefühle wissen lassen.

Die Körpersprache kann nicht allein zur Urteilsbildung betrachtet werden. Die untrennbare Verbindung zwischen Körper und dem gesprochenen Wort muss berücksichtigt werden.

Die verbale Sprache gibt uns die Möglichkeit, die Dinge sachlich zu beschreiben aber unsere Körpersprache verrät unserem Umfeld wie wir die Dinge bewerten.

3.3.2 Motivierende Gesprächsführung nach C. Rogers

Carl Rogers war ein einflussreicher Vertreter der humanistischen Psychologie und Begründer der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie. Aus der Forschung von Rogers kommen wichtige Anregungen für die pädagogische Grundhaltung von Erziehern. Rogers sieht Kinder und Jugendliche als Wesen, die aus eigenem Antrieb ein selbstverständliches Bedürfnis zur persönlichen Entfaltung haben. Bei Bereitstellung einer förderlichen Umgebung sind sie zu persönlichem Wachstum fähig. Er formuliert ein positives Menschenbild. Rogers spricht nicht mehr von Erziehung, sondern von „behutsamer Begleitung“. Das heißt, Erzieher bestimmen nicht den Weg, sondern beteiligen die Kinder und Jugendlichen als kompetente Partner im Prozess der Entwicklung. Erzieher unterstützen Kinder und Jugendliche, eigene Wege zu finden, Kompetenzen zu entfalten und eine unverwechselbare, eigenverantwortliche und selbstständige, gesellschaftsfähige Persönlichkeit zu entwickeln.[14]

Motivierende Gesprächsführung wird angewendet als personenzentrierter Ansatz. Diese Art der Gesprächsführung richtet sich an Personen mit der Notwendigkeit zur Veränderung aber wenig Bereitschaft dazu. Auf konfrontatives Vorgehen wird dabei verzichtet, durch gezielte Fragen zur Situation an den Jugendlichen wird eine Art Ambivalenz für verschiedene Lösungsansätze erzeugt. Aufgabe des Erziehers ist es, mit dem Jugendlichen alle Pro- und Contrastandpunkte zu beleuchten und dadurch mehr Klarheit zu erlangen. Der Jugendliche liefert dazu alle Argumente selbst, wird also vom Erzieher nicht überredet oder in eine Richtung gedrängt. Wenn dem Jugendlichen klar wird, dass sein jetziges Verhalten kontraproduktiv zu seiner Zukunft wirkt, kann das die Veränderungsbereitschaft stärken. Als zweiter Schritt werden im weiteren Verlauf Wege und Ziele zur Zielerreichung herausgearbeitet. Es soll also die intrinsische Motivation des Einzelnen erweitert werden. Die 4 Phasen der motivierenden Gesprächsführung in der Übersicht: 1. Empathie zeigen, aktives Zuhören, die Situation aus der Sicht des Jugendlichen sehen; 2. Diskrepanz erzeugen, Jugendlichen unterstützen eigene Argumente für Veränderung suchen; 3. Flexibel mit Widerstand umgehen, ist Teil des Veränderungsprozesses für den Jugendlichen; 4. Den Jugendlichen in seiner Selbstwirksamkeit stärken, Ziele erreichen zu können.[15]

Mit dieser Methode der Gesprächsführung lässt sich auf eine etwas provokante Weise Bewegung in die Zusammenarbeit von Erzieher und Jugendlichen bringen. Die Folge ist oft ein produktives und zielführendes Arbeiten.

[...]


[1] Vgl. mit Rehabilitation wieder fit für den Job; Informationsbroschüre der Deutschen Rentenversicherung Bund Nr. 300; 8. Auflage, 2013; Seite 4f

[2] Vgl. Kinder erziehen, bilden und betreuen; Cornelsen Verlag Scriptor GmbH & Co. KG; Berlin Düsseldorf; 1. Auflage 2010; Seite 310

[3] Vgl. soziale Kompetenz für Jugendliche; Gert Jugert, Anke Rehder, Peter Notz, Franz Petermann; Juventa-Verlag; Weinheim München; 6. überarbeitete Auflage 2009; Seite 45

[4] Vgl. Sozialisation; Klaus Hurrelmann; Beltz-Verlag; Weinheim Basel; 10. vollständig überarbeitete Auflage 2012; Seite 79f

[5] Vgl. KMK, 2007

[6] Vgl. Hurrelmann, S. 79f

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Beziehungsarbeit, 07.01.2015 16.20 Uhr

[8] Plassmann, Ansgar: in klientenzentrierte Gesprächsführung, Universität Duisburg-Essen, März 2003, S.3

[9] a.a.O. Seite 4

[10] Ernst, Heiko: in Psychologie heute, Mai 2001, S.21

[11] Vgl. Sozialarbeit ist Beziehungsarbeit; Jacqueline Nagele; Grin- Verlag; Seite 37ff

[12] Vgl. Vertrauen als Konstrukt; Susan Arnold; Tectrum-Verlag 2009; S. 86f

[13] Vgl. Miteinander reden 1; Friedemann Schulz von Thun; Rowohlt Taschenbuch Verlag; Reinbeck bei Hamburg; 49. Auflage 2011; Seite 160

[14] Vgl. Klientenzentrierte Gesprächsführung; Sabine Weinberger; Beltz Juventa, Weinheim und Basel; 14. Auflage 2013; Seite 22 ff

[15] Vgl. Weinberger, S. 22 ff

Details

Seiten
54
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668003187
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301780
Note
2
Schlagworte
Jugendarbeit Jugendliche Sozialarbeit Motivation Vertrauen gesundheit Salotogenese

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Titel: Die Förderung der personellen Kompetenz in
Berufsorientierungskursen nach medizinischer Rehabilitation