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Medienkompetenz und Identitätsbildung durch Medien bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 25 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung

2. Medienkompetenz als Basisqualifikation für Migranten

3. Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
3.1. Bildungsgefälle
3.2. Familiärer Hintergrund

4. Medienkompetenz und Identitätsbildung junger Migranten
4.1. Orientierungsfunktion für Jugendliche mit Migrationshintergrund
4.2. Integrationsfunktion für Jugendliche mit Migrationshintergrund
4.3. Brückenfunktion für Jugendliche mit Migrationshintergrund

5. Abschließende Betrachtung und Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung

Spätestens seit dem II. Weltkrieg ist auch Deutschland Einwanderungsland von Arbeitsmigranten, Kriegsflüchtlingen als auch Asylsuchenden, sodass wir heute multiethnische Einwanderungsgesellschaften vorfinden (Vgl. BONFADELLI 2010: 257). In der Bundesrepublik Deutschland lebten 2012 insgesamt 80,5 Millionen Menschen. Der Anteil an Bewohnern davon mit Migrationshintergrund betrug 20,0 Prozent, sprich 16,3 Millionen Personen. 1 Von diesen bilden Kinder und Jugendliche den größten Anteil (POHLSCHMIDT 2012: 24). Den mit Abstand größten Anteil an ausländischer Bevölkerung, gezählt nach Nationalitäten, stellten 2013 immer noch die türkischen Mitbürger mit insgesamt 1.549.808 Personen, gefolgt von Menschen der Russischen Föderation, von Polen mit 609.855 Personen und Italienern, die schon nur noch etwa 553.000 Einwohner in Deutschland stellen 2 (Vgl.: auch BÖHMER 2012a: 30). Hinsichtlich der Diskussionen um Integrationsfragen und der Annahme von Parallelgesellschaften stellt sich die Frage, ob Medienbildung und Medienkompetenz einen Beitrag zur Identitätsentwicklung und zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund leisten können und ob diese zu einem besseren Verständnis zwischen den Kulturen verhelfen (Vgl.: BONFADELLI 2010: 257). In der Forschung heißt es, dass Bildung für die Identitätssuche des Menschen von zentraler Wichtigkeit ist (HUGGER 2010: 285). Besonders bei Jugendlichen und Kindern ist dies von Interesse, da diese mittlerweile in zweiter oder dritter Generation in Deutschland aufwachsen und sie deshalb zwischen den Kulturen Deutschlands und denen des Mutterlandes ihrer Eltern stehen. So stammt beispielsweise knapp die Hälfte der Jugendlichen in den urbanen Ballungsräumen aus einer Familie, in der mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist (BÖHMER 2012b: 318). Die PISA-Ergebnisse deckten auf, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Bildung immer noch benachteiligt sind und hier Handlungsbedarf besteht. Die Förderung von Medienkompetenz bei dieser Gruppe ist bis heute ein vernachlässigtes Thema (POHLSCHMIDT 2012: 12,14), obwohl „Medien und ihre Inhalte als kulturelle Ressource“ für die Identitätsentwicklung von Jugendlichen und Kindern sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund von Relevanz sind (BONFADELLI 2010: 257). Zudem hat sich das Verwendungsspektrum von Computer, Internet und Handy rasant erweitert und die multifunktionalen Medien haben einen hohen Stellenwert im Alltag von Jugendlichen, da sie vielfältige Funktionen für Heranwachsende erfüllen (THEUNERT 2007: 3). Medien üben auf alle Kinder und Jugendliche eine starke Faszination aus (EBD.: 12), wobei generell festzuhalten ist, dass für die meisten Menschen die Medien die Welt deutlich verändert haben, weil sie in alle Lebensbereiche eingedrungen sind. Medien steuern und strukturieren den Alltag vieler so stark, sodass er ohne sie teilweise nicht mehr zu bewältigen ist. Gesellschaftliche Werte und politische Ideen werden über Medien vermittelt. Darüber hinaus vermitteln sie vielfältige Unterhaltungsmöglichkeiten und den Zugang zu Informationen und Wissensbeständen an. Sie sind damit ein wesentlicher Sozialisationsfaktor, der unsere persönliche und gesellschaftliche Identität mitbestimmt (POHLSCHMIDT 2012: 12). In Hinblick auf Kinder und Jugendliche untersucht die Forschung in erster Linie die Nutzung von Computer und Internet (WORBS 2010: 40). Generell hat die Forschung auf dem Gebiet der multimedialen Nutzung und deren Beitrag zu Integrationspotenzialen und Identitätskonstruktionen bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund allerdings noch zu wenig Ergebnisse erbracht, sodass sie sich bisher überwiegend auf jugendliche Türken und Russlanddeutsche bezieht (Vgl. THEUNERT 2007: 9).

Im ersten Schritt erläutert die vorliegende Arbeit den Begriff Medienkompetenz, weil er als Basisqualifikation die Grundlage sowohl für die Medienbildung als auch für die Identitätsbildung von Kindern, vor allen Dingen aber von Jugendlichen mit (und ohne) Migrationshintergrund, stellt. Im zweiten Schritt wird der derzeitige Forschungsstand zum Medienbesitz und -gebrauch unter Berücksichtigung des jeweiligen Bildungsstandes und des familiären Hintergrundes von jungen Migranten vorgestellt. Nachfolgend werden die Möglichkeiten, die Medien zur Identitätsbildung für Migrationsjugendliche anbieten können, vorgestellt und in einer abschließenden Betrachtung zusammengefasst.

2. Medienkompetenz als Basisqualifikation für Migranten

„Medienkompetenz gilt als zentrale Qualifikation in der Informations- und Wissensgesellschaft, die das Leben, Lernen und Arbeiten betrifft.“ (POHLSCHMIDT 2012: 12). Sie ist mittlerweile neben Lesen, Schreiben und Rechnen die vierte Schlüsselkompetenz, welche von nahezu allen Altersgruppen unserer Gesellschaft beherrscht werden sollte. Dies ist neben der alltäglichen Lebensbewältigung besonders für das Erwerbsleben von Bedeutung, weil man ohne Medienkompetenz kaum noch in der Arbeitswelt eingesetzt werden kann (EBD.: 13). Was aber genau wird unter Medienkompetenz überhaupt verstanden? Nach Baacke soll der Begriff „den Nutzer befähigen, die neuen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung souverän handhaben zu können“ (BAACKE 1999: 31). Medienkompetenz ist ein technisch-elektronisch organisiertes Kommunikationsverhältnis, welches aber den realen Existenzformen des Menschen eigentlich nicht entspricht. Deswegen ist sie eine Besonderheit von kommunikativer Kompetenz (EBD.: 32) und muss erlernt werden. Der Begriff bedeutet nicht alleine die Fähigkeit die Technik der Mediengeräte beherrschen und bedienen zu können (POHLSCHMIDT 2012: 13), sondern er schließt das Vermögen des Menschen sich Gedanken über etwas zu machen, kritische Argumente zu formulieren sowie das Erlangen von Genussfähigkeit durch Lektüre mit ein (BAACKE 1998: 1). Sie muss ein breites Spektrum von Lernerfahrungen umfassen, denn Medienkommunikation ist ausdifferenziert in viele Unterbereiche (Buch, Fernsehen, Internet etc.) mit einem vielfältigen Medienangebot. Das Angebot setzt unterschiedliche Inhaltsdimensionen frei, ermöglicht kommunikative Interaktionen und legitimiert darüber hinaus auch Elemente von Faszination und Unterhaltung (BAACKE 1999: 34). Medienkompetenz umfasst somit alle Medien und wird als Basisqualifikation verstanden, welche einen Lern- und Erfahrungsgegenstand meint, der nicht nur über die Schule, sondern eher über vielerlei Formen im alltäglichen Leben erworben wird. Und weil sich die Kommunikationstechnologie stetig verändert, bedeutet Medienkompetenz darüber hinaus auch lebenslanges Lernen. Aus diesen Gründen soll Medienkompetenz den Nutzer dazu befähigen, mit den neuen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung souverän umgehen zu können, damit sich jeder in der computerisierten Welt zurechtfindet (BAACKE 1999: 31). Unter dem Begriff der Medienkompetenz definiert Baacke vier Dimensionen, die jeweils Unterdimensionen umfassen (EBD.: 34). Sie sind in Abbildung 1 dargestellt:

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entnommen: http://groups.uni-paderborn.de/wipaed/learnlabmediendidaktik/Website/7_files/9_Medienkompetenz.pdf

Medienkritik und Medienkunde zielen auf Vermittlung, während Mediennutzung und Mediengestaltung als Zielorientierung im Sinne der Handlungskompetenz des Menschen liegen (BAACKE 1999: 34). Für Baacke ist Medienkompetenz nicht nur auf „organisierte Erziehungsakte“ (EBD.) zu beschränken, sondern als grundlegende und umfassende Qualifikation zu begreifen. Es geht neben der Beherrschung der Technik, nicht alleine um die Vermittlung von Information, Karrierewissen und beruflichen Routinehandeln, sondern auch um die Reflexion des Wissens, das Überlegen und Nachdenken über die Sinnhaftigkeit von Kommunikation sowie letztendlich auch um Unterhaltsamkeit durch Telekultur (EBD.).

Neben der zentralen Qualifikation von Medienkompetenz für die Informations- und Wissensgesellschaft, liegt der Schwerpunkt im Bildungsbereich vor allen Dingen auf der Handlungskompetenz mit den pädagogischen Zielen der Mündigkeit, Emanzipation und Selbstbestimmung von Individuen, wohingegen auf gesellschaftspolitischer Ebene Medienkompetenz als Bestandteil von Demokratiekompetenz erforderlich ist, um eine mündige und gleichberechtigte Teilhabe an der Informationsgesellschaft leben zu können. So verhilft die Förderung von Medienkompetenz dem politischen Ziel von Chancengleichheit, der digitalen Integration aller Bürger und der Vermeidung digitaler Spaltung weiter. Selbst in der Wirtschaft und auf juristischen Gebieten ist Medienkompetenz zu einem wichtigen Bestandteil geworden (POHLSCHMIDT 2012: 14).

Einerseits ist hierbei das Individuum selbst verantwortlich für den Erfolg oder den Misserfolg der eigenen Medienkompetenz, andererseits tragen auch Organisationen und Systeme die Verantwortung für das Erlangen bzw. Nicht-Erlangen bei Menschen mit (und ohne) Migrationshintergrund dazu bei (EBD.: 14f.). So soll „durch vorwiegend produktiv-aktive Medienarbeit und entsprechende Veröffentlichungen […] Medienbildung bei Migranten gefördert werden“ (EBD.: 15). Besondere Ziele der aktiven interkulturellen Medienarbeit sind in der Expertise Integrationspotentiale neuer Medien für Jugendliche mit Migrationshintergrund (2007) von Theunert zusammengefasst:

„Ziel der aktiven Medienarbeit ist es, Medienkompetenz, verstanden als integrierter Teil von kommunikativer Kompetenz, zu fördern und Jugendlichen einerseits die Entschlüsselung und Einordnung von medialen Symbolen zu ermöglichen und ihnen andererseits über selbstbestimmte Handhabung der Medien Artikulations- und Partizipationsmöglichkeiten am sozialen, kulturellen und politischen Leben zu eröffnen. Aufgrund der Stellung der Medien in der heutigen Gesellschaft ist Medienkompetenz neben basalen Kompetenzen wie Sprache zu verorten. Dabei ist Sprache einerseits dem Erwerb von Medienkompetenz vorausgesetzt, andererseits können aber medienbezogene Aktivitäten für die Ausformung von Sprachfähigkeiten förderlich sein“ (THEUNERT 2007: 13).

Im Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung von 2007 gehört die Rolle der Medien und Massenmedien unter dem Leitziel Medien - Vielfalt nutzen zu einem der Themenfelder (DIE BUNDESREGIERUNG 2007: 157). Kritisiert wird bisher allerdings, „dass der Lebensalltag und die Sichtweisen von Migrantinnen und Migranten in den deutschen Medien zu wenig berücksichtigt werden. Stattdessen werde über sie überproportional in Problemzusammenhängen berichtet. Ziel solle es daher sein, die Themen ‚Migration‘ und ‚Integration‘ in allen Medienangeboten verstärkt als Querschnittsthema aufzugreifen und die Normalität einer pluralen Einwanderungsgesellschaft durch eine vielfältige Themensetzung abzubilden“ (BÖHMER 2012b: 319).

Weiterhin wird bemängelt, dass die Forschung noch zu wenig Ergebnisse zur Medienkompetenz bei Migrantinnen und Migranten liefert (POHLSCHMIDT 2012: 17). Dabei sieht der Nationale Integrationsplan durchaus positive Potentiale in den Medien für die Integration von Zuwanderern. Dort heißt es:

„Die multifunktionalen Medien PC, Internet und Handy bergen erhebliche positive Potenziale für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, da die Nutzungsschwelle mittlerweile gering ist. Diese Chancen können jedoch nur gezielt ausgeschöpft werden, wenn gesicherte wissenschaftliche Kenntnisse über Zugangsweisen und Nutzungsverhalten von Menschen mit Migrationshintergrund vorliegen und auf deren Basis medienpädagogische Maßnahmen entwickelt und durchgeführt werden“ (DIE BUNDESREGIERUNG 2007: 158f.).

Kenntnisse über die Lebenssituation, die Medienausstattung und Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind somit unabdingbar, um zielgruppengerechte Maßnahmen zur Förderung der Medienkompetenz zu entwickeln (POHLSCHMIDT 2012: 19). Folglich wird der Forschungsstand über die Mediennutzung, die Ausstattung mit Mediengeräten und die Zugangsmöglichkeiten für junge Migranten vorgestellt.

[...]


1 Statistisches Bundesamt (2014). [WWW Dokument]. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Aktuell2 (Letzter zugriff 29.03.2014)

2 Statistisches Bundesamt (2013). Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, ausländische Bevölkerung. Ergebnisse des Ausländerzentralregisters. Fachserie 1, Reihe 2, S. 342. [WWW Dokument]. Ausländerzentralregisters. Fachserie 1, Reihe 2, S. 342. [WWW Dokument].https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/AuslaendBevoelkerung20102001370 __blob=publicationFile (letzter Zugriff 29.03.2014)

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668008564
ISBN (Buch)
9783668008571
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302041
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Medienkompetenz Medienbildung Identitätskonstruktion Identitätsbildung Medien Medienpädagogik Jugendliche Migration Migrationshintergrund Jugend

Autor

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Titel: Medienkompetenz und Identitätsbildung durch Medien bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund