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Schrift und Recht im Bauernkrieg von 1525. Luthers und Melanchthons Antwort auf die "Zwölf Artikel" der oberschwäbischen Bauern

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung:

A) Einleitung

B) Hauptteil
1. Die „Zwölf Artikel“ der oberschwäbischen Bauern
1.1. Redigierung
1.2. Aussagen
1.3. Druck und Verbreitung
2. Rezeption der „Zwölf Artikel“
2.1. Martin Luther
2.1.1. „Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft“
2.1.2. „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“
2.2. Philipp Melanchthon
2.2.1. „Wider die Artikel der Bauernschaft“

C) Ergebnis und Ausblick

D) Quellen- und Literaturverzeichnis

A) Einleitung:

Die Hausarbeit mit dem Titel „Schrift und Recht im Bauernkrieg von 1525: Luthers Antwort auf die ´Zwölf Artikel´“ soll sich beschäftigen mit der Schrift „Dye Grundtlichen Vnd rechten hauptArtickel aller Baurschafft vnnd Hyndersessen der Gaistlichen vn Weltlichen oberkayten von wolchen sy sich beschwert vermainen“, auch bekannt als „Zwölf Artikel“, die von Memmingen aus bedeutende Wirkung auf den Bauernkrieg entfaltete. Dazu wird mit der Einbeziehung der veröffentlichten Werke Luthers und Melanchthons bezüglich der bäuerlichen Forderungen und des Bauernkriegs, „Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft“, „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ und „Wider die Artikel der Bauernschaft“, ein Teil ihrer Rezeptionsgeschichte beleuchtet werden. Den Hintergrund der nachfolgenden Untersuchung bilden die Ereignisse im süd- und mitteldeutschen Raum zwischen 1524 und 1526, die als Bauernkrieg bezeichnet werden, sowie die frühe Entwicklung der Reformation.

Aus der Kritik Luthers am Gebrauch des Ablasses, postuliert in den sich rasch verbreitenden „95 Thesen“, entwickelte sich eine generelle Beanstandung wesentlicher katholischer Kirchenpraktiken und Glaubenstheorien, geäußert von Personen aller Stände und Bildungsniveaus. Prägend und einflussreich in der Kontroverse zwischen Katholiken und Anhängern eines reformierten Glaubens waren jedoch Luthers Lehrmeinungen, häufig in Flugschriften in Szene gesetzt, welche besonders in der ersten Hälfte der 1520er als schriftliche Instrumente der öffentlichen Meinungsmache fungierten. Dabei wirkten diese auch auf die sozialrechtlichen Forderungen der Bauern, die Aspekte auf ihre eigene Lebenswirklichkeit bezogen und sie für ihre Argumentation zu nutzen begannen. In Kontakt mit reformatorischen Gedanken kamen sie über die schriftlichen Medien Flugschriften und Flugblätter, beliebig oft nachgedruckt in den Städten und über Buchhändler vertrieben, aber auch über die Predigt, über Reisende und besonders über das öffentliche Vorlesen von Flugblättern und eben dieser Flugschriften. Die Autoren hingegen gebrauchten diese Art der schriftlichen Kommunikation, um räumliche und soziale Einschränkungen zu überwinden und somit ihre Lehre einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Süd- und mitteldeutsche Bauernbewegungen gab es zwar schon vor dem Bauernkrieg, hatten aber bis dahin nur regional Bedeutung und verbanden ihre Forderungen nicht mit „Göttlichem Recht“ und „Altem Recht“. Ausgehend von Stühlingen im südlichen Schwarzwald im Juni 1524 ergriff die Erhebung zunehmend Gebiete bis nach Oberschwaben,Württemberg, Thüringen, Tirol sowie bis ins Elsass und in den Schwarzwald. Die Bewegungen variierten jedoch in ihrer Radikalität, in den Ausprägungen und Ursachen sowie den jeweiligen Auflösungen bis ins Jahr 1526.

Einfluss auf die Ähnlichkeit ihrer Ansinnen und die Ausbreitung der Aufstände hatten die „Zwölf Artikel“ der oberschwäbischen Bauern.

Im Fokus stehen die schriftkulturellen Verhältnisse dieser Zeit sowie die damaligen Kommunikations- und Rezeptionsbedingungen. Es soll untersucht werden, wie die Artikel, inhaltlich und formal vielfältigen Einzelbeschwerden entsprungen, zu ihren allgemeinen Formulierungen gelangten und inwiefern sie mit reformatorischen Gedanken verknüpft sind. Weiterhin wird ihre Funktion, Verbreitung und Wirkungs- geschichte problematisiert. Beleuchtet wird, wie sich diese Texte, als Flugschriften gedruckt, in der entstehenden Öffentlichkeit aufeinander bezogen und auf diese Weise eine Facette alteuropäischer Kommunikation verdeutlichen. Abschließend bezieht der Text auch die Frage mit ein, ob die Urteile von Luther und Melanchthon den Ablauf und Charakter des Bauernkrieges mitbestimmen konnten. Es geht also um die Be- trachtung eines vormals von Schriftgebrauch weitgehend isolierten Standes, welcher sich durch die Nutzung von Schrift überregional verständlich gemacht hat und Gegenantworten von Gelehrten provozieren konnte. Die Arbeit wird sich bemühen um die Aufklärung der Art und Weise ihrer Auseinandersetzung in inhaltlicher, formaler und kommunikationsgeschichtlicher Hinsicht.

Sie bezieht sich somit auf Punkte, die der Kurs „Alteuropäische Schriftkultur“ thematisiert, beispielsweise die Gestaltung und der Gebrauch alteuropäischer Schrift sowie vormoderne Verständigungsformen. Insbesondere besteht eine Konnexion mit Kurseinheit 6, welche frühneuzeitlichen Schriftgebrauch als Mittel der öffentlichen Meinungsmache behandelt.

Die Argumentation beginnt mit der Beleuchtung der Verschriftlichung, Aussagen und Gestaltung der „Zwölf Artikel“. Anschließend wird die unmittelbare Wirkungs- geschichte fokussiert. Das Augenmerk dabei richtet sich auf die Flugschriften „Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft“ und „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ von Martin Luther aus dem Frühjahr 1525. Anhand ihnen wird deutlich gemacht, wie Luther auf den beginnenden Bauernkrieg Einfluss nehmen wollte. Das Gutachten „Wider die Artikel der Bauernschaft“ von Philipp Melanchthon, im Juni 1525 verfasst, aber erst ab Ende August in den Druck gegeben, berührte die Hochphase des Bauernkrieges nicht mehr. Es wird daher nicht ihre Wirkungsgeschichte fokussiert, sondern die Auseinander- setzung mit den bäuerlichen Forderungen im Vergleich zu Luther untersucht. Im Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst, offene Fragen angesprochen und die ursprüngliche Fragestellung mit dem Ergebnis in Bezug gesetzt.

Originale der zu behandelnden Flugschriften konnten aufgrund der schwierigen Überlieferungslage und Zugangsmöglichkeiten nicht eingesehen werden. Bezugstext hinsichtlich der Artikel ist der Erstdruck durch Melchior Ramminger in Augsburg, der in der Quellenedition „Flugschriften der Bauernkriegszeit“ editiert ist, auf welche auch zurückgegriffen wird bei der Betrachtung der Schriften Luthers und Melanchthons. Hinsichtlich genutzter Sekundärliteratur wurde sich konzentriert auf die Aufsätze „Ein Friedensappell - Luthers letztes Wort im Bauernkrieg“ von Johannes Wallmann und „Die Entstehung der ´Zwölf Artikel´ der deutschen Bauernschaft“ von Günther Franz, die Abhandlungen von Claudia Ulbrich, Rudolf Endres sowie Horst Buszello in „Der deutsche Bauernkrieg“ sowie die Monographien „Geschichte der Reformation“ von Thomas Kaufmann und „Flugschrift“ von Johannes Schwitalla.

B) Hauptteil:

1. Die „Zwölf Artikel“ der oberschwäbischen Bauern

1.1. Redigierung:

Über die Herkunft der Artikel wird kontrovers diskutiert. Dabei gibt es einerseits die Position, dass diese durch Balthasar Hubmayer in Waldshut im Schwarzwald verfasst wurden, da sie beispielsweise von Thüringer und Bamberger Haufen als „Schwarzwälder Artikel“ bezeichnet worden sind. Jedoch waren sie im Schwarzwald selbst bekannt als „Artikel der oberschwäbischen Bauern“ und wurden auch im oberschwäbischen Augsburg erstgedruckt1.

Die Entwicklung hin bis zur Verschriftlichung der Forderungen begann ab dem 24.Dezember 1524 in Baltringen, wo die dortigen Bauern, von den Ereignissen im benachbarten Schwarzwald beeinflusst, beschlossen wöchentlich zu Beratungen über ihre eigenen Beschwerden zusammenzukommen. Am 16. Februar 1525 erhielten die Gesandten des Schwäbischen Bundes, eine Vereinigung süddeutscher Fürsten zur Landfriedenssicherung2, um die 300 Beschwerdeschriften aus dem Baltringer Umland. Dort hatte man sich bis dahin zu einem Bauernhaufen organisiert, beabsichtigte jedoch keinen Aufstand. Die Beschwerden entstammten ganzen Dörfern sowie auch Einzel- personen, so dass Gestaltung, Form und Aussagen äußerst heterogen waren3, was dadurch bestärkt wurde, dass die Bauern verschiedenen und teilweise mehreren Leib-, Grund- und Gerichtsherren unterstanden. Die Vielzahl der Schriftstücke basiert auf der Beseitigung von Abgaben, Diensten, Beschränkungen und rechtlichen Bestimmungen, die den Bauern seit dem ausgehenden Spätmittelalter seitens der Herren auferlegt wurden. Zumeist finden sich jedoch nur vereinzelt schriftlich fixierte Beweggründe, die sich auf das „Alte Recht“, welches zu den früheren Verhältnissen zwischen Untertanen und Herren zurückkehren wollte, beziehen und nur wenige weisen auf das „Göttliche Recht“ hin, welches die irdischen Verhältnisse auf die Rechtsaussagen der Heiligen Schrift binden wollte. Zum 27. Februar vereinbarte man ein erneutes Treffen, an dem die Entscheidung der Herren verkündet werden sollte. Bis dahin übernahm der Baltringer Haufen das „Göttliche Recht“ als Leitbild, an welchem sich alle Lösungen orientieren sollten und gab die vielen Einzelforderungen auf4. Die Gesandten gingen darauf ein über die Umsetzung des Göttlichen Rechts Gelehrte entscheiden zu lassen, um Zeit zu gewinnen. Ulrich Schmid, der Führer der Baltringer, reiste nach Memmingen, um dort die Einzelforderungen durch wenige prägnante Punkte ersetzen zu lassen und nach geeigneten Entscheidern über diese zu suchen. Dazu engagierte er dort als Feldschreiber den Kürschner, Laienprediger und praktizierenden Flug- schriftenautor Sebastian Lotzer, der gleichzeitig die Artikel der Memminger Bauern für den Stadtrat Memmingen verfasste. Es bestehen starke inhaltliche Übereinstimmungen zwischen den zwölf Artikeln und den Baltringer Einzel- beschwerden, in denen die grundlegenden Aspekte, auf die im nächsten Abschnitt eingegangen wird, enthalten sind. Zwischen dem 28. Februar und 3. März 1525 brachte Lotzer die Artikel in eine allgemeine Formulierung, reduzierte sie auf ein übersichtliches Dutzend und versah die ersten fünf Artikel mit Bibelmarginalien. Der Memminger Stadtpfarrer Dr. Christoph Schappeler, dort auch reformatorisch tätig, entwarf eine Einleitung mit Bibelverweisen, welche, im Gegensatz zu den in der demonstrativen Wir-Form verfassten Artikel, die Argumentation in der dritten Person ausbreitet, und stattete die weiteren Artikel 6-11 mit entsprechenden Bibelstellen am Rand aus5. Diese den Text umrandenden Marginalien sollten die Argumentation durch den Bezug auf die Bibel beglaubigen und stellen ein zeitgenössisches Charakter- istikum vieler Flugschriften dar6, wie beispielsweise auch der Gebrauch religiöser Gruß- und Abschiedsformeln („Dem christlichen leeser fryd unnd gnad Gottes durch Christum“/„Der frid Christi sey mit uns allen“) und stigmatisierender Begriffe für Gegner7 („disen gotlosen, frevenlichen urtailern“/“widerchristen“). Der ober- schwäbische Dialekt und sprechsprachliche Stil weisen darauf hin, dass sich hier keine Gelehrten äußern wollten, sondern die Bauern selbst Forderungen aussprachen. Dementsprechend blieben Lotzer und Schappeler unerwähnt, einerseits zu eigenem Schutz und um andererseits deutlich zu machen, dass ein Kollektiv und nicht nur Einzelne hinter den Artikeln stehen8. Die „Zwölf Artikel“ waren primär eine Zusammenstellung von Forderungen, die durch die Bibel legitimiert wurden und sollten ein Urteil von Gelehrten über die Rechtmäßigkeit der Baltringer Empörung herbeiführen. Es zeigt sich, dass die Bauern bei der Zusammenstellung ihrer Anliegen abhängig waren von Schriftkundigen, die den ursprünglichen Wortlaut umformten und die Forderungen konkretisierten9.

1.2. Aussagen:

Grundsätzlich sind in der Schrift die allgemeinen Gründe der bäuerlichen Empörungen ersichtlich. Die weltlichen und geistlichen Herren beschnitten im Laufe des Spätmittelalters die bäuerlichen Allmenderechte (Rechte der Gemeinde an der Nutzung von Ländereien10 ), erhöhten alte und erhoben neue Abgaben und Dienste und zwangen sie in die Leibeigenschaft. Dazu gesellten sich landesherrliche Steuern, die Zurückdrängung der Gemeindeautonomie durch den Aufbau der fürstlichen Administration und der zunehmende Moralverfall der Kirche, der zu einem ver- breiteten Antiklerikalismus führte11. Der Niedergang der wirtschaftlichen, sozial- rechtlichen und politischen Position sowie die Missstände in der Kirche, die keinen moralischen Rückhalt mehr versprach, bilden somit den Hintergrund der „Zwölf Artikel“. Die Einleitung stellt die bäuerliche Bewegung als evangelische bzw. christliche dar, welche die Aussagen der Heiligen Schrift auf die irdischen Verhältnisse anwenden will. Die Befolgung des Evangeliums sei nicht Grund der Erhebung, da das Wort Gottes „nichts dann (als) liebe, fride, geduldt und ainigkeiten lernet“, sondern Leitbild der Bauern, postuliert in den zwölf Forderungen. Als Ursache des Aufstands wird der Teufel angesehen, identifiziert in den Menschen, die nicht nach dem „Göttlichen Recht“ und damit christlich leben wollen, so dass die Bauern nicht als ungehorsame Aufrührer zu titulieren sind.

[...]


1 Günther Franz. Die Entstehung der „Zwölf Artikel“ der deutschen Bauernschaft. In: Der deutsche Bauernkrieg von 1525. Peter Blickle (Hrsg.). Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. 1985. S.17-22

2 Meyers Großes Universallexikon. Band 12. Meyers Lexikonverlag. 1984. S.495

3 Günther Franz. Der deutsche Bauernkrieg. Hermann Gentner Verlag. Bad Homburg vor der Höhe.

8. Auflage. 1969. S.117-120

4 Claudia Ulbrich. Oberschwaben und Würtemberg. In: Der deutsche Bauernkrieg. Horst Buszello/Peter Blickle/Rudolf Endres. (Hrsg.). UTB für Wissenschaft. Schönigh. Paderborn/München/Wien/Zürich. 1984. S.106-109

5 Günther Franz. Die Entstehung der „Zwölf Artikel“ der deutschen Bauernschaft. S.24-35

6 Günther Franz. Der deutsche Bauernkrieg. S.125f

7 Johannes Schwitalla. Flugschrift. Niemeyer Verlag. Tübingen. 1999. S.41

8 Horst Buszello. Legitimation, Verlaufsformen und Ziele. In: Der deutsche Bauernkrieg. S.282f

9 Dieter Seitz. Flugschriftenliteratur der Reformation und des Bauernkrieges. in: Deutsche Literatur - Eine Sozialgeschichte. Horst A. Glaser (Hrsg.). Band 2. Rowohlt. Hamburg. 1991. S.354

10 Meyers Großes Konversationslexikon. Band 1. 6.Auflage. Leipzig/Wien. 1907. S.350

11 Rudolf Endres. Ursachen. In: Der deutsche Bauernkrieg. UTB für Wissenschaft. S.215-253

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668012806
ISBN (Buch)
9783668012813
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302260
Note
1,0
Schlagworte
schrift recht bauernkrieg luthers melanchthons antwort zwölf artikel bauern

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Titel: Schrift und Recht im Bauernkrieg von 1525. Luthers und Melanchthons Antwort auf die "Zwölf Artikel" der oberschwäbischen Bauern