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Culture Assimilator als Baustein interkulturellen Trainings - Anwendung und Diskussion unter Bezugnahme der Globalisierungsthematik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Culture Assimilator
2.1 Begriffsbestimmung Kultur
2.2 Kulturstandards nach Thomas
2.3 Culture Assimilator – Aufbau und Anwendung

3 Diskussion des Culture Assimilator
3.1 Vorteile
3.2 Kritikpunkte
3.3 Globalisierung versus Culture Assimilator?

4 Zusammenfassung / Ausblicke

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die zunehmende Globalisierung und Multikulturalisierung unserer Lebensverhältnisse und unserer Arbeitswelt stellen vielfältige neue Anforderungen. Dazu zählt unter anderem die Bewältigung von sogenannten ‚Überschneidungssituationen’, die im Kontakt von Personen entstehen, welche in verschiedenen Kulturen sozialisiert wurden. Diese konflikthaften Situationen sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die an der Interaktion beteiligenden Kommunikationspartner an eigenkulturellen Werten, Normen und Bewertungsmaßstäben orientieren. Die daraus resultierenden kritischen Zwischenfälle sind für interkulturell unerfahrene Personen nicht nur meist schwer zu verstehen sondern kaum noch zu beheben. Besonders im ökonomischen Kontext können solche Verständnisprobleme in gravierende Konflikte umschlagen, die nicht nur einzelne Entsandtentätigkeiten, sondern auch internationale Kooperationen zum Scheitern bringen können.

Zur Vorbereitung von interkulturellen Kontakten dienen ‚Interkulturelle Trainings’, die in erster Linie Fähigkeiten zum Umgang mit Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung und zum angemessenen Verhalten in interkulturellen Kontexten fördern. ‚Culture Assimilator’ stellen einen häufig benutzten Baustein dieser interkulturellen Trainings dar.

Diese Arbeit widmet sich der Beschreibung und Diskussion von Culture Assimilator. Vorausgehend wird dabei der dieser Arbeit zugrundeliegende Begriff der ‚Kultur’ definiert. Darauf folgt eine Darstellung der von Alexander Thomas entwickelten Culture Assimilator, die auf sogenannten ‚Kulturstandards’ basieren. Im zweiten Teil der Arbeit werden die Vor- und Nachteile dieses Trainingstyps diskutiert. Dabei wird besonders auf die Thematik der ‚Globalisierung’ eingegangen und geprüft, inwiefern die von der Globalisierung ausgehenden Prozesse Einfluss auf kulturelle Identitäten entwickeln und welche Relevanz diese Schlüsse in Bezug auf die Gestaltung und Anwendbarkeit von Culture Assimilator haben.

2 Culture Assimilator

2.1 Begriffsbestimmung ‚Kultur’

Der Begriff Kultur ist im Zusammenhang mit der Diskussion um Culture Assimilator von grundlegender Wichtigkeit, und soll hier erläutert werden. Eine eindeutige Definition von Kultur existiert nicht, weder im umgangssprachlichen Gebrauch noch im wissenschaftlichen Diskurs. Zum einen kann Kultur begrenzt werden in der reinen Verbindung von Malerei, Literatur, Kunst und Bildung. Zum anderen kann der Begriff weiter gefasst werden: „Danach umfasst eine Kultur im Kern die in einer Gesellschaft geteilten Grundüberzeugungen, etwa zur Natur des Menschen, zum Verhältnis von Mensch und Umwelt, oder zu Raum und Zeit, sowie die darauf aufbauenden Normen und Wertvorstellungen.“[1] Jedes Individuum erzeugt, beeinflusst und verändert Kultur allein dadurch, dass es lebt, mit anderen kommuniziert, dass es bestimmte Interessen hat und sich somit von anderen abgrenzt. Kultur wird dabei von einer Generation zur nächsten getragen und dadurch lebendig erhalten.

Dieser Arbeit, wie eben genannter Definition, unterliegt das Konzept des erweiterten Kulturbegriffes als einem dynamischen, gesellschaftsbezogenen und bis zu einem gewissen Grad relativem Systems, welches sich als Lebenswelt[2] definiert, „deren Grenzen sich eher unscharf und vage durch den gemeinsamen Interpretations- und Wissensvorrat ihrer Mitglieder bestimmen“[3]. Genauer definiert Habermas[4] Lebenswelt als den alltäglichen, selbstreproduzierenden Wirklichkeitsbereich des Menschen. Dieser konstituiert sich in den drei strukturellen Komponenten Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit. Kultur definiert er als „Wissensvorrat, aus dem sich die Kommunikationsteilnehmer, indem sie sich über die Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen“. Kommunikatives Handeln dient dabei der Tradition und der Erneuerung kulturellen Wissens. Gesellschaft nennt er „die legitimen Ordnungen, über die die Kommunikationsteilnehmer ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen regeln und damit Solidarität sichern“. Kommunikatives Handeln dient hierbei der sozialen Integration und der Herstellung von Solidarität. Unter Persönlichkeit versteht er „die Kompetenzen, die ein Subjekt sprach- und handlungsfähig machen, also instandsetzen, an Verständigungsprozessen teilzunehmen und dabei die eigene Identität zu behaupten“. Kommunikatives Handeln dient somit der Ausbildung personaler Identitäten. „Die zum Netz kommunikativer Alltagspraxis verwobenen Interaktionen bilden das Medium, durch das sich Kultur, Gesellschaft und Person [durch Kontinuierung von gültigem Wissen, Stabilisierung von Gruppensolidarität und Heranbildung zurechnungsfähiger Aktoren] reproduzieren.“[5]

Die wechselseitige Beeinflussung von Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit ist offensichtlich, da sich z.B. individuelles Handeln immer auf der Folie des gesellschaftlich vermittelten kulturellen Wissensvorrates vollzieht und umgekehrt diese Handlungen der Individuen die Zeichensysteme bilden, die die Alltagspraxis der gesellschaftlichen Bezugsgruppen konstituieren und die sich zumindest teilweise im Wissensvorrat oder kulturellem Gedächtnis sedimentieren bzw. dieses erzeugen. Diese intersubjektiv (also im Aushandeln mit anderen Individuen, deren Bewusstsein im wesentlichen gleich ist, da sich ihre Wirklichkeit auf eine gemeinsame Grundstruktur bezieht[6]) aufgebauten, geschichtlich abgelagerten und gesellschaftlich vermittelten Zeichensysteme dienen vor allem als Vorraussetzung „für die selbstverständliche Wechselseitigkeit gesellschaftlichen Handelns“[7]. Sie stellen ein kommunikativ vermitteltes Interaktions- und Orientierungssystem einer Gruppe oder Gesellschaft mit sinnhaften Symbolen dar, über welche intrakulturell Einigkeit besteht (Plausibilität) und welche gleichzeitig eine weitgehende Handlungsorientierung ermöglichen (Normalität).

2.2 Kulturstandards nach Thomas

Die interkulturelle Psychologie analysiert psychische Bedingungen, Verlaufsprozesse und Wirkungen menschlichen Erlebens und Verhaltens in Sonder- und Grenzsituationen. Gerade in interkulturellen Überschneidungssituationen, in denen kulturell-unterschiedlich sozialisierte Personen aufeinandertreffen, und darauf angewiesen sind, durch Interaktion miteinander ihre Handlungsziele zu erreichen, entstehen höchst komplexe Situationen mit sehr spezifischen Anforderungen an das interkulturelle Lernen und Handeln der Interaktionspartner. Diese komplexe Interaktionssituation ergibt sich aus den kulturspezifischen Orientierungssystemen der verschiedenen Personen an den eigenkulturellen Werten, Normen und Bewertungsmaßstäben. Für eine kulturpsychologische Forschung, die sich mit der Analyse dieser interkulturellen Austauschprozesse beschäftigt, ergeben sich daraus folgende Aufgaben:

(1) Die Identifikation handlungswirksamer Merkmale des jeweiligen kulturspezifischen Orientierungssystems.
(2) Die Erfassung von Unterschieden, Gemeinsamkeiten und Kompatibilitäten zwischen verschiedenen Orientierungssystemen.
(3) Die Entwicklung und Erprobung von Lernverfahren, die eine Übernahme fremdkultureller Orientierungssysteme in das eigene Handlungsschema ermöglichen.[8]

Zentrale Merkmale des kulturspezifischen Orientierungssystems können als ‚zentrale Kulturstandards’ bezeichnet werden. Unter Kulturstandards werden „alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden“[9]. Weiterhin erklärt Thomas, dass diese als zentral bezeichnet werden, wenn sie „in sehr unterschiedlichen Situationen wirksam werden und weite Bereiche in oben genannten Bereichen regulieren, und die insbesondere für die Steuerung der Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsprozesse zwischen Personen bedeutsam sind“[10]. Kulturstandards und ihre handlungsregulierende Funktion werden nach erfolgreicher Sozialisation von Individuen innerhalb der eigenen Kultur nicht mehr bewusst wahrgenommen. Bemerkt werden sie und ihre handlungsregulierende Wirkung erst im Kontakt mit kulturell sehr unterschiedlichen sozialen Interaktionspartnern, der dadurch geprägt ist, dass die Interaktionspartnern mit ihren gewohnten Orientierungssystemen die Interaktionssituation nicht adäquat bewältigen können. Solche kritisch verlaufenden interpersonalen Begegnungssituationen werden als Grundlage für die Erstellung spezieller Trainingsformen zum interkulturellen Lernen nutzbar gemacht.

2.3 Culture Assimilator – Aufbau und Anwendung

Culture Assimilator, auch Culture Sentisizer genannt, bilden in Bezug auf den dritten Aufgabenbereich der interkulturellen Psychologie einen wichtigen und oft praktizierten Baustein Interkultureller Trainings. Eingeordnet in wissensorientierte Trainings, wird mittels ihrer versucht, kognitive Merkmale interkultureller Handlungskompetenz aufzubauen. Neben der kognitiven Ebene sollen aber auch sekundär emotionale und verhaltensorientierte Lerneffekte bei dem Trainingsteilnehmer erzeugt werden.[11] Dem Trainingsteilnehmer werden in diesem einzeln oder in Gruppenarbeit durchführbarem Trainingsbaustein Fallbeispiele präsentiert, in denen Individuen zusammentreffen und aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe Verwirrungen, Missverständnisse und Konflikte erleben. Zu jedem Fallbeispiel werden den Trainingsteilnehmer mehrere Erklärungsalternativen für das Verhalten der kulturell-unterschiedlich geprägten Handlungspartner angeboten. Diese Erklärungsalternativen stammen aus einer Sammlung und Analyse der in Kapitel 3 beschriebenen kritisch verlaufenden, konflikthaften Begegnungssituationen. Aus den daraus resultierenden Ergebnissen wurden die jeweiligen handlungswirksamen zentralen Kulturstandards ermittelt, aufgrund welcher die verschiedenen Erklärungsalternativen formuliert werden. Der Teilnehmer erhält daraufhin die Aufgabe, aus den Alternativen die kulturadäquate „richtige“ Begründung auszuwählen. Die anderen Erklärungsalternativen beinhalten Fehlinterpretationen, „die typisch sind für Mitglieder der eigenen Kultur und auf Unkenntnis kultureller Einflussfaktoren, auf ethnozentrischem Denken und Vorurteilen beruhen“[12]. Nach einer Einschätzung aller Erklärungsalternativen in Bezug auf ihre Adäquatheit bekommt der Teilnehmer eine Rückmeldung darüber, warum aus Sicht der fremden Kultur die Interpretation kulturadäquat, plausibel oder kulturinadäquat ist. Am Ende eines jeden Bausteins steht eine abstraktere Formulierung des erarbeiteten Kulturstandards. Diese enthält eine „Erklärung für die Bedeutung [desselbigen] unter Berücksichtigung der kulturhistorischen Grundlagen (kulturelle Verankerung)“[13]. Diese besonders wichtige Komponente der Verankerung des zentralen Kulturstandards in der Kulturtradition und im Werte- und Normsystem der Zielkultur verstärkt das Transferpotential.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Stahl, G., Langloh, C., Kühlmann, T.: Geschäftlich in den USA – Ein interkulturelles Trainingshandbuch. Wien/Frankfurt 1999. S.14

[2] vgl. Schütz, A., Luckmann, T.: Strukturen der Lebenswelt. Frankfurt/M. 2 Bde. 1991

[3] Bolten, Jürgen: Interkulturelle Kompetenz. LpB Thüringen 2001. S. 14

[4] Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd.2. Frankfurt/a.M. 1987. S. 209

[5] vgl. Habermas:. S. 208-209

[6] vgl. Schütz/Luckmann: S. 26

[7] vgl. Schütz/Luckmann: S.208-209

[8] vgl. Thomas, Alexander (Hg.): Analyse der Handlungswirksamkeit von Kulturstandards. In: Thomas, Alexander: Psychologie interkulturellen Handelns. Göttingen 1996. S. 112

[9] Thomas, Alexander: Kulturvergleichende Psychologie. Göttingen 1993. S. 381

[10] Thomas (1993): S. 381

[11] vgl. Thomas, Alexander; Kinast, Eva-Ulrike; Schroll-Machl, Sylvia (Hg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Bd. 1. Göttingen 2003. S. 189

[12] Thomas/Kinast/Schroll-Machl (2003): S. 191

[13] vgl. Thomas/Kinast/Schroll-Machl (2003): S. 191

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638315357
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30231
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Note
2,0
Schlagworte
Culture Assimilator Baustein Trainings Anwendung Diskussion Bezugnahme Globalisierungsthematik Interkulturelles Training Coaching

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