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Schulden, Banken und "Gambling for Resurrection". Schulden als Teil des Marktes

Seminararbeit 2013 17 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG

2. DAS PHÄNOMEN DES GAMBLING FOR RESURRECTION
2.1 SCHULDEN ALS BESTANDTEIL DES MARKTES
2.2 ASYMMETRISCHE INFORMATION UND PRINZIPAL-AGENT-THEORIE
2.3 ZWISCHENFAZIT

3. BANKEN ALS AKTEURE AUF DEM SCHULDENMARKT

4. BANKENREGULIERUNG
4.1 BEGRÜNDUNG DES REGULIERUNGSBEDARFS.
4.2 FORMEN DER BANKENREGULIERUNG
4.3 EINLAGENSICHERUNGSSYSTEME UND IHR GEFAHREN
4.4 ABWENDUNG PROBLEMATISCHER ASPEKTE EINER EINLAGENSICHERUNG

5. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG

Finanzmärkte spielen eine immer wichtigere Rolle für die Wirtschaft. Jedoch sind sie sehr komplex und bergen viele Risiken. Die Regulierungsmaßnahmen zur Eindäm- mung dieser Risiken sind vielfach in der Diskussion und schaffen vor allem zwischen Politikern, Bankenlobby und Wirtschaftsvertretern viele Gründe zu Debatten. In dieser Arbeit soll ein Einblick in diese Thematik verschafft werden, mit speziellem Bezug zu dem mehrfach in der geschichtlichen Entwicklung vorgekommenen Phänomen des gambling for resurrection. Im ersten Teil der Arbeit wird die Thematik im Allgemeinen untersucht. Hierzu wird einleitend ein kurzer Einblick in den Schuldenmarkt und seine Charakteristiken gegeben und auf die Ursachen des gambling for resurrection einge- gangen. Im zweiten Teil der Arbeit wird diese Analyse unter dem Fall des Eintritts eines Finanzintermediärs auf dem Schuldenmarkt vertieft. Anhand der Marktregulierung durch ein Einlagensicherungssystem werden wirtschaftliche Folgen und Lösungsvor- schläge zur Eindämmung des gambling for resurrection diskutiert.

2. DAS PHÄNOMEN DES GAMBLING FOR RESURRECTION

2.1 SCHULDEN ALS BESTANDTEIL DES MARKTES

Schulden sind, in allen Formen in denen sie bestehen können, ein fundamentaler Be- standteil der wirtschaftlichen Welt. Die Marktteilnehmer erhalten die Möglichkeit, ihr Geld optimal in den Marktprozess einzubinden um sowohl ihre eigene, als auch die marktwirtschaftliche Wohlfahrt zu maximieren. Schuldner, also Kreditnehmer, können den Zeitpunkt von Konsum- und Investitionsvorhaben zeitlich vorziehen und damit als Privatpersonen ihren Nutzen bzw. als Unternehmen ihre Produktivität steigern. Auch durch die Einnahme einer Stellung als Gläubiger, also Kreditgeber, kann ein Wirt- schaftssubjekt den eigenen Nutzen optimieren. Liquide Mittel, die ansonsten bei ihm ungenutzt blieben, können anderen Marktteilnehmern zur Verfügung gestellt und so effizient in den volkswirtschaftlichen Prozess eingebracht werden. Durch Vergütung dieser Bereitstellung liquider Mittel in Form von Zinsen erzielt der Gläubiger zusätzliche Einnahmen. Gleichzeitig geht ein Gläubiger mit dem Verzicht auf unbeschränkte Ver- fügung über sein Geld jedoch gewisse Unsicherheiten ein. Neben einem Ausfall- und Währungsrisiko besteht das Risiko, dass möglicherweise eine andere lukrative Investi- tion ungenutzt bleibt, da die liquiden Mittel bis zu einem festen Termin gebunden sind (Borchert 2003, S. 34-35).

Das Eingehen einer Rückzahlungsverpflichtung stellt für den Schuldner allerdings nur so lange einen Vorteil dar, wie er imstande ist, dieser fristgerecht nachzukommen. Bei

2. DAS PHÄNOMEN DES GAMBLING FOR RESURRECTION

Fehleinschätzungen über zukünftige Situationsverläufe oder unvorhersehbarer Zustände kann sich durch Schulden ebenso ein ineffizientes Ergebnis einstellen. Weiterhin können Vertragsklauseln dem Gläubiger erlauben, dem Schuldner das Eingehen auf weitere Investitionsmöglichkeiten zu verwehren. Dieses Recht wird der Gläubiger auch in Anspruch nehmen, wenn er befürchtet, dass die Rückzahlung seines Geldes dadurch in Gefahr geraten könnte (Admati/Hellwig 2013, S.78).

Finanzielle Schieflagen in einer Situation bestehender Verschuldung verändern die Ausgangslage für neue Entscheidungen und damit auch das Verhalten; sie können den Schuldner in zwei Richtungen treiben - unverhältnismäßige Vorsicht oder überschwänglicher Leichtsinn (Admati/Hellwig 2013, S.78).

Die Vorsicht zeigt sich durch den Verzicht auf produktive oder unternehmerisch not- wendige Investitionen aus der Angst heraus, sich weiter zu verschulden. Das Extremum des Leichtsinns tritt vor allem dann auf, wenn bereits eine aussichtslose Überschuldung besteht, der Schuldner aber nur beschränkt für diese Schulden einste- hen muss. In dieser Situation entsteht ein Interessenkonflikt zwischen beiden Parteien. Wenn der Schuldner nicht mehr in der Lage ist, seiner Schuldenpflicht nachzugehen, sieht er sich vielleicht gezwungen als einzigen Ausweg eine Investition mit sehr hohem Risiko einzugehen, die gleichzeitig eine hohe Rendite verspricht. Der Erfolg solch einer riskanten Maßnahme würde das Schuldenproblem lösen und ihn vor einer Insolvenz bewahren. Dieses Spiel lohnt sich aber vor allem, weil der Misserfolg seine eigene Si- tuation nicht weiter verschlechtern, sondern nur dem Gläubiger schädigen kann (Ad- mati/Hellwig 2013, S.78-83).

Dieses Zocken um die Wiederherstellung der Solvenz wird als gambling for resurrec- tion („Zocken zur Wiederauferstehung“) bezeichnet (Admati/Hellwig 2013, S. 98). Die Folgen im geschilderten Szenario mögen noch relativ klein sein, können aber fatale Auswirkungen auf die Volkswirtschaft haben wenn die Verkettungen größer sind und es sich bei Schuldner und/oder Gläubiger um entsprechend mächtigere Wirtschafts- subjekte handelt.

2.2 ASYMMETRISCHE INFORMATION UND PRINZIPAL-AGENT-THEORIE

Eine bedeutende Besonderheit des Finanzmarktes besteht in der asymmetrischen In- formationsverteilung1 (Gischer et al. 2012, S. 122). Die beschriebene Situation im vo- rangegangenen Kapitel konnte nur deshalb solche Ausmaße annehmen, weil zwischen den beiden Parteien nach Vertragsabschluss unvollständiges Wissen vorlag. Dieser Umstand erhöht das Risiko und die Unsicherheit beider Vertragspartner über zukünfti- ge Ereignisse bei Interessenkonflikten. Eine vollständige Überwachung ist dem Gläubi- ger nicht, bzw. nur durch immensen Kostenaufwand möglich. Es entstehen Informati- onsmängel in Bezug auf das Verhalten seines Vertragspartners, in diesem Falle auf das des Schuldners, oder den Umweltzustand, in welchem sich der Kreditnehmer be- findet. Ohne die Überwachung ist es diesem also möglich, relevante Fakten zu ver- schweigen und zu Lasten des Gläubigers zu handeln, ohne dafür sanktioniert zu wer- den (hidden action). Wäre der Gläubiger zeitig über die bevorstehende Insolvenz sei- nes Schuldners in Kenntnis gesetzt worden, hätte er möglicherweise rechtzeitig die Schritte zur Bewahrung des verbliebenen Kapitals einleiten können. Diese Gefahr des opportunistischen Verhaltens durch eine versteckte Aktion zu Ungunsten des anderen bezeichnet man als moralisches Risiko (Moral Hazard). Da ein Anreiz zu versteckter Handlung erst nach Vertragsabschluss negative Auswirkungen hat, spricht man auch von ex post-Informationsasymmetrie. Dagegen kann eine sogenannte hidden informa- tion schon vor Vertragsschluss negative Folgen nach sich ziehen, weshalb hier auch von einer ex ante-Informationsasymmetrie gesprochen wird. Eine hidden information (versteckte Information) liegt vor, wenn die Möglichkeit besteht, die Handlung zu be- obachten, aber relevante Charakteristika verschwiegen werden können.2 Damit einher geht das Phänomen der adversen Selektion (negative Auslese) (Neuberger 1998, S.11-15).

Das dargelegte Schuldverhältnis auf dem unvollkommenen Markt beschreibt eine typische Prinzipal-Agent-Situation. Grundlegend für die Problematik einer solchen Beziehung ist das Vorherrschen einer asymmetrischen Informationsverteilung. Sie lässt schließen, dass die besser informierte Partei ihren Vorteil strategisch gegen die andere und zu den eigenen Gunsten ausspielen wird (Schumann et al. 2011, S.451-452). Typische Agency-Beziehungen stellen sich allgemein durch folgende Merkmale dar (Schumann et al. 2011, S. 451; vgl. Arrow 1985):

Einen weisungsgebundenen, aber mit Informationsvorsprung agierenden Agenten, dessen Handlungen sowohl den eigenen Nutzen, als auch den des Prinzipals be- einflusst.

Der weisungsberechtigte Prinzipal kann ein Vertragswerk festlegen und somit die Handlungen des Agenten durch Vergütungs- und Sanktionssysteme in Richtung des bestmöglichen Nutzens beeinflussen.

Durch bestehende Einwirkungen von Zufallseinflüssen kann allein mit Hilfe des Ergebnisses nicht auf die Handlung des Agenten geschlossen werden. Es entstehen Spielräume für versteckte Handlungen und versteckte Informationen.

Die typischen Agency-Probleme treten auf, sobald die Parteien unterschiedliche Interessen verfolgen (Alparslan 2005, S.20).

Durch das Bestehen asymmetrischer Information und aufgrund der Unsicherheit der Handlungsergebnisse stellt sich ein schlechteres Ergebnis ein als auf einem vollkom- menen Markt. Die Differenz zwischen der Erstbestlösung bei vollständiger Information und des weniger zufriedenstellenden Ergebnisses bei unvollkommener Information nennt man Agency-Kosten (Pratt/Zeckhauser 1985, S.3). Der Ausgleich der Informati- onsasymmetrie ist wiederum mit einem Kostenaufwand verbunden. Als Konsequenz überträgt sich diese Problematik auch auf das Zustandekommen und Bestehen eines Vertragsverhältnisses der Parteien. In der Agency-Theorie sollen diese Agency-Kosten durch Aufsetzung bestmöglicher Vertragsbedingungen minimiert werden, die vor allem auf optimale Anreize durch Entlohnungen sowie auf optimale Risikoallokation3 abzielen (Schumann et al. 2011, S.451-452).

Die mit der Prinzipal-Agent-Problematik einhergehenden Folgen des Moral Hazards und der adversen Selektion bedeuten eine beachtliche Beeinträchtigung der optimalen Allokation liquider Mittel auf dem Finanz- und Kreditmarkt und damit eine Pareto- Verschlechterung.

Akerlof (1970) erklärt die adverse Selektion anhand des Marktes für Gebrauchtwagen. Es wird vereinfachend angenommen, dass die gebrauchten Wagen von guter oder von schlechter Qualität sein können. Die Anbieter (Prinzipale) wissen um die qualitative Beschaffenheit ihrer Automobile; zusätzlich wird ihnen ein opportunistisches Verhalten unterstellt. Den Nachfragern (Agenten) ist es nicht möglich, die Qualität jedes einzel- nen Wagens festzustellen, sie können lediglich die Durchschnittsqualität aller angebo- tenen Gebrauchtwagen beurteilen (hidden information). Gleichzeitig ist ihnen jedoch das Vorhandensein der unterschiedlichen Beschaffenheit bekannt. Folglich ordnet der Nachfrager allen Wagen dieselbe Durchschnittsqualität zu, die sich unterhalb der guten Qualität befindet. Somit wird die Zahlungsbereitschaft gedämpft. Gebrauchtwagenver- käufer, die die Qualität ihrer Angebote über diesem Preis schätzen, werden in der Pau- schalisierung einen Nachteil sehen und sich vom Markt zurückziehen. Es findet eine Auslese guter Qualitäten durch den Markt selbst statt und lediglich die schlechte Quali- tät bleibt bestehen (Akerlof 1970, S.485-492).

[...]


1 Asymmetrische Information liegt vor, wenn mehrere Marktteilnehmer mit unterschiedlichem Wissenstand in Aktion treten und die Informationsbeschaffung (unterschiedlich hohe) Kosten verursacht. (Varian 2011, S.803)

2 Die Anordnung und Definition der Begrifflichkeiten der Prinzipal-Agent-Theorie ist in der Literatur sehr verschieden. Teilweise wird ex Ante-Informationsasymmetrie mit hidden characteristics gleichgesetzt und bei ex Post-Informationsasymmetrie zwischen hidden information und hidden action unterschieden (vgl. Arrow 1985, S. 38).

3 „Unter Risikoallokation wird die Aufteilung des Gesamtrisikos der Auftragsdurchführung auf einen Risiko- anteil des Prinzipals und einen Risikoanteil des Agenten verstanden.“ (Alparslan 2005, S.19).

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668007918
ISBN (Buch)
9783668007925
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302610
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
2,5
Schlagworte
Gambling for resurrection

Autor

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