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Wortspiele in der komischen Lyrik des Poetry Slams

Ein Unterrichtsvorschlag

von Anselm Stifel (Autor)

Unterrichtsentwurf 2009 16 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

I. Theoretische Vorbemerkungen
1 Von der Wortbedeutung zum Wortspiel
1.1 Sprachreflexion: Bewusstsein für Sprache entwickeln
1.2 Wortsemantik
1.2.1Polysemie und Homonymie
1.3 Wortspiel
2 Inkongruenztheorie: Vom Wortspiel zur komischen Dichtung

II. Unterrichtsvorschlag
1 Integrativer Unterricht - Wortspiele im Poetry Slam
2 Wortspiele in der komischen Lyrik des Poetry Slams
2.1 Das Thema und seine Intention(en)
2.2 Zur Textauswahl
2.3 Realisierung
a) Begegnung mit dem Text „Glasaugenstern“
b) Gruppenarbeit: Begegnung mit weiteren Textbeispielen
c) Textpräsentationen durch die Kleingruppen
d) Optional: Ergänzendes Unterrichtsgespräch
e) Schreibübungen zur komischen Lyrik
f) Präsentation und anschließende Reflexion
3 Schluss

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Lyrik und deren Behandlung im schulischen Unterricht evoziert bei vielen ein Bild langweiliger, trockener und monotoner Unterrichtssituationen. Einen Beitrag um diesen Imageschaden auszubügeln, leistet seit geraumer Zeit der so genannte Poetry Slam. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden1, hat sich Poetry Slam auch in Europa längst zu einem Kult entwickelt. Poetry Slam ist eine Form des öffentlichen Litera- turwettbewerbs. Mit selbstverfassten Texten buhlen so genannten Slam Poeten um die Gunst des Publikums. Ihre Texte erzählen von alltagsnahen Geschichten sowie alltäglichen Träumereien gleichermaßen und sind von der Lust an Wortspielen geprägt. Erlaubt sind beim Poetry Slam alle Textarten - mit Gedichten beginnend über Kurzgeschichten bis hin zu kleinen Kabarettstücken. Die einzige verbindliche Gemeinsamkeit zwischen allen Texten ist, dass sie ein gesetztes zeitliches Limit - meist fünf bis sieben Minuten - nicht überschreiten dürfen und medial mündlich sein müssen. Sie werden entweder auswendig gelernt vorgetragen oder einfach abgelesen. Der Textinhalt sowie die Performance werden mittels Punktetafeln von eins bis zehn von einer Publikumsjury bewertet. Eine andere geläufige Variante bezieht das gesamte Publikum mit ein, indem die Stärke des Applauses über den Sieger entscheidet. Was ist Poetry Slam also? - Es ist Poesie und Performance, Spaß und Spannung, Wortspiel und Wortgefecht, kurzum es ist vielschichtig, denn es versucht die just aufgezählten Komponenten miteinander zu verbinden.

Ferner versprechen diese Komponenten im Hinblick auf den schulischen Unterricht, genauer den Lyrikunterricht, Abwechslung - ein Aufbrechen alter Konventionen. Der Stellenwert des oftmals als langweilig und heikel angesehenen Lyrikunterrichts - insbesondere in der Sekundarstufe - bekommt Aufwind.

Schwerpunkt dieser Hausarbeit ist die komische Dichtung im Poetry Slam und im Zuge dessen wird dem dafür charakteristischen Wortspiel ein besonderer Platz eingeräumt. Wortspiele tragen entscheidend zur Publikumsbegeisterung bei - nicht zuletzt in Anbetracht der ihnen anhaftenden humoristischen Note - und machen einen Text attraktiv und qualitätvoll. Anhand von komischer Lyrik im Poetry Slam soll veranschaulicht werden, wie eng Sprachreflexion und Literatur miteinander verflochten sein können. Diese Abhandlung will zeigen, dass sich Sprach- und Literaturunterricht nicht ausschließen müssen, sondern auch gepaart auftreten können. Zunächst erfolgt eine einführende Darstellung theoretischer Begriffe, bevor im zweiten Teil ein Unterrichtsvorschlag vorgestellt wird, der das Wortspiel im Kontext komischer Slamtexte behandelt

I. Theoretische Vorbemerkungen

1 Von der Wortbedeutung zum Wortspiel

1.1 Sprachreflexion: Bewusstsein für Sprache entwickeln

Um am sozialen Leben teilzunehmen, um als Individuum in Erscheinung zu treten, um Geltung zu erlangen, bedarf es des Worts.

Am Anfang ist das Wort. Das ist nicht nur im Johannes-Evangelium so, sondern auch beim Nachdenken über Sprache. Der Alltagsbegriff von Sprache - und gerade auch der von Kindern - macht sich primär an Wörtern fest, und auch in der Geschichte der professionellen Sprachreflexion kommt dem Wort eine herausragende Stellung zu.2

Dementsprechend formen Wörter in der Trias der Sprachebenen Wort - Satz - Text das Fundament. Denn das Wort als grundlegender sprachlicher Baustein vereinigt eine wieder- erkennbare Form mit einer bestimmten Bedeutung. Selbstverständlich sind Wörter ihrerseits wiederum zerlegbar - in Laute, in Morpheme und in Silben.3 Das dabei entstehende Sprachmaterial kann dabei - gleichermaßen wie das Wort - zu Wortspielschöpfungen herangezogen werden.

1.2 Wortsemantik

Dass - wie zuvor dargelegt - das Wort eine wiedererkennbare Form mit einer bestimmten Bedeutung verbindet, findet sich in präzisierter Form auch bei de Saussure wieder. Ent- sprechend wird nachfolgend auf die Saussuresche Dichotomie von Arbitrarität vs. Motiviertheit4 eingegangen. Saussure zufolge ist die Verbindung zwischen der Laut- bzw. Buchstabenfolge eines Wortes und dessen Bedeutung arbiträr und damit nicht-motiviert. Mit anderen Worten: sie ist willkürlich und beruht auf Konventionen. Es gibt beispielsweise keinen kausalen Zusammenhang zwischen der inhaltlichen und der lautlichen Seite des Wortes Baum.

Diese Arbitraritäts-These - Saussure wies darauf bereits selbst hin - besitzt nur einge- schränkt Gültigkeit. Bei einem zusammengesetzten Wort, einem Kompositum, wie etwa Baumwurzel sind zwar die Konstituenten5 Baum und Wurzel arbiträr, nicht aber dessen Zusammensetzung. Für Personen, die dem Deutschen nicht vollkommen mächtig sind, denen aber die beiden Wörter Baum und Wurzel bekannt sind, für die wird es ein Leichtes sein, die Wortbedeutung aus den einzelnen Konstituenten herzuleiten: „(…) - der Inhalt von Baumwurzel ist vermittelt durch den seiner Bestandteile, oder mit den Worten Saussures: dieses (komplexe) Zeichen ist motiviert.“6 Dies gilt für alle semantisch motivierten Komposita7 also für Wörter, die aus wenigstens zwei kleinsten bedeutungstragenden Spracheinheiten bestehen.

Knarren oder zischen sind Beispiele für eine weitere Gruppe von Wörtern, welche nicht dem Prinzip der Arbitrarität folgen, da sie Geräusche nachahmen, sie imitieren. Diese als Onomatopoetika typisierten Wörter sind demnach imitativ motiviert.

Der von Saussure entwickelte Motivationsbegriff, so führt Käge in seinen Ausführungen an, wurde später von Ullmann ausgeweitet. Dieser zog ihn zur Beschreibung von figurativen, also metaphorisch und metonymisch gebrauchten, Wörtern wie Fuchs oder Esel heran. „Hier besteht die Motivation darin, daß sich zwischen der wörtlichen und der übertragenen Be- deutung einer lexikalischen Einheit Teilidentität feststellen lässt.“8 Sachlich meldete Käge bezüglich Ullmanns Ausweitung Bedenken an, denn der Motivationsbegriff betreffe nach Saussures Maßgabe nur die Beziehung von Ausdrucks- und Inhaltsseite, wonach die Be- zeichnungen Esel und Fuchs im metaphorischen Sinne arbiträr blieben. Die von Ullmann vorgenommene Ausweitung des Motivationsbegriffs zur Charakterisierung inhaltlicher Relationen zielt also auf genau jenes Phänomen ab, auf welchem Wortspielereien gründen, nämlich auf Mehrdeutigkeit - im Fachjargon ist von Ambiguität die Rede. In der Semantik wird Mehrdeutigkeit mit dem Begriffspaar Polysemie und Homonymie präzisiert (vgl. 2.2.1). Abschließend wäre noch zu erwähnen, dass es wichtig ist zu differenzieren, was ein Wort bedeutet und was ein Sprecher in einer bestimmten Situation damit ausdrücken will. Kurzum, der intendierte Sinn bestimmter Worte ergibt sich erst im kontextuellen Gebrauch.

Es gibt unterschiedliche Terminologien für diese Unterscheidung: Manche reden von LangueBedeutung und Parole-Bedeutung, andere von lexikalischer Bedeutung und KontextBedeutung; (…).9

1.2.1 Polysemie und Homonymie

Kommt es zu einem Nebeneinander mehrerer Wortbedeutungen, dann liegt entweder Polysemie oder Homonymie10 vor, wie etwa bei den beiden mehrdeutigen Begriffen Schlange und Tau. Bei Schlange handelt es sich um Polysemie, denn die Tierbezeichnung wurde auf eine Menschentraube übertragen, sie wurde metaphorisiert. Hierbei ist zweifels- ohne ein gemeinsamer Wortursprung erkennbar: „Zwischen den Bedeutungsvarianten muss eine semantische Relation (z. B. metaphorischer, metonymischer und differenzierender Art) bestehen, die intersubjektiv nachvollzogen werden kann.“11 Anders verhält es sich bei Homo- nymen. Sie sind zwei zufällig gleichlautende Wörter, die keinerlei semantische Beziehung aufweisen, nicht ableitbar sind und auch sprachgeschichtlich keine Verbindung aufweisen, so bei Tau. Entstehen aber durch den Gebrauch einer bestimmten Bedeutungsspielart Missverständnisse in der Kommunikation, zieht dies eine Bedeutungsänderung des Wortes nach sich und das Wort wird in dieser bestimmten Bedeutung nicht mehr benutzt.12

1.3 Wortspiel

Nachdem der vorangegangene Punkt die Wortsemantik behandelt hat, soll nun dieselbige in der Pragmatik - anhand von Wortspielen - betrachtet werden.

Davon [von Wortspielen] kann immer dann die Rede sein, wenn aufgrund identischer, gleicher, oder ähnlicher Lautungen wenigstens zwei fern stehende Denotate unerwartet und überraschend miteinander verbunden werden.13

Käge, der im Rahmen seiner Dissertation über Motivation und persuasiven Sprachgebrauch Komposita-Wortspiele einer genaueren Betrachtung unterzieht, gliedert diese ihrer semantischen Innenstruktur entsprechend in drei Kategorien: Remotivation, Transmotivation und Pseudomotivation.

Re- und Transmotivation basieren auf dem Austausch üblicher Motivationsbedeutungen mit komischen und neuen durch Konstituentendistanzierung. Laut Käge könne eine solche Distanzierung per Bindestrich, morphologische Eingriffe oder kontextuelle Steuerung herbeigeführt werden.

Bei der Remotivation geht es darum, die ursprüngliche Inhaltsebene eines Kompositums freizulegen. Dies kann, gemäß Heibert, durch eine Aktualisierung des ursprünglichen Inhalts junge Frau bei Jungfrau erfolgen: Diese Jungfrau ist schon etwasälter. Als Beispiel zur Konstituentendistanzierung mit Hilfe eines Bindestrichs führt Heibert Augen-Blick an. Eine weitere Variante um zu veranschaulichen, dass sich ein Kompositum von seiner ursprünglichen Motivationsstruktur entfernt hat, bietet das morphologische Verändern einer Konstituente, etwa durch Pluralbildung: Nächtewandler.14

Bei der Remotivation geht es um die Anhebung einer ursprünglich existenten - mittlerweile verblassten - Motivationsbedeutung. Bei der Transmotivation hingegen gehe es darum, die Motivationsbedeutung durch eine überraschende okkasionelle15 zu ersetzen, so Käge. Das Zustandekommen eines transmotivierten Wortspieles ist der vorhandenen - lexikalischen Mehrdeutigkeit der beteiligten sprachlichen Einheiten zu ver- danken.16 Das nachfolgende Beispiel verdeutlicht dies: „Das Gros der bundesdeutschen Hosen-Träger männlichen Geschlechts ist an Modedingen nicht interessiert.“17 In diesem Fall wurden die beiden Konstituenten des ursprünglichen Wortes, Hosenträger, mittels Binde- strich segmentiert, um sich so der Homonymie des Wortes Träger zu bedienen. Daran anknüpfend sollen zwei weitere Beispiele erwähnt werden, welche auf den Bindestrich verzichten und deren gewöhnliche Konstituentenbeziehung kontextuell ad absurdum geführt wird: „Wußten Sie schon, daß der Golfstrom für Elektrorasierer ungeeignet ist?“18 oder „Ich bin Straßenhändler.“ - „Oh, das find ich interessant. Wieviel muß man denn heute etwa für eine Straße anlegen?“19.

Im Vergleich zur Re- und Transmotivation nimmt die Pseudomotivation keine Rücksicht auf Konstituentengrenzen. Die tatsächliche lexikalische Bedeutung der betroffenen sprachlichen Einheit wird so segmentiert, dass jedwede Regularität verschwindet. Ein Beispiel für ein pseudomotiviertes Wortspiel liefert nachfolgendes Zitat von Schleiermacher: „Die Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Jeweils die zweite Konstituente der Wörter Eifersucht und Leidenschaft wurden als Verbformen aufgefasst. Ihnen wurde somit eine falsche Motivation untergeschoben.20 Folgendes Beispiel von Arp soll veranschaulichen, dass pseudomotivierte Wortspiele auch mit Simplizia21 durchführbar sind: „Kakadu / KakaSie“22. Die Wortsilbe Pseudo ist also insofern zutreffend, als durch die Segmentierung Inhalte entstehen, die nicht im Entferntesten mit den tatsächlichen lexikalischen Bedeutungen der betroffenen sprachlichen Einheiten zu tun hat.23

2 Inkongruenztheorie: Vom Wortspiel zur komischen Dichtung

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt, neben dem Wortspiel, auf der komischen Dichtung im Poetry Slam. Aufgrund dessen ist es essentiell, auf ein wesentliches Element zur Erzeug- ung eines komischen Momentes einzugehen - die Inkongruenz. Brock definiert in seinem Artikel über Wissensmuster im humoristischen Diskurs Inkongruenz folgendermaßen:

Der Inkongruenztheorie zufolge entsteht Humor dadurch, dass bei RezipientInnen z. B. eines Witzes eine Erwartung [Herv. A. S.] über den weiteren Inhalt des Witzes erweckt wird, die dann durch Einführung eines inkongruenten Elements gebrochen wird.24

Damit Komik, verursacht durch Inkongruenz, aber überhaupt passieren kann, muss auf zwei verschiedenen Ebenen rezipiert werden.

[...]


1 „Der Erfinder des slam, (…), ist der Bauarbeiter und Poet Marc Kelly Smith, der langweilige literarische Veranstaltungen Leben einhauchen wollte und deshalb 1985 (…) diese neue, als Wettbewerb organisierte Art des lebhaften Vortrags poetischer Texte ausprobierte (…).“ (Taubenböck 2004, 27)

2 Eisenberg/Linke 1996, 20

3 vgl. Eisenberg/Linke 1996, 20

4 Ich beziehe mich hier auf Käge 1980 (Kapitel 1).

5 „LINGUISTIK in einer größeren und komplexeren sprachlichen Einheit enthaltene kleinere sprachliche Einheit.“ [http://services.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.html; 10.04.09]

6 Käge 1980, 2

7 Präfixbildungen und Ableitungen bzw. Derivative sind damit eingeschlossen.

8 Käge 1980, 6

9 Keller/ Kirschbaum 2003, 101f

10 Der Übersicht wegen wird hier keine weitere Differenzierung dieses Terminus vorgenommen. Eine grafische Darstellung diese Thematik betreffend befindet sich im Anhang.

11 Keller/ Kirschbaum 2003, 108

12 vgl. Keller/ Kirschbaum 2003, 106ff

13 Käge 1980, 121

14 vgl. Heibert 1993, 62 (Heibert bezieht sich hierbei wiederum auf Käge)

15 „gelegentlich“ [http://services.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.html; 10.04.09]

- nach Möglichkeit

16 vgl. Käge 1980, 102

17 Der Spiegel 9/1970; zit. n. Käge 1980, 101

18 ebd., 104

19 ebd., 106

20 vgl. Heibert 1993,66

21 „LINGUISTIK einfaches, nicht zusammengesetztes Wort“ [http://services.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.html; 10.04.09]

22 vgl ebd., 65

23 vgl. Käge 1980, 122

24 Brock 1996, 44 (Anmerkungen)

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668037311
ISBN (Buch)
9783668037328
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302653
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,5
Schlagworte
Poertry Slam Wortspiel Sekundarstufe Onomatopoesie Sprachreflexion Didaktik Unterrichtsvorschlag Semantik Inkongruenztheorie

Autor

  • Anselm Stifel (Autor)

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