Lade Inhalt...

Sprache als Einheit? Das Diasystem nach Coseriu und die Erweiterung nach Koch/ Oesterreicher

In Anwendung auf den hispanischen Sprachraum

von Susanne Becker (Autor)

Essay 2010 5 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Sprache – Eine Einheit?

Das Diasystem nach Coseriu und die Erweiterung nach Koch/ Oesterreicher in Anwendung auf den hispanischen Sprachraum

Im Zuge der Beschäftigung mit wissenschaftlicher Literatur zum Thema Sprachwissenschaft wird man ebenso wie bei der Lektüre von Grammatiken und Wörterbüchern nicht selten auf diverse Definitionen von Sprache stoßen, die den Eindruck erwecken, dass es sich dabei um ein homogenes Kommunikationsmittel handelt (vgl. Kabatek/Pusch 2009: 222). Doch dies ist so nicht richtig, ist doch selbst einem Laien der Sprachwissenschaft bewusst, dass Einzelsprachen wie etwa das Französische und das Spanische keineswegs eine Einheit miteinander bilden. Dringt man weiter in eine Einzelsprache ein, stellt man fest, dass auch auf dieser inneren Sprachebene unterschiedliche Realisierungsformen vorliegen. Die logische Konsequenz ist also die Existenz von Sprachvarietät, die verschiedene Dimensionen unterscheidet (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 13).

Der Romanist Eugenio Coseriu definiert diese im Rahmen des Diasystems, ein Begriff, der von Uriel Weinreich eingeführt wurde und Sprache als ein System von Einzelsystemen (Varietäten) innerhalb einer geschlossenen Architektur auffasst (vgl. Kabatek/Pusch 2009: 223).

Eines dieser Einzelsysteme ist die diatopische Varietät (griech. tópos ‚Ort‘), die die unterschiedlichen Realisierungen einer Sprache je nach geographischer Lage (Dialekte) umfasst (vgl. Gabriel/Meisenburg 2007: 65). So unterscheiden beispielsweise die Varietäten des Spanischen im nördlichen und zentralen Teil der Iberischen Halbinsel einen Ausspracheunterschied zwischen casa [‘kasa] ‚Haus‘ und caza [‘kaθa] ‚Jagd‘, während die südlichen (z.B. andaluz), kanarischen und amerikanischen (z.B. chileno) Varietäten entweder nur das Phonem /s/ (seseo) oder nur das Phonem /θ/ (ceceo) kennen (vgl. Wesch 2006: 163). Abgesehen von den teilweise weitreichenden Ausspracheunterschieden gibt es besonders deutliche Unterschiede im Wortschatz: Der Wasserhahn etwa wird in Spanien als grifo, in Mexiko als llave und in Argentinien als canilla bezeichnet (vgl. Kabatek/Pusch 2009: 222). Darüber hinaus existiert eine Vielzahl weiterer diatopischer Varietäten wie etwa das tratamiento unificado (amerikan. Spanisch: vosotros = ustedes), auf die an dieser Stelle jedoch nicht näher eingegangen werden kann (vgl. Wesch 2006: 163).

Die diastratische Variation (lat. stratum ‚Schicht‘) betrifft Unterschiede, die von der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen und Schichten wie Generationen, Geschlechter, Berufsgruppen und Religionsgruppen herrühren (Soziolekte). So wurde z.B. festgestellt, dass die Tilgung des intervokalischen -d- (cansado [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] cansao) schichtenspezifisch variiert: Die Tendenz der Tilgung verhält sich umgekehrt proportional zum Bildungsgrad, d.h. je gebildeter ein Mensch ist, desto deutlicher wird das -d- in der Regel zu hören sein. Eine weitere diastratische sprachliche Eigenheit ist die Jugendsprache, die überwiegend von jungen Menschen gesprochen wird und die sich durch morphologische Abwandlung deutlich von der Standardsprache eher älterer Menschen unterscheidet (vgl. Kabatek/Pusch 2009: 222).

Die dritte Dimension der Varietäten, die diaphasische Variation (griech. fásis ‚Erscheinungsform‘), bezieht sich auf die unterschiedlichen Gesprächsstile in einer konkreten Redesituation, wobei man zwischen formellem und informellem Stil unterscheidet. Im Spanischen bezeichnet man diese Ebenen als espa ñol literario bzw. espa ñol coloquial usw. So kommt die eben angesprochene intervokalische Tilgung von -d- ebenso wie Wortverkürzungen (z.B. para [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] pa, por favor [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] porfa) in informellen Redesituationen sehr häufig vor, in formellen Redesituationen dagegen äußerst selten (vgl. ebd.: 222f; Koch/Oesterreicher: 1990: 13).

An diesem Beispiel wird deutlich, dass hier nicht drei parallele Dimensionen vorliegen, sondern dass die verschiedenen Varietätentypen, die ohnehin nicht ganz klar voneinander abgrenzbar sind, auf eine bestimmte Weise, auf die an späterer Stelle eingegangen werden wird, ineinander übergehen. Dies tun wir im Alltag jedoch bereits intuitiv, beherrschen doch die meisten Menschen neben der Hochsprache die jeweilige regionale Varietät und wenden beide Sprachstile mehr oder weniger situationsgerecht an.

Die Romanisten Peter Koch und Wulf Oesterreicher haben das Diasystem auf Grundlage der auf Ludwig Söll zurückgehenden Differenzierung zwischen phonischem oder graphischen Medium der sprachlichen Realisierung bzw. schriftlicher oder mündlicher Konzeption einer Äußerung um eine vierte Dimension erweitert (vgl. Kabatek/Pusch 2009: 174; Wesch 2006: 158).

Man unterscheidet hinsichtlich Medium und Konzeption vier Konstellationen mit verschieden großer Affinität, d.h. Verknüpfbarkeit: Liegt ein graphisches Medium und Skriptualität der Konzeption (jegliche Texte) oder ein phonisches Medium verbunden mit einer oralen Konzeption (verbale Kommunikation) vor, herrscht eine große Affinität, folglich finden diese beiden Konstellationen häufig Verwendung im Alltag. Betrachtet man dagegen die Konstellationen des graphischen Mediums und der oralen Konzeption (z.B. Comic-Sprechblasen) sowie des phonischen Mediums und der Konzeption der Skripualität (z.B. Festrede), ist die Affinität sehr gering und die praktische Anwendung demnach eher seltener, aber durchaus möglich (vgl. Wesch 2006: 159). Koch und Oesterreicher schlagen des Weiteren Aspekte, die zur Charakterisierung von Kommunikationsformen dienen, vor, die für jede Sprache gleich, d.h. universal-essentiell und zugleich Merkmale der Schriftlichkeit bzw. Mündlichkeit sind. Es handelt sich um den Grad der Öffentlichkeit, der Vertrautheit der Partner, der emotionalen Beteiligung, der Situationseinbindung sowie um den Referenzbezug, die physische Nähe der Kommunikationspartner, um den Grad der Kooperation, der Dialogizität, der Spontaneität und den Grad der Themenfixierung. Je nach Ausprägung dieser Parameter spricht man von kommunikativer Nähe oder Distanz, wobei die Übergänge der Parameter in ihr Gegenteil fließend verlaufen (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 8f). Ein weiteres universelles Merkmal von Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist die Tatsache, dass die während eines Kommunikationsaktes angewandten Versprachlichungstheorien in unterschiedlichem Ausmaß auf eine Stützung durch unterschiedliche Kontexttypen angewiesen sind (vgl. ebd.: 10).

Man differenziert zwischen dem situativen Kontext, d.h. in der konkreten Gesprächssituation wahrnehmbare Personen und Gegenstände, dem individuellen Wissenskontext übereinander einerseits und dem allgemeinen Wissenskontext andererseits, dem sprachlich-kommunikativen Kontext, also vorherige und folgende Äußerungen und schließlich anderen kommunikativen Kontexten, wie etwa paraverbale (z.B. Intonation, Sprechtempo) und nonverbale (z.B. Gestik, Mimik) Komponenten der Kommunikation (vgl. ebd.: 10ff).

Diese Kommunikationsbedingungen und Versprachlichungsstrategien haben Koch und Oesterreicher im Nähe/Distanz-Kontinuum mit den konzeptionell-medialen Affinitäten zusammengetragen. Daraus ist ersichtlich, dass bei zunehmender Nähe einer Kommunikationssituation die phonische Komponente hinsichtlich Medium und Konzeption stark im Vordergrund steht, ebenso wie dafür wichtige Kommunikationsbedingungen wie beispielsweise Privatheit, Vertrautheit und physische Nähe. Bei den Versprachlichungsstrategien fallen u.a. ein geringer Planungsaufwand und eine Präferenz für nichtsprachliche Kontexte und für Gestik und Mimik auf, wohingegen die von Distanz geprägte Kommunikationssituation die gegenteiligen Parameter (stark graphisch orientiert, Kommunikationsbedingungen wie Öffentlichkeit und Fremdheit stehen im Vordergrund, außerdem herrscht hoher Planungsaufwand usw.) bedient (vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 12).

Diese vierte von Koch und Oesterreicher ergänzte Variation nennte man diamesische Variation (griech. mésos ‚Vermittlung‘), da sie sich auf die im Diasystem fehlende Unterscheidung der gesprochenen und geschriebenen Sprache bzw. Nähesprache und Distanzsprache bezieht. In folgender Grafik wird diese vierte Dimension mit dem Diasystem Coserius verbunden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Diasystem nach Coseriu mit Erweiterung durch Koch/Oesterreicher

(vgl. ebd.: 15)

[...]

Details

Seiten
5
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668010734
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302760
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Coseriu Koch Oesterreicher distratisch diahasisch diaphasisch diatopisch

Autor

  • Susanne Becker (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Sprache als Einheit? Das Diasystem nach Coseriu und die Erweiterung nach Koch/ Oesterreicher