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Die fiskalische Verfolgung von Juden im Dritten Reich. Die Rolle der Reichsfinanzverwaltung

Essay 2015 9 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Die Rolle der Finanzverwaltung hinsichtlich der fiskalischen Judenverfolgung
2.1 Entstehung, Aufbau und Organisation
2.2 Reichsfinanzverwaltung und Judenverfolgung 1933 bis 1941
2.3 Finanzverwaltung und Judenverfolgung ab 1941
2.3.1 Deportationen und „Aktion 3“
2.3.2 Fallbeispiel: Die Akte von Salli Levi

3. Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

ALY, G.:

Unbürokratische Soforthilfe. In: Aly, G. (Hrsg.): Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Bonn 2014. S.139-158.

BLUMBERG, G.:

Etappen der Verfolgung und Ausraubung und ihre bürokratische Apparatur. In: Kenkmann, A.; Rusinek, B.-A. (Hrsg.): Verfolgung und Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen Finanzbehörden. Münster 2001. S.15-40.

DREßEN, W.:

Betrifft: „Aktion 3“. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn. Dokumente zur Arisierung. Ulm 1998.

FRIEDENBERGER, M.:

Die Rolle der Finanzverwaltung bei der Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung der deutschen Juden. In: Friedenberger, M.; Dössel, K. D.; Schönknecht, E. (Hrsg.): Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus. Bremen 2002. S. 10-94.

KULLER, C.:

Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland. München 2013.

KULLER, C.:

„Erster Grundsatz: Horten für die Reichsfinanzverwaltung“. Die Verwertung des Eigentums der deportierten Nürnberger Juden. In: Kundrus, B.; Meyer, B. (Hrsg.): Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne-Praxis-Reaktionen 1938-1945. Göttingen 2004. S.160-179.

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Bürokratie und Judenverfolgung. In: Büttner, U. (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2003. S. 130-159.

MEHL, S.:

Das Reichsfinanzministerium und die Verfolgung der deutschen Juden 1933-1943. Berlin 1990.

MEINL, S.; ZWILLING, J.:

Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen. Frankfurt am Main 2004.

RUMMEL, W.:

Enteignung jüdischen Vermögens. In: Borck, H.-G. (Hrsg.): „Dem Reich verfallen“ - „den Berechtigen zurückzuerstatten“: Enteignung und Rückerstattung jüdischen Vermögens im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz 1938-1953. Koblenz 2001. S.1- 224.

RUSINEK, B.-A.:

Nationalsozialismus, Judenverfolgung und „Bürokratie“. In: Kenkmann, A.; Rusinek, B.-A. (Hrsg.): Verfolgung und Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen Finanzbehörden. Münster 2001. S.138-150.

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„Finanztod“. Die Zusammenarbeit von Gestapo und Finanzverwaltung bei der Ausplünderung der Juden in Deutschland. In: Paul, G.; Mallmann, K.-M. (Hrsg.): Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. „Heimatfront“ und besetztes Europa. Darmstadt 2000. S. 141-154.

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Fritz Reinhardt. In: Friedenberger, M.; Dössel, K. D.; Schönknecht, E. (Hrsg.): Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus. Bremen 2002. S. 253-259.

WOITKOWSKI, H.-P.:

Graf Schwerin von Krosigk. In: In: Friedenberger, M.; Dössel, K. D.; Schönknecht, E. (Hrsg.): Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus. Bremen 2002. S. 246-252.

1. Einleitung

Diese wissenschaftliche Abhandlung wird sich mit der Rolle der Reichfinanzverwaltung hin- sichtlich der Judenverfolgung im Dritten Reich befassen. Viele Jahre stand die wirtschaftliche Ausraubung der Juden nicht im Vordergrund der historischen Forschung. Da diese sich auf die Rolle nationalsozialistischer Organisationen bei der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik konzentrierte, wurden staatliche Institutionen wie die Finanzverwaltung selten beachtet. Erst in den 1970ern folgte die erste Arbeit auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Ausplünderung, die von Adler ( „ Der verwaltete Mensch “ ) geleistet wurde, in welcher er erstmals den Enteig- nungsprozess analysierte. Erst im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends wurde die wirtschaftliche Ausraubung der Juden wieder stärker ins Blickfeld genommen, als die Prozes- se der „Arisierung“ studiert wurden, die nachfolgend aber nicht Gegenstand des Aufsatzes sein werden. Verwiesen sei hier vor allem auf die Forschungen von Barkai (1992) und Bajohr (1997). Organisationsgeschichtlich hat sich Mehl (1990) mit der Rolle der Finanzverwaltung auseinandergesetzt. Durch die Herabsetzung der Sperrfrist für Steuerakten vor 1945 auf weni- ger als 80 Jahre wurden tiefe Einblicke in fiskalische Maßnahmen gegen Juden möglich, wes- halb auch umfassende Studien entstanden. Rummel & Rath (2001), Friedenberger (u.a. 2002), Meinl & Zwilling (2004) und Kuller (u.a. 2013) legten Arbeiten vor, die die fiskalischen Maßnahmen der Finanzverwaltung detailliert darstellen.

Begriffe wie „ Reichsfinanzverwaltung “ und „ Finanzbeh ö rden “ müssen in diesem Zusammenhang noch definiert werden, da sie von zentraler Bedeutung sind und nachfolgend synonym gebraucht werden. Die Begriffe werden im Sinne eines staatlich-kommunalen Apparates für Finanzfragen von der zentralen Ebene der Ministerien bis hin zur lokalen Ebene der Städte und Landgemeinden benutzt (vgl. Matzerath 2003).

Die Abhandlung gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst referiere ich über Entstehung, Aufbau und Organisation der Reichsfinanzverwaltung. Anschließend wird über fiskalische Maßnahmen von 1933 bis 1941 Auskunft gegeben, um die fortschreitend radikalere Judenverfolgung durch den Fiskus nachvollziehen zu können. Danach steht die Rolle der Finanzverwaltung ab 1941 im Mittelpunkt, wobei anhand einer Steuerakte exemplarisch gezeigt wird, wie sich die fiskalische Judenverfolgung im Oktober 1941 gestaltete. Es schließt sich dann ein Fazit an, welches die Erkenntnisse zusammenfasst.

2. Die Rolle der Reichsfinanzverwaltung hinsichtlich der fiskalischen Judenverfolgung

2.1 Entstehung, Aufbau und Organisation

Die Reichsfinanzverwaltung entstand durch die Schaffung des Reichsfinanzministeriums 1919, welches aus dem Reichsschatzamt hervorging. Der damalige Finanzminister Erzberger sah sich gezwungen, eine neue Verwaltung zu begründen, die den Herausforderungen wie der Begleichung von Kriegsschulden, Reparationszahlungen und sonstigen Ausgaben gewachsen sein konnte. Bis zur Finanzreform lag die Verfügungshoheit über die Finanzen bei den einzel- nen Ländern des Reichs, das Finanzwesen war bis dato dezentral organisiert (vgl. Mehl 1990). Die Finanzreform stand unter anderem für die Schaffung eines Ministeriums, durch welches die unterstellten Finanzbehörden zentral koordiniert werden sollten. Die Zentralisierung der Finanzverwaltung regelte Artikel 83 der Weimarer Verfassung, der die Verwaltung der Fi- nanzen auf das Reich übertrug, wodurch es Zugriff auf sämtliche Steuern erhielt (vgl. Kuller 2013). Hauptaufgabe dieser Verwaltung war die Beschaffung der für die Zwecke des Reiches erforderlichen Geldmittel durch die Erhebung von Steuern und Zöllen (vgl. Meinl/Zwilling 2004).

Die Finanzverwaltung wurde dabei dreistufig aufgebaut. Die oberste Leitung oblag dem Reichsfinanzministerium. Auf den unteren Ebenen folgten dann 25 Landesfinanzämter, denen wiederum etwa 1200 kommunale Finanz- und Zollämter unterstellt waren. In den 1920ern traf die Weltwirtschaftskrise und die damit einher gehende Inflation auch die Beamten der „ jungen “ Reichsfinanzverwaltung schwer. Vermögensverluste, anhaltende Ge- haltskürzungen und Entlassungen führten dazu, dass ein Großteil der Mitarbeiter der Verwal- tung Sympathisanten der rechten Parteien und damit auch der NSDAP wurden (vgl. Meinl/Zwilling 2004).

Nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 blieb der Aufbau der Reichsfinanzverwal- tung weitgehend unverändert (vgl. Kuller 2013). Der Reichsfinanzminister GRAF SCHWE- RIN VON KROSIGK, der 1932 in das Amt berufen wurde und bis zum Kriegsende den Pos- ten behielt, war zwar kein Mitglied der NSDAP, segnete aber später mehrfach antisemitische Steuergesetze mit seiner Unterschrift ab (vgl. Woitkowski 2002). Er war für das Reichsbudget hauptverantwortlich, sein Vertrauter und Staatssekretär ZARDEN hingegen für die Steuern. Einen entscheidenden Schritt in Richtung „ Nazifizierung “ der obersten Stellen innerhalb der Finanzverwaltung war unter anderem die Versetzung ZARDENS in den Ruhestand, der Jude war und im Zuge des Gesetzes „ zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums “ (7.4.1933) durch den Nationalsozialisten REINHARDT ersetzt wurde. Die Nationalsozialisten profitier- ten von der zentralen Organisation der Finanzverwaltung. Nun saß auch ein Nationalsozialist in der Schaltzentrale der Finanzverwaltung mit direktem Einfluss auf Steuerfragen. Reinhardt beaufsichtigte zudem das Ausbildungswesen, etablierte sogenannte „Reinhardt-Schulen“, in denen Anwärtern auch die nationalsozialistische Weltanschauung gelehrt wurde. Durch das Ermächtigungsgesetz wurde kein Steuergesetz mehr parlamentarisch beraten und beschlossen. So konnte das Finanzministerium 1934 im Alleingang Steuergesetze erlassen, das heißt es be- saß auf dem Gebiet der Rechtsetzung umfangreiche Vollmachten. Dies bedeutet im Umkehr- schluss, dass das Finanzministerium, vor allem der Reichsfinanzminister oder der Staatssekre- tär als Vertretung, für alle diskriminierenden Steuergesetze ab 1934 verantwortlich gemacht werden können.

Im Zuge des Gesetzes vom 7.4.1933 kam es zu 1700 nationalsozialistischen Säuberungen in- nerhalb der Finanzverwaltung, die „ Nichtjuden “ betrafen. Bei einem Apparat mit etwa 73.000 Beamten (1934) waren dies nur 2,4 % aller angestellten Beamten. Dies erweckt zumindest den Anschein, dass die große Mehrheit der Beamten aus dem Finanzsektor dem neuen „Sys- tem“ treu ergeben zu sein schienen. Dies könnte ein Faktor dafür gewesen sein, warum die Finanzbeamten bereitwillig diskriminierende Gesetze mithilfe bürokratischer Verfahren um- setzten (vgl. Meinl/Zwilling 2004).

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Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668016149
ISBN (Buch)
9783668016156
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302878
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
1.1
Schlagworte
verfolgung juden dritten reich rolle reichsfinanzverwaltung

Autor

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