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Haben Tiere einen Geist? Anthropologische Differenzen in der Frühen Neuzeit

Die Mensch-Tier-Divergenz am Beispiel von Miguel de Cervantes Saavedras „Das Kolloquium der beiden Hunde“

Hausarbeit 2014 24 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Anthropologische Differenzierungsmethoden im Kontext der Frühen Neuzeit
1. Philosophische Strategien unter Rückbezug auf die Historie
1.1 Differentialismus und Assimilationismus
1.2 Historischer Zugang – Der aristotelische Hintergrund
2. Tendenzen einer anthropologischen Differenz am Beispiel der Philosophen Montaigne und Descartes
2.1 Michel de Montaigne – Das Tier als vernünftiges Wesen
2.2 René Descartes – Das Tier als Maschine

II. Die Mensch-Tier-Divergenz im Kontext von Miguel de Cervantes Saavedras „Das Kolloquium der beiden Hunde“
1. Miguel de Cervantes Saavedras exemplarische Novellen
1.1 Die Novelle Cervantes’ als Exempel
1.3 Das Kolloquium der beiden Hunde
2. Die Frage nach der anthropologischen Differenz in Cervantes „Das Kolloquium der beiden Hunde“
2.1 Selbstreflexion des tierischen Sprachvermögens durch die beiden Hunde Cipión und Berganza
2.2 Der Vernunftbegriff in Kohärenz mit dem Sprachvermögen
2.3 Cervantes’ Novelle im Rückbezug auf Montaignes Philosophie

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Rolle des Geistes der Tiere wurde in der frühneuzeitlichen Philosophie ein großer Stellenwert zugesprochen. Die Meinung anerkannter Philosophen wie Michel de Montaigne, René Descartes und David Hume bewegt sich von Montaignes Kritik der Verächter der Tiervernunft über Descartes Ablehnung eines tierischen Geistes zu Humes Verteidigung einer naturalistischen Betrachtungsweise unseres Geistes als einem tierlichen Geist.[1]

Die anthropologische Differenz fragt nach dem Verhältnis zwischen menschlichem Lebens und dem Geist des Tieres. Das Interesse an der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ist also nicht nur philosophisch, sondern vor allem anthropologisch begründet. Was macht den Menschen aus? Welche Merkmale sind gegenüber dem tierischen Wesen festzusetzen? Darf überhaupt ein Unterschied gemacht werden? All jene Fragen beschäftigen die Menschheit, insbesondere die Philosophie, seit der Antike.

Das philosophisch-anthropologische Interesse am Tier ist eines humaner Selbstverständigung; und ein Schwergewicht innerhalb dieser Selbstverständigung bildet die Philosophie des Geistes.[2]

Dabei ist zwischen der konsequenten Unterscheidung zwischen Mensch und Tier und der Annahme, dass auch der Mensch nur ein Tier ist, zu differenzieren.[3] Davon ausgehenden, dass der Mensch der Gattung der Tiere unterzuordnen ist, sind leicht verschiedene charakteristische Merkmale herausgearbeitet, die dennoch einen Unterschied machen. Doch sind eben jene Charakteristika wie die menschliche Sprache, das Vermögen der Kommunikation, das Aufbauen einer Existenz oder etwa die Vernunft nicht auch ebenso einfach zu widerlegen? Hunde, welche durch ihr Bellen, Bienen durch ihren Flugtanz kommunizieren, tierische Partner, die einander ein ganzes Leben lang nicht verlassen oder das Verhalten von Zugvögeln im Sommer bieten nur einige wenige signifikante Beispiele an dieser Stelle.

Eine Formel, die eine Mensch-Tier-Unterscheidung zum Ausdruck bringen will, muss einen Unterschied benennen, der minimal eine explanatorische Kraft hat und maximal die metaphysikalische Natur des Menschen zum Ausdruck bringt.[4]

Die Philosophie des Geistes ist also der Schlüssel zur anthropologischen Differenz. Es sind vor allem die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, welche die größte Divergenz zulassen und die immer wieder in philosophischen und anthropologischen Forschungsansätzen aufgegriffen werden.

Im Folgenden soll untersucht werden, inwiefern sich die unterschiedlichen philosophischen Ansätze unterscheiden und begründen lassen und welche anthropologische Weltanschauung besonders in der Frühen Neuzeit vertreten war. Am Beispiel der bereits genannten Philosophen Montaigne und Descartes soll jene Differenzierung sichtbar gemacht und verglichen werden.

Die Frage nach dem Geist der Tiere und der anthropologische Differenz machen in der Frühen Neuzeit [...] eine Neuuntersuchung der kognitiven Vermögen fällig und stellen das Verhältnis zwischen rationalen und sinnlichen Vermögen zur Diskussion. Die Frühe Neuzeit verschärft diese Fragen sogar.[5]

Diesen Diskurs verschärfte auch Miguel de Cervantes Saavedras Novelle „Das Kolloquium der beiden Hunde“ von 1613. Die analytischen Erkenntnisse, welche im ersten Teil primär durch Markus Wilds Studie zur anthropologischen Differenz in der Frühen Neuzeit am Beispiel der drei Philosophen Montaigne, Descartes und Hume gewonnen werden, sollen daher in einem zweiten Teil anschließend anhand Cervantes’ beispielhafter Erzählung ausgewertet und beurteilt werden. In der Novelle wird ein Dialog zwischen zwei Hunden geschildert. Diese beiden Hunde reflektieren während der Erzählung immer wieder ihr wundersames Sprachvermögen, die Novelle macht somit die unnatürliche Sprachbegabung von Tieren (im Besonderen von Hunden) zum Thema. Des Weiteren wird auf der Metaebene des Textes der Vernunftbegriff bei Tieren thematisiert. In Cervantes’ Novelle manifestiert sich dieser nicht allein im Vermögen zu sprechen, sondern gliedert sich als gesonderte Eigenschaft ab. Der Autor verfolgt damit Montaignes Ansatz einer Tierphilosophie, die sich vor allem in einer bestehenden Vernunft in Kohärenz mit dem tierischen Geist äußert. Inwiefern Cervantes damit an die Frage nach der anthropologischen Differenz in der Frühen Neuzeit anknüpft, soll im Folgenden erörtert werden.

I. Anthropologische Differenzierungsmethoden im Kontext der Frühen Neuzeit

1. Philosophische Strategien unter Rückbezug auf die Historie

1.1 Differentialismus und Assimilationismus

Um das humane Selbstverständnis näher begreifen zu können, muss man zuallererst zwischen zwei unterschiedlichen philosophischen Strategien unterscheiden, und zwar zwischen dem Differenzialismus und dem Assimilationismus. „Philosophische Strategien, die die anthropologische Differenz hervorheben, kann man als „differentialistisch“ bezeichnen.“[6] Eine kognitive Unterscheidung bedingt auch alle anderen Differenzierungen zwischen Mensch und Tier, der Differentialist setzt an dem am meisten gravierenden Unterschied an. Dieser spiegelt sich in der offensichtlichen Tatsache wider, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier über ein weitaus komplexeres Sprachvermögen verfügt. Weiter noch geht der Differentialist davon aus, dass zwischen der Sprache und dem Geist eine enge Verknüpfung besteht. Das menschliche Wesen ist in der Lage, seinen Gedanken durch die ihm gegebene Sprache Ausdruck zu verleihen, um andere an seiner Gedankenwelt teilhaben zu lassen. Setzt man das Beherrschen einer Sprache mit dem Geist und dessen Eigenschaften – die Ausführung von Handlungen und die Benennung von Gegenständen und Begriffen – miteinander in Bezug, wird dem Tier, das nicht spricht, der zentrale Aspekt seines Geistes verwehrt. Das Tier ist daher nicht imstande, Gedanken zu fassen, die zu einer logischen Handlung führen.[7] Diese These ist jedoch nur eine Seite jener philosophischen Strategien, die den Differentialismus ausmachen. Ebenso kann man von der Annahme ausgehen, dass es erst der Geist ist, der überhaupt das Sprachvermögen ausmachen.

Dies entspricht der Ausprägung der rationalistischen Position in der Frühen Neuzeit. Sprache ist, wie Descartes meinte, das einzige sicherer Anzeichen für eine rationale Seele.[8]

In der Frühen Neuzeit wurden die unterschiedlichsten philosophischen Strategien gelehrt. Spätaristoteliker, Cartesianer, Humanisten und Neoplatoniker vertraten die Ansicht, dass Sprache ein entscheidendes Indiz für eine Differenzierung zwischen der menschlichen und der tierischen Seele ist. Im Hinblick auf die anthropologische Differenz macht es jedoch kaum einen Unterschied, ob man eine Theorie der Sprachabhängigkeit genuin geistiger Zustände auf der Basis einer pragmatischen Theorie der Interpretation vertritt, ob man eine Theorie der Geistabhängigkeit genuin sprachlicher Äußerungen auf der Basis einer cartesischen Philosophie des Geistes oder einer idealistischen Vernunftphilosophie vertritt.[9]

Der Differentialist sieht sich jedoch mit zwei unterschiedlichen, essentiellen Problematiken konfrontiert. Zum einen macht der Differentialismus keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier, sondern betrachtet beide als Lebewesen. Der Mensch wird also selbst als Tier begriffen, beide Gattungen von Lebewesen unterscheiden sich lediglich in ihren Eigenschaften und Fähigkeiten. Will man zweitens dennoch das Tier vom Menschen unterscheiden, fällt es dem Differentialisten schwer, eine Theorie zu finden, die die zahlreichen, den menschlichen kognitiven und praktischen Leistungen analogen Leistungen der Tiere erklären kann, ohne auf die Fähigkeiten zurückzugreifen, welche den Menschen gerade so stark vom Tier unterscheidet.[10]

Einerseits liegt es in der Natur des Differentialisten, Tiere als „komplexe Automaten zu betrachten, deren Reaktionsdispositionen nach Naturgesetzten funktionieren“.[11] Andererseits ist es unsere natürliche Einstellung und Erfahrung mit den meisten Tieren, welcher die erste These absurd erscheinen lässt, haben die meisten Menschen zu Tieren doch einen anderen Bezug als zu „mechanischen Puppen“.[12]

Eine weitere philosophische Strategie, die sich fast gegensätzlich zum Differentialismus erweist, bezeichnet man als Assimilationismus. Der Assimilationist platziert den Mensch im Gegensatz zum Differentialist „möglichst nahe beim Tier, indem man davon ausgeht, dass auch Tiere über alle Merkmale verfügen, an denen die anthropologische Differenz festgemacht wird“.[13] Der Assimilationist geht also von der These aus, dass Menschen ebenfalls Tiere sind und der Mensch seine Fähigkeit nicht erst als Mensch entfaltet hat, sondern bereits „diesseits der anthropologischen Differenz [...] als Tier unter Tieren“.[14]

Die kognitiven Fähigkeiten von Mensch und Tier unterscheiden sich also nur graduell und sind bei den unterschiedlichen Gattungen von Lebewesen jeweils schwächer oder stärker ausgeprägt als beim jeweils anderen. Die Strategie zur Unterscheidung der Lebewesen sowie zur Erfassung des Geistes beginnt daher damit, die gemeinsamen Merkmale von Mensch und Tier zu charakterisieren und von dort aus fortzuschreiten. „Man beginnt mit den basalsten Formen, erforscht schrittweise höherstufige Lebewesen und charakterisiert ihren komplexen Geist“.[15] Dabei wendet sich der Assimilationismus nicht unbedingt gegen die anthropologische Differenz, vielmehr empfindet er die verschiedenen Unterscheidungen zwischen Mensch und Tier als nicht so gravierend, dass sie eine anthropologische Differenz erst ausmachen. Da diese Form von Betrachtungsweise uns am natürlichsten erscheint und eine angemessene Sichtweise gegenüber den meisten Tieren darstellt, ist der Assimilationismus stark verbreitet.[16] Unsere eigenen Beobachtungen legen uns durchaus die Theorie nahe, „dass Tiere rationale Lebewesen sind“.[17] Ihr Verhalten, die Interaktion lässt uns vermuten, dass Tiere Gedanken haben und diese auch verbinden können. Für Gedanken bedarf es keine Sprachfähigkeiten.

Das Problem für einen starken Assimilationismus besteht darin, die Mensch-Tier-Unterscheidung aufgrund der gemeinsamen Eigenschaften so zu interpretieren, dass sie, sei es als gradueller Unterschied oder als Effekt eines Netzes von Unterschieden, verstellbar bleibt. Positioniert man das Tier also möglichst nahe beim Menschen, so stellt sich ein im Vergleich zum Differentialismus umgekehrtes Problem: Welche theoretische Ressource und Modelle können dann aktiviert werden, um die doch augenfällig vorhandenen Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu erklären?[18]

Um eine mögliche Antwort auf diese Problematik zu finden, werde ich im Folgenden auf die Philosophen Michel de Montaigne und René Descartes Hume eingehen. Beide haben im Kontext ihrer Zeit einen eigenen Ansatz formuliert, dessen Betrachtung einen interessanten Zugang zur Fragestellung liefert.

[...]


[1] Wild, Markus: Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne, Descartes und Hume. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 2006 (= Quellen und Studien zur Philosophie 74), Vorwort.

[2] Ebd., S. 1.

[3] Vgl. ebd., S. 1.

[4] Ebd., S. 3.

[5] Wild, Markus: Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne, Descartes und Hume. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 2006 (= Quellen und Studien zur Philosophie 74), S. 13.

[6] Wild, Markus: Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne, Descartes und Hume. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 2006 (= Quellen und Studien zur Philosophie 74), S. 4.

[7] Vgl. ebd., S. 4.

[8] Ebd., S.6.

[9] Wild, Markus: Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne, Descartes und Hume. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 2006 (= Quellen und Studien zur Philosophie 74), S. 7.

[10] Ebd., S. 8.

[11] Ebd., S. 8.

[12] Ebd., S. 8.

[13] Ebd., S. 8f.

[14] Ebd., S. 8.

[15] Wild, Markus: Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne, Descartes und Hume. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 2006 (= Quellen und Studien zur Philosophie 74), S. 9.

[16] Vgl. ebd., S. 10.

[17] Ebd., S. 10.

[18] Ebd., S. 11.

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668049871
ISBN (Buch)
9783668049888
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302895
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Department Germanistik und Komparatistik
Note
1,0
Schlagworte
Tierethik anthropologische Differenz Mensch-Tier-Differenz Miguel de Cervantes Saavedras Das Colloquium der beiden Hunde René Descartes David Hume Michel de Montaigne

Autor

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