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Über Henrik Ibsens „Peer Gynt“. Das dramatische Gedicht als modernes Identitätsdrama

Bachelorarbeit 2014 51 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. ÄUSSERE VERHÄLTNISSE UND EINFLÜSSE IM ZEITLICHEN KONTEXT ZUR ENTSTEHUNG VON IBSENS „PEER GYNT“
1. Die Entwicklung des skandinavischen Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
1.1 Der industrielle Aufschwung im 19. Jahrhundert
1.2 Ibsens Kritik am norwegischen Bürgertum und seine damit einhergehende Entwicklung hin zum Realismus
2. Selbstbezug und Selbstreflexion Ibsens im Werk
2.1 Kurze biographische Abhandlung Ibsens
2.2 Biographische Parallelen Ibsens zum fiktiven Charakter Peer Gynt
3. Literarische Vorlage des „Peer Gynt“: Peter Christen Asbjørnsens „Rensdyrjakt ved Rondane“

II. ZWISCHEN WIRKLICHKEITSFLUCHT UND SELBSTERKENNTNIS: DIE FIGUR PEER GYNT ALS ZEITLOSE GESTALT
1. Henrik Ibsen als Dichter im 21. Jahrhundert
1.1 Ibsens Position als gesellschaftlicher Außenseiter des norwegischen Bürgertums im 19. Jahrhundert
1.2 Schauspieler und Zuschauerschaft als Projektionsfläche der Gegenwart
1.3 Ibsens „Existenzielle Dichtung“ – Kampf zwischen Tradition und Erneuerung
2. Peer Gynts Streben nach Freiheit und die Suche nach sich selbst
2.1 Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit
2.2 Peers Freiheitsdrang und Flucht in die Fantasie
2.3 „Vær dig selv – nok!“ – Ein Leitspruch der Unterwelt
3. Symbolische Konstruktionen zur allegorischen Untermalung von Peer Gynts Charaktereigenschaften und seiner inneren Zerrissenheit
3.1 Die Lahmheit der Seele – „Den store Bøjgen“
3.2 Konfrontation mit dem Selbst – Das Irrenhaus
3.3 Peers Kampf um seine Seele am jüngsten Tag

III. DIE GESTALT DER SOLVEJG IM DISKURS ZWISCHEN ROMANTISCHEM IDEAL UND FILMISCHER GEGENWARTSADAPTION
1. Solvejgs Charakter im Gegensatz zu dem Peer Gynts
2. „Peer Gynt“ als romantische Illusion des 19. Jahrhunderts im Zeichen der Erlösung
2.1 Solvejgs Barmherzigkeit als Motiv der Erlösung
2.2 Das Selbst Peer Gynts als ein Produkt der Fantasie
2.3 Ibsens Werk im Zeichen der Romantik
3. Uwe Jansons filmische Adaption – eine vergleichende Analyse
3.1 Wesentliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Buch
3.2 Realisierung der Gestalt Solvejgs im Film

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Auch mehr als hundert Jahre nach dem Tod des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen sind seine literarischen Arbeiten ebenso wie sein Bühnenwerk ein fester Bestandteil in unserer heutigen Kultur. Dies äußert sich nicht nur in der Tatsache, dass Ibsen noch immer in den Theatern dieser Welt gespielt wird, sondern auch darin, dass sein Schaffen immer wieder Bestandteil des aktuellen literarischen Diskurses ist. Die Behauptung von Norwegern und Nordisten, dass Ibsen nach Shakespeare weltweit der am meisten gespielte Dramatiker sei, mag zutreffen.[1] Ibsens Werke befassen sich mit einer Bandbreite an unterschiedlichen Thematiken, seine Charaktere gestalten sich facettenreich und vielschichtig. Der Inhalt und die damit in Zusammenhang stehende Intention seiner Arbeiten wirft bis heute eine Vielzahl an Fragen auf, welchen es einer Antwort bedarf. Obwohl sich die im zeitlichen Kontext betrachteten Lebensumstände gravierend verändert haben, hat Ibsens Lebenswerk kaum an Popularität verloren. Sein Leben war geprägt durch einen stetigen Schaffensprozess an Literatur, entstanden ist ein Gesamtwerk, dessen Bekanntheit weit bis in das heutige Zeitalter hineinreicht – und das, obwohl Ibsen durch und durch Vertreter seiner Zeit war. Im Fokus seiner Erzählungen steht immer wieder das norwegische Bürgertum des 19. Jahrhunderts und Ibsens damit einhergehender Kritik.[2] Was macht es also aus, dass man den Werken Henrik Ibsens noch immer sowohl Durchschlagskraft auf den modernen Bühnen als auch große Aktualität in den gewählten Thematiken und Fragestellungen abgewinnen kann?

Auch Ibsens Erfolgsdrama „Peer Gynt“ von 1867 zeugt vor allem von volkstümlichen Tradierungen und den nationalen Gegebenheiten Norwegens. Dennoch ist es eines der am häufigsten inszenierten Bühnenstücke Henrik Ibsens. Das Stück ist im 19. Jahrhundert angesiedelt und berichtet von den Lügengeschichten des Bauernsohnes Peer Gynt und der damit einhergehenden, unbewussten Suche nach sich selbst. Peer, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, versucht dieser Realität zu entfliehen, indem er sich in seiner Fantasie eine gänzlich andere Welt aufbaut. Auf seinem Lebensweg, auf dem er stetig den Plan verfolgt, etwas Größeres zu werden als nur der verarmte Sohn eines Trunksüchtigen und einer Bauersfrau, stolpert der Hauptcharakter von einem Abenteuer ins das nächste, durchreist dabei Länder und Kontinente, um am Ende fast ebenso mittellos in seine Heimat zurückzukehren, wie er einst aufgebrochen war. Hier muss der gealterte Peer im Kampf um seine Seele feststellen, dass er sein Leben verwirkt hat. Einzig seine große Liebe Solvejg, welche er selbst in jungen Jahren verließ, erwartet den Heimkehrer in Liebe und Barmherzigkeit. In der letzten Hälfte des fünften Aktes stellt sich der Hauptcharakter Peer Gynt schließlich die Frage:

Det var en ustyrtelig Mængde Lag! / Kommer ikke Kjærnen snart for en Dag?[3] (Deutsch: „Nein, so eine Vielzahl! Schicht liegt auf Schicht. / Kommt denn nicht einmal ein Kern ans Licht?“[4] )

Peer schält eine wilde Zwiebel und reflektiert dabei das eigene Ich. Schale um Schale blättert die Hauptfigur von der Zwiebel ab und setzt dabei sein eigenes Leben mit diesen einzelnen Schalen in Vergleich. Am Ende muss Peer Gynt erkennen, dass weder die Zwiebel noch er einen inneren Kern besitzen. Es ist die Selbsterkenntnis, welche Peer beim Schälen dieser Zwiebel gewinnt, die diesem Drama seinen besonderen Grad an Aktualität abgewinnen kann. Denn in den Fokus der Geschichte rückt immer wieder der Mangel des Menschen an Identität, im Besonderen in Selbstreflexion und Auffassung vom eigenen Ich.[5] Dieser Identitätsmangel war dabei jedoch keineswegs eine Problematik der damaligen nationalen Bevölkerung. Im Gegenteil; die Suche nach dem Ich und die Fragestellung nach den Sinn und den richtigen Werten des Lebens gewinnt in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr an Aktualität. Peer Gynts Forschen nach seinem inneren Kern lässt sich daher leicht auf die irrenden, verunsicherten Charaktere unserer Zeit projizieren. Genau dies ist einer der Hauptgründe, warum Ibsens aufrührendes Stück noch immer an unseren Theatern adaptiert wird.

Die hier vorliegende Arbeit soll sich primär mit der Identitätskrise und der Unzulänglichkeit der eigenen Persönlichkeit befassen, in welcher sich Peer Gynt befindet. Im Fokus steht Ibsens fiktiver Charakter auf der Suche nach sich und seiner damit einhergehenden Reise zu sich selbst. Anhand von Henrik Ibsens Drama soll festgesetzt werden, inwiefern der Norweger Peer Gynt aus der Periode einer volkstümlichen und nationalen Romantik transponierbar auf das moderne – im Sinne von heutige – Zeitalter ist. Diese Fragestellung ist im Kontext zu Ibsens ironisch-spielerischen Erzählstil zu betrachten, durch welchen sich der Dramatiker auf den Bühnen dieser Welt etabliert hat, ohne dabei seine Wurzeln und den Bezug zur norwegischen Volksliteratur und den nationalen Gegebenheiten zu verlieren.

Dass man dem Charakter Peer Gynt Aktualität abgewinnen kann, stellt auch der deutsche Regisseur Uwe Janson unter Beweis. In seinem gleichnamigen Spielfilm „Peer Gynt“ von 2006 erschafft der 54-Jährige eine moderne Adaption von Ibsens dramatischem Gedicht in hochkarätiger Besetzung. Auch hier wird Peer Gynt als irrender und nach Befreiung trachtender Mensch eingeführt, welcher nach abenteuerlichen Reisen auf der Suche nach sich selbst ohne Einsicht in die Heimat zurückkehrt und nur durch den beständigen Glauben Solvejgs an ihn am Ende Rettung erfährt. Dieses Filmmaterial soll daher zur vergleichenden Analyse dienen.

Durch Uwe Jansons filmische Interpretation Peer Gynts soll unterstrichen werden, dass sich auch im 21. Jahrhundert noch aus Henrik Ibsens dramatischem Gedicht schöpfen lässt. Entstanden ist ein wunderbarer Spielfilm, welcher die Irrungen und das Hadern Peers mit dem eigenen Ich präzise formuliert. Dennoch soll die hier vorliegende Arbeit auch einen kritischen Aspekt wahren. Nicht völlig gelingt es, alle historischen Fakten und Kontexte beim Lesen auszublenden und Ibsens Stück als aktuelle und neue Thematik zu lesen. Das Drama zeigt durchaus Spuren seiner Zeit auf, welche aus der vorliegenden Analyse nicht verbannt werden dürfen.

Das Drama antizipiert in vielerlei Hinsicht, wie insbesondere die Regiebemerkungen signalisieren können, seine Aufführung und kombiniert einen schriftlich fixierten Text mit szenischen Angaben, die auch „theatraler Spieltext“ genannt werden.[6]

Was in der Theorie sehr banal und trocken klingen mag, versteht Henrik Ibsen durch seinen wunderbar ironisch-spielerischen Sprachstil in die Wirklichkeit umzusetzen. Entstanden ist eine Fülle an Dramen, durch welche der Autor immer wieder seinen Titel als Nationaldichter unter Beweis stellt. Nicht zuletzt „Peer Gynt“ zeigt auf, dass man dem Werk damals wie heute eine große Popularität und Aktualität abgewinnen kann. Auf den kommenden Seiten soll daher auf alle Facetten des dramatischen Gedichts eingegangen werden – im historischen Kontext des Dramas gesehen, jedoch auch bis in unser Jahrhundert hineinreichend.

I. ÄUSSERE VERHÄLTNISSE UND EINFLÜSSE IM ZEITLICHEN KONTEXT ZUR ENTSTEHUNG VON IBSENS „PEER GYNT“

In der hier vorliegenden Arbeit soll primär ergründet werden, inwiefern sich Henrik Ibsens Drama „Peer Gynt“ im Kontext der heutigen Zeit als modernes Identitätsdrama lesen lässt. Der Hauptcharakter Peer Gynt fungiert hierbei als Stereotyp des irrenden und sich selbst suchenden Individuums, als eine Figur auf der Reise zu seinem inneren Kern, zum eigenen Ich. Dennoch darf man nicht außer Acht lassen, dass das dramatische Gedicht kein Werk des 21. Jahrhunderts ist, sondern 1867 ganz im Kontext seiner Zeit entstand. Ibsen bewegte sich hierbei im Rahmen zwischen Kritik am nordischen Bürgertum und Rückgriff auf die tradierte Volksliteratur seiner Nation. In einem ersten Kapitel soll daher erschlossen werden, wie diese nationalen Entwicklungen in Erscheinung getreten sind und warum es dennoch möglich ist, „Peer Gynt“ auch heute noch als zeitloses Stück behandeln zu können.

1. Die Entwicklung des skandinavischen Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Das 19. Jahrhundert stand unter dem Zeichen einer transnationalen Nationalisierung [...], in dem Völker, Nationalstaaten und kolonialisierte Völker nicht nur in Europa, sondern in weiten Teilen der Welt gebildet werden.[7]

Ibsens dramatisches Gedicht „Peer Gynt“ lässt sich durchaus als ein Kind seiner Zeit bezeichnen. Gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchlief Skandinavien, und im Besonderen Norwegen, eine enorme Entwicklungsphase, die sich von der Industrie über die Politik bis hin zur Prägung der Gesellschaft erstreckte. Auch Ibsen waren diese Veränderungen bewusst, auch wenn der Schriftsteller sich zum Zeitpunkt der Entstehung seines Dramas fernab von Skandinavien – nämlich in Italien – befand. Seine Absenz hinderte ihn jedoch keineswegs daran, mit „Peer Gynt“ ein Stück kritische Literatur zu schaffen – kritisch im Sinne der Betrachtung des norwegischen Bürgertums und dessen gesellschaftlicher Entwicklung. Wie sich diese Entwicklung gestaltet hat, soll daher im Folgenden aufgezeigt werden.

1.1 Der industrielle Aufschwung im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert und im Besonderen die zweite Hälfte waren in den skandinavischen Ländern geprägt von ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen. Der Norden Europas stand während dieser Zeit unter dem Einfluss eines gewaltigen industriellen Aufschwungs, welcher eine grundlegende Optimierung der Infrastruktur und den damit einhergehenden weltweiten Handel möglich machte. Die bis dahin vorherrschende Wasserkraft wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Dampfkraft ersetzt, wodurch es Kleinbetrieben ermöglicht wurde, sich zur Großindustrie hin zu entwickeln und zu expandieren. Vor allem der Rohstoff Holz entwickelte sich in Norwegen und Schweden zum Exportschlager – herrührend von dem großen Waldreichtum dieser beiden Länder. Entlegene Landteile konnten durch den Ausbau des Schienennetzwerkes erschlossen werden, der rapide Anstieg beim Bau von Handelsschiffen trug einen Großteil zu den gesteigerten Transportmöglichkeiten bei. Arbeitskräfte, die in der Landwirtschaft durch technische Neuerungen ersetzt worden waren, suchten in den expandierenden Industriezentren nach neuen Möglichkeiten und unterstützten somit die aufblühende Industrialisierung. Um den explosiven Kapitalmarkt aufrecht zu erhalten, wurden zahlreiche Großbanken gegründet. Nun entwickelte sich auch das Spekulationsgeschäft und Versicherungen sahen darin ihrerseits das Potential, unsichere Unternehmen zu schützen. Dieser grob skizzierte Aufschwung in der Industrie veränderte auch das Stadtbild Skandinaviens. Kleinstädte entwickelten sich zu Metropolen, Repräsentationsgebäude reihten sich ebenso in die städtische Silhouette ein wie die zweckdienlichen Mietskasernen der Arbeiterklasse. Mit der industriellen Entwicklung veränderte sich auch das politische Bestreben des Bürgertums Skandinaviens.[8]

Während sich [...] der Liberalismus im wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Bereich durchgesetzt und das Bürgertum sich in seiner neuen Rolle als Teilhaber an der politischen Macht etabliert hatte, stand das allgemeine politische und gesellschaftliche Leben im Zeichen konservativen Beharrens. Das stete Anwachsen des vierten Standes, der sich seit der Jahrhundertmitte zu organisieren und seine sozialen und politischen Forderungen zu artikulieren begann, trieb das Bürgertum gänzlich ins konservative Lager und zur Identifizierung mit den alten Führungsschichten.[9]

Für Henrik Ibsen als kritische Intelligenz bedeutete das den Bruch mit einer Gesellschaft, welche „nicht von Freiheitsidealen, sondern von Geld, Besitz und Statusdenken bestimmt war“.[10] Ein Großteil seinesgleichen tat es ihm nach.

1.2 Ibsens Kritik am norwegischen Bürgertum und seine damit einhergehende Entwicklung hin zum Realismus

Kritiker, deren Interesse sich in dem Bestehen von Geist und Kunst zeigte, hatten für die neuen Ideale und die damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen wenig Verständnis.

Damit ist ein Ausgangspunkt gegeben für die Abkehr wesentlicher Teile der kritischen Intelligenz vom öffentlichen Konsensus über die gesellschaftlich sanktionierten Wahrheiten, Verhaltensnormen und Lebensformen.[11]

Um seiner Enttäuschung über die eigene Nation Ausdruck zu verleihen, schuf Henrik Ibsen 1866 das Versdrama „Brand“. Er fühlte sich und die ideologische Idee eines Skandinavismus verraten, als 1864 Schweden und Norwegen dem dänischen Nachbarvolk im deutsch-dänischen Krieg nicht zu Hilfe kommen wollten.[12] Mit Brand schuf er eine Gestalt, welche sich in Kritik gegenüber dem norwegischen Staat und der Kirche übte und in welcher sich bereits Ibsens Entwicklung vom „nationalromantischen Idealisten“[13] hin zum Realisten zeigte. Henrik Ibsen, welcher noch im gleichen Jahr vor „Brands“ Entstehung nach Italien übergesiedelt war, nutzte die räumliche Distanz für eine klarere Sichtweise hinsichtlich seines Schaffens und des seiner Meinung nach engstirnigen Horizonts der norwegischen Nation. Die Gestalt des Pfarrer Brand ermöglichte Ibsen eine Projektionsfläche, auf welcher er zum Ausdruck brachte, „dass die Verherrlichung längst vergangener Heldentaten nur Kompensation für die einer unheroischen Pragmatik geopferten Ideale ist“.[14] Was 1867 dann folgte, ist das uns schon bekannte dramatische Gedicht „Peer Gynt“, in welchem Ibsen seinen kritischen Ansatz an der nationalen Selbstgefälligkeit Norwegens erweiterte. Mit Peer erschuf er eine Komplementärgestalt zu Brand, welche für all jene Eigenschaften steht, die Brand verachtet und die Ibsen mit der norwegischen Gesellschaft gleichgesetzt hat.

Statt wie Brand er selbst zu sein, ist [Peer] sich selbst genug, ein willenschwacher Phantast und Betrüger, der seine Untaten bedenkenlos verübt, seine Heldentaten erdichtet. Als Sklavenhändler, Exporteur von Götterbildern nach China, Kolonisator in spe, falscher Prophet bei einem Wüstenstamm und Altertumsforscher in Ägypten verkörpert er fast alle Spielarten europäischer Hybris im Zeitalter des Imperialismus.[15]

Wo „Brands“ Kritik sich vorwiegend am norwegischen Horizont orientiert, setzt „Peer Gynt“ bereits am europäischen Krisenbewusstsein an. Zum einen ist die Hauptfigur Peer der Stereotyp eines „Ibsenschen“ Norwegers, andererseits auch Repräsentant aller europäischen Nationen. Im Gedicht gibt Peer Gynt selbst auf die Frage, ob er Norweger sei, diese Antwort:

Af Fødsel, ja! / Men Verdensborger af Gemyt. / For hvad jeg har af Lykken nydt, / jeg takke kann Amerika. / De vel forsynte Bogreoler / jeg skylder Tysklands yngre Skoler. / Frau Frankrig fik jeg mine Veste, / min Holdning og min Skjærv af Aand, – / fra England en arbejdsom Haand / og skjærpet Sans for eget bedste. / Af Jøden har jeg lært et vente. / Lidt Hang toll dolce far niente / jeg fra Italien fik i Sending, – og engang i en snever Vending / jeg øged mine Dages Maal / ved Bistand af det svenske Staal.[16]

(Deutsch: „Erstlich, ja! / Weltenbürger aber von Gemüt / Denn alles Glück, das mit geblüht, / Verdanke ich Amerika. / Von vollgepfropften Bücherborden / Grüßt mich der deutsche Geister Orden. / Aus Frankreich stammen meine Westen, / Mein Takt sowie mein Körnlein Witz – / Von England aber mein Besitz / An Arbeitssinn zum eignen Besten, / Zähheit vom jüdischen Talente. / Mein Hang zum dolce far niente / Ist Welschlands teure Freundesgabe – / Und einmal, in Bedrängnis, habe / Ich meiner Tage Zahl vermehrt, / Mit Schwedens edlem Stahl bewehrt.“[17] )

Ibsen gelang es durch die Worte Peers, das Norwegertum mit dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts zu verbinden.[18] Gleichermaßen symbolisiert Peer Gynt den „Übergang von der bäuerlich-demokratischen zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.“[19] Was der Autor hier erschaffen hat, ist die Skizzierung der gesellschaftlichen Entwicklung in den skandinavischen Ländern – im Besonderen in Norwegen – mit welcher er zum Erblühen einer norwegischen Volksliteratur beigetragen hat. Ibsen formulierte hier den „Zusammenprall einer vornehmlich aus Kleinbauern und Kleinbürgern bestehenden Gesellschaft mit dem kapitalistischen System.“[20] Sein Werk bewegt sich an der Grenze zwischen Romantik und Realismus. Einerseits weisen der willkürliche Aufbau des Dramas und der nationale, volkstümliche Sagenstoff auf romantische Grundzüge hin. Auch die Komposition des Textes steht unter romantischem Einfluss. Das sogenannte „offene Drama“ will mit seiner Dramaturgie, den Zeitsprüngen und Ortwechseln die innere Zerrissenheit des Hauptcharakters unterstreichen, „[i]n der Form der locker aneinander gereihten, etappenartigen Einzelszenen sedimentiert sich individualpsychologisch wie sozialgeschichtlich deutbarer Inhalt.“[21] Der kritische Ansatz an der norwegischen Gesellschaft, einhergehend mit Logik und gesundem Menschenverstand, sind eindeutig Zeichen des Realismus. Ebenso wie an „Brand“ kann an „Peer Gynt“ die „realistische Überwindung der Romantik an sich selbst“[22] vollzogen werden. Ibsen bediente sich dabei der Methodik des Realismus, eine detailgenaue Abbildung einer stereotypen Person zu erschaffen und dabei zugleich eine ganze Nation in ihren Eigenschaften zu skizzieren.

Als bestimmter Typ künstlerischer Welterkenntnis [erweist] sich der Realismus wie keine andere literarische Methode geeignet, den komplizierten und wechselvollen Verlauf eines historischen Prozesses zu erfassen und das wirkliche Leben der Gesellschaft, die menschlichen Charaktere, die Handlungen, Gedanken und Gefühle des Menschen immer differenzierter darzustellen.[23]

Grundstein für diese Methode ist die Weltanschauung des Autors selbst, welcher die objektiven Gegebenheiten des nationalen Bewusstseins mit seiner persönlichen, künstlerischen Umsetzung verband.[24] Trotz der unleugbar romantischen Elemente in „Peer Gynt“, welche in erster Linie der volkstümlichen Tradierung entstammen und auf die im Folgenden noch näher eingegangen werden soll, kleidet sich „Peer Gynt“ vorwiegend im Gewand des Realismus. Die nicht zu unterdrückende Kritik des Autors an der norwegischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert hat nach dieser realistische Projektionsfläche kompromisslos verlangt und diese Kriterien sind es, die „Peer Gynt“ zu einem Schlüsselwerk in Henrik Ibsens Schaffen machen. Liest man das dramatische Gedicht im Kontext der heutigen Zeit, wird man feststellen, dass Ibsens Kritik sich eindeutig auf das damalige norwegische Bürgertum bezog. Lässt man jedoch außer Acht, dass „Peer Gynt“ ein Werk des 19. Jahrhunderts ist, kann man erkennen, dass Ibsens kritische Analyse durchaus allgemeingültig und projizierbar auf das heutige Zeitalter ist. Diese Arbeit hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, einen solchen Zugang offenzulegen.

2. Selbstbezug und Selbstreflexion Ibsens im Werk

Der Schriftsteller Henrik Ibsen, der von 1828 bis 1906 gelebt hatte, hat sich unweigerlich durch sein Schaffen zu einer Größe der Weltliteratur entwickelt. Dieser Weg war geprägt von allerlei Schwierigkeiten und Stolperfallen. Nicht zuletzt trug jedoch „Peer Gynt“ einen großen Anteil dazu bei, dass Ibsen letztendlich aber der internationale Durchbruch gelang. Mit viel künstlerischer Freiheit erkennen Kritiker an seinem dramatischen Gedicht autobiographische Züge. Dieser Selbstbezug auf Ibsens Leben zieht sich nicht völlig als roter Faden durch sein Werk, lässt sich jedoch an manchen Punkten und Stellen im Text festsetzen – wie zuletzt auch Ibsen selbst zugabt und betonte. Im folgenden Kapitel soll daher kurz auf eben erwähnte Textstellen eingegangen werden. In der vorausgehenden biographischen Abhandlung Ibsens wird das Augenmerk vor allem auf dessen Kindheit und Jugend gerichtet. Gerade hier lässt sich eine gewisse Parallelität zum fiktiven Charakter Peer Gynt feststellen. Inwiefern die spätere Entwicklung Peers mit Ibsen selbst gleichgesetzt werden kann, liegt im Betrachten des Lesers. Meines Erachtens jedoch ist eine Vielzahl von Interpretationen zu sehr Spekulation, als dass sie für die hier vorliegende Analyse relevant wäre.

2.1 Kurze biographische Abhandlung Ibsens

Henrik Ibsen wurde am 28. März 1828 in Skien geboren. Dem norwegischen Küstenstädtchen mit seinen etwa 3000 Bürgern wohnte durch seine Stellung als Handelsstadt trotz geringer Einwohnerzahl ein reges Treiben inne.[25] Die Familie Ibsen genoss zu diesem Zeitpunkt hohes gesellschaftliches Ansehen. Ibsens Vater Knut war als Großhändler ein angesehener Bürger der kleinen Stadt, seine Mutter Marichen wird als lebenslustig beschrieben. Henrik Ibsen selbst war der Älteste von vier Kindern. Das Leben der Familie veränderte sich ab 1834 abrupt, als die Geschäfte Knut Ibsens aus dem Ruder liefen und den finanziellen Abstieg einläuteten. Das Haus in Skien wurde zwangsversteigert, daher war die Familie gezwungen, auf einen drei Kilometer entfernten Hof umzusiedeln. Verarmt distanzierten sich Mutter und Vater zum gesellschaftlichen Leben.[26] Hier auf dem Hof „zog sich Henrik Ibsen gern von den Spielen seiner jüngeren Geschwister [...] zurück, schloss sich ein und las [...] Bücher.“[27] Auch in seinem späteren Leben sollte der Schriftsteller kaum den Kontakt zu seinen Geschwistern Aufrecht erhalten haben. Mit 15 Jahren trat Ibsen als Lehrling in die Dienste eines Apothekers im entfernten Grimstad. Die Geschäfte der Apotheke liefen nicht besonders gut, sodass Ibsen mit den Söhnen seines Arbeitgebers in einem Zimmer gleich neben der Kammer des Dienstmädchens schlief. Der inzwischen fast achtzehnjährige Ibsen hatte mit diesem zehn Jahre älteren Dienstmädchen ein Verhältnis, aus dessen Verbindung ein unehelicher Sohn hervorging. Ibsen war daher vierzehn Jahre lang gezwungen, für sein Kind Unterhalt zu zahlen.[28] In Grimstad schloss er Freundschaft mit Christopher Due und Ole C. Schulerud, welche für sein literarisches Schaffen noch von Bedeutung sein sollten. In den Jahren seiner Lehre unternahm Henrik Ibsen erste dichterische Versuche, hervor ging das 1850 unter dem Pseudonym Brynjolf Bjarme veröffentlichte Drama „Catalina“. Die beiden eben genannten Freunde setzten sich beherzt dafür ein, dass das Werk letztendlich tatsächlich im Buchhandel erscheinen sollte. Die Kritik der Öffentlichkeit zeigte sich verhalten, das Buch wurde für unreif erklärt. Dennoch gab es einige zustimmende Urteile und für Ibsen war damit der erste Schritt zum Schriftsteller gemacht.[29] Im Alter von 22 Jahren zog es Ibsen nach Christiania, dem heutigen Oslo, wo er unter anderem eine Tätigkeit als Journalist ausübte und auch das versäumte Abitur nachholte. Ein Studium begann er nach Bestehen der Abiturprüfung dennoch nicht. Erste literarische Erfolge sollten ihm sein zweites Bühnenstück „Das Hünengrab“ von 1850 bescheren, der Lebensunterhalt ließ sich damit aber noch nicht bestreiten. Doch sein Ruf führte ihn 1851 als Theaterdichter und Dramaturg ans norwegische Nationaltheater in Bergen.[30] In seinen Jahren dort sollten Stücke wie „Johannisnacht“ (1853), „Frau Inger auf Östrot“ (1855) und „Olaf Liljekrans“ (1857) entstehen. Außerdem konnte sich Ibsen die Bühnenkenntnisse aneignen, die auch seinen zukünftigen Stücken zugute kamen. Ein Reisestipendium zu den europäischen Theatern gewährte ihm zusätzliche Einblicke und Erkenntnisse.[31] 1857 übernahm Ibsen schließlich die Leitung des Norwegischen Theaters in Christiania. Dort lernte er auch seine zukünftige Ehefrau, die Pastorentochter Suzannah Thoresen, kennen. Aus ihrer Ehe ging Ibsens Sohn Sigurd als einziges Kind am 23. Dezember 1859 hervor.[32] In Christiania vollendete Ibsen sein in Bergen begonnenes Stück „Die Helden auf Helgeland“, welches sich in den nächsten Jahrzehnten zu einem der am häufigsten gespielten Stücke Ibsens in der Hauptstadt entwickeln sollte. Zuallererst stieß es jedoch auf Gleichgültigkeit, was Ibsen in eine Identitätskrise stürzte. Aus dieser Krise sind vor allem Gedichte wie „In der Bildergalerie“ und „Auf den Höhen“ entstanden, in welchen der Verfasser erstmals seinen Drang nach Freiheit thematisiert, welcher auch später deutlicher in der „Komödie der Liebe“ zum Ausdruck kommt. Auch bei diesem Werk blieb der erhoffte Erfolg aus, auf den Schultern Ibsens drückte die Last eines Schuldenberges, schließlich musste zeitgleich auch das Norwegische Theater 1862/63 Konkurs anmelden. Ein Universitätsstipendium brachte Licht in diese dunklen Tage, Ibsen sollte ins Westland reisen, um Volkssagen und Märchen zu sammeln. Eine Wanderung im Gudbrandstal würde ihn später auch zu „Peer Gynt“ inspirieren. Ab 1863 arbeitete Ibsen dann als literarischer Konsulent am Christiania-Theater. Ein zweites Stipendium verwendete er dafür, 1864 „Die Kronpräsidenten“, ein geschichtliches Drama, welches ihm diesmal auch Anerkennung bescherte, hervorzubringen.[33] Im April 1864 ermöglichte es Ibsens guter Dichterfreund Bjørnstejerne Bjørnson, die finanziellen Mittel für eine Auslandsreise nach Italien zusammenzutragen. Am Ende würde Henrik Ibsen seinem Heimatland bis auf wenige Ausnahmen ganze 27 Jahre statt nur einigen Monaten fern bleiben. Italien machte auf Ibsen einen gewaltigen Eindruck. Er verweilte erst in Rom, ehe die Sommerhitze seine Familie und ihn in das kleine Bergdorf Genzano trieb. Hier verfasste er auch einen ersten Entwurf zu „Brand“, was Ibsen zum endgültigen Durchbruch verhalf. Mehr als 5000 Exemplare wurden im ersten Jahr nach dem Erscheinen 1865 verkauft und auch auf der Bühne konnte das Stück Fuß fassen.[34] Durch den großen Erfolg des Werkes konnte Henrik Ibsen endlich seine finanzielle Lage stabilisieren, er gewann zudem die Anerkennung und den Status eines Nationaldichters. Ibsen war nun voller Energie und Arbeitswut, schon 1867 knüpfte er an den Erfolg von „Brand“ an, indem er im gleichnamigen Werk die uns schon bekannte Figur Peer Gynt erschuf. Formal übertrifft der Dichter mit „Peer Gynt“ den vorausgegangenen „Brand“.

[...]


[1] Vgl. Heitmann, Annegret: Henrik Ibsens dramatische Methode. München: Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaft 2012, S. 3.

[2] Vgl. Hemmer, Bjørn: Ibsen Handbuch. München: Wilhelm Fink Verlag 2009, S. 30.

[3] Ibsen, Henrik: Henrik Ibsens Skrifter 5. Hg. von Christian Janss et. al. Oslo: Universitetet i Oslo und H. Aschehoug & Co. 2007, S. 705.

[4] Ibsen, Henrik: Peer Gynt. Übersetzt von Hermann Stock. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1953, S. 127.

[5] Hemmer 2009, S. 155.

[6] Schößler, Franziska: Einführung in die Dramenanalyse. Stuttgart: J.B. Metzler 2012, S. 7.

[7] Anz, Heinrich (Hg.): Das große nordische Orakel. Henrik Ibsen als Leitbild der Moderne. Berlin: LIT Verlag Dr. W. Hopf 2009 (= Skandinavistik. Sprache – Literatur – Kultur 4), S. 91.

[8] Vgl. Paul, Fritz (Hg.): Grundzüge der Neueren Skandinavischen Literaturen. 2. unveränderte Auflage 1991. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982, S. 148f.

[9] Ebd., S. 150.

[10] Paul 1982, S. 150.

[11] Ebd.

[12] Vgl. ebd., S. 99f.

[13] Ebd., S. 173.

[14] Ebd.

[15] Paul 1982, S. 174.

[16] Ibsen 2007, S. 607.

[17] Ibsen 1953, S. 69f.

[18] Vgl. Koskimies, Rafael: Der nordische Faust. Adam Homo – Peer Gynt – Hans Alienus. Helsinki: Suomalainen Tiedeakatemia 1965 (= Annales Academiae Scientiarum Fennicae 142,1), S. 43.

[19] Bien, Horst: Henrik Ibsens Realismus. Zur Genesis und Methode des klassischen kritisch-realistischen Dramas. Berlin: Rütten & Loening 1970, S. 8.

[20] Ebd., S. 26.

[21] Englert, Uwe: „Peer Gynt“. In: Interpretationen. Ibsens Dramen. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2005, S.35f.

[22] Bien 1970, S. 8.

[23] Ebd., S. 18.

[24] Vgl. ebd., S. 19.

[25] Vgl. Rieger, Gerd Enno: Ibsen. Hg. von Kurt und Beate Kusenberg. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1981, S. 9.

[26] Vgl. ebd., S. 13f.

[27] Rieger 1981, S. 15.

[28] Vgl. ebd., S. 16f.

[29] Vgl. ebd., S. 19ff.

[30] Vgl. ebd., S. 24f.

[31] Vgl. ebd., S. 26ff.

[32] Vgl. Rieger 1981, S. 33.

[33] Vgl. ebd., S. 34ff.

[34] Vgl. ebd., S. 45ff.

Details

Seiten
51
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668046818
ISBN (Buch)
9783668046825
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302900
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Nordische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Henrik Ibsen "Peer Gynt" Gedicht Identitätsdrama Norwegen Drama

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Titel: Über Henrik Ibsens „Peer Gynt“. Das dramatische Gedicht als modernes Identitätsdrama