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Zufriedenheit von Pflegern und Patienten. Conditional Reasoning und die Grundsätze der Systemtheorie als Basis des pflegerischen Handelns

Bachelorarbeit 2013 57 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Hintergründe der Themenwahl
1.2. Fragestellungen
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Erklärung und nähere Ausführung wichtiger Begriffe
2.1. Clinical Reasoning
2.2. Conditional Reasoning
2.3. Grundsätze der Systemtheorie
2.3.1. Allgemein
2.3.2. Das System selbst
2.3.3. Weitere systemtheoretische Begriffe
2.3.4. Wie funktioniert ein System?
2.3.5. Das Systemdenken in der Medizin
2.4. Pflege
2.4.1. Allgemein
2.4.2. Die Entwicklung der Pflege
2.4.3. Haupteinflussfaktoren auf die Pflege
2.4.4. Die Entwicklung der Pflege zum Beruf
2.4.5. Die Pflegetheorien

3. Aktuelle Problematik
3.1. Demographische Entwicklung
3.2. Rahmenbedingungen der Pflegeberufe
3.3. Wandel der Krankheitscharakteristik

4. Das Conditional Reasoning und die Grundsätze der Systemtheorie als Basis pflegerischen Handelns
4.1. Pflegeanamnese
4.1.1. Das biologische System
4.1.2. Das psychische System
4.1.3 Das soziale System
4.2. Pflegeziele
4.3. Pflegerische Wahrnehmung
4.3.1. Beobachtung
4.3.2. Kommunikation
4.4. multiprofessionelle Pflege
4.5. Der Pflegeprozess
4.6. Weitere Voraussetzungen für die Durchführung des Pflegeprozesses
4.6.1. Risikofaktoren
4.6.2. Alternative Behandlungsmethoden
4.7. Prospektives und Retrospektives Denken

5. Kasuistik
5.1. Chronische Erkrankung

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Hintergründe der Themenwahl

Ich arbeite bereits seit 10 Jahren in einem Krankenhaus als ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin. Davon seit den letzten 4 Jahren als stellvertretene Stationsleitung auf einer Palliativstation.

Der Pflegeberuf selbst, ist meiner Meinung nach ein sehr erfüllender und zufriedenstellender Beruf, denn man bekommt ständig das Gefühl etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben. Der häufige menschliche Kontakt, dabei auch jemandem helfen zu können und der kommunikative Austausch, waren für mich die wichtigsten Gründe, als ich im Jahr 1999 eine Entscheidung für diesen Beruf getroffen habe.

Durch gesellschaftliche Entwicklungen befindet sich der Pflegeberuf allerdings immer im Wandel, und die momentane Entwicklung, die eher weg von den Gründen die meine Berufswahl beeinflussten geht, macht mir Angst vor der Zukunft.

Ein Problem der derzeitigen Entwicklung besteht darin, dass zu wenig Geld für das Gesundheitssystem vorhanden ist, und es folglich zu einer Ressourcenknappheit gekommen ist.

Bei der „Ressource“ Pflegepersonal wurden personell Einsparungen vorgenommen, zeitgleich aber immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit durch die sog. „Gesundheitsmaschine“ geschleust. Kontinuierlicher Zeitmangel bei allen Tätigkeiten, hauptsächlich aber der Mangel an Zeit für den Patienten, sind nun an der Tagesordnung.

Der Pflegeberuf selbst hat durch den hohen körperlichen sowie seelischen Stress an Attraktivität verloren. Schon heute kann man von einem existierenden Pflegepersonalnotstand sprechen, aus dem so leicht kein Ausweg mehr zu finden ist. Immer häufiger können freie Personalstellen nicht mehr adäquat besetzt werden. Dies steigert dann natürlich auch wieder den Stresspegel des noch vorhandenen Pflegepersonals. Ein Teufelskreis ist entstanden.

Weitere Probleme die sich nicht aufhalten lassen, sind die Überalterung der Gesellschaft, die Zunahme von chronischen und psychischen Krankheiten, sowie auch die Entstehung von neuen komplexen Krankheitsbildern.

Die Pflege kann den davon betroffenen Menschen leider sehr häufig nicht mehr gerecht werden.

Unzufriedenheit und Frustration entsteht auf beiden Seiten, auf der Seite des Pflegepersonals und auf der Seite des Patienten.

Trotz dieser Entwicklungen möchte ich diesen Beruf weiterhin, aber auch weiterhin gerne, ausüben. Da ich selbst die Rahmenbedingungen nicht zum Positiven verändern kann, und die Verbesserung der Rahmenbedingungen von politischer Seite her völlig unsicher ist, bin ich der Meinung, dass wir Pflegekräfte in unserem Handeln selbst eine Veränderung schaffen müssen. Denn wenn sich die Rahmenbedingungen schon nicht verändern lassen, warum nicht versuchen die Arbeit selbst zum Positiven zu verändern und an aktuelle Probleme anzupassen? Dies zwingt uns Pflegekräfte allerdings zunächst über unser derzeitiges Handeln nachzudenken und darüber zu reflektieren, damit in Zukunft anderen besseren Wegen nachgegangen werden kann.

Meiner Meinung nach haben wir Pflegekräfte uns zu sehr in die sog. „biomedizinische Denkweise“ der Mediziner hineindrängen lassen. Bei dieser Denkweise wird der Patient ähnlich wie eine Maschine wahrgenommen. Es wird nach dem Prinzip: Krankheit-Therapie-Genesung gedacht und gehandelt. Wie man allerdings die vorhandene Gesundheit erhält, oder inwieweit Familie, Herkunft, finanzieller Stand, Kultur usw. eine Rolle spielen, darüber wird hierbei nur selten nachgedacht.

Um aber den aktuellen Entwicklungen und dabei auch vor allem den vielen Patienten gerecht zu werden, wäre es in meinen Augen wichtig, pflegerisch zu einer ganzheitlichen Betrachtung des Patienten zu kommen. Das heißt den einzelnen Patienten mit all seinen Problemen, seinem gesamten sozialen Umfeld und seinem Erleben wahrzunehmen. Dies ist auch schon immer die Grundlage der Palliativmedizin gewesen.

Wenn also diesen anderen Dingen eine größere Rolle beigemessen werden würde, so käme es glaube ich, zu einer größeren Zufriedenheit bei den Patienten und damit auch zu einer größeren Zufriedenheit des Pflegepersonals. Aus meiner Erfahrung aus der Palliativmedizin kann ich sagen, dass die ganzheitliche Pflege dort wirklich gut funktioniert.

Palliative Patienten können zwar nicht mehr ganz geheilt werden, aber ihre Zufriedenheit und Lebensqualität lässt sich trotzdem meist steigern. Dieses überträgt sich dann wiederum positiv auf das Pflegepersonal.

1.2. Fragestellungen

Aber ist es überhaupt möglich die komplette „Ganzheit“ des Menschen zu erfassen?

Und selbst wenn dies möglich wäre, stelle ich es mir sehr zeitintensiv vor alle Aspekte zu erfassen. Zeit, die das Pflegepersonal ja meistens nicht hat.

Ist es somit in der heutigen Zeit überhaupt durchführbar, auf der Basis des Conditional Reasoning und den Grundlagen der Systemtheorie zu pflegen?

Wenn es durchführbar wäre, stelle ich mir auf jeden Fall vor, dass Patienten so eine größere Zufriedenheit erleben.

Es gibt für mich also positive, sowie auch negative Assoziationen mit dem Thema der ganzheitlichen Pflege. Um in meinen Fragen zu einem aussagekräftigen Ergebnis zu kommen, habe ich mich diesem Thema in meiner Bachelorarbeit angenommen.

1.3. Aufbau der Arbeit

Die Inhalte dieser Bachelorarbeit sind aus eigenen Erfahrungen und aus Ergebnissen ausführlicher Internet- und Literaturrecherche entstanden. Die Ergebnisse der Internet- und Literaturrecherche sind ausdrücklich als solche kenntlich gemacht.

Zu Beginn erkläre ich die zum Verständnis für diese Bachelorarbeit wichtigen Begriffe. Bei den Ausführungen zur Systemtheorie beschränke ich mich aufgrund der enormen Komplexität dieser, auf Definitionen und Erklärungen von Luhmann und Mathe.

Da die Pflege ebenfalls ein sehr umfangreiches Tätigkeitsgebiet ist, grenze ich später in meinen Ausführungen die Pflege auf die professionelle Pflege im Krankenhaus ein.

Danach berichte ich, über die geschichtlichen Hintergründe der Pflege, nach welchen Gesichtspunkten früher gepflegt wurde, welche Auswirkungen dies zum Teil immer noch auf die Gegenwart hat, und über die Bedeutung der Pflegetheorien, bevor ich dann die aktuellen Probleme erläutere, mit denen die Pflege gegenwärtig zu kämpfen hat.

Die eigentliche pflegerische Handlung auf der Basis des Conditional Reasoning und den Grundlagen der Systemtheorie, ist zunächst auf kein konkretes Ereignis bezogen, sondern ist theoretisch allgemein gültig gehalten. Gegen Ende sollen aber Kasuistiken einen Praxisbezug herstellen, und Klarheit in meinen Fragestellungen schaffen.

2. Erklärung und nähere Ausführung wichtiger Begriffe

Zum besseren Verständnis eines für diese Bachelorarbeit besonders wichtigen Begriffes: „Conditional Reasoning“, möchte ich vorab zunächst ein Grundlagenwissen schaffen, und somit zuvor erst den Begriff Clinical Reasoning erklären.

2.1. Clinical Reasoning

Aus einem Wörterbuch direkt übersetzt, bedeuten die einzelnen Bestandteile des englischen Begriffs Clinical Reasoning:

„klinisches Argumentieren, klinische Beweisführung, klinisches Schlussfolgern, klinisch logisches Denken.“[1]

Hier nun drei unterschiedliche Definitionen, die sehr gut darstellen was Clinical Reasoning ist und bedeutet:

„Clinical Reasoning beschreibt allgemein den gedanklichen Prozess, der bei Angehörigen medizinischer und therapeutischer Berufe (z.B. Ärzte, Pflegepersonal, Ergotherapeutinnen, Physiotherapeutinnen) einsetzt, wenn es gilt, Entscheidungen und Beurteilungen in Bezug auf die Behandlung eines Klienten vorzunehmen (im Deutschen spricht man auch von „klinischer Urteilsbildung“).“[2]

„CR ist hauptsächlich ein stillschweigender (´tacit´), halbbewusster, komplexer Problemlösungsprozess. Hierin steht nicht nur die biomediz. Diagnose, sondern auch der Patient mit seinem individuellen Krankheitserleben im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es ist mehr als angewandte Wissenschaft, es ist eher angewandte Phänomenologie. Während einer therapeutischen Sitzung wird eine klinische Beurteilung über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und die beste aktive Integration des Patienten in den Rehaprozess gemacht.“[3]

„Unter Clinical Reasoning sind die Denkvorgänge und die Entscheidungsfindungen des Therapeuten während der Untersuchung und Behandlung eines Patienten zu verstehen.“[4]

Anhand dieser Definitionen fällt auf, dass Clinical Reasoning ein sehr komplexer Prozess ist, der sich nicht in einem Satz beschreiben lässt. Dabei steht der gesamte Mensch im Mittelpunkt und nicht nur das einzelne Krankheitsbild. Clinical Reasoning ist also ein ganzheitlicher Denkprozess von medizinischem, pflegerischem und therapeutischem Personal, welches eine klinische Entscheidung zu treffen hat.

Dadurch kann es zu sehr vielen unterschiedlichen Aspekten kommen, die eine Entscheidung für eine Behandlung beeinflussen können.

Damit alle Gesichtspunkte berücksichtigt werden können, wird auf unterschiedlichen Arten/Formen Clinical Reasoning betrieben.

Hier eine Übersicht der unterschiedlichen Clinical Reasoning Formen und deren wichtigste Inhalte, aus einem Skript von Mathe übernommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Formen des Clinical Reasoning und deren Inhalte[5]

Von Klemme und Siegmann ist allerdings auch beschrieben, dass die praktische Anwendung der einzelnen Clinical Reasoning Formen stets kombiniert geschieht. Das Denken findet so gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen statt und mehrere kognitive Strategien werden gleichzeitig angewandt.[6]

Mein bevorzugtes Interesse für diese Bachelorarbeit, gilt aber trotzdem nur der Form des Conditional Reasonings. Deswegen fahre ich nun fort mit der näheren Erklärung von Conditional Reasoning:

2.2. Conditional Reasoning

In der Literatur findet man den Begriff: „Conditional Reasoning“ auch häufig unter der deutsch-englischen Mischform: „konditionalem Reasoning“.

Ins Deutsche übersetzt bedeutet Conditional Reasoning:

„bedingte Argumentation, bedingte Beweisführung, bedingte Schlussfolgerung.“[7]

Zum besseren Verständlichkeit der Bedeutung des Begriffes, nachfolgend einige Definitionen von Conditional Reasoning:

„predictive or conditional Reasoning: in die Zukunft, auf zu erwartende Behandlungsergebnisse gerichtetes Denken.“[8]

„conditional Reasoning: die physischen und persönlichen Probleme und Besonderheiten des Patienten/Klienten werden in einem breiteren sozialen und zeitlichen Kontext betrachtet, sich ändernde Zustände werden mitbedacht und antizipiert.“[9]

Laut Burtchen et al. ist Conditional Reasoning ein Zusammenfügen von Scientific und Interaktivem Reasoning. Dabei soll eine Krankheitssituation analysiert werden, indem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen Gesamtzusammenhang gebracht werden. Das Ziel ist die Erarbeitung einer Lösung, die sich an der Zukunft orientiert.[10]

Conditional Reasoning betreiben heißt, wie auch von Mattingly, Flemming und Feiler beschrieben, dass sich der Therapeut ein Bild von der Vergangenheit sowie der Gegenwart des Patienten macht, und dann ein realistisches Ziel für die Zukunft plant.

Dieses Ziel vermittelt der Therapeut dann dem Patienten, u.a. auch damit dieser den Sinn der einzelnen therapeutischen Maßnahmen erkennen kann.

Um allerdings zu einer richtigen Zielvorstellung zu kommen, muss der Therapeut den Patienten in seiner persönlichen Lebenswelt verstehen lernen.

Dazu gehört die Erfassung der Bedeutung der Krankheit für den Patienten und für seine Familie, und die Erfassung der sich durch die Erkrankung verändernden sozialen und körperlichen Umstände und Lebensbedingungen für den Patienten, durch den Therapeuten.

Conditional Reasoning stellt somit also sehr komplexe kognitive Anforderungen an den Therapeuten.

Dies ist meiner Meinung nach mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Grund, weswegen, ebenso von Matttingly und Flemming sowie von Feiler beschrieben, in Studien zu Clinical Reasoning festgestellt wurde, dass hauptsächlich erfahrene Therapeuten Conditional Reasoning anwenden.[11]

Mit nachfolgendem Zitat komme ich zu den nächsten Ausführungen der Begriffe:

„Das Conditional Reasoning als Repräsentant systemischen, ganzheitlichen Denkens.“[12]

2.3. Grundsätze der Systemtheorie

2.3.1. Allgemein

Die Systemtheorie ist ein sehr großes und komplexes Themengebiet.

Da dort die Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Wissenschaftszweigen zusammenfliesen, ist es zu vielen verschiedenen Systemansätzen und Systembegründern gekommen. Somit ist es nicht möglich von der einzig wahren Systemtheorie zu sprechen.

Teilweise werden sogar Definitionen und Begriffe zur Systemtheorie, von den einzelnen Systemtheoretikern unterschiedlich oder widersprüchlich erklärt. Deswegen beschränke mich für diese Bachelorarbeit fast ausschließlich nur auf die Erklärungen eines Systemtheoretikers, die des Soziologen und Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann.

Die vielen unterschiedlichen Auffassungen und Richtungen in die die Systemtheorie gehen kann, lassen sich gut in nachfolgendem Zitat von Berghaus erkennen:

„Jede Wissenschaftsrichtung betrachtet „ihre“ Objekte als Systeme: die Biologie befasst sich mit Organismen, Zellen und physischen Körpern als Systemen, die Ökologie mit Biotopen als Systemen, die Psychologie mit Bewusstsein als System, die Psychotherapie mit Familiensystemen und die Soziologie mit der Gesellschaft und gesellschaftlichen Tatbeständen als sozialen Systemen.“[13]

Ebenso ist von Kleve beschrieben, dass der Begriff des Systems in unterschiedlichen Wissenschaften verwendet wird, um beobachtete technische, maschinelle, biologische, psychische und soziale Phänomene zu darzustellen und zu erläutern.[14]

2.3.2. Das System selbst

Den Begriff: „System“ findet man im alltäglichen Sprachgebrauch sehr häufig. Allerdings wird er dort meist verwendet, ohne ein genaues Wissen darüber zu haben, was dieser denn wirklich impliziert.

Laut Luhmann ist ein System ein Zusammenhang von Elementen, deren Beziehungen untereinander sich in der Häufigkeit und Qualität unterscheiden von anderen Beziehungen zu anderen Elementen. Dadurch lässt sich eine Grenze zur Umwelt beobachten. Systeme werden unterschieden nach Maschinen, lebenden, psychischen und sozialen Systemen.[15]

Ebenso beschreibt Luhmann, dass Systeme nicht aus einem materiellen Körper, dieser ist sei nämlich die Voraussetzung, sondern aus den lebendigen Operationen/Tätigkeiten die dieser Körper machen kann, bestehen.

Die unterschiedlichen Systemtypen operieren jede auf eine bestimmte Art und Weise:

- Psychische Systeme operieren durch Wahrnehmung und Gedanken
- Soziale Systeme operieren durch Kommunikation.
- Lebende Systeme operieren durch Produktion, Reproduktion, Erhaltung von Zellen, Zellteilen oder Organen bzw. ganzen Organismen. Sie sind operativ geschlossen (autopoietisch).[16]

Der Mensch selbst ist nach Luhmann kein reines System, sondern eine Kombination aus lebenden/biologischen, psychischen und sozialen Systemen.[17]

2.3.3. Weitere systemtheoretische Begriffe

Systeme haben demnach eine Umwelt und funktionieren nach dem Prinzip der Autopoiesis. Was versteht Luhmann nun unter diesen beiden, für die Systemtheorie wichtigen, Begriffen?

Umwelt:

„Umwelt ist alles, was nicht zum jeweiligen System gehört. Die Grenze zur Umwelt wird durch die Operationen des Systems bestimmt. Für jedes System zählen alle anderen Systeme zur Umwelt.“[18]

„Ein System ist Differenz zur Umwelt. Umwelt gibt es nur durch das System. Die Umwelt ist die „Außenseite“ des Systems“[19]

Laut Luhmann gibt es eine reale Welt, in der es physische Materialien wie z.B. Luft, Wärme, Schwerkraft, chemische Substanzen und physikalische Bedingungen verschiedenster Arten gibt, allerdings bezeichnet er dies als die Voraussetzung von Systemen.

Die reale Welt selbst, ist aber nur als Umwelt durch die individuelle Sicht eines Systems zugänglich.[20]

Praktisch bedeutet dies, dass die von uns häufig als real bezeichnete Welt, jeder Mensch etwas anders empfindet. Jeder Mensch hat demnach eine etwas andere Umwelt.

Autopoiesis:

„Autopoiesis bezeichnet die Reproduktion von Elementen eines Systems durch das System selbst. Die Umwelt hat auf autopoietische Systeme (außer deren Zerstörung) keinen direkten Einfluss, sie kann weder die Elemente konstituieren noch deren Operationsweise direkt verändern. Autopoietische Systeme bezeichnet man daher auch als operativ geschlossen.“[21]

Ein System ist nach Luhmann nur dann ein System, wenn es sich selbst erschaffen kann, so wie das Huhn das Ei.

Eine Uhr ist demnach kein System, da sie sich nicht selbst erschaffen kann, sondern nur durch Menschenhand erschaffen, existieren kann.

Die Umwelt bildet die Voraussetzung für Autopoiesis, deswegen kann diese die Lebensbedingungen eines Systems, und damit dann auch das ganze System zerstören.[22]

2.3.4. Wie funktioniert ein System?

Von Mathe ist beschrieben, dass ein System von außen etwas aufnimmt (Input), es dann verarbeitet, um es danach wieder an die Umwelt abzugeben (Output).

Dabei lässt sich zwischen einem trivialen System und einem nicht-trivialen System unterscheiden.

Bei einem trivialen System existiert eine fest programmierte und unveränderbare Beziehung zwischen dem In- und Output.

Bei einem nicht-trivialen System gibt es diese feste Programmierung nicht. Die Beziehung zwischen In- und Output ändert sich im Verlauf der Zeit, eine Vorhersagbarkeit des Verhaltens ist somit nur beschränkt möglich. A kann am Ende genauso C oder D sein, statt B.

Menschen gehören zu den nicht trivialen-Systemen. Mathe spricht hier auch von „Lernenden Systemen mit Eigenleben“.

[...]


[1] Leo: http://dict.leo.org/ende/index_de.html#/search=Clinical%20Reasoning&searchLoc=0&resultOrder=basic&multiwordShowSingle=on, entnommen am 01.09.2013

[2] Mathe, Thomas: Skript Clinical Reasoning I, (26.07.2012)

[3] Mattingly und Flemming in Mathe, Thomas: Skript Clinical Reasoning I, (26.07.2012)

[4] Jones in Klemme, Beate; Siegmann, Gaby: Physiofachbuch Clinical Reasoning Therapeutische Denkprozesse lernen, S. 7, Thieme Verlag (2006)

[5] Mathe, Thomas: Skript Clinical Reasoning III, (26.07.2012)

[6] Vgl. Klemme, Beate; Siegmann, Gaby: Physiofachbuch Clinical Reasoning Therapeutische Denkprozesse lernen, S. 32-33, Thieme Verlag (2006)

[7] Leo: http://dict.leo.org/ende/index_de.html#/search=Conditional%20Reasoning&searchLoc=0&result
Order=basic&multiwordShowSingle=on, entnommen am 01.09.2013

[8] Higges & Jones in Klemme, Beate; Siegmann, Gaby: Physiofachbuch Clinical Reasoning Therapeutische Denkprozesse lernen, S. 32, Thieme Verlag (2006)

[9] Mattingly & Flemming in Klemme, Beate; Siegmann, Gaby: Physiofachbuch Clinical Reasoning Therapeutische Denkprozesse lernen, S. 33, Thieme Verlag (2006)

[10] Vgl. Burtchen, Irene; Nadler, Gerhard & et al.: Clinical Reasoning III, Studienheft Nr. 172, S. 13, Diploma (2011)

[11] Vgl. Mattingly & Flemming & Feiler in Klemme, Beate; Siegmann, Gaby: Physiofachbuch Clinical Reasoning Therapeutische Denkprozesse lernen, S. 34-35, Thieme Verlag (2006)

[12] Mathe, Thomas: Skript Clinical Reasoning III.2, (06.07.2012)

[13] Luhmann in Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 24, Böhlau Verlag (2011)

[14] Vgl. Kleve, Heiko: Systemtheorie, http://www.ash-berlin.eu/hsl/freedocs/142/systemtheorie.pdf, entnommen am 15.09.2013

[15] Vgl.: http://www.luhmann-online.de/glossar/system.htm, entnommen am 15.09.2013

[16] Vgl.: Luhmann in Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 38, Böhlau Verlag (2011)

[17] Vgl.: Luhmann in Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 33, Böhlau Verlag (2011)

[18] Luhmann: http://www.luhmann-online.de/glossar/umwelt.htm, entnommen am 15.09.2013

[19] Luhmann in Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 41, Böhlau Verlag (2011)

[20] Vgl.: Luhmann in Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 39, Böhlau Verlag (2011)

[21] Luhmann: http://www.luhmann-online.de/glossar/autopoiesis.htm; entnommen am 15.09.2013

[22] Vgl.: Luhmann in Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 50-52, Böhlau Verlag (2011)

Details

Seiten
57
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668067226
ISBN (Buch)
9783668067233
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303050
Note
Schlagworte
zufriedenheit pflegern patienten conditional reasoning grundsätze systemtheorie basis handelns

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Titel: Zufriedenheit von Pflegern und Patienten. Conditional Reasoning und die Grundsätze der Systemtheorie als Basis des pflegerischen Handelns