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"Brüder, in eins nun die Hände". SPD und KPD auf dem Weg zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands 1945/46

Hausarbeit (Hauptseminar) 1997 35 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II.
1. Frühsommer 1945: Pluralistische Demokratie in der SBZ?
2. Das programmatische Rückgrat der KPD: Anton Ackermann und der "besondere deutsche Weg zum Sozialismus"
3. Sommer 1945: Die SPD drängt auf Vereinigung
4. Herbst 1945: Die Einheitskampagne der KPD beginnt
5. Wennigsen: Die SPD in Ost und West
6. Die Bemühungen der KPD fruchten: Die erste "Sechziger-Konferenz"
7. "Dreißig Jahre Bruderkampf finden in diesem Augenblick ihr Ende": Der Parteitag vom 21./22. April 1946

III. "Da war eine echte Begeisterung..."

Zeitgenössische Texte

Literatur

I. Einleitung

"Damals habe ich die große Hoffnung gehabt, [...] die militante Kampfbereitschaft der Kommunisten würde sich mit den demokratischen Traditionen und demokratischen Umgangsformen der Sozialdemokraten zu einer neuen, besseren Linkspartei zusammenfassen. Damals, da ich viele Dinge nicht kannte, war ich optimistisch und habe mich damals dafür eingesetzt, aber schon sehr bald erkannt, daß meine Hoffnungen eine Illusion waren."[1]

Gemeinsam mit einigen Hundert sozialdemokratischer und kommunistischer Delegierter hatte sich der junge Kommunist Wolfgang Leonhard am 21. April 1946 im Berliner Admiralspalast eingefunden, um einen entscheidenden Schritt ostdeutscher Nachkriegsgeschichte zu vollziehen: die Vereinigung von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Drei Jahrzehnte nach Ausbruch des Zwistes in der Sozialdemokratischen Partei schien die verhängnisvolle Spaltung endlich überwunden - wenn auch nur in einem Teil Deutschlands. Begleitet von großen Hoffnungen, aber auch von tiefer Besorgnis begann die SED ihre politische Arbeit, deren Resultate nicht nur den Idealisten Leonhard sehr bald enttäuschen sollten.

"Wat, schon wieder 'ne Partei? Ich hab' noch von der vorigen die Neese voll!"[2] Wer wie diese Berliner in der Nachkriegswelt des Frühsommers 1945 Tag für Tag ums Überleben kämpfen mußte, zeigte für Parteigründungen wie diejenige der KPD kaum Interesse. Das politische Leben, das sich trotz Not und Kriegszerstörungen, trotz aller Überlebenssorgen bereits im Deutschland der ersten Nachkriegsmonate wieder entfaltete, beschränkte sich auf kleinere Kreise, war gleichwohl von hoher Intensität. Die folgende Arbeit befaßt sich mit der Politik von SPD und KPD in der Sowjetischen Besatzungszone, die elf Monate nach Kriegsende zur Verschmelzung beider Parteien führte. Wiewohl kaum umfassend zu beantworten, drängen sich doch immer wieder die Fragen auf, ob die KPD 1945/46 wirklich eine parlamentarische Demokratie anstrebte, ob der Akt von Ostern 1946 seitens der SPD ein freiwilliger Schritt war.

Auch letzterer Streit trägt dazu bei, daß das Thema "Gründung der SED" seit 1989 wieder auf lebhaftes Interesse stößt. An die Seite geradezu klassischer Schilderungen[3] sind inzwischen neuere Arbeiten getreten, die bislang unzugängliche Quellen auswerten, dabei allerdings in ihrer Beurteilung der Ereignisse mitunter relativ stark von Parteiloyalitäten geprägt sind.[4] Eine besondere Rolle spielt die streitbare, jedoch auf intensiver Quellenauswertung basierende Theorie Wilfried Loths[5], eine Teilung Deutschlands habe an sich nicht im Interesse Moskaus gelegen. Loth läßt durchleuchten, daß er die machtorientierte Dimension Stalinscher Politik keineswegs unterschätzt[6] ; und die Tatsache, daß seine Hauptquellen erst nach der Vereinigung der deutschen Staaten zugänglich wurden, spricht nicht gegen die grundsätzliche Notwendigkeit, liebgewonnene Urteile in neuem Licht zu überprüfen. Daß dies nicht bedeuten muß, Loths Theorie blindlings zu übernehmen, versteht sich von selbst; so bleiben mancherorts zumindest Unklarheiten.

Als wertvoll in mancher Detailfrage erwies sich die bereits zitierte Interviewäußerung des Zeitzeugen Wolfgang Leonhard aus dem Jahre 1996.[7] Sie ist mehrfach wörtlich wiedergegeben, da sie nicht ohne weiteres zugänglich ist und überdies ein besonderer rhetorischer Reiz von diesen Passagen ausgeht.

II.

1. Frühsommer 1945: Pluralistische Demokratie in der SBZ?

Die Waffen schwiegen noch nicht im umkämpften Berlin - da begann bereits die Vorgeschichte des Ereignisses im Frühjahr 1946, aus dem die Staatspartei der späteren DDR hervorgehen sollte. Aus der Sowjetunion kommend, landete ein Flugzeug mit Funktionären der einstigen KPD in der Nähe von Frankfurt/Oder. Es war nur eine kleine Gruppe zuverlässiger Kader, die der ZK-Sekretär Walter Ulbricht um sich geschart hatte. Doch ihr Auftrag, über den sie kurz nach der Ankunft in Deutschland unterrichtet wurden, war klar umrissen: Die "Gruppe Ulbricht" in Berlin, die "Gruppe Ackermann", die "Gruppe Sobottka" - sie sollten umgehend Schlüsselpositionen besetzen, Kontakte zu den in Deutschland vermuteten Sozialdemokraten und Kommunisten knüpfen, schließlich in Zusammenarbeit mit Kräften der sowjetischen Besatzungsarmee Weichen im Sinne Moskaus stellen.[8]

Seit Monaten war im sowjetischen Exil an Konzepten für die Politik im Nachkriegsdeutschland gearbeitet worden. Unter Leitung Ulbrichts hatte eine Kommission der KPD Grundsätze entworfen, die u.a. von einer Kollektivschuld des deutschen Volkes an Krieg und Verbrechen der Nationalsozialisten ausgingen und nach einer "bürgerlich-demokratischen Umgestaltung", der Zusammenfassung aller "antifaschistischen Kräfte" zu einem "Block" sowie einer Aktionseinheit der wiederzugründenden Arbeiterparteien riefen. Überraschungen aber brachte das anschließende 14-Punkte-Programm, das zwar die erforderlichen Einzelmaßnahmen beschrieb, anstelle des proletarischen Umsturzes aber lediglich die bürgerliche Revolution postulierte.[9]

Augenscheinlich war es also nicht die Diktatur des Proletariats, die zu errichten jene "Gruppe Ulbricht" beauftragt war. Es war nicht ihre Aufgabe, im Stil von Berufsrevolutionären mit Agitation und Propaganda die kommunistische Umwälzung in Deutschland zu initiieren.

Überraschend schnell regte sich in diesem späten Frühjahr 1945 wieder das politische Leben. Die Rundfunksender der Besatzungszonen, aus denen noch wenige Wochen zuvor das Programm des nationalsozialistischen "Siegens oder Fallens" geklungen war, verbreiteten nun neue Töne. Wiewohl nur am Rande mit politischen Fragen beschäftigt, ließen sie doch mancherorts etwas von neuer politischer Kultur im Zeichen wiedererstehender Demokratie spüren. Schon einen Tag nach ihrer Gründung gestattete die Sowjetische Militäradministration (SMA) in ihrem Befehl Nr. 2 vom 10. Juni 1945 die "Bildung und Tätigkeit" neuer, selbstverständlich "antifaschistischer" Parteien.[10] Und der Wille zur politischen Arbeit schien, wenn auch nicht weitverbreitet[11], so doch keineswegs ganz unter den Trümmerbergen begraben. Schon am Tage nach Verkündung des SMA-Erlasses erging ein Aufruf zur Gründung der KPD; am 15. Juni folgte die SPD, am 26. Juni die CDU als neue christlich-konservative Partei[12], schließlich am 5. Juli die liberale LDP[13]. Die Demokratie schien nach zwölf Jahren neu zum Leben erwacht. Viele einstige Angehörige der Weimarer Sozialdemokratie bestanden gar darauf, ihre seit 1933 aufgelaufenen Beitragsrückstände zu begleichen: "Sie kommen in die Parteibüros mit den alten Mitgliedsbüchern, die sie zwölf Jahre hindurch vor dem Zugriff der Nazis versteckt haben."[14]

Welten lagen zwischen der Ideologie jener Thälmann-Partei der frühen dreißiger Jahre, die selbst linke Kräfte des demokratischen Spektrums noch zu ihren Todfeinden erklärt hatte, und dem Programm der neuen KPD Wilhelm Piecks[15]. Die Partei war in enger Abstimmung mit der SMA gegründet worden. Moskau hatte eine auch für höhere deutsche Kader überraschende Kursänderung vollzogen, indem es anstelle eines "Blocks der kämpferischen Demokratie" nunmehr ein konventionelles Parteiensystem favorisierte.[16] Die Theorie vom individuellen Weg eines jeden Landes hin zum Sozialismus scheint in diesem Frühsommer 1945 herrschende Lehre im Kreml gewesen zu sein - darauf deutet eine Bemerkung Stalins hin, Sozialismus sei "auch unter der englischen Monarchie möglich"[17]. Der Eindruck mochte sich verfestigen, daß die Besatzungsmacht keineswegs auf eine Machtübernahme durch die KPD drängte. Ob dies tatsächlich der Fall war, oder ob der Gründungsaufruf von taktischen Motiven geprägt war, ist in neuerer Zeit umstritten.[18]

Im Gründungsaufruf der KPD setzte sich die Tendenz der vierzehn Punkte von Moskau fort, sie verstärkte sich gar an mancher Stelle. Keine Rede war mehr vom Vorbild der sowjetischen KPdSU, keine Rede von Diktatur des Proletariats, von Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Statt dessen stießen die überraschten Leser zunächst auf Selbstanklagen mit Blick auf die vergangenen zwölf Jahre - im Ton gegenüber der deutschen Bevölkerung spürbar verschärft im Vergleich zur sowjetischen Lesart des Sommers 1941.[19] Es folgte gar der Ruf nach demokratischer Neuordnung, nach Parlamentarismus, nach freien Gewerkschaften - schließlich nach "völlig ungehinderte[r] Entfaltung des freien Handels und der privaten Unternehmerinitiative auf der Grundlage des Privateigentums"[20]. Forderungen wie die nach "Enteignung des gesamten Vermögens der Nazibonzen und Kriegsverbrecher" sowie nach "restlose[r] Säuberung aller öffentlichen Ämter von den aktiven Nazisten" gingen kaum über das in den Programmen anderer Parteien vorhandene Maß hinaus[21]. Und schließlich stellte sich die KPD ausdrücklich in die Tradition der schwarz-rot-goldenen Märzrevolution von 1848.[22] Nur zu verständlich schien nach den Erfahrungen mit der braunen Diktatur die Forderung nach einem "Block der antifaschistischen demokratischen Parteien", in dem die KPD "die feste Grundlage im Kampf für die völlige Liquidierung der Überreste des Hitlerregimes und für die Aufrichtung eines demokratischen Regimes"[23] erblickte.

Eines aber war geblieben: die straffe Unterordnung der Parteiorganisation unter die Richtlinien der Zentrale. Erbost reagierte Walter Ulbricht auf Initiativen an der Basis, die den Aufbau kleinerer "antifaschistischer Aktionen" oder auch die kurzfristige Verschmelzung mit der örtlichen Sozialdemokratie zum Ziel hatten. Für "diesen komischen Laden in Charlottenburg"[24] und ähnliche Komitees gab es sehr bald keinerlei Betätigungsmöglichkeit mehr: ein besonders krasser Akt der verbreiteten "politische[n] Quarantäne"[25] der Zeit und für den Augenzeugen Wolfgang Leonhard ein folgenreicher Schlag gegen die politische Initiative einer "echte[n] Bewegung von unten"[26] in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Nicht wenige Kommunisten, die während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland ausgeharrt hatten, reagierten auf den Gründungsaufruf überrascht oder auch ablehnend. Wer genauer hinsah, ahnte allerdings, daß der Aufruf Spielraum bot und wie die KPD ihn bei Bedarf nutzen könnte.[27] "Ulbricht grinste: 'Das wirst Du schon bald merken, Genosse! Wart nur mal ein bißchen ab!" rief er in seinem klassischen Sächsisch."[28] Mochten Pieck, Ulbricht und ihre Mitarbeiter aber lediglich die Direktiven umsetzen, wie sie Moskau für alle kommunistischen Parteien Osteuropas erlassen hatte[29] - die einst so kämpferische KPD schien sich nun für flüchtige Beobachter im politischen Spektrum gar rechts der Sozialdemokratie anzusiedeln.

Unter Leitung Otto Grotewohls, Max Fechners und Erich W. Gniffkes hatte deren Berliner Zentralausschnuß[30] am 15. Juni einen Aufruf erlassen, der demjenigen der KPD wohl über weite Strecken ähnelte, zusätzlich indes die Sozialisierung bestimmter Wirtschaftsbereiche sowie die Begrenzung "arbeitslosen Einkommens" aus Kapital forderte, den Unternehmern Schranken aufzuerlegen vorschlug und auch das Erbrecht empfindlich einzuschränken plante. Offen begrüßte der Zentralausschuß den Aufruf der Kommunisten vom 11. Juni, regte sogar Zusammenarbeit an.[31] Die Überwindung des dreißigjährigen "Bruderkampfes" schien manchem Anhänger zum Greifen nahe.

2. Das programmatische Rückgrat der KPD: Anton Ackermann und der "besondere deutsche Weg zum Sozialismus"

Der neuen Linie der KPD vorgearbeitet hatte der Theoretiker Anton Ackermann. In einem Aufsatz für die Parteizeitung Einheit formulierte er schließlich im folgenden Winter seine Lehre vom "besonderen deutschen Weg zum Sozialismus".[32]

Über den Gründungsaufruf der KPD ging Ackermanns Theorie in einem wesentlichen Punkt hinaus: Sie zielte keineswegs auf ein parlamentarisch-demokratisches Endstadium im künftigen Deutschland ab, sondern erhob weiterhin die Verwirklichung des Sozialismus zum Fernziel der Partei.[33] Ob dieses Fernziel denn "deutlich später" als die Errichtung der parlamentarischen Demokratie anzusetzen ist[34], lassen Ackermanns Überlegungen höchst fraglich erscheinen. Zwar bleibt eine deutliche Abstufung zwischen beiden Programmpunkten erkennbar, und Ackermanns Artikel ist in erster Linie eine Antwort an Helmut Lehmann, der sich gleichfalls mit der speziellen Frage des Weges zum Sozialismus befaßt hatte. Doch Ackermann behandelt die Frage, wie denn der Sozialismus praktisch zu errichten sei, durchaus erschöpfend; und schließlich betrachtet er gar das damalige Deutschland unmittelbar unter dieser Fragestellung[35]. Daher kann man kaum davon ausgehen, der Theoretiker habe vorerst mit aller Kraft nach parlamentarischer Demokratie gestrebt und an den Sozialismus nur wenige, theoretische Gedanken verschwendet. Die "Absage an eine sozialistische Politik zur gegebenen Zeit"[36] hat - wenn überhaupt - nur für den Sommer 1945 ihre Gültigkeit gehabt. Denkbar ist allenfalls, daß Ackermanns Aufsatz auf Kontroversen in der KPD-Führung hinweist.

Neuartig war Ackermanns Antwort auf die Frage, ob denn die Arbeiterklasse auf keinerlei andere Art und Weise zur politischen Macht gelangen könne, als es Lenin 1917 vorgeführt hatte. Ausführlich bezugnehmend auf Karl Marx und Friedrich Engels erteilte der Theoretiker zwar allen Vorstellungen eines "friedlichen Hineinwachsens in den Sozialismus"[37] eine strikte Absage. Theoretisch wie praktisch sei erwiesen: An der Diktatur des Proletariats führe kein Weg vorbei. Bedeutsam sei nun aber die Frage, ob die Arbeiterklasse diese Diktatur womöglich auch auf friedlichem Wege errichten könne.

Engels selbst habe in seiner Kritik des Erfurter SPD-Programms von 1891 dem "Kampf [der Arbeiterklasse, M. K.] um die ganze Macht"[38] im Rahmen des demokratischen Systems die Durchsetzung dieses Systems noch vorgeschaltet. Die demokratischen Institutionen könne das Proletariat intensiv zu seinem Vorteil nutzen; sei es der Wahlkampf, der zur Mobilisierung, zur Festigung der Taktik beitragen könne, sei es die parlamentarische Auseinandersetzung selbst, die eine "Tribüne"[39] - wohlgemerkt nicht das eigentliche Feld der Durchsetzung - für den Kampf um die Macht im Staat darstelle.

Solange die Arbeiter dabei auf keinen nennenswerten Widerstand seitens der "bürgerliche[n] Staatsmaschinerie"[40] stießen, sei die Anwendung von Gewalt entbehrlich. Das sei namentlich dann der Fall, wenn sich das parlamentarische System nicht auf "Militarismus und reaktionäre Bürokratie"[41] stützen könne.

Dies wiederum lag im zerschlagenen Deutschland des Winters 1945/46 durchaus im Bereich des Möglichen. Eine Parallele zu Rußland im Vorfeld der Kerenski-Regierung ziehend, konstruierte Ackermann einen Scheideweg, an dem sich Deutschland befinde: Entweder es entwickle sich zu einer Demokratie, in der die Bourgoisie den Ton angebe. Dann müsse das Proletariat Gewalt anwenden. Oder aber Deutschland wandle sich zu einer "antifaschistisch-demokratische[n] Republik [...] unter Führung der Arbeiterklasse"[42] - dann stehe der friedliche Weg zum Sozialismus offen. Damit vollzog Ackermann eine Abkehr vom bislang unumstößlichen Vorbild Sowjetunion, und dies sollte seinen Thesen zu ungeahnter Resonanz in den Reihen der KPD verhelfen.[43]

Abermals im Unterschied zum Juni-Aufruf der KPD befürwortete der Theoretiker Sozialisierungen in der Wirtschaft, die weit über Vergesellschaftungen elementarer Versorgungsbetriebe[44] hinausgingen. Alles, was zu einer "rasche[n] Entfaltung der kämpferischen Fortschrittskräfte"[45] beitrage, könne letztlich den Ausschlag geben, daß der Sozialismus auf andere Art als in Rußland zu erreichen sei; schließlich habe Lenin selbst die Allgemeingültigkeit des russischen Vorbildes ausdrücklich verneint. Von besonderer Bedeutung sei dabei die Schaffung einer neuen proletarischen Einheitspartei.[46]

[...]


[1] Zit. nach einer Äußerung Leonhards in der Sendung Bruderbund oder Zwangsverein - 50 Jahre SED vom 12.4.1996 in der Reihe Forum Kultur im Deutschlandfunk, Red. Peter J. Lapp / German Werth, enthalten auf der CD DeutschlandRadio - Geschichte zum Hören: 1946, Red. Michael Hase, Köln 1996, zit. hiernach.

[2] Zit. nach Wolfgang Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, Köln o. J. - künftig zitiert mit vollem Titel, S. 407.

[3] Allen voran Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder.

[4] Dazu zählt etwa die detailreiche Arbeit von Beatrix Bouvier, Ausgeschaltet. Sozialdemokratie in der Sowjetischen Besatzungszone 1945-1953, Bonn 1996, die ihre Herkunft aus dem Umfeld der Friedrich-Ebert-Stiftung nicht ganz verleugnen kann. Lohnend ist es, ihr mitunter die Einleitung des Quellenbandes Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Hg.), Einheitsdrang oder Zwangsvereinigung? Die Sechziger-Konferenzen von KPD und SPD 1945 und 1946, Berlin 1990 - künftig zitiert: Einheitsdrang oder Zwangsvereinigung?, gegenüberzustellen.

[5] Wilfried Loth, Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte, Berlin 1994.

[6] Vgl. ebda., S. 228 f.

[7] In der Sendung Bruderbund oder Zwangsverein, a.a.O.

[8] Vgl. Hermann Weber, Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980 (Edition Deutschland Archiv), S. 14 f.

[9] Vgl. Peter Christian und Ursula Ludz, Art. Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, in: DDR-Hdb II [=DDR-Handbuch Bd. II, hg. vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Köln 31985], S. 1160-1189; hier: S. 1161.

[10] Zit. nach der Facsimile-Wiedergabe bei Weber, Kleine Geschichte der DDR, S. 17.

[11] Vgl. das bei Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 407, wiedergegebene Echo auf den Gründungsaufruf der KPD im Sommer 1945.

[12] Vgl. Stephan Zeidler, Entstehung und Entwicklung der Ost-CDU 1945-1989. Zum Wandlungs- und Gleichschaltungsprozeß einer Blockpartei, in: APuZG [=Aus Politik und Zeitgeschichte] B 16-17/1996 (12.4.1996), S. 22-30; hier: S. 22.

[13] Vgl. Siegfried Suckut, Die LDP(D) in der DDR. Eine zeitgeschichtliche Skizze, in: APuZG B 16-17/1996 (12.4.1996), S. 31-38; hier: S. 31. - Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 411 f., zufolge drängte Ulbricht selbst auf die zügige Schaffung des Mehrparteiensystems.

[14] So der Bericht über "Vorgeschichte und Verlauf der sozialdemokratischen Parteikonferenz in Wennigsen vom 5. bis 7. Oktober 1945", wiedergegeben bei Ossip K. Flechtheim (Hg.), Dokumente zur parteipolitischen Entwicklung in Deutschland seit 1945, Bd. I, Berlin 1962, S. 60-69, hier: S. 65.

[15] Der Gründungsaufruf findet sich bei Ossip K. Flechtheim (Hg.), Dokumente zur parteipolitischen Entwicklung in Deutschland seit 1945, Bd. III: Programmatik der deutschen Parteien. Zweiter Teil, Berlin 1963, S. 313-319.

[16] Vgl. Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 397 f.

[17] Zit. nach Milovan Djilas, Gespräche mit Stalin, Frankfurt/M. 1962, S. 145.

[18] Für letztere Ansicht steht Weber, Kleine Geschichte der DDR, S. 17 f.; für erstere Loth, a.a.O., S. 49 f.

[19] Diese findet sich in der bei Leonhardt, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 109, wiedergegebenen Passage einer Molotow-Rede vom 22.6.1941: "Der Krieg ist uns nicht aufgezwungen worden vom deutschen Volk, [...] sondern von einer Clique blutrünstiger faschistischer Herrscher." - Die KPD hingegen - 1946: "Unser Unglück war, daß breite Bevölkerungsschichten das elementare Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit verloren und Hitler folgten," vgl. den Gründungsaufruf, a.a.O., S. 315.

[20] Gründungsaufruf der KPD, a.a.O., S. 317.

[21] Beide direkten Zitate ebda., S. 316f.

[22] Ebda., S. 316.

[23] Ebda., S. 318.

[24] So betitelt von Walter Ulbricht, zit. nach Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 395, S. 391-395 schildern die Auflösung eines "Antifaschistischen Komitees" am diesem Beispiel aus Berlin-Charlottenburg; vgl. ferner Bouvier, a.a.O., S. 35 f.

[25] Sven Papcke, Gibt es eine kulturelle Identität der Deutschen?, in: Werner Weidenfeld (Hg.), Die Identität der Deutschen, München - Wien 1983, S. 248-273; hier: S. 263. - Vielleicht wurde hier auch die Chance vertan, ein Stück weit demokratisches Bewußtsein wachsen zu lassen in Teilen einer Gesellschaft, die in den Jahren 1919 bis 1932 - wenn überhaupt - nur unzureichend die Spielregeln von Demokratie, Pluralismus und Konfliktbewältigung erlernt hatte, nun aber wenigstens ein Stück weit noch unter dem Eindruck der zwölfjährigen Katastrophe stand? Andererseits darf man die quantitative Bedeutung solcher Antifaschistischer Komitees wohl nicht überbewerten.

[26] Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 414.

[27] Darauf weist Bouvier, a.a.O., S. 33 Anm. 19, hin. - Loth, a.a.O., S. 24, kann allerdings die Ansicht begründen, daß der Juniaufruf keineswegs von taktischen Überlegungen geprägt war, sondern vielmehr die tatsächliche Moskauer Politik widerspiegelte.

[28] Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, S. 403.

[29] Vgl. Weber, Kleine Geschichte der DDR, S. 18. - Im Unterschied dazu betont Loth, a.a.O., S. 42, allerdings Konflikte in der KPD-Spitze, namentlich zwischen Anton Ackermann und Walter Ulbricht.

[30] Zu dessen Konstituierung: Thomas Ammer, Die Parteien in der DDR und in den neuen Bundesländern, in: Alf Mintzel / Heinrich Oberreuter (Hg.), Parteien in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 21992 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung - Studien zur Geschichte und Politik 282), hier: S. 434.

[31] Der Gründungsaufruf findet sich bei Flechtheim, a.a.O., Bd. III, S. 1-4.

[32] Vgl. Anton Ackermann, Gibt es einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus?, in: Einheit Nr. 1/1946, S. 22 ff., wiederabgedruckt bei Flechtheim, a.a.O., Bd. III, S. 336-355 (zitiert hiernach).

[33] Vgl. ebda., S. 337.

[34] So Loth, a.a.O., S. 50; direktes Zitat dort entnommen.

[35] A.a.O., S. 350-352.

[36] Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945-1989, Frankfurt/M. 1992, S. 36.

[37] Ackermann, Gibt es einen besonderen..., S. 342.

[38] Ebda., S. 344.

[39] Ebda., S. 345.

[40] Ebda., S. 349.

[41] Ebda.

[42] Ebda., S. 351.

[43] Vgl. Wolfgang Leonhard, Die Etablierung des Marxismus-Leninismus in der SBZ/DDR (1945-1955), in: APuZG B 40/1994 (7.10.1994), S. 3-11 - künftig zitiert: "Etablierung"; hier: S. 4.

[44] Insoweit hatte die KPD von vornherein auf Vergesellschaftung bestanden, vgl. Punkt 8 ihres Aufrufes, a.a.O., S. 318.

[45] Ackermann, Gibt es einen besonderen..., S. 352.

[46] Vgl. ebda., S. 352 f.

Details

Seiten
35
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783668019768
ISBN (Buch)
9783668019775
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303212
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
SED SPD KPD DDR SBZ Walter Ulbricht Wilhelm Pieck Otto Grotewohl Kurt Schumacher SMAD Kalter Krieg Deutsche Teilung Deutsche Demokratische Republik Wolfgang Leonhard Ost-West-Konflikt Sowjetische Besatzungszone

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