Lade Inhalt...

Der Umgang der CSU mit der Religion an Schulen

Hausarbeit 2005 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Entwicklung bis in die 80er Jahre

2. Kruzifix – Urteil 1995

3. Kruzifix – Urteil II

4. Kopftuchurteil
Politisches oder religiöses Symbol ?
Auswirkungen auf die Schüler

5. Fazit

Quellenangaben

1. Entwicklung bis in die 80er Jahre

Die Einheit von christlicher Kirche und Schule stand für die Christlich – Soziale Union (CSU) von Beginn der Partei an fest. Auch wurde die Einstellung über die Jahre beibehalten bzw. die Verbindung der beiden Komponenten noch weiter vorangetrieben. Einen Überblick über die Verflechtung von Schule und christlicher Kirche soll dieser Abschnitt übe die historische Entwicklung der Schule in Bayern und hier vor allem der bekenntnisbestimmten Schule bieten.

Bereits 1924 war von Bayern ein Konkordat mit dem Vatikan ( der katholischen Kirche ) und ein Vertrag mit der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern rechts des Rheines geschlossen worden. Beide Abkommen sowie der Grundsatz der Gleichbehandlung beider Religionsgemeinschaften ( Parität ) dienten der katholischen Kirche als Beweis für die "gemeinsame christliche Sache und kulturpolitische Aufgabe"[1], doch wurde verschwiegen, dass das Konkordat gerade wegen seiner Schulartikel bereits 1924 heftig umstritten war. Das Abkommen garantierte der katholischen Kirche die Beibehaltung des Bestandes und die Erweiterung der Zahl an Bekenntnisschulen v.a. römisch-katholischer Ausrichtung. Auch wurde die Bildung und Erhaltung sog. Zwergschulen ( kleine Schulen mit wenigen bzw. einer einzigen Klasse ) ausdrücklich in Kauf genommen. Der Vertrag mit der evangelischen Kirche kam aus Notwendigkeit, aus Sicht der Protestanten, zustande. Er sollte ihnen zumindest vertraglich eine Abgrenzung und Bewahrung der eigenen Interessenssphäre garantieren. Man fürchtete die Dominanz der katholischen Kirche in Bayern und eine weitere Verschlechterung in der Finanzierung der Schulen von staatlicher Seite, welche vom Staatsvertrag vom 15. November 1924 gefordert wurde.

Man kann feststellen, dass schon vor der Gründung der CSU und der Bundesrepublik Deutschland gravierende Differenzen im Verhältnis von Staat und Kirche zwischen den beiden Religionsgemeinschaften herrschten. Dieses Ungleichgewicht setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg, genauer gesagt 1946, nach der Gründung der CSU in Bayern, fort.

Einig waren sich die beiden Konfessionen lediglich in einem Punkt. Man forderte gemeinsam die Errichtung und Erhaltung von Konfessionsschulen als Regelschule. Sobald es aber um die inhaltliche Prägung des christlichen Charakters der Konfessionsschulen ging, schieden sich die Geister. Das protestantische Bayern fürchtete eine "neue katholische Prägung der bayrischen Politik"[2], denn "(...) im Gebiet des heutigen Bayern, wo Reformation und Gegenreformation einen fränkisch-protestantischen Korridor hinterlassen hatten"[3], waren die religiösen Machtkämpfe noch nicht vergessen. Die Realität der konfessionellen Gegensätze, Ressentiments und Empfindlichkeiten hatte die ersten Ansätze einer interkonfessionellen Zusammenarbeit in der Partei, der CSU, und in der Politik rasch einem erneuten Misstrauen weichen lassen Die CSU hatte sich bei ihrer Gründung als christliche Partei verstanden, in der sowohl katholische wie auch evangelische Mitglieder und Wähler ihren Platz finden sollten. Auf der Grundlage der gemeinsamen christlichen Werte war man bestrebt, die Menschen nach den grausamen Erfahrungen des Dritten Reiches wieder auf eine christlich-moralisch bestimmte Linie zu bringen und die neuaufzubauende Gesellschaft christlich zu gestalten. Allerdings zeigte sich die Gleichstellung der beiden Konfessionen innerhalb der CSU nicht. Seit der Gründung der Partei hatte es nie einen protestantischen Parteiflügel gegeben. Lediglich einzelne Personen, die dem Protestantismus anhingen, waren zu verzeichnen. Zu ihnen gehörten beispielsweise Wilhelm Eichhorn, Johannes Semmler und Alfred Euerl. Die Dominanz der katholischen Kirche zeigte sich bereits in der Partei, was Auswirkungen auf die Politik der Partei hatte und hat. Des Weiteren misstrauten die Protestanten der angeblichen Paritätspolitik nach der Kandidatur des Domkapitulars und Päpstlichen Hausprälaten Georg Meixner zum Bayrischen Landtag. Auch Alois Hundhammer, der 1946 zum Fraktionsvorsitzenden der CSU im Bayrischen Landtag und zum Staatsminister für Unterricht und Kultus gewählt wurde, bestärkte die protestantische Linie in ihrem Argwohn. Hundhammer galt als dogmatisch, preußen- und protestantenfeindlicher Katholik. Die Befürchtungen sollten sich bestätigen. Alois Hundhammer gab der Kulturpolitik und insbesondere der Schulpolitik eine konfessionelle, tief katholische Prägung. Diese Züge trug v.a. sein Schulreformplan.

1946 setze die CSU gegen den Widerstand von SPD; FDP, KPD und WAV den Artikel 135 der Bayrischen Verfassung von 1946 durch:

" (1) Die öffentlichen Volksschulen sind Bekenntnis – oder Gemeinschaftsschulen. Die Wahl der Schulart steht den Erziehungsberechtigten frei. Gemeinschaftsschulen sind jedoch nur an Orten mit bekenntnismäßig gemischter Bevölkerung auf Antrag der Erziehungsberechtigten zu errichten.
(2) An den Bekenntnisschulen werden nur solche Lehrer verwendet, die geeignet und bereit sind, die Schüler nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses zu unterrichten und zu erziehen."[4]

Aus diesen Formulierungen sind zweierlei Schlüsse zu ziehen. Zunächst wird die Bekenntnisschule als Regelschule festgelegt. Der Besuch einer Gemeinschaftsschule ist zwar prinzipiell möglich, jedoch nur in Orten, in denen sich eine gemischt-konfessionelle Bevölkerung feststellen lässt. Auch dann ist die Gemeinschaftsschule nur auf Antrag einzurichten und keinesfalls selbstverständlich. Als zweite Schlussfolgerung lässt sich aus dem Gesetzestext die enge Verknüpfung von der Bekenntnisschule als Regelschule mit der bekenntnisbestimmten Lehrerausbildung herauslesen. Die jeweiligen Lehrkräfte werden u.a. nach ihrem Glauben und an ihrer Fähigkeit bemessen, den Schülern nachhaltig die Glaubensgrundsätze und Werte zu vermitteln und die Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Dieser Politik folgte auch Hundhammers Nachfolger Alois Meixner von 1950 – 1954 in der Großen Bayrischen Koalition aus CSU und SPD. Allerdings zeigte sich die CSU durch den sog. Bruderzwist mit der Bayernpartei zu sehr geschwächt, um gegen den Widerstand des Koalitionspartners den ausgearbeiteten Lehrerbildungsplan durchzusetzen. Doch aufgeben wollte man diesen deshalb nicht. Nach der Bundestagswahl 1952 ließ Meixner verlauten, dass er "nach dem Willen der Mehrheit des bayrischen christlichen Volkes, wie es gerade in den Wahlen vom 6. September sichtbar geworden"[5] sei, die konfessionelle Ausbildung des Lehrerachwuchses gesetzgeberisch durchsetzen werde. Diese Ankündigung führte, zusätzlich zu den bereits existierenden Spannungen zwischen den Konfessionen, zu neuen Auseinandersetzungen.

Mitte der 60er Jahre zeichnete sich ein langsames Vorrücken der Gemeinschaftsschulen gegenüber den Konfessionsschulen ab, was u.a. auch mit der Wandlung Bayerns vom Agrar- zum Industrieland zusammenhing. So zählte man zu diesem Zeitpunkt ca. 6300 Konfessionsschulen, davon 75 % katholischer Ausrichtung, und bereits 260 Gemeinschaftsschulen. Der relativ hohe Anteil protestantischer Bekenntnisschulen ( 25 % ) hing nicht zuletzt mit der Landesschulreform zu Beginn der 60er Jahre zusammen, welche zahlreiche katholische Zwergschulen zur Schließung zwang. Der amtierende Staatsminister L. Huber rechnete mit einem jährlichen Verlust von Konfessionsschulen in einer Größenordnung von einem bis drei Prozent. Besonders alarmierend wirkte auf die CSU eine Entwicklung, die sich 1966 in der Landeshauptstadt München abzeichnete. Zum ersten Mal überstieg die Zahl der Gemeinschaftsschulen die der katholischen Bekenntnisschulen. Auf der CSU – Sitzung des Landesvorstandes am 13. Mai 1966 entwickelte man eine Defensiv-Strategie und bat – theoretisch – alle Beteiligten um strenge Geheimhaltung der Pläne. In mehreren Punkten wurde die zukünftige Schulpolitik festgelegt:

1. Die Gemeinschaftsschule sollte einen prägnanten christlichen Charakter bekommen, dessen Festlegung sich im Gesetz verankern sollte.
2. Es sollte eine zwingende Vorschrift erlassen werden, "dass die Gesamtheit der Lehrerschaft der bekenntnismäßigen Zusammensetzung des Schülerkörpers in etwa entsprechen"[6] müsse.
3. Klassen sollten nach Bekenntniszugehörigkeit gebildet werden.
4. Man beabsichtigte die Erstellung von Richtlinien für die Volksschule, in welchen Fächern welche Gesichtspunkte zu berücksichtigen seien. So durften den Grundsätze christlicher Ethik und Tradition widersprechende Inhalte nur in Ausnahmefällen oder zur Stärkung des christlichen Verständnisses in den Unterricht einfließen.
5. Durch die Unterbindung von bikonfessionellen Schulen, z.B. durch Anstellung von Lehrern beider Konfessionen an Bekenntnisschulen und der daraus resultierenden entstehenden "Pseudo - Gemeinschaftsschule"[7] sollte eine Vermischung der beiden Schultypen verhindert werden. Außerdem beabsichtigte man, an den in der Verfassung festgelegten Grundsätzen von konfessionsgebundener Lehrerschaft festzuhalten.
6. Die evangelische Kirche sollte durch die Einführung einer Klausel zum Minderheitenschutz in Bezug auf die Schulen ruhig gestellt werden.

Auch die Erwartungen der katholischen Kirche sollten in die Überlegungen einbezogen werden. Die evangelische Kirche sei gegenüber den Gemeinschaftsschulen aufgeschlossener, so Huber, die katholische Kirche könne sich aber mit einer angemessenen Zahl von Gemeinschaftsschulen aufgrund ihres Eintretens für Bekenntnisschulen schwer tun. Huber zieht daraus den Schluss:

" 1. Wir bleiben bei den Bekenntnisschulen, die verfassungsmäßig festgelegt sind.
2. Wir prägen die Gemeinschaftsschule in eine christliche Gemeinschaftsschule um (...)."[8]

Der Artikel 135 Abs. 2 der Bayrischen Verfassung sollte uminterpretiert werden:

" An Bekenntnisschulen dürfen in den für das Bekenntnis relevanten Fächern nur Lehrer tätig sein, die bereit und geeignet sind, im Geiste des betreffenden Bekenntnisses zu unterrichten."[9]

Diese Auffassung, so plante man, solle Bestandteil des zukünftigen, für 1966 angekündigten neuen Bayrischen Volksschulgesetzes sein.

FDP und SPD setzten nach der Bekanntwerdung der Pläne der CSU ihre eigenen Vorschläge entgegen. Die FDP forderte nach der verlorenen Landtagswahl in Bayern (sie war an der bayrischen 10 % - Hürde gescheitert) die Gleichstellung von Bekenntnisschule und christlicher Gemeinschaftsschule und bediente sich dabei einer breit angelegten öffentlichen Offensive. Des Weiteren sollte die Bekenntnisschule statt der Gemeinschaftsschule zur Antragsschule werden. Das von der FDP initiierte Volksbegehren scheiterte. Dies hatte seinen Grund nicht nur in den statt 10 % der Unterschriften aller Wahlberechtigten 9,4 % Unterschriften, sondern auch an dem erheblichen Widerstand von katholischer Kirche und CSU – dominierten Behörden. 1967 mischte sich die SPD in die Bekenntnisschulen ein. Sie brachte einen Gesetzesentwurf ein, der die Änderung des Artikels 135 der Bayrischen Verfassung vorsah. Hiernach sollte die christliche Gemeinschaftsschule zur Regelschule werden, die Bekenntnisschule – wie im Vorschlag der FDP - zur Antragsschule. Der Gesetzesentwurf wurde mit 204 ( Gesamtheit aller Stimmen ) zu 110 ( mögliche Stimmen der CSU ) Stimmen abgelehnt. Die SPD ließ sich von diesem Misserfolg jedoch nicht entmutigen. Sie strengte ein Volksbegehren mit Hilfe der FDP an (Antrag am 17. Juli 1967). Schnell wurde deutlich, dass sich die katholische Kirche und die CSU nicht mehr auf eine so breite Mehrheit verlassen konnte wie früher. Man startete nun seinerseits eine Unterschriften Sammlung zur Erhaltung des alten Zustandes, d.h. zur Erhaltung der ( katholischen ) Bekenntnisschule als Regelschule. Beide Unterschriftensammlungen waren erfolgreich. Die CSU sah sich in einer Pattsituation. Würden beide Volksbegehren erfolgreich sein, so wäre die CSU verpflichtet gewesen, beide Ergebnisse umzusetzen. Dies sollte jedoch verhindert werden. Man einigte sich daher mit der Opposition auf einen Kompromiss

" Die öffentlichen Volksschulen sind gemeinsame Schulen für alle volksschulpflichtigen Kinder. In ihnen werden die Schüler nach den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse unterrichtet und erzogen. Das Nähere bestimmt das Volksschulgesetz."[10]

In einer für die CSU wichtigen Anmerkung hieß es weiter:

" Die Parteien gehen davon aus, dass die Formulierung des Artikels 135 der Verfassung die Bildung bekenntniseinheitlicher Klassen unter denen im Volksschulgesetz angegebenen Voraussetzungen nicht behindert."[11]

Die bayrische Staatsregierung sowie weite Teile der CSU zeigten keine Bereitschaft, den Parteienkompromiss gegen den Willen des Vatikans durchzusetzen. Die vom Heiligen Stuhl geforderten Änderungen entsprachen allerdings in etwa dem Volksbegehren der CSU, so dass dahingehende Änderungswünsche wohl nicht gegen SPD und FDP hätten durchgesetzt werden können, ohne das Risiko einzugehen, sich eines erneuten Volksbegehrens gegenüber zu sehen. Auch F. J. Strauß drängte auf eine Annahme des Kompromisses und warnte vor den Auswirkungen, die sich aus einer Sperrung ergeben würden. Letzten Anstoß zum Umdenken innerhalb der CSU gab die breite Zustimmung zum Kompromissvorschlag in der Bevölkerung, die sie durch den Volksentscheid vom 7. Juli 1968 zum Ausdruck kam. Die CSU bzw. die bayrische Staatsregierung sah sich zur Umsetzung des Kompromisses gezwungen. In der Öffentlichkeit verbuchte Huber den Kompromiss allerdings als Verdienst der CSU – eine glatte Lüge angesichts der tatsächlichen Begebenheiten. Der katholischen Kirche gelang es, insbesondere durch gesonderte Verträge mit dem bayrischen Staat, ihre Stellung zu festigen bzw. diese im Hochschulsektor auszubauen. Hans Maier, Hubers Nachfolger 1970, setzte die konservative Politik seines Vorgängers fort. Vor allem im Hochschulbereichverschaffte er der katholischen Kirche mehr Einfluss. So unterstellte er beispielsweise 1974 die Lehrstühle für Soziologie und Politikwissenschaften mehrerer bayrischer Universitäten dem neuen Konkordat (sog. Konkordatslehrstühle) und hielt dies in Verträgen mit Verträgen zwischen dem Vatikan und der Bayrischen Staatsregierung fest.

Bayern sollte, so Mayer, vor den gefährlichen Einflüssen einer rationalistisch – laizistischen Gesellschaftsbetrachtung der Protestanten geschützt und diesen entzogen werden.

[...]


[1] Mintzel, Alf : Geschichte der CSU – Ein Überblick ; Opladen 1977; S. 306 ( im Folgenden : Mintzel : CSU )

[2] Mintzel : CSU, S. 308

[3] ebenda

[4] Mintzel : CSU, S. 309

[5] Mintzel : CSU, S. 310

[6] Mintzel : CSU, S. 311

[7] ebenda

[8] Mintzel : CSU, S.312

[9] Mintzel : CSU, S. 312

[10] Mintzel : CSU, S. 314

[11] Mintzel : CSU, S. 314

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783668016781
ISBN (Buch)
9783668016798
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303246
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
Schlagworte
umgang religion schulen

Autor

Zurück

Titel: Der Umgang der CSU mit der Religion an Schulen