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Wesen und Reichweite der Vernunft. Der Mensch und das Tier bei Michel de Montaignes „Apologie de Raymond Sebond“

Hausarbeit 2012 12 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Wesen und Reichweite der Vernunft – Der Mensch und das Tier bei Michel de Montaignes „Apologie de Raymond Sebond“
Zusammenfassung der Apologie mit Fokus auf die Tiere
Montaignes Begriff der Vernunft
Wesen der Vernunft
Vernunft beim Menschen
Vernunft bei den Tieren
Überlegenheit des Menschen gegenüber dem Tier?
Reichweite der Vernunft

Schlusswort

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

"Die Vernunft ist eine eigentlich und spezifisch menschliche Fähigkeit; was sich jedoch jenseits der Vernunft befindet ist wirklich 'nicht-menschlich' und das ist was die metaphysische Erkenntnis ermöglicht, und diese - man muss es nochmal sagen - ist kein menschliches Wissen." - René Guénon, La Métaphysique Orientale[1]

Die kann gut als Beispiel angesehen werden, wie die Menschen der frühen Neuzeit über Tiere dachten. Es gab zwar einige, die Tiere als Haustier hielten und sie sogar betrauert wurden, sobald sie starben, jedoch wurden sie teilweise, wie zum Beispiel die Katzen, als Zeichen des Teufels angesehen, eine Ansicht der Antike. Die Schlange galt weiterhin als böse Kreatur, die den Menschen um das Paradies gebracht hat, da sie die ersten Menschen zum Naschen der verbotenen Frucht verführte[2]. Da die Menschen weiterhin gläubig waren, glaubten sie diesem Kapitel der Bibel und verachteten einige Tiere. Zu der Zeit, in der Michel de Montaigne die „Apologie de Raymond Sebond“ schrieb, war es der Übergang vom Mittelalter in die frühe Neuzeit. Sie wurde vor allem geprägt durch die Entdeckung Amerikas 1492 und damit durch die Entdeckung der „Wilden“, die dort lebten.[3] Sie verwirrten die Menschen, da sie sich nicht wie die Menschen in Europa verhielten, sondern als „Menschenfresser“ und nicht gottähnlich beschrieben wurden. Es kann jedoch auch so gesehen werden, wie Montaigne dies tut, dass eben diese „Wilden“ naturbelassen und damit besser leben können als wir, da sie nicht von den Wissenschaften und Philosophien verdorben wurden[4]. Wieso rühmen wir uns der Vernunft und behaupten, dass eben diese „Wilden“ dies nicht hätten? Wie definieren wir denn überhaupt Vernunft und welche Wesen sind dazu fähig? Und noch wichtiger: wo sind ihre Grenzen? Um diese Fragen beantworten zu können, werde ich im Folgenden das Thema Mensch und Tier bei Montaigne in der „Apologie de Raymond Sebond“ behandeln und erst die Apologie zusammenfassen, dann auf den Begriff der Vernunft bei Montaigne eingehen, daraufhin die Wesen der Vernunft erörtern. Zu den Wesen der Vernunft werde ich die Menschen und die Tiere aufzählen und diese am Ende vergleichen und versuchen zu lösen, ob der Mensch dem Tier wirklich überlegen und damit vernünftiger ist. Außerdem werde ich auf die Reichweite der Vernunft eingehen und zudem ein kurzes Schlusswort über die Rolle der Tiere heutzutage zusammenstellen. Am Ende werde ich ein Fazit verfassen, welches das Thema noch einmal reflektiert darstellen soll. Dies basiert alles auf Grundlage der Apologie de Raymond Sebond, welches Michel de Montaigne im Essai II, einen Sammelband verschiedener Essais zu unterschiedlichsten Themen verfasst hat, veröffentlicht.

Wesen und Reichweite der Vernunft – Der Mensch und das Tier bei Michel de Montaignes „Apologie de Raymond Sebond“

Zusammenfassung der Apologie mit Fokus auf die Tiere

Die «Apologie de Ramond Sebond» war von Michel de Montaigne ursprünglich als Verteidigungsschrift gedacht, entwickelte sich jedoch zu einem seiner bekanntesten und wichtigsten Essais, das die eigentliche Absicht nicht erfüllte, da er nur die Kritikpunkte widerlegt, gleichzeitig aber eigene Kritikpunkte in seiner Verteidigung versteckt. Entstanden war sie 1573-1580[5], nachdem Montaignes Vater das Buch „Die Theologie der Natur oder Das Buch der Geschöpfe, verfaßt von Magister Raymond Sebond“[6], geschenkt bekommen hatte, sie jedoch nicht lesen konnte. Montaigne übersetzte daher das Buch und sah sich dazu aufgefordert, eine Apologie zu schreiben, um dieses Buch gegen seine Kritiker zu verteidigen. Diese brachten zwei Grundargumente an. Zum einen, dass Sebond doch nicht die Religion und damit den Glauben an Gott und alles Göttliche anhand der Vernunft bzw. den Verstand der Menschen beschreiben könne und zum anderen, dass die Argumente Sebonds nicht hinreichend seien, seinen Standpunkt zu festigen. Montaigne behandelt zuerst den ersten Einwand, welcher wohl von Geistlichen gemacht wurde[7], indem er zuerst eingesteht, dass der Mensch das Wirken Gottes nicht wahrnehmen kann, es aber trotzdem der „ehrenwerteste Gebrauch“ der Vernunft sei, diese „[…] in den Dienst des Glaubens zu stellen[…] “[8]. Den Glauben aus der Vernunft heraus zu erklären, kann man als Wegweiser oder Orientierungshilfe sehen.

Der zweite Einwand ist laut Montaigne einer der Atheisten, „[…] gefährlicher und böswilliger als die ersten […]“[9], und diesem widmet Montaigne 236 Seiten der Apologie. Diesen zweiten Einwand will Montaigne entkräften, indem er vorhat, den „[…] Hochmut und Stolz des Menschen zuschanden zu machen und zu zertreten.“[10] Somit folgt auf diesen Einwand erst eine Demonstration unseres Unwissens bezüglich der Gestirne, danach ein Vergleich der Menschen mit den Tieren, da der Mensch sich eine Sonderrolle gegeben hat und sich als Herrscher der Welt sieht, sich teils sogar Gott gleichstellt und ihn menschenähnlich werden lässt. Montaigne zeigt auf, dass die Tiere über ebensolchen Tugenden, einer Kommunikation und einer ähnlichen Intelligenz verfügen, sogar vernünftig reagieren und Schlussfolgern, sodass eine Unterstellung der Tiere dem Menschen ungerechtfertigt sei und „[…] daß wir uns hier trotzdem ein Urteil anmaßen, zeigt nur, wie töricht wir sind.“[11] Als nächstes folgen viele Beispiele der Gleichheit und teilweise sogar Überlegenheit der Tiere gegenüber dem Menschen. Weiter schreibt Montaigne über die Seele, verschiedenen Philosophenschulen seiner Zeit, bis hin zu den Sinnen bei Menschen und Tieren. Das Ende der Apologie soll dem Leser nochmals aufzeigen, dass es am sinnvollsten ist, sich ganz Gott hinzugeben „[…] und sich allein durch die himmlischen Mächten aufrichten und emportragen […]“ lassen[12].

Montaignes Begriff der Vernunft

Der Begriff der Vernunft wird heute im Duden definiert als „geistiges Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten“ (Duden). Montaigne jedoch sieht die Vernunft nicht als etwas Menschliches an, sondern auch die Tiere sind oder handeln vernünftig, wenn man dies überhaupt zu Lebewesen der Erde sagen kann. Die eigentliche, wirkliche Vernunft gehört nur Gott, nur er sieht den Zusammenhang zwischen allem. „Unsere menschlichen Überlegungen und Vernunftschlüsse sind gleichsam ungeformter und brachliegender Rohstoff, den in Form zu bringen nur die Gnade Gottes vermag […]“[13] Wir Menschen jedoch sind wahrhaftig nicht des „Verstandes“ und der „Vernunft“ mächtig „denn wenn sie[14] ihn[15] auch als Prüfstein für jede ihrer Untersuchungen nehmen, ist er doch gewiß der Fehler und des Falschen voll, der Makel und der Mängel.“[16] Montaigne beschreibt in dem Teil der Apologie über die Vernunft bei Tieren, dass Vernunft ein „zweckmäßig geregeltes Zusammenspiel alles Handlungen und Verrichtungen“[17] als Voraussetzung benötigt. Somit sieht er Vernunft auch als Entscheidung „aufgrund folgerichtigen Denkens“[18] Als weitere Eigenschaft der Vernunft nennt Montaigne folgendes: „Sie[19] entspricht um so mehr der Vernunft, je mehr sie der Vernunft des Menschen widerspricht.“[20] Montaigne sieht Vernunft also als „[…] innerliches Denken oder Sprechen […]“ und schreibt somit selbst „[…] Verrückten und Verruchten […]“ eine gewisse Vernunft zu, unter der sie stehen.[21]

Wesen der Vernunft

Vernunft beim Menschen

Die Vernunft beim Menschen ist eine Sache, deren man sich nicht zu sicher sein sollte[22]. Trotzdem stellt sich der Mensch als vernünftig dar, meint, er sei des Verstandes mächtig und besäße eine Sonderstellung auf der Welt. Cipion behauptet, dass bereits Gedanken durch Worte auszudrücken auf Vernunft hinweisen würde und da es nur die Menschen können, sei dies ein Beweis der Vernunft der Menschen[23]. Dies jedoch als auf Vernunft hinweisendes Argument zu sehen, ist für Montaigne nicht hinnehmbar und er widerlegt dies anhand der Tiere[24]. Die Menschen können mit ihrem Verstand nicht wahrnehmen, was außerhalb ihrer Grenzen liegt: „Der Mensch kann nur sein, was er ist, und sich nur vorstellen, was seine Vorstellung faßt.“[25]. Wir können daher nicht wissen, welches Maß an Verstand wir besitzen und ob es nicht Wesen oder sogar Dinge gibt, die wesentlich mehr Verstand besitzen als wir und es ist keinesfalls ein Zeichen (großer) Vernunft, wenn wir uns als soweit einzig vernunftbegabtes Wesen ansehen. „Warum sprechen wir Gestirnen Seele, Leben und Denkfähigkeit ab? […] Wollen wir uns etwa darauf berufen, daß wir in keinem Geschöpf außer dem Menschen das Wirken einer vernunftbegabten Seele gesehn hätten?“[26] Selbst wenn wir wirklich eine Art von Vernunft besitzen, dann entstand diese laut Montaigne damals, als die ersten Menschen im Paradies der ersten Versuchung erlagen, welche die Erkenntnis und das Wissen war.[27] Dass daraufhin diese ersten Menschen aus dem Paradies entlassen wurden und diese fortan Schmerzen erleiden mussten, ist kein Gewinn. „Unseren so großartigen Verstand, dessen wir uns rühmen, und unsre Urteils- und Erkenntnisfähigkeit um den Preis dieser Unzahl von Leiden und Leidenschaft erkauft zu haben, die uns ohne Unterlaß beuteln, heißt doch, dass uns die Sache wahrhaftig allzu teuer zu stehe kommt […]“[28]. Die Vernunft hat beim Menschen auch nicht zur Wirkung, dass es dadurch von Krankheiten verschont bleibe[29]. Eher leidet er mehr, wenn er weiß, was er hat oder haben könnte. Allein die Angst davor, krank zu werden, lässt uns manchmal wirklich krank werden “Gehn uns die wirklichen Übel aus, leiht uns das Wissen die seinen[…]“[30]. Die Vernunft rät als das wahrscheinlich Sinnvollste dem Menschen, meint Montaigne, dass wir uns anpassen und den Gesetzen und Regeln unserer Umgebung folgen sollen. Dies jedoch steht im Widerspruch zur Wahrheit und damit zur wirklichen Vernunft. Denn „Was aber will sie damit anderes sagen, als daß unsere Pflichten lediglich den Zufall zur Richtschnur haben? Die Wahrheit müsste doch ein immer und überall gleiches Gesicht zeigen.“[31] Wir übernehmen also angelernte Rituale und den Glauben unserer Eltern, ohne dies zu überdenken und anzuzweifeln. Es wird nicht in Frage gestellt, was man erlernt hat, sondern angenommen und als richtig angesehen[32], ungeachtet der Möglichkeit, dass es für andere Kulturen auch falsch sei könnte. Dem einen ist ein Ritual zuwider und ängstigt ihn, während es für die anderen ein Freudenausdruck ist. Trotzdem maßen die Menschen sich an, in höchstem Maße gesegnet zu sein mit Vernunft und Wissen, obwohl er doch das unglückseligste und gebrechlichste aller Geschöpfe sei, was ihn gleichzeitig aber zum hochmütigsten macht[33]. Um mit Atheisten argumentieren zu können und „Vernünftler“[34], sagt Montaigne, dass man nur mit Vernunft gegen sie ankommen kann, denn „Jene Vernünftler aber wollen mit den eigenen Ruten zur Vernunft gepeitscht werden und es nicht hinnehmen, daß man ihre Logik anders als mit sich selber schlage.“[35] Dass manche Menschen sogar meinen, mit solch großer Vernunft gesegnet zu sein, dass sie mit Absicht komplizierte Schriften verfassen, um noch klüger zu wirken, zeugt auch davon, dass die Vernunft eine große Rolle beim Menschen spielt und es ihm ungeheuer wichtig ist, als vernünftig zu gelten.[36] Dabei ist die Vernunft beim Menschen eher in der Wissenschaft zu finden, deren er sich rühmt. Trotzdem kann diese nicht alles erklären und es gibt Rätsel, die die Wissenschaft nicht lösen kann. Daraus schließt Montaigne, dass nur Gott uns die Rätsel der Welt offenbaren kann.[37]

[...]


[1] (Vernunft - Wikiquote)

[2] Buch Genesis, Kapitel 2-5

[3] Montaigne 1998: 194

[4] Montaigne 1998: 321

[5] Vgl. Weiß 2010: 3

[6] Originaltitel: „Scientia libri creaturarium““, entstanden 1436 und veröffentlicht unter dem Namen „Theologia naturalis“

[7] „in diesem Vorwurf schwingt offensichtlich ein frommer Eifermit, deshalb müssen wir denen, die ihn erheben, mit um so größerer Sanftmut und Achtung zu antworten suchen.“ Montaigne 1998: 168

[8] Montaigne 1998: 169

[9] Montaigne 1998: 180

[10] Montaigne 1998: 181

[11] Montaigne 1998: 211

[12] Montaigne 1998: 416

[13] Montaigne 1998: 179

[14] Gemeint sind hier die „Herren Philosophen“ (Montaigne 1998, S.321)

[15] Gemeint ist hier der Verstand (Montaigne 1998, S.322)

[16] Montaigne 1998: 322

[17] Montaigne 1998: 190

[18] Montaigne 1998: 191

[19] Gemeint ist hier eine „unglaubliche Sache“ (Montaigne 1998, S.256)

[20] Montaigne, 1998: 256

[21] Wild 2006: 111

[22] Siehe Abschnitt 2.2 Montaignes Begriff der Vernunft

[23] Vgl. Wild 2009: 144

[24] Siehe Abschnitt 2.3 .3 Überlegenheit des Menschen gegenüber dem Tier?

[25] Montaigne 1998: 290

[26] Montaigne 1998: 185

[27] Montaigne 1998: 240

[28] Montaigne 1998: 237

[29] Montaigne 1998: 240 ff

[30] Montaigne 1998: 244

[31] Montaigne 1998: 378f

[32] Montaigne 1998: 318

[33] Montaigne 1998: 186

[34] Ich verwende den Begriff, wie Montaigne (1998: 183) hier als Bezeichnung für Menschen, die daran glauben, dass die Vernunft den Menschen alleine gehört

[35] Montaigne 1998: 183

[36] Montaigne 1998: 270f

[37] Weiß 2010: 8f

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668016965
ISBN (Buch)
9783668016972
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303317
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Philosophie
Note
2,7
Schlagworte
wesen reichweite vernunft mensch tier michel montaignes apologie raymond sebond

Autor

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